Fight Club 2: Alles nur Kopie

Woran erkennt man einen Klassiker? An der Zitierbarkeit. Und an der Tatsache, dass er auch zitiert wird. Fight Club ist so ein Klassiker. Viele Sätze darin sind zum Einrahmen. Seine Fans verehren den Roman und mehr noch den Film fast so kultisch wie das Projekt Chaos seinen Anführer. Man kann faszininiert und abgestoßen zugleich sein, aber der Stoff lässt einen nicht kalt. Schon der Roman von Chuck Palahniuk aus dem Jahr 1996 polarisierte die Kritiker. Auch David Finchers geniale Verfilmung drei Jahre später. Doch im Kino war dem Film kein Erfolg beschieden. Die Zeit schien noch nicht reif für dieses Werk, das seiner Zeit weit voraus war. Erst auf DVD erlangte er Kultstatus – und zählt heute allgemein (wie etwa bei IMDb) zu den besten Filmen. Der Film verhalf auch dem Buch zu spätem Ruhm. Ende gut, alles gut. Bis jetzt. Denn jetzt erfährt die Fangemeinde: Das ist nicht das Ende. Es gibt eine Fortsetzung. Und zwar als Comic. Fight Club 2 als Comic? Hat die Gier den Autor eingeholt, sodass er die Rechte für so einen Unsinn verscherbelt? Nein, das Skript für den Comic stammt von Palahniuk selbst.

Die Handlung spielt zehn Jahre nach den bekannten Ereignissen. Der bislang namenlose Protagonist (oft fälschlicherweise Jack genannt), nennt sich nun Sebastian. Er ist mit Marla Singer verheiratet und hat mit ihr einen Sohn. Doch das Paar ist unglücklich. Sebastian unterdrückt mit Pillen seinen imaginären Freund Tyler Durden, geht wieder einem faden Brotberuf nach, Marla ist gelangweilt und frustriert und besucht wieder Selbsthilfegruppen, um anderen ihr Leid zu klagen. Der Sohn wiederum beschäftigt sich selbst mit Chemie-Experimenten, die für ein Kind seines Alters eigentlich zu hoch sein müssten. Um wieder mehr Schwung in ihr Sexleben zu bringen, sabotiert Marla Sebastians Medikamente, sodass sie mit Tyler fremd gehen kann. Doch dadurch kommt Sebastians größter Feind wieder hervor und führt seine Armee in einen neuen Plan, um die Welt ins Chaos zu stürzen. Als erstes entführt er Sebastians Sohn …

Warum eine Fortsetzung?

Zunächst muss man anerkennen, dass Fight Club 2 nicht bloß eine in Bildern erzählter Roman ist. Palahniuk und sein Zeichner Cameron Stewart machen ausgiebig von den Möglichkeiten des Mediums Comic Gebrauch, so wie der Film einst die damaligen Möglichkeiten seines Mediums ausgeschöpft hat: Parallelmontagen, Collagen, über die Seiten verstreute Nahaufnahmen von Pillen überlagern die Panels und Sprechblasen.

Doch leider wird in dem Buch nie deutlich, warum es diese Fortsetzung braucht. Fight Club 2 erschöpft sich in Selbstzitaten, all das haben wir schon einmal gelesen oder gesehen, nur dass es jetzt noch drastischer wird. Tote stehen wieder auf (Robert Paulson, Chloe), es werden noch ein paar Tabus gebrochen – bis hin zu völlig absurden Wendungen, wie dass Marla sich in einem Kriegsgebiet versteckt oder dass todkranke Kinder in den Kampf gegen Tylers Armee ziehen. Tyler will die Welt zerstören und mit einigen Auserwählten eine neue Zivilisation aufbauen. Das ist so ziemlich der abgedroschenste Mad Scientist-Plot, den es gibt. Und weil es dieses Mal auch keine überraschende Wendung gibt (wir wissen längt, dass der Erzähler und Tyler dieselbe Person sind), flieht der Autor in die Meta-Fiktion, indem er sich selbst in seine Geschichte einbaut, über die Handlung reflektiert und schließlich auch eingreift. Das funktioniert nur leidlich. Es wirkt wie ein billiger Trick. Und es rettet ihn auch nicht, dass er einige Nebenfiguren eben das kritisieren lässt. Selbstreflexion entschuldigt nicht die Einfallslosigkeit.

Nichts als Wiederholung

Auch die Figuren bekommen nicht mehr Tiefe abgerungen, im Gegenteil: sie bleiben auf dem Niveau des ersten Teils stehen. Zu Beginn gibt es noch ein paar schöne Sequenzen, die die Ehekrise versinnbildlichen, aber Charaktere gehen im allgemeinen Krawall unter. Was ebenfalls fast ganz wegfällt, ist die Philosophie hinter den Aktionen: Die einst sorgfältig aufgebaute, sich bis ins Radikale steigernde Konsumkritik ist nur noch auf Gemeinplätze reduziert, dumpfe Parolen, die den Irrsinn rechtfertigen sollen, den Tyler und seine Schergen anstellen. Das Projekt Chaos ist nichts als ein faschistoider Haufen tumber Gefolgsleute, die ebenso hirnlos ihrem charismatischen Führer folgen wie einst den Kaufbefehlen der Werbung. Mag sein, dass darin die Ironie der Geschichte besteht, aber die wurde auch schon im Original deutlich.

