Verschollen in der Zeit

Dark Horse

Ein Mann ohne Gedächtnis stranded in einer fremden Dimension: The Meld, einer Wüste, in der willkürlich Menschen und Dinosaurier aus verschiedenen Epochen landen. Der Held, Joshua heißt er, will nicht nur zurück nach Hause, er muss sich auch gegen einen Tyrannen zur Wehr setzen und eine Rebellion gegen ihn anführen. Der Handlanger des Tyrannen, nur The Spear genannt, ist ein original Nazi.

Rafael Albuquerque ist ein begnadeter Zeichner, der sich mit American Vampire, Batman und Huck einen Namen gemacht hat. Hier debütiert er als Autor, indem er die Story liefert. So lebendig seine Figuren aber auch gezeichnet sind und so sehr er einen Willen zum eigenen Stil zeigt, so sehr mangelt es der Geschichte an Tiefe, um sich mit der Welt und ihren Charakteren vertraut zu machen. Die Story hetzt regelrecht durch Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft und Meld, das macht sie kurzweilig, aber auch belanglos.

Die neue Dimension bleibt flach, ihre Notwendigkeit leuchtet nicht ein: Sie erscheint als abstrakte Wüste mit Dinos, der Reiz oder die Probleme dieser Welt werden nicht deutlich, einen Konflikt zwischen Tyrannen und Rebellen kann man auch in ganz normalen Welten haben, und die Dinos wirken wie nicht mehr als reine Staffage. Ich hätte mir vielleicht noch einige Ausgaben mehr gewünscht, aber so ist Ei8ht nicht mehr

>> Rafael Albuquerque/Mike Johnson: Ei8ht. Outcast, Dark Horse 2015, (dt. Gestrandet, Popcom 2016).

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Ein Leben in Nachrufen

Panini Comics

Wenn dieser Tag dein letzter wäre, wie würde dein Leben dann erscheinen? Diese Frage stellen sich Fábio Moon & Gabriel Bá in ihrer Mini-Serie Daytripper. Der Held ist Brás de Oliva Domingos, ein 32-Jähriger Redakteur, der gerne wie sein Vater Buchautor wäre, aber sein Geld mit dem Schreiben von Nachrufen verbringen muss. Er wird bei einem Überfall erschossen. Mit 21 ertrinkt er. Mit 28 wird er vom Laster überfahren, mit 41 stirbt er an einem Herzinfarkt usw. So geht das über acht Kapitel und noch zwei Epiloge.

Wie das? Damit am Ende des Kapitels jeweils ein sentimentaler Nachruf stehen kann. Wir sehen das Leben eines Mannes: Seine Jugend, seine erste Liebe, seine große Liebe, er wird Vater, gefeierter Schriftsteller. Das ist alles wunderschön gezeichnet, stimmungsvoll koloriert und sehr gefühlvoll geschrieben, aber leider auch voller Belanglosigkeiten und Gemeinplätzen. Das Schema von Todestagen verbraucht sich schnell und ermüdet. Wer philosphischen Tiefgang oder eine spannende Story erwartet, sollte das Buch meiden.

Wahrscheinlich stehe ich mit dieser Meinung allein da: Daytripper wurde nicht nur einhellig gelobt und mit dem Eisner-Award gezeichnet, sogar Craig Thompson hat sich zu einem Vorwort in Comic-Form hinreißen lassen. Nun hat der Panini-Verlag eine Neuausgabe des Comics veröffentlicht. Mag sein, dass mir ein Nerv dafür fehlt, aber ich denke, dass der Mehrwert von Daytripper vor allem darin besteht, das es einem durch Langeweile zeigt, wie kostbar das Leben ist.

>>Fábio Moon & Gabriel Bá: Daytripper, Vertigo 2010/2011, dt. Panini 2018.

Aus dem Leben eines Comiczeichners

Top Shelf

Gerade erst hat die Freundin Schluss gemacht. Jetzt auf Promo-Reise durch Europa. Das ist gut, das lenkt ab. Alle Welt feiert Blankets, den Comic, mit dem Craig Thompson zu den wichtigsten US-Comic-Künstlern wurde. Doch der Ruhm hat einen Preis: Thompson muss reihenweise Interviews geben und  zeichnen, bis die Hand schmerzt. Denn ein Comic-Künstler kann nicht einfach nur signieren, er muss Zeichnungen hinterlassen. So wollen es die Fans.

