Menschliche Müllhalde

Eine Leiche auf einer Straße in Bagdad ist im Jahr 2004 nichts Ungewöhnliches. Auch als am Triumphbogen der riesigen gekreuzten Schwerter von Kadesia ein Toter liegt, stellen sich zwei US-Soldaten die Frage, was sie mit ihm machen sollen. Von der Straße holen? „I’m supposed to pick up garbage“, wendet einer ein. „Is this garbage?“

Der Mensch ist im Nachkriegs-Irak von The Sheriff of Babylon nicht viel mehr wert als Müll. Und trotzdem: Ein US-Ausbilder für die irakische Polizei, Chris Henry, will wissen, was mit dem Mann passiert ist, denn der Tote gehörte zu seinen Schülern. Er bittet Sofia um Hilfe, eine irakischstämmige Amerikanerin mit guten Verbindungen, sie wiederum bittet Nassir um Hilfe, einen ehemaligen Polizisten, der unter Saddam Hussein gedient hat.

Doch schon zu Beginn der Geschichte, noch bevor die Handlung losgeht, erfahren wir, dass sowohl Sofia als auch Nassir über Leichen gehen, um ihre Ziele zu erreichen. Nassir hat buchstäblich Leichen im Keller. Drei US-Soldaten, an denen er sich für den Tod seiner drei Töchter rächt – sie sind durch eine Bombe umgekommen. Sofia tötet, um Probleme für andere zu lösen. Und Chris? Ist eher ein sensibler Typ, der einer Selbstmordattentäterin lieber gut zuredet, als sie zu erschießen.

Die Ermittlung im Mordfall wird für alle Beteiligten gefährlich. Kaum finden sie heraus, dass auch die Familie des Mannes getötet wurde, wird Nassir entführt und bedroht, Sofia wird in ihrem Auto beschossen. Dieses Badgdad ist eine chaotische Welt mit ihren eigenen Regeln, die ein Außenstehender wie Christopher nicht durchschaut, die nicht einmal die Einheimischen durchblicken. Und je tiefer sie in die Geschichte hineingeraten, desto schlimmere Wendungen nimmt das alles. Unschuldige sterben, bis die Schuldigen drankommen, aber selbst dann ist nichts besser und nichts klarer.

Tom King (Batman, The Vision) erzählt seine Geschichte zwar durchaus mit dem dem angebrachten Zynismus für diese ausweglose Situation, aber er lässt seine Charaktere sehr menschlich wirken. Niemand ist ein Held, jeder hat seine Schatten und Abgründe, aber trotzdem bleiben selbst die skrupellosesten Killer immer noch Menschen mit Gefühlen und Überzeugungen, die sie antreiben. In langen Dialogpassagen haben selbst Nebenfiguren Zeit, sich zu interessanten Charakteren zu entfalten.

Die realistischen Zeichnungen von Mitch Gerads lassen jeden ungemein plastisch und glaubhaft erscheinen. Selbst wenn sich eine Figur über drei Seiten in jedem Panel wiederholt, schafft er es, ihr eine neue Nuance abzugewinnen. Bagdad wirkt wie eine schmutzige Stadt, die von Dreck zerfressen wird. Jeder Tote löst sich sogleich darin auf und trägt noch mehr zu der Müllhalde bei. Man spricht von Fortschritt, wenn es endlich jemanden Zuständiges gibt, der die Leichen von der Straße schafft.

The Sheriff of Babylon ist ein Western im Nahen Osten. Es geht um Rache, es geht um Gerechtigkeit in einer gottverlassenen, hoffnungslosen Welt. Die Geschichte funktioniert als Comic hervorragend, trotz der Dialoglastigkeit schafft es King durch geschicktes Haushalten mit Informationen und überraschenden Wendungen, die Spannung immer weiter zu steigern. Würde man daraus einen Film machen, und es bietet sich sehr an, wäre er ohne Mühe ein Oscar-Kandidat.