Fight Club war perfekt, weil es so viel ausdrückte und damit alles gesagt war. Fight Club 2 hat dem nichts hinzuzufügen außer der Wiederholung. Um es mit dem Helden aus Teil eins zu sagen: „Alles ist nur eine Kopie“. Der Comic ist eben auch nur ein Massenmedium wie das Buch und der Film, billig reproduzierbar und kommerziell. Sobald das Kunstwerk diesen Status erreicht, wird es selbst zu einem Konsumprodukt. Fight Club 2 ist leider auch nicht viel mehr als das.

Und es kommt noch schlimmer: Teil 3 ist bereits in der Mache. Es wird wieder ein Comic.

Star Trek: Beyond What?

Paramount

Retro-Poster zu Star Trek Beyond (Paramount)

Erinnert sich noch jemand an den Prolog von Star Trek? Klar, er wird ja ständig wiederholt, wenn auch mittlerweile als Epilog der Serie. Aber wann hat jemand zuletzt über seine Bedeutung nachgedacht? Egal, ob dort der Weltraum „the final frontier“ genannt wird oder von „unendliche Weiten“ die Rede ist: Die Reise der Enterprise geht stets dahin, wo nie ein Mensch zuvor gewesen ist („where no one has gone before“). Fremde neue Welten, neues Leben, neue Zivilisationen – das sollte Programm sein. Eigentlich.

(ACHTUNG SPOILER!!!)

Nachdem die ersten beiden Filme des Reboots stets Erde und die Föderation im Mittelpunkt standen, soll es nun also „Beyond“ gehen, darüber hinaus. Und so sehen wir endlich, im dritten Teil der Reihe, die Enterprise zwar durchs weite Weltall tingeln. In einem starken Monolog macht Captain Kirk deutlich, welche Entbehrungen damit verbunden sind. Aber leider sind von den fünf Jahren Mission bereits drei rum, ohne dass wir etwas davon gesehen hätten. Das Neue besteht in einem Schauwert: einer gigantomanische Raumstation, eine wahnwitzig konstruierte Megalopolis in Form einer Schneekugel – aber das war’s auch schon. Denn was folgt, kommt einem zu bekannt vor. Statt neue Welten und Zivilisationen zu erkunden, geht die Reise bloß zu einem Planeten, der der Erde sehr ähnlich sieht (wenigstens der Wald), und der Schurke entpuppt sich am Ende als ehemaliges Föderationsmitglied. Schon wieder.

Immer die alte Leier: Rache

Wie schon Khan vor ihm (und vor ihm der Romulaner Nero, und vor ihm Shinzon usw.) hegt er Rachegelüste auf die Föderation. Und er ist nicht einmal das reptilienhafte Wesen, als das er zunächst erscheint, sondern bloß ein Mensch, der zusammen mit der Lebenskraft auch das Äußere anderer Wesen annimmt. Das Fremde ist doch immer wieder das Vertraute. Und wieder endet es mit einem Finale, bei dem der Feind auf eine Stadt zusteuert, um sie zu vernichten …

Wieder wird eine Enterprise geschrottet – wie schon in Star Trek III, VII und zum Teil auch Star Trek X (in VIII wird eine Selbstzerstörungssequenz gestartet, aber wieder abgebrochen). Damit reiht sich der Film in die Tradition ein, aber die Haltbarkeitsdauer von Raumschiffen sinkt rapide. Ein Zugeständnis an den Zeitgeist der Wegwerfgesellschaft? Vielleicht. Oder auch einfach ein Trend zur Zerstörungswut in Blockbustern. Das Dumme ist nur: der Effekt verbraucht sich. Zum Trost sehen wir am Ende von Beyond eine neue Enterprise im Zeitraffer entstehen. (Was eigentlich nur ein billiger Trick ist, um die Vernichtung zu annullieren.)

Harmonie auf der Enterprise

Selbstverständlich lebt ein Science Fiction-Film wie Star Trek nicht vom Plot allein. Und so bekommen die Fans genug Weltall-Soap geboten: Kirk und Spock, Spock und Pille, Uhura und Spock – was sich liebt, das neckt sich. Nur überwiegen hier eher die Liebesbekenntnisse, die Seitenhiebe teilt man nur noch der Tradition wegen aus, und sei es um ein paar Lacher einzustreuen. Leider bleiben dabei aber die Charaktere Sulu und Chekov unterrepräsentiert, was besonders traurig stimmt, wenn man bedenkt, dass Chekov-Darsteller Anton Yelchin vor kurzem gestorben ist.

Im Weltall nix Neues? Wie schade. Dabei gäbe es in den unendlichen Weiten des Weltalls auch unendliche Geschichten zu erzählen. Stattdessen bringen die Star Trek-Macher immer wieder das Gleiche. Diese Angst vor dem Neuen, das auch Risiko bedeutet, konnte man zuletzt auch bei Star Wars beobachten, der erschreckend nah an seinen Vorlagen klebte, obwohl er genug Energie hatte, etwas Neues zu erzählen. Man muss sich daher fragen, was dieses „Beyond“ im Titel soll: Jenseits von was?

Mehr Pioniergeist bitte!