Insofern ist es ein Wunder, dass Thompson noch die Kraft gefunden hat, nebenbei ein Reisetagebuch zu führen. Und zwar eines, in dem es mehr Bilder als Text gibt. Doch das musste sein, war Teil des Deals mit seinem Verleger. Der brauchte noch einen Titel, also sollte innerhalb von drei Monaten ein Tagebuch her, in dem Thompson seine Erfahrungen aufzeichnet. 224 Seiten sollte es umfassen. Ebenfalls Teil des Deals. Völlig willkürlich. Doch Thompson lieferte.

Carnet de Voyage ist lange vergriffen gewesen. Jetzt wurde es, 14 Jahre nach der Erstveröffentlichtung, erneut herausgebracht. Mit neuem Umschlag und ein paar Extraseiten, die beschreiben, was davor und danach geschah. Und wenn man es liest, scheint es längst überfällig, dass dieses Buch wieder verfügbar gemacht wurde.

Thompsons Reise beginnt in Frankreich, dann geht es nach Marokko, sie endet in Spanien. Von März bis Mai 2004. Thompson erzählt keine Geschichte, er hält lediglich Erlebnisse fest, Momente und Anekdoten. Keine Kamera soll er benutzt haben, versichert er zu Beginn des Buches. Alles wurde so gezeichnet, wie er es gesehen hat. Und er erzählt von Begegnungen mit Freunden und Comic-Künstlern, letztere verewigen sich ebenfalls im Buch, Thompson erzählt von Laser-Tag-Spielen mit Lewis Trondheim.

In Marokko recherchiert er für sein nächstes Buch, Habibi. Er dokumentiert Land und Leute, mit ihrem traditionellem Weltbild, in dem Ehen arrangiert werden und eine Frau ein Besitz ohne Wert darstellt. Gleichzeitig gilt die Familie als höchstes Gut – und das lässt Thompson hinterfragen, warum er seine so selten sieht.

Der Zeichner teilt mit seinen Lesern auch sein eigenes Elend: Vom Frieren in der Wüste über die Not mit schlechten Stiften bis hin zum Durchfall und der existenziellen Krise, ein unglücklicher Mensch zu sein. In solchen Momenten kommt er mit Zacchaeus ins Gespräch, seinem imaginären Maskottchen, Gewissen und Reisefreund, der ihm erklärt, er sei bloß weinerlich, egozentrisch und unfähig, das wahre Leid der Welt zu sehen – ein typischer Amerikaner eben.

Aber dieser Amerikaner hat eben auch Gefühle. Es ist eine sentimentalen Reise, auf die er seine Leser mitnimmt. In seinem Tagebuch macht er daraus keinen Hehl, wie er sich etwa nach seiner unglücklichen Liebe verzehrt und sich dann in Spanien bei einer Affäre mit einer hinreißenden Frau vertröstet. Thompson zeichnet das mal idealisiert, mal übertrieben selbstironisch, und zeigt bei aller innerer Zerrissenheit: Manchmal ist das Leben eines Comiczeichner dann doch nicht das allerhärteste.

>> Craig Thompson: Carnet de Voyage. New Expanded Edition 2018 (dt. Tagebuch einer Reise, Reprodukt 2005, alte Ausgabe).

Der Dieb der Unsterblichkeit

Scott Snyder/Jeff Lemire: A.D. After Death

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Jonah Cooke ist ein Dieb, der alles stehlen kann. Kunstwerke, Klaviere, sogar Raumkapsel aus 2001 hat er in seinem Depot. Einmal schafft er es sogar, eine verbotene Farbe zu stehlen, doch seine größte Errungenschaft ist der Diebstahl, oder besser die Entführung einer ganz besonderen Frau namens Claire. Diese Frau leidet unter einer Krankheit, die ihre Organe in unterschiedlichem Tempo altern. Doch ihr Leiden verspricht das Ende des ältesten Leidens der Menschheit: den Tod.

Und tatsächlich: In einem Refugium in den Bergen besiegen Wissenschaftler mit Hilfe von Claire den Tod. Zugleich wird alles Leben von einem unaufhaltsamen Organismus vernichtet. Es bleiben nur ein paar Tausend Menschen übrig, die die Seuche überlebt haben – und immer weiterleben. Doch über 600 Jahre nach dem Tod entdeckt Jonah einen Hinweis darauf, dass da unten noch Leben sein könnte. Er entführt die immer noch kranke Claire erneut und macht sich mit ihr im Gepäck auf eine gefährliche Reise.