Was bleibt, ist das Spektakel. Überwältigende und überfordernde Wimmelbilder, rasante Action. Was fehlt, ist das, was Star Trek schon immer ausgemacht hat: Der Pioniergeist, der Forscherdrang, das Streben nach Wissen sowie moralische und philosophische Fragen. Zugegeben: Die Filme blieben meistens hinter diesen Tugenden der Serien zurück. Schon immer standen die Crew, alte Fehden, offene Rechnungen und Föderationsprobleme im Mittelpunkt, bekannte Spezies wie Klingonen, Romulaner und Borg dominierten. Aber vielleicht wäre es deshalb an der Zeit, diese Kinotradition zu brechen. Es ist genug Elan in dieser neuen Crew, das man sie auch mal in neue Gefilde steuern lassen könnte. Das würde auch wieder mehr Konflikte in diese all zu harmonische Familie bringen.

Bislang fehlt eine Fernsehserie, die diese Bedürfnisse der Trekkies befriedigen könnte. Nächstes Jahr soll sie kommen – aber ohne die bekannte Crew um Kirk. Aber damit allein kann es nicht getan sein. Denn es ist das Kino, das das Außerordentliche auf die große Leinwand bringen sollte. Daher wäre zu wünschen, dass die Macher der Star Trek-Filme endlich ihren Mut aufbringen, einmal über die Grenzen ihres Erfahrungshorizontes hinauszugehen. Denn um nichts anderes geht es in den Geschichten von Star Trek.

Spiel mit Haken

Star Trek TNG: The Game (S05E06)

Die Scheibe und der Trichter. Star Trek TNG: The Game (S05E06)

Man stelle es sich vor: ein Spiel, das einen die Realität vergessen lässt. Das so viel Lust bereitet, dass man nichts anderes mehr machen will. Das muss man sich nicht vorstellen, das gibt es längst. Spielsucht ist nichts Neues. Beobachten kann man sie in Casinos und Wettbüros wie an den Rechnern und Konsolen weltweit. Aber nun gibt es Pokémon Go, ein Spiel, in dem Realität und Virtuelles miteinander verschmelzen und das in wenigen Tagen nicht nur ein Hype, sondern sich so rasant wie eine Pandemie verbreitet. Es macht einem fast Angst, wie die App quer durch alle Altersschichten Menschen beschäftigt. Wie Zombies gehen sie in Scharen durch die Stadt, starren auf ihre Handys und ignorieren die einfachsten Verkehrsregeln und Privateigentum. Mittlerweile soll das Spiel im Netz populärer sein als Pornos …

Energize: Captain Picard als Zocker.

Energize: Captain Picard als Zocker.

Die Sache erinnert stark an eine Folge aus der Fernsehserie Star Trek – The Next Generation. Wieder hat sich die Science Fiction als visionär erwiesen. In „The Game“ (dt. Gefährliche Spielsucht, Staffel 5, Episode 6, 1991), verfällt die Crew einem ganz ähnlichem Spiel, das sich ebenfalls vor dem Hintergrund der Realität, aber als Projektion vor den Augen entfaltet. Man setzt sich ein Gestell auf und los geht’s. Ziel des Spiels ist es, mittels Willenskraft rote Scheiben in violette Trichter zu werfen. Als Belohnung wird das Lustzentrum im Hirn stimuliert.

Riker ist begeistert.

Riker ist begeistert.

Der erste Offizier, Commander Riker, bringt das Spiel von einer Reise mit. An Bord entwickelt sich ein Trend, dem bald alle anheimfallen. Die Besatzung macht kaum noch etwas anderes, als verträumt vor sich hinzustarren – auch beim Gehen. Nur der kleine Sternenflotten-Kadett Wesley Crusher und seine Freundin widersetzen sich dem Spiel und finden heraus, dass es nicht nur süchtig macht, sondern auch das Denken ausschaltet. Wesley sucht Hilfe bei Captain Picard, doch auch er ist schon auf dem Trip hängengeblieben. Schließlich fliegen die jugendlichen Rebellen auf, werden von ihren Freunden und Kollegen gefangen genommen und zum Spiel gezwungen. Es ist ein Alptraum, nicht von ungefähr erinnert der dramatische Höhepunkt im Finale an den Film Clockwork Orange.

Gezwungen zur Gehirnwäsche: Clockwork Orange lässt grüßen.

Gezwungen zur Gehirnwäsche: Clockwork Orange lässt grüßen.

Am Ende kann interessanterweise nur eine andere Maschine gegen das Computerspiel helfen: Commander Data, ein Android, der präventiv von der Crew ausgeschaltet wurde, erwacht aus seiner Starre und bringt mittels eines Blinklichts alle wieder zur Vernunft.

Data in The Game.

Deus ex machina bringt Erleuchtung.

Während sie in der Star Trek-Episode alle irgendwann mit diesen Aufsätzen durch die Gegend laufen, ist es jetzt das Smartphone, das sich die Leute vors Gesicht halten, während sie virtuellen Monstern nachjagen – und dabei die Welt um sich herum ausblenden. Bei Star Trek wird das Spiel nicht nur als Droge gefährlich: es ist ein perfides Mittel der Unterwerfung der Sternenflotte durch Aliens. Nintendo wird wohl nur eine Absichten verfolgen: Profit. Eingriffe in ihre Gehirne und ihre Lebenswelt lassen die Menschen von ganz allein zu. Und das einzige Blinklicht, das sie am Ende aus der Hypnose befreit, wird wohl bloß der nächste Hype sein …

Die Monster sind überall

Twilight Zone: Maple Street

Maple Street – eine ganz normale Straße. Nicht nur in der Twilight Zone.