A.D. After Death, ein Gemeinschaftswerk von Autor Scott Snyder (Batman, The Wake, Wytches) und Zeichner Jeff Lemire, ist nur zum Teil ein Comic, überwiegend ist es ein illustriertes Prosawerk. Wir lesen die Erinnerungen von Jonah von frühester Kindheit an, wie seine Mutter starb, als er ein Kind war, und dabei auch ihr ungeborenes Baby. Wie er mit seiner Mutter in fremde Häuser einstieg, wie er anfing zu stehlen und sich zum Meisterdieb steigerte, bis er von einem Millionär den Auftrag bekam, der dazu führte den Tod zu überwinden. Im Laufe des Textes wird klar, dass Jonahs Erinnerung schwindet, weil er mit jedem neuen Lebenszyklus vergisst.

Es ist eine starke, eindringliche Prosa, die Snyder hier abliefert, aber auch eine, die teilweise zu sehr ausufert. Wenn man die Textpassagen als Rückblenden eines Science-Fiction-Comics liest, könnte man in den zu detaillierten Schilderungen der Vergangenheit und Reflexionen die Geduld verlieren. Da sie aber den Hauptteil des Buchs ausmachen, wirken eher die Comic-Sequenzen wie Beiwerk. Die Entscheidung, das Werk so aufzuteilen, leuchtet auch nicht ganz ein: Manchmal liest man sich durch Bleiwüsten, manchmal bleibt sehr viel Leerraum, weil nur ein kleiner Teil der Seite mit Text oder Illustration bedruckt ist. Während es also manchmal wie eine Verschwendung von Worten erscheint, wird an anderer Stelle Platz verschwendet.

Verschwenden sie aber auch unsere Zeit? Das nicht, denn die Snyder und Lemire erzählen eine interessante wie bildstarke Geschichte, die ebenso fesselt wie nachdenklich macht und mit einer überraschenden Wendung endet. Nur die Ausführung überzeugt, trotz handwerklicher Stärken, eben nicht ganz.

>> Scott Snyder/Jeff Lemire: A.D. After Death, Image 2017. (Keine deutsche Ausgabe.)

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Der fünffache Familiengeist

Jeff Lemire: Royal City

Wenn eine Familie sich auseinandergelebt hat, bringt sie erst ein Unglücksfall zusammen. So geschieht es in Royal City, einer Kleinstadt in den USA: Der Vater erleidet einen Schlaganfall, der älteste Sohn Pat kommt aus Los Angeles angereist, Schwester Tara lebt noch in der Stadt, ebenso wie der jüngere Bruder Richie, aber der hat schon lange den Kontakt abgebrochen. Doch da ist noch ein viertes Kind: Tommy – er verbindet, was zusammengehört. Er ist 1993 mit 14 Jahren gestorben, aber trotzdem erscheint er jedem Familienmitglied immer noch. Und jedes Mal anders: Dem Vater als Kind, der Mutter als Priester, der mit ihr betet, Richie als Saufkumpane, Tara erscheint er als das Kind, auf das sie als große Schwester einst aufgepasst hat. Doch Tommy ist keineswegs nur Einbildung.

Jedes Familienmitglied hat eigentlich andere Sorgen: Karriere und kaputte Beziehungen. Pat ist ein Schriftsteller, der nach seinem ersten Bucherfolg einen Flop herausgebracht hat und nun mit seinem dritten hinterherhinkt. Für seinen Erstling hatte er sich beim Tagebuch seines toten Brudes Tommy bedient. Seine Ehe mit einer Schauspielerin zerbricht. Tara, eine Immobilienmaklerin, will die Fabrik der Stadt – den Hauptarbeitgeber – gegen eine Freizeitanlage ersetzen, doch dagegen wehrt sich ihr Mann, der in der Fabrik arbeitet. Auch diese Ehe zerbricht. Und Richie, ein Trinker und Spieler, hat 2000 Dollar Schulden bei einer Rockerbande und muss das Geld innerhalb einer Woche zusammenkratzen. Die Mutter hat eine Affäre.

Im zweiten Band erfahren wir, was mit Tommy geschehen ist: Ein Außenseiter, der unter heftiger werdenden Kopfschmerzen litt, der den Fehler beging, zu seinen Tabletten Alkohol zu trinken und der noch entjungfert wurde, bevor er starb. Wir lesen seine letzten Aufzeichnungen, aus denen der Bruder später einen Roman macht. Aus der Teenager-Perspektive wird deutlich, wie beklemmend es sich anfühlt, in einer industriellen Kleinstadt aufzuwachsen, wie abhängig die Stadt von der Fabrik ist, in der die Menschen wie in einer Tretmühle arbeiten. Das Leben ist determiniert. Die meisten ergeben sich in ihr Schicksal und leben so wie die anderen.

Besonders exemplarisch dafür ist das Leben von Pat, der die Mühle nicht will, aber aus Mangel an Alternativen trotzdem nach der Schule in der Fabrik jobbt. Als er aufhört, um Schriftsteller zu werden, weiß er aber nicht, worüber er schreiben soll. Daher bedient er sich bei einem Toten. Er verlässt Royal City so schnell er kannt, versucht ein anderer Mensch zu werden, aber jedes Mal, wenn er zurückkehrt, fühlt es sich für ihn an, als schlüpfte er wieder zurück in seine alte Haut. Eindringlich beschreibt er das ambivalente Gefühl, als ein Hybrid zwischen zwei verschiedenen Persönlichkeiten zu leben. Es ist ein Gefühl der Leere.

Jeff Lemire widmet sich hier erneut dem Leben in der Enge einer Kleinstadt. Wie schon in Essex County, The Nobody und Roughneck macht sich hier eine Melancholie breit, in der der alte Konflikt zwischen Bindungsbedürfnis und Freiheitsdrang ausgebreitet wird: Partnerschaft, Familie, Karriere – man will das Alte loslassen und das Neue wagen, aber das Alte lässt einen nicht los. Das wird Streit um die Zukunft der Fabrik deutlich: das Alte soll dem Neuen weichen. Aber das Neue hat es schwer. Genauso ist es in der Familie: Der kleinste Bruder Tommy ist tot, kann aber nicht von den Lebenden lassen (oder sie nicht von ihm) und Tara hat einige Fehlgeburten erlitten, will es nicht noch einmal versuchen – ihr Geisterbruder dient ihr als Kindersatz. Gleichzeitig dient die antike Radiosammlung des Vaters als Lösung für Richies Geldsorgen.

Lemire hat mit seiner Serie mal wieder ein hochinteressantes Werk geschaffen, mit einer spannenden Grundidee, in der er dem alten Geistermotiv einen neuen Aspekt abgewinnt. Wie üblich entwirft er starke Figuren, deren Motivation man nachvollziehen kann, und inszeniert sie in visuell beeindruckenden Zeichnungen und Wasserfarben, die die Melancholie wie in Tränen verschwimmen lassen.

>> Jeff Lemire: Royal City, 2 Bde., Image 2017-2018. Band 3 erscheint im Oktober 2018. (Keine deutsche Ausgabe.)

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Geschichte wiederholt sich

Jeff Lemire: Roughneck (2017)

Zwei Männer sehen einen Glatzkopf, der an der Bar hockt: Ist das nicht der bekannte Eishockeyspieler Derek Ouellette? Sie sprechen ihn an, er will seine Ruhe, das Spiel im Fernsehen anschauen, einer reicht ihm die Hand, er verweigert sich. Als der eine ausfällig wird, rammt Derek ihm die Stirn gegen die Nase und schlägt ihn zu Boden. Kurz darauf kommt der Sheriff vorbei, um Derek festzunehmen. Aber da sich die beiden schon lange kennen, kann Derek einfach weggehen, ohne dass ihm Konsequenzen drohen.

So läuft es in der Welt von Roughneck. Mit dem Comic kehrt Jeff Lemire wieder zu seinen Anfängen und Lieblingsthemen zurück: Das ländliche Kanda, die Enge der Kleinstadt, Eishockey und einen Einzelgänger, der sein Leben verpfuscht hat und sich buchstäblich durchs Leben schlägt (vgl. Lost Dogs und Sweet Tooth). Dereks Karriere als Eishockeyspieler endete, als er sich ein Vorbild an seinem Vater nahm und einen gegnerischen Spieler auf dem Eis ausknockte. Seitdem brät er Eier in einem Diner und schläft in der Abstellkammer einer Hockey-Halle. Als seine jüngere Schwester Beth plötzlich auftaucht, weil sie vor ihrem gewalttätigen Mann ist, und dann auch noch eine Überdosis erleidet, wird er zu ihrem Beschützer.