Es soll Leute geben, die haben keinen Fernseher – und sind auch noch stolz drauf. Wozu braucht man auch so ein Ding, wenn es Internet gibt? Einschalten lohnt sich ohnehin meist nicht. Es sei denn, man will sich informieren – aber das Fenster in die Welt zeigt hässliche Dinge: In den USA erschießen Polizisten Zivilisten wegen ihrer Hautfarbe. Zivilisten schießen zurück. Einige Wochen zuvor erschoss ein Mann einige Menschen wegen ihrer Sexualität. Und in Deutschland werden Menschen angegriffen wegen ihrer Herkunft. Ganz zu schweigen vom Rest der Welt.

Manchmal aber lohnt sich der Blick in die Glotze. Nicht, um dem Grauen zu entgehen, sondern um ihm auf ungeahnte Weise zu begegnen und den Blick  für die Ursachen zu schärfen. In der Urzeit des Fernsehens gab es eine Serie mit dem Namen The Twilight Zone (1959-1964). Der erste deutsche Titel lautete „Unwahrscheinliche Geschichten“, und tatsächlich erzählen die meist 20-minütigen Episoden allerhand Kurioses, mit dem sich die Wahrscheinlichkeitskrämer dieser Welt, die Realisten, nicht abgeben müssen, weil es scheinbar nichts mit ihnen zu tun hat.

Twilight Zone

Twilight Zone

Es gibt aber eine Ausnahme. Eine dieser Episoden passt damals wie heute, weil sie nicht vom Fantastischen, sondern der harten Realität handelt: The Monsters Are Due On Maple Street (S01E22, dt. Die Monster der Maple Street). In dieser Episode gibt es fast nichts Übernatürliches, jedenfalls nichts von Belang. Es sind die Menschen, die zu Monstern werden. Die Handlung spielt in einer klassischen Vorstadt-Idylle der USA. Eines Abends sehen die Menschen ein ungewöhnliches Licht am Himmel flackern – und plötzlich gehen bei ihnen die Lichter aus. Kein Strom mehr, nicht einmal Autos funktionieren. Außer bei einem. Sein Auto springt plötzlich von selbst an. Dass es kurz darauf wieder aufhört, spielt keine Rolle. Denn die Nachbarn sind skeptisch geworden.

Ein Junge hat ihnen von seinen Comicgeschichten erzählt, in denen Alien-Invasionen immer damit beginnen, dass der Strom ausfällt, um die Menschen verwundbar zu machen. Obwohl die Geschichten des Jungen Fiktion sind und die Menschen das wissen, nehmen sie sie wörtlich und suchen die Realität nach Gemeinsamkeiten ab. Also ist der Nachbar, dessen Auto plötzlich läuft, ein potenzielles Alien, das sich in Menschengestalt unter ihnen versteckt hält. Den Bewohnern der Maple Street fallen dann einige Seltsamkeiten an ihm auf, etwa dass er nachts in die Sterne sieht. Der Mann beteuert, bloß an Schlaflosigkeit zu leiden, doch der Mob hat Blut geleckt.

Twilight Zone: Maple Street

Auch in der Maple Street hängen Waffen griffbereit.

Die Hexenjagd verlagert sich auf andere, die Menschen werden paranoid, bis einer, bei dem die Schrotflinte sehr locker sitzt, einen Unschuldigen erschießt. Daraufhin gehen bei ihm zu Hause die Lichter an. Der Mörder wird zum Sündenbock, jemand wirft den ersten Stein und die ganze Stadt bricht in Chaos aus.

Am Ende stellt sich heraus, dass doch Außerirdische für den Vorfall verantwortlich sind. Mit einem simplen Mittel wie einem Stromausfall hetzen sie die Menschen gegeneinander auf, damit sie sich gegenseitig ausschalten. Die Welt, so sagen sie zynisch, sei voller Maple Streets – und so ziehen sie von einer zur anderem, um überall gleich vorzugehen.

„There are weapons that are simply thoughts, attitudes, prejudices – to be found only in the minds of men“, resümiert der Erzähler Rod Serling in seinem Epilog. „For the record, prejudices can kill – and suspicion can destroy – and a thoughtless frightened search for a scapegoat has a fallout all of its own – for the children – and the children yet unborn.“ So etwas gebe es nicht nur in der Twilight Zone. Man kann auch sagen: Solche Dinge gibt es nicht nur im Fernsehen.

Twilight Zone: Maple Street

Weiter zur nächsten Maple Street.

Die Folge erschien im Jahr 1960, einige Jahre nach dem Ende der Kommunistenhetze der McCarthy-Ära, einige Jahre vor dem Ende der Rassentrennung. 56 Jahre später scheint sich in Sachen Vernunft nicht viel getan zu haben. Die Evolution schleicht. Und beim Menschen macht sie immer wieder einen Sprung zurück. Man sollte diese Parabel auf die Menschheit jedem Schulkind zeigen. Vielleicht wäre das ein erster Ansatz, den Einfältigen endlich Vernunft einzuhämmern.

Manchmal sollte man das Fernsehen nicht zu früh abschreiben.

Wenn die Lichter ausgehen.

Wenn die Lichter ausgehen.

>> Die Episode findet sich auf der DVD der ersten Staffel von Twilight Zone.