Die tragische Vorgeschichte der Geschwister bedient ein weiteres Lemire-Motiv: ein totes Familienmitglied (vornehmlich Elternteil), diesmal die Mutter, die auf der Flucht vor ihrem (gewalttätigen) Mann bei einem Autounfall ums Leben kommt. Beth lebte eine Zeit lang in der Stadt auf der Straße, nahm Drogen, ist jetzt schwanger. Und noch ein bekanntes Motiv wird hier deutlich: Geschichte wiederholt sich. Beth macht bei der Partnerwahl den gleichen Fehler wie ihre Mutter, Derek ist ein Säufer und Schläger wie sein Vater, der aber seine Schwester vor ihrem Mann bewahren muss. Klar, dass es auf eine Katharsis hinauslaufen muss, bei der der Kreislauf durchbrochen wird. (Und Clint Eastwood lässt mit Gran Torino grüßen.)

Lemire zeichnet und malt (wie schon bei The Nobody) überwiegend monochrom, die verschneite Gegend wird mit bläulich-grauer Wasserfarbe angereichert, nur die Rückblenden erscheinen – entgegen der Gewohnheit – vierfarbig. Die Landschaft bekommt viel Raum in meist breiten Panels, die Figuren wirken – typisch Lemire – nicht nur einsam, sondern verloren. Ähnlich wie die Krähe in Essex County dient hier wieder ein Tier als wiederkehrender Beobachter, ein streunender Hund, der den Helden in stillen Momenten ansieht und ihn an seine Verangenheit erinnert. Schließlich wird er sein Gefährte – der Held schließt Frieden mit sich selbst und kann immerhin die Gesellschaft eines Tieres dulden.

Trotz seiner von Lemire bekannten Motive ist Roughneck ein starkes Werk, was Charakterzeichnung und Ausdruck angeht. Es zeigt einen gebrochenen Helden, der sich überwindet, um den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen – und damit auch den der Geschichte.

>> Jeff Lemire: Roughneck, Simon & Shuster 2017. (Keine deutsche Ausgabe.)

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Die tote Superheldin im Wald

Jeff Lemire: Plutona (2015-2016)

Image Comics

Fünf Kinder finden die Leiche im Wald: es ist die Superheldin Plutona. Der erste Reflex wäre zur Polizei zu gehen. Der zweite: es den Eltern zu sagen. Aber sie schweigen, denn sie fürchten, dass wenn der Tod bekannt wird, Superschurken die Situation ausnutzen könnten. Andere Superhelden haben eher anderes zu tun. Also beschließen die Kinder, die Leiche zu vergraben, aber am nächsten Tag ist sie plötzlich verschwunden. Der stille Teddy versucht, das Plutonas Blut mit seinem zu mischen, um selbst ein Superheld zu werden …

Die Story erinnert an Stephen Kings The Body, bzw. an den Film Stand by Me. Die Rollen sind paritätisch verteilt: Wir haben einen Draufgänger, der aus schwierigen Verhältnissen kommt, einen Nerd, der Ausschau nach Superhelden hält, ein pummeliges Mädchen, ein opportunistisches Mädchen und einen kleinen Jungen, der mit Gameboyspielen beschäftigt ist. Es sind nicht wirklich Freunde, selbst die beiden Mädchen halten nicht zueinander. Vor lauter Spannungen zwischen gibt es kaum Bindungen und Raum für Sympathien. Parallel zum Geschehen zeigen Rückblenden am Ende jedes Kapitels, wie Plutona in den Wald geraten ist. Ihr Leben war alles andere als super: Als alleinerziehende Kellnerin muss nach einer Doppelschicht, statt sich um ihre Tochter zu kümmern, Schurken bekämpfen.