Gefangener seiner selbst

Reprodukt

Reprodukt

„I love people!“, sagt der bärtige Mann mit Brille zu Beginn. „I’m a people person!“ Doch kaum begegnet ihm die erste Person und klagt ihm ihr Leid, erwidert er nur: „For the love of Christ, don’t you ever shut up?“ Willkommen in Wilsons Welt. Ein Kerl mittleren Alters, der durch die Straßen geht – meistens seinen Hund dabei ausführt – und über die conditio humana räsonniert. Das tut er nicht in Gedanken-, sondern in Sprechblasen, alle um ihn herum kriegen es mit – ob sie wollen oder nicht. Aber Wilson ist egal, ob sie wollen. Er redet einfach drauflos: ob jemand gerade an seinem Laptop sitzt oder neben ihm im Flugzeug. Wer sich auf ihn einlässt, muss aber damit rechnen, beleidigt zu werden.

Wilson ist ein sehr einsamer und sehr frustrierter Mann. Er hat aus seinem Leben nichts gemacht, aber er wünscht sich, er hätte. Er ist sogar so frustriert, dass er seiner Schwester ein Paket voll Hundescheiße schickt. Sein Vater stirbt, ohne dass Wilson ihn gut gekannt hätte. Trotzdem weint der Sohn über den Verlust bittere Tränen. Dann nimmt er nach Jahren wieder Kontakt zu seiner Ex-Frau auf. Die soll mittlerweile eine Hure sein und ein Kind von ihm haben. Doch die Wiedervereinigung läuft alles andere als idyllisch. Wilson landet im Knast, kommt raus, findet eine Frau – aber kein Glück.

Daniel Clowes (Ghost World) erzählt Wilsons Geschichte auf gerade einmal 70 Seiten. Jede Seite bildet ein Kapitel, das wie ein einzelner Comic-Strip – meistens mit sechs Panels – funktioniert und damit auch jeweils für sich stehen kann. Im letzten Panel kommt stets die Pointe. Manchmal witzig, manchmal traurig, oftmals bittersüß. Wilson ist formal so statisch wie sein Charakter. Aufgelockert wird das starre Schema durch die verschiedenen Zeichenstile, derer Clowes sich bedient. Von Seite zu Seite unterscheiden sich die Figuren in ihrem Abstraktionsgrad: mal wirkt Wilson realistisch gezeichnet, mal sehr cartoonhaft mit Knollennase. Die meisten Seiten sind vierfarbig, einige monochrom. Die Stile wechseln wie die Stimmungen des Helden. Tragischerweise bleibt Wilson aber Gefangener seines Schemas.

>> Daniel Clowes: Wilson, 2010; dt. Eichborn 2010, Reprodukt 2016.

Genies schreiben auf Glas

A Beautiful Mind

Russel Crowe in A Beautiful Mind

Papier ist was für Pussies. Die wahren coolen Typen, die Genies und Macher, schreiben dahin, wo es alle sehen können: an Fensterscheiben. So verliert der Autor auch nie den nötigen Aus- und Weitblick. Hier die mathematische Gleichung, dort die Welt, die sie verändern wird. Alternativ kann man auch Spiegel benutzen. So behält man beim Schreiben auch das Wichtigste im Auge.

Good Will Hunting

Matt Damon in Good Will Hunting

Allerdings sollte man sich bei Fenstern vorher gut überlegen, ob gegenüber jemand mit einem Teleobjektiv sitzen könnte. So vermeidet man später Ärger beim Patentamt. (Facebook hat da nochmal Glück gehabt.)

The Social Network

Andrew Garfield in The Social Network

Der wahre Zweck solcher Aktionen ist natürlich nur einer: Mädels beeindrucken. Grips macht bekanntlich sexy. (Dabei kann es auch helfen, wie Ben Affleck auszusehen.)

Ben Affleck in The Accountant

Die Bürden des Heldentums

Marvel/Panini

Marvel/Panini

Schon James Brown hat es hinausgeschrien: „It is a man’s world. But it would be nothing without a woman or a girl.“ Das gilt auch für Superhelden. Was wäre Superman ohne Lois Lane? Was wäre Batman ohne … äh … okay, schlechtes Beispiel. Bei Marvel geht es jedenfalls auf: Was wäre Daredevil ohne Karen Page? Oder Hulk ohne Betty Ross? Spider-Man hat sogar zwei große Lieben: Gwen Stacy und Mary-Jane Watson. Starke Typen brauchen Frauen, die sie in ihren Heldenrollen beschützen und retten, mit denen sie privat die echten Probleme austragen und dadurch verletzlich, ja menschlich erscheinen.

Jeph Loeb und Tim Sale, das Dreamteam, das die großen Epen für Batman (The Long Halloween, Dark Victory) und eines für Superman (For All Seasons) in den 90ern geschaffen hat, wandte sich Anfang des Jahrtausends drei der größten Marvelhelden zu: Daredevil: Yellow, Spider-Man: Blue und Hulk: Gray. So sind drei Mini-Serien entstanden, die nicht wie bei Batman um ausgeklügelte Noir-Krimi-Plots mit einem enzyklopädischen Aufgebot der Rogues Gallery herum gebaut sind, sondern eher einer Hommage, einer Meditation und Schwelgerei wie in der Mini-Serie Superman for All Seasons entsprechen. Nicht die Story steht im Vordergrund, sondern die Charaktere.

Marvels Farbenlehre

Loeb und Sale erzählen hier nichts Neues, sondern frischen das Altbekannte unter einem anderen Gesichtspunkt auf. Bei Daredevil und Hulk werden die Origins aufbereitet, bei Spider-Man der Übergang zwischen Gwen und MJ, als Peter Parker für kurze Zeit zwischen den beiden Frauen stand, bis Gwen ihren grausamen Tod erlitt. Die Titel ergeben sich zum einen aus dem ursprünglichen Farben der Helden: Daredevils Kostüm war zunächst gelb bevor es rot wurde, genäht aus dem Umhang seines Vaters, Hulk war in den ersten Comics grau bevor er grün wurde. Bei Spider-Man war das Blau schon immer Bestandteil des Kostüms, hier allerdings bedeutet blue so viel wie melancholisch.

Der Hauptreiz liegt allerdings im Visuellen. Tim Sale erweist sich erneut als einer der besten Comickünstler, der nicht nur ein großartiges Gespür für Dramatik und Dynamik, sondern auch für Stimmungen hat. Jedes Buch hat seinen eigenen Stil. Mit nur wenigen Strichen erschafft er dynamische Heldenaction und lebensnahe Figuren. Yellow, Blue und Gray gelten als moderne Klassiker und gehören zu den besten Marvel-Storys. Der Verlag hat die drei Bände in einem wunderbaren Hardcover im Überformat gewürdigt.

Marvel

Marvel

Jetzt haben Loeb und Sale ihr viertes Farbenbuch, Captain America: White, vollendet. Und auch wenn sie ihre Tugenden beibehalten, brechen sie hier mit der Tradition: Denn dieses Mal geht es nicht um Frauen, um den Gewinn und den Verlust der großen Liebe. Dass Loeb und Sale bei Captain America aber den Verlust von Sidekick Bucky Barnes in den Mittelpunkt stellen, lässt das Verhältnis in einem bestimmten Licht erscheinen, das an Fredric Wertham denken lässt. Jenen wirkmächtigen Psychologen und Comic-Verächter, der Mitte der 50er schon Batman und Robin eine homoerotische Beziehung angedichtet hat. In Captain America: White findet sich davon nichts. Es ist nicht einmal eine Männerfreundschaft zu nennen, sondern eher eine Art Vater-Sohn-Verhältnis oder vielleicht noch eher ein Verhältnis zwischen großem und kleinen Bruder. Der Held, Steve Rogers, leidet an der Schuld des Überlebenden und fragt sich, wie er den Tod seines Schützlings zulassen konnte. Es ist das typische Dilemma, bei dem sich zeigt, dass jugendliche Sidekicks für Superhelden zwar zur Tradition gehören, aber eher der Marketing- als der Storylogik geschuldet sind.

Wie schon bei Spider-Man und Gwen Stacy bleibt die Tragödie der Geschichte ausgespart. Stattdessen erzählt Rogers ein Abenteuer aus der Frühzeit, dem Kriegsjahr 1941. Barnes entdeckt, dass Rogers Cap ist, er wird zum Sidekick Bucky, er rettet Cap bei einem Absturz ins Meer das Leben, indem er dessen Schild von ihm losschneidet – wodurch das Symbol verloren geht. Bei den Frauen erweist sich der kleine Bruder dem großen überlegen: der Kriegsheld zeigt sich zwar furchtlos dabei, Nazis zu verhauen, aber unbeholfen im Intimen. Am Ende kämpfen beide mit ihrer Truppe (Nick Fury und Co.) gegen den Erzfeind Red Skull in Paris.

Eingespieltes Team

Jeph Loeb und Tim Sale ergänzen sich nach all den Jahren immer noch wie ein eingespieltes Team und vollbringen erneut eine Meisterleistung, indem sie mit viel Herz und Humor eine klassische Heldengeschichte erzählen, die vor allem eine Hommage an die ersten Abenteuer der 40er ist. Sales sonst sehr eigenständiger Stil erinnert zuweilen stark an sein Vorbild Jack Kirby, auch wenn er ihn mit einem sehr noiresken Stil verbindet. Dave Stewarts Wasserfarben-artige Farben (wie schon bei Daredevil) bringen die Nostalgie von Propaganda-Plakaten mit sich.

Da kann man über einige Story-Löcher hinwegzusehen, wenn zufällig Namor in der Nähe ist, um Captain Americas Schild aus dem Meer zu fischen und ihm im rechten Moment zuzuwerfen, oder die Frage, wie der Held auf dem Motorrad den Eiffelturm hochfahren kann. Es ist einfach so. Dafür waren Superhelden-Comics schon immer da: das Unmögliche möglich zu machen und dabei gut aussehen zu lassen. Und es macht Spaß: die große Pose, der theatralische Auftritt. Alles, was Superheldencomics immer schon am besten konnten, das wird hier zelebriert.

Die Bedeutung der weißen Farbe

Warum aber der Titel Captain America: White? Die Farben, so erfahren wir im Nachwort, sind mehrdeutig zu verstehen. Daredevil Yellow hatte nicht nur mit dem ersten Kostüm zu tun, yellow heißt im Englischen auf feige – was natürlich zum Mann ohne Furcht ganz gut passt. Spider-Man ist (wie gesagt) blue, also traurig, wegen des Verlusts von Gwen Stacy. Hulk ist die Graustufe als Gegenpol zur Schwarz-weißen Welt von General Ross. Aber die Welt ist nicht so einfach, nicht schwarz und weiß – wie die Wochenvorschauen im Kino, sagt sich Steve Rogers alias Captain America und fragt sich dann doch, ob die Zeit während des Zweiten Weltkriegs im Vergleich zur Gegenwart nicht doch eine einfachere gewesen ist. Die Nazis waren ganz klar die Bösen, die Amerikaner ganz klar die Guten. Schwarz gegen weiß. Vielleicht erklärte sich so der Titel, wenn die Unschuld des Weißen nicht durch den Tod des Gefährten befleckt wäre.