Plutona erzählt eine simple Geschichte, die nach fünf Heften bzw. Kapiteln endet, bevor sie sich richtig entfalten kann. Die Charaktere bleiben oberflächlich. Daher überzeugt auch nicht die tragische Wendung, sie wirkt etwas übertrieben und konstruiert. Dass sie die Kinder nicht aus der Ruhe zu bringen scheint, verleiht dem Ganzen einen zynischen Beigeschmack. Die schlichten Zeichnungen von Emi Lenox mit ihrem starken Manga-Einfluss erscheinen kindgerecht, aber nehmen dadurch der Story auch etwas von ihrer Ernsthaftigkeit. Erst in den Rückblenden, die Jeff Lemire zeichnet, wird das Drama hinter dem Drama glaubhaft. Das wäre wohl der interessantere Teil der Geschichte gewesen. (Und bald darauf schuf Lemire mit Black Hammer auch seine eigene Superhelden-Serie.)

>> Jeff Lemire/Emi Lenox: Plutona, 2015-2016. (Keine deutsche Ausgabe.)

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Das Mittel gegen Einsamkeit

Jeff Lemire: Trillium (2013-2014)

Vertigo

Das Jahr 3797. Die Erde ist nicht mehr, die Menschen sind über das All verstreut, ein intelligenter Virus namens The Caul rafft sie dahin, nur noch wenige leben. Ein Mittel gegen die Seuche sind die weißen Trillium-Blumen. Die Wissenschaftlerin Nika versucht, Kontakt zu einer Alienspezies aufzubauen, um an die Blumen heranzukommen. Beim Erstkontakt wird bekommt sie eine Blüte zu essen und tritt in einen Tempel, der sie in den Amazonas des Jahres 1921 bringt. Sie trifft auf den britischen Schatzsucher William Pike. Der ehemalige Soldat hat einen Angriff von Ureinwohnern überlebt, als er den Tempel erreicht. Die beiden können sich zunächst nicht verständigen. Dann aber bringen sie dank Trillium ihre Geister zusammen. Später, nachdem der Tempel zerstört ist, kommt es zu einem mysteriösen Rollentausch: Nika wird zur Forscherin im Jahr 1921, wo sie für verrückt erklärt wird, während William in der Zukunft landet.

Mit Trillium entwickelt sich Jeff Lemire – nach Sweet Tooth – weiter in Richtung Science Fiction. Statt in vertrauter ländlicher Umgebung erschafft er diesmal eine eigene Welt im All: mit Aliens, Raumschiffen und Künstlicher Intelligenz. Und auch wenn diesmal eine Frau zur Heldin wird (gleichberechtigt mit dem Helden), bleibt er seinen Themen treu. Wieder geht es bei Lemire um Einsamkeit und ihre Überwindung: Nika wurde als Kind zuerst von ihrem Vater getrennt, dann hat sie ihre Mutter ans All verloren (vgl. Essex County und The Underwater Welder, wo ebenfalls Elternteile sterben, in Lost Dogs sind es Frau und Kind). Doch auch William ist traumatisiert, da er im Ersten Weltkrieg gekämpft hat, er lebt in einer unglücklichen Ehe und fühlt sich einsam. Er war nach dem Krieg in einer Anstalt, während Nika nach ihrer Zeitreise ebenfalls in eine eingewiesen wird.

Vertigo

Die Mini-Serie ist raffiniert gemacht: Die beiden parallelen Erzählstränge sind in unterschiedlichen Stilen koloriert, die erste Heftausgabe musste man sogar umdrehen, um den zweiten Strang lesen zu können. In der Paperback-Ausgabe geht der Effekt zwar verloren, trotzdem muss man auch hier das Heft mehrmals auf den Kopf stellen, weil die Leserichtungen wechseln, besonders im fünften Kapitel, wo sich beide Stränge über jeweils eine Seitenhälfte erstrecken, der zweite steht Kopf, am Ende muss man das Heft umdrehen, um die Geschichte von William zu lesen. Die Panelanordnung ist horizontal gespiegelt.

Die Handlung geht rasant voran und schlägt einige interessante Wendungen. Dabei bleiben die beiden Protagonisten leider hinter ihren Möglichkeiten zurück. Das Ganze will eine Romanze sein, aber – wie Nika es auch selbst sagt – es überzeugt nicht, wenn die zwei nur einige Stunden zusammen verbringen und sich am Anfang nicht einmal verständigen können. Trotzdem fühlt sich William ihr sehr stark verbunden und nicht mehr allein. Vielleicht liegt es an der Geistesverschmelzung – Trillium wird zum Allzweckmittel, auch gegen Einsamkeit. Aber für den Leser bleibt leider nicht viel Zeit, die Entwicklung nachzuvollziehen. Als Abenteuer ermöglicht Trillium dennoch eine spannende Erfahrung.