Lupenreine Helden kann es im Krieg nicht geben. Auch wenn sie super sind. Jeder hat seine Bürde zu tragen. Gerade das macht sie menschlich – und damit auch für Normalsterbliche interessant.

>> Jeph Loeb/Tim Sale: Captain America: Weiß, Panini-Verlag 2016.

Der Wahnsinn im Nahen Osten

Knaus

Knaus

Seit fünf Jahren vernichtet ein Bürgerkrieg Syrien. Ein nicht vorstellbarer Wahnsinn. Wo dieser Wahnsinn, der zu einem großen Teil der Assad-Diktatur geschuldet ist, herkommt, das erzählt Riad Sattouf in seinem autobiografischen Comic Der Araber von morgen. Im ersten Teil gingen Riad und seine Eltern, eine Französin und ein Syrer, zunächst nach Libyen und ließen sich schließlich in Syrien nieder. Der Vater versuchte eine Karriere an der Universität, aber sein mageres Einkommen reichte gerade einmal für das Nötigste in einem Land, in dem es häufig am Nötigsten fehlt. Sattouf beschrieb, ähnlich wie Guy Delisle in seinen Reisereportagen, in einem cartoonhaften Zeichenstil und voller absurder Komik. Im zweiten Band setzt er das fort, aber das Lachen weicht immer häufiger dem bestürzten Kopfschütteln.

Noch immer redet sich der Vater das Leben im kärglichen Syrien schön, noch immer behauptet er, dass es in Frankreich auch nicht besser sei, aber sein früheres Schimpfen auf die Araber ist kaum noch zu hören. Er verschließt die Augen vor der Realität und bildet sich ein, er hätte noch eine Perspektive. Doch aus der geplanten Villa, die er für seine Familie bauen will, reicht es nicht. Stattdessen pflanzt er Obstbäume, ohne seiner Frau davon zu erzählen. Dennoch ist da der Drang, sich als Mann in der arabischen Welt zu behaupten. Das führt zu so grotesken Szenen, dass er mit seinem Sohn zum Jagen geht und dabei mit einer Schrotflinte auf Spatzen schießt. Obwohl dabei nichts als blutiger Matsch herauskommt, besteht er in seiner Sturheit darauf, die Beute zu essen.

Atmosphäre der Angst

Weil die Familie zu Hause immer noch mit einem Campingkocher ihre Mahlzeiten aufwärmt, zwingt die Mutter den Vater, einen neuen Herd zu kaufen. Der kommt auch: per Eselkurier aus dem Libanon, aber immerhin „neuester Bauart“. Bezeichnend ist auch die Sequenz, in der er für seine Frau einen Videorekorder besorgt, aber weil es billiger ist, entscheidet er sich für Betamax – ein Auslaufmodell. „Selbst in Frankreich lebt nicht jeder so modern“, sagt der Vater.

Der kleine Riad, immer noch wegen seiner Mutter als Jude beschimpft, muss sich derweil in der Schule behaupten, in der unfähige Lehrer den Kindern zuerst die Nationalhymne beibringen bevor es ans Lesen, Schreiben und Rechnen geht. Die geringsten Vergehen werden mit drakonischen Prügelstrafen geahndet; es herrscht eine Atmosphäre ständiger Angst. Die Kinder trauen sich nicht einmal zu kacken. Aus dem Koran wird bloß vorgelesen, das Verstehen, so heißt es, werde schon später von selbst kommen.

Ehrenmord als Tradition

In Gewissensnöte gerät der Vater, als im Dorf Verwandte ein Ehrenmord an einer Ehebrecherin verüben. Zunächst rechtfertigt er die Tradition, erst als seine Frau insistiert, ruft er die Polizei. Nachdem die Verbrecher verhaftet werden, wird das Familienoberhaupt im Dorf als Verräter geächtet. Schließlich kommt der Täter nach wenigen Monaten frei – man hat sich mit der Justiz geeinigt. Auch Mord ist in Syrien Verhandlungssache.

Sattouf zeichnet diesen Wahnsinn aus einer kindlich-naiven Perspektive und durch seine cartoonhafte Darstellung wird er noch grotesker: der paranoide Antisemitismus, die Vetternwirtschaft, der neidische Blick gen Westen und der verzweifelte Versuch, den Anschein von Wohlstand zu erwecken. Doch Syrien bleibt in den 80ern bloß eine Wüste voller Bauruinen. Der Glanz der Antike, wie etwa bei einem Besuch von Palmyra deutlich wird, ist längst verblasst. Riads Vater, eigentlich ein promovierter Historiker, redet das Kulturerbe klein, als Stätte für Kameltreiber. Heute, da Palmyra zum Teil von den Barbaren der Terrormiliz „Islamischer Staat“ zerstört ist, tun sich bei einem solchen Satz Abgründe auf.

Die Philosophie des Comics

Warum soll das kein Comic sein? (Arte)

Warum soll das kein Comic sein? (Arte)

Wie verändert der Comic das Denken?