>> Jeff Lemire: Trillium, Vertigo 2013-2014. (Keine deutsche Ausgabe.)

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Wenn der Mensch zum Tier wird

Jeff Lemire: Sweet Tooth (2009-2013)

Vertigo

Nachdem Jeff Lemire sich mit Essex County und The Nobody einen Namen gemacht hatte, bekam er seine eigene Serie bei Vertigo: Sweet Tooth. Darin erzählt er von einer Dystopie: Die Menschheit wurde von einer mysteriösen Seuche dahingerafft, nur wenige haben überlebt, darunter sind einige Kinder, Hybridwesen zwischen Mensch und Tier. Einer von ihnen ist Gus, ein Neunjähriger mit Hirschgeweih und -ohren. Er lebt allein im Wald mit seinem Vater, der ihm alles beigebracht hat, was er zum Überleben brauchte, darunter die Regel: Verlasse nie den Wald.

Nachdem der Vater tot ist, zieht Gus doch in die Welt hinaus. Angelockt von Schokolade trifft er auf Jepperd, einen schießwütigen, verbitterten Einzelkämpfer, der ihn zu einem Rückzugsort für Kinder wie ihn mitnimmt, beschützt ihn vor lauter wilden Mutanten und Menschen. Und weil Gus gerne Schokolade isst, bekommt er den Spitznamen „Sweet Tooth“. Doch am Ziel angekommen ist alles anders als gedacht … Es stellt sich die Frage: Sind die Mutanten ein Nebenprodukt der Seuche oder ihr Ursprung?

Sweet Tooth wurde einst auf die Formel „Mad Max meets Bambi“ gebracht. Tatsächlich ist da was dran: Es ist die typische postapokalyptische Welt, in der es an allem mangelt, vor allem Moral, und in der der Mensch nur etwas wert ist, wenn er zur Tauschware wird (vor allem Frauen). Ansonsten aber zählt nur das Überleben, dafür geht man über Leichen, jeder ist sich selbst der Nächste, Misstrauen herrscht, denn der andere könnte eine Gefahr sein. Und die Bambi-Anspielung trifft auch ein wiederkehrendes Thema bei Lemire: der Tod der Eltern.

Vertigo

Die Hybrid-Thematik verleiht dieser Welt jedoch eine interessante Komponente. Hierfür bedient sich Lemire – wie schon The Nobody – erneut bei H.G. Wells, in dem Fall zitiert er die Die Insel des Dr. Moreau. Mit dem Verlust der Gesellschaftsordnung werden Menschen wieder zu Tieren – das stimmt in dem Fall auch buchstäblich, wobei die wahren Tiermenschen einerseits die Opfer sind (eingesperrt und abgeschlachtet werden), andererseits die Keimzelle für eine neue Gesellschaft, die die Seuche übersteht. Lemire lädt die Hybride noch mythologisch auf, indem er sie mit indianischen Göttern in Verbindung bringt. Indem sie an die chimärenhaften Götter der Antike erinnern, nimmt es ihnen ihre Monstrosität.

Es geht äußerst grausam und brutal zur Sache, aber auch äußerst spannend. Die Handlung treibt unermüdlich voran, bietet starke Wendungen und viele emotionale Höhepunkte. Lemire schont seine Charaktere nicht, lässt sich aber zwischendrin genug Zeit, um ihnen Tiefe zu verleihen und auch den furchtbarsten Schurken Menschlichkeit zu entlocken, einige werden sogar zum Guten bekehrt. Das führt aber dazu, dass die Mutanten-Kinder, allen voran der Titelcharakter, zwischendurch in den Hintergrund geraten. Nicht nur, dass die Erwachsenen handlungstragender sind und ausführlicher behandelt werden, auch scheint es, als würde der Autor zwischendurch vergessen, dass es sich um Kinder handelt. Es wird kaum erwähnt, dass die Kinder traumatisiert sind von der Gefangenschaft und der Gewalt, die sie mitansehen müssen.

Vertigo

Gewalt wird zu einer Notwendigkeit, die jeder zu akzeptieren scheint. Auch Gus, obwohl er eigentlich Vegetarier ist, weil er von seinem Vater gelernt hat, dass man kein Tier töten darf. Trotzdem wird er zweimal zum Mörder in Notwehr, einmal sogar gegen ein anderen Hybriden. Gewissensbisse plagen ihn nur kurz. Als später ein Schurke hingerichtet werden soll, erhebt Gus seine Stimme dagegen. Doch dann lässt er diesen in die Kälte verbannen – verletzt und ohne Jacke im Schnee wird er dem sicheren Tod preisgegeben. Das macht es aus moralischer Sicht nicht wirklich besser.

Trotz dieser Schwächen ist Sweet Tooth reich genug an Rätseln, interessanten Situationen und Figuren, aber auch ausdrucksstark und zuweilen auch experimentell gestaltet. Traumsequenzen koloriert Lemire selbst mit Wasserfarben, er spielt mit verschiedenen Seitenarchitekturen, lässt manchmal zwei Erzählstränge auf jeder Seite parallel laufen, einige Rückblenden werden von talentierten Gastzeichnern wie Matt Kindt gestaltet, die sich wunderbar ins Gesamtbild fügen, und einige Passagen in ruhigeren Kapiteln werden sogar überwiegend in Prosa erzählt und die Bilder dienen am Rand der reinen Illustration.

Insgesamt ist Sweet Tooth ein aufregender Trip, der nie langweilig wird. Keine der 900 Seiten ist zu viel.

>> Jeff Lemire: Sweet Tooth, 40 Ausgaben, 6 Paperbacks, Vertigo 2009-2013; dt. Panini 2012-2014.
>> Deluxe Edition (Hardcover/Paperback 3 Bde.) 2015-2016

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Trauerbewältigung in der Tiefsee

Jeff Lemire: The Underwater Welder (2012)

Ein Taucher im Dilemma: Jack Joseph liebt seinen Job als Unterwasser-Schweißer auf einer Ölplattform, offenbar ist er lieber da als bei seiner hochschwangeren Frau. Als ihm bei einem Unterwassereinsatz sein toter Vater erscheint, stirbt er fast selbst. Doch weil ihn die Vision nicht in Ruhe lässt, geht er dem Rätsel nach. Schon der Vater ist Taucher gewesen, an Land schaute er gerne zu tief ins Glas und eines Tages kam er im Meer um. Jack sucht in der Vergangenheit nach Hinweisen, er träumt von ihm und verliert sein Zeitgefühl. Gleichzeitig entfremdet er sich immer mehr von seiner Frau.

Schließlich bricht Jack erneut in die Tiefsee auf. Als er wieder auftaucht, hat er, was er immer wollte: er ist absolut allein, die Stadt ist menschenleer, nicht einmal Möwen sind noch zu sehen. Allerdings kommt er auch nicht mehr von dort weg. Dann bekommt er Gelegenheit, seine Kindheit aufzuarbeiten …

The Underwater Welder ist eine Mystery-Story, die nicht ihren Schauer aus Effekthascherei betreibt. Alles dient der Psychologie ihres Helden. Im Grunde geht es um Trauerbewältigung. Jack muss mit der Vergangenheit fertig werden, um für die Zukunft mit seiner Familie bereit zu sein. Es ist eine Parabel auf die Angst vor der Vaterschaft und dem Verlust der Unabhängigkeit. Jack ist kein Familienmensch, er meidet seine Mutter, er hängt an seinem Vater, der ihn einst hängengelassen hat. Zugleich wird Jack mitverantwortlich für den Tod des Vaters.

Jeff Lemire ist erneut eine zutiefst menschliche Story gelungen, in der die Charaktere glaubhaft als verletzliche Figuren erscheinen. Lemire inszeniert seine Geschichte in bildgewaltigen Schwarz-Weiß-Zeichnungen und spannenden Seitenarchitekturen, die den Blick auf Details wie Tropfen legen, Momente dehnen und sogar Zeit und Raum in Frage stellen. Leider hat der deutsche Verleger die visuelle Komponente völlig ignoriert und das Buch im Kleinformat nachgedruckt – eine verbreitete Unart und ein herber Verlust, auch was den Lesekomfort angeht.

>> Jeff Lemire: The Underwater Welder, Top Shelf 2012; dt. Der Unterwasser-Schweißer, Hinstorff 2017.

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