Über diese Frage haben der Philosoph Raphael Enthoven und der Autor Tristan Garcia in Artes Philosophie-Sendung gesprochen. Zu Beginn stellen die beiden ein Defizit fest: Die Philosophie hat sich nie mit dem Comic beschäftigt. Das lag wohl daran, dass sie lange zum einen als Kunst für Minderjährige, als eine Kunst der Kindheit gegolten hat, zum anderen als Zwitterkunst, hybride Kunst, eine schwer einzuordnende Halbkunst: zum Teil Literatur, zum Teil Bild.

Enthoven und Garcia fragen sich, was den Comic von seinen Vorläufern wie etwa Bilderzählungen der christlichen Ikonografie unterscheidet. Beide Formen zeigen Zeit als ein räumliches Nebeneinander, den Ablauf der Zeit in einer Gleichzeitigkeit („synoptisch, wie Gott die Zeit sehen würde“). Doch die Feststellung, dass man bei dem Leben eines Heiligen stets alle Bilder vor Augen hat und weiß, wie die Geschichte endet, überzeugt nicht als Argument. Denn zwar überlagern sich die Zeitebenen bei einem Comicbuch oder -heft, aber auch bei einem Comic-Strip sind alle Panels auf einmal zu sehen. Ob alles auf einmal sichtbar ist, ist im Zweifel eine Frage der Zahl und Größe der Panels. Und wenn Garcia später feststellt, dass das Wiederlesen der größte Genuss des Comics sei, dann weiß man dann auch beim Comic spätesens beim zweiten Mal, wie die Geschichte ausgeht.

Erneut erweist sich also die Suche nach Merkmalen, die Comics von seinen Vorläufern unterscheidet, als vergeblich. Man kann von Panels, Guttern und Sprechblasen als moderne Errungenschaften sprechen und zugleich viele moderne Gegenbeispiele finden, die ohne diese Merkmale auskommen. Es ist eine müßige Debatte, die wenig fruchtbar ist.

Am interessantesten ist der Gedanke, dass der Comic ein Medium ist, in dem sich das Selbst bildet:

„Wenn der Comic eine Sache der Zerlegung ist, bei der Zeit und Raum mittels Panels und Seiten aufgeteilt werden müssen, dann weil er die gigantische Metapher von etwas ist, das sich am Ende des 19. Jahrhunderts abgespielt hat, nämlich die Neueinteilung der Lebensalter des Menschen.“

comic-philosophie-arte-e1454767876646

Tristan Garcia führt als Beispiel Arnold von Genneps Schwellentheorie. Darin wird die Gesellschaft mit einem Haus verglichen, bei dem Übergangs- und Initiationsrituale mit einem Eintritt in einen anderen Raum verbunden sind. Ende des 19. Jahrhunderts, einer Zeit, in der Übergangs- und Initiationsriten allmählich verschwinden, führt der aufkommende moderne Comic Heranwachsenden die Phasen des Lebens vor Augen. Er entwerfe eine „intuitive Theorie der Identität, sich als Ganzes lesen zu können“ und beruhige die jungen Leser, dass die Zeit keine zerstörerische Kraft sei.

„Der größte Genuss beim Comic ist das Wiederlesen“, sagt Garcia, „weil man sich vergewissern kann, dass alle Augenblicke des Lebens fortbestehen und nebeneinander existieren.“

Passend dazu zitiert Enthoven zum Schluss Marcel Proust: „In Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, ein Leser nur seiner selbst.“

DJ David Bowie

Die Playlist der Woche: David Bowies Playlist von 1979
David Bowie: Lodger (RCA)

David Bowie: Lodger (RCA)

Im März 1979 hat David Bowie für BBC Radio 1 den DJ spielen dürfen. Hier ist ein Auszug aus seiner Playlist – sie enthält auch zwei Stücke aus Bowies damals gerade neu herausgekommenen Album Lodger. Die vollständige Liste steht unten.

  1. The Doors, ‘Love Street’
  2. Iggy Pop, ‘TV Eye’
  3. John Lennon, ‘Remember’
  4. ? & The Mysterians, ’96 Tears’
  5. Edward Elgar, ‘The Nursery Suite’ (Auszug)
  6. Danny Kaye, ‘Inchworm’
  7. Philip Glass, ‘Trial Prison’
  8. The Velvet Underground, ‘Sweet Jane’
  9. Mars, ‘Helen Fordsdale’
  10. Little Richard, ‘He’s My Star’
  11. King Crimson, ’21st Century Schizoid Man’
  12. Talking Heads, ‘Warning Sign’
  13. Jeff Beck, ‘Beck’s Bolero’
  14. Ronnie Spector, ‘Try Some, Buy Some’
  15. Marc Bolan, ’20th Century Boy’
  16. The Mekons, ‘Where Were You?’
  17. Steve Forbert, ‘Big City Cat’
  18. The Rolling Stones, ‘We Love You’
  19. Roxy Music, ‘2HB’
  20. Bruce Springsteen, ‘It’s Hard To Be A Saint In The City’
  21. Stevie Wonder, ‘Fingertips’
  22. Blondie, ‘Rip Her To Shreds’
  23. Bob Seger, ‘Beautiful Loser’
  24. David Bowie, ‘Boys Keep Swinging’
  25. David Bowie, ‘Yassassin’
  26. Talking Heads, ‘Book I Read’
  27. Roxy Music, ‘For Your Pleasure’
  28. King Curtis, ‘Something On Your Mind’
  29. The Staple Singers, ‘Lies’