>> Tom King/Mitch Gerads: The Sheriff of Babylon. Deluxe Edition, Vertigo 2018. (Noch keine deutsche Ausgabe.)

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Missglücktes Comic-Experiment mit drei Buchstaben

Avant Verlag

Wo hätte das Kreuzworträtsel anders erfunden werden können, als in New York? Der Stadt der Wolkenkratzer, deren unzählige Fenster eine Abfolge von riesigen Rastern bilden. Und während man durch die ersten Seiten des Comics blättert, auf denen Paolo Bacilieri die vertikalen und horizontalen Reihen minutiös darstellt, um seine Behauptung mit Bildern zu untermauern, könnte man auf die Idee kommen: Wie könnte man die Geschichte des Kreuzworträtsels besser darstellen, als in einem Comic, das ebenfalls aus einem Raster von Bildern besteht?

Der Buchautor Pippo Quester schreibt eine Geschichte des Kreuzworträtsels, der Comic-Autor Zeno Porno trifft ihn zufällig, man kommt ins Gespräch. Während der nüchterne Pippo von seinem Buch erzählt, assoziiert Zeno wild irgendwelche Bezüge zu Filmen oder Comics, wie etwa eine mit dem Spider-Man-Schurken Hammerhead oder Dick Tracy. Der einzige, der wirklich Sinn ergibt, ist aber die Tatsache, dass der erste moderne Comic und das Kreuzworträtsel in der gleichen Zeitung, der New York World, erschienen sind.

Dann schießt eine unbekannte junge Frau auf die beiden. Sie überleben den Anschlag, Pippo schreibt stoisch im Krankenhausbett weiter, während Zeno für ihn mit der Frau sprechen soll. Sie bleibt über ihre Motive vage und verweist nur auf ein Buch von Pippo, indem angeblich alles erklärt werde. Doch Zeno wird auch nach der mehrfachen Lektüre des Buches nicht schlau aus der Sache.

Und so geht es auch dem Leser. Die Geschichte des Kreuzworträtsels mag zwar interessant sein. Erstaunlich zu sehen, welche verschiedenen Formen dieser Zeitvertreib annehmen konnte auch welche Ausmaße der „Crossword Craze“ annahm. Angereichert wird die doch etwas dröge Darstellung mit Illustrationen, die mehr mit der Zeitgeschichte zu tun haben als mit der Story: Bilder von Musikern, Filmstars und anderes schmückendes Beiwerk.

Allerdings: Wozu es diese Rahmenhandlung braucht, bleibt fraglich, denn es steht in keinerlei Zusammenhang mit dem Thema. Die Figuren bleiben oberflächlich und uninteressant. Angereichert wird der überwiegend schwarz-weiße Comic noch mit kolorierten Zwischenkapiteln, in denen mit überwiegend quadratischen Panels Anekdoten aus Zenos Leben oder das anderer Leute erzählt werden. Allerdings völlig willkürlich, ohne dramaturgischen Wert und wieder ohne Bezug zum Rest. Nur einmal, wenn fünf kurze Sequenzen übereinander gelegt werden, wird eine Analogie zum Kreuzworträtsel deutlich, wenn die Panelreihen sich aufeinander beziehen und sich aus der horizontalen Leserichtung auch eine vertikale ergibt.

Selbst als Zeno nach New York fliegt, um für Pippo zu recherchieren, läuft die Story auf nichts hinaus und die Auflösung des Rätsels verpufft in der Irrelevanz. Fun ist ein Comic, der gerne ein anspruchsvolles Kunstwerk wäre, das aber nur auf den ersten Blick wirkt. Jedoch überzeugen nur wenige dieser Versuche, das Kreuzworträtsel ins Medium Comic zu übertragen. Das Experiment scheitert, was schade ist angesichts der interessanten Grundidee – eine vertane Chance. Selbst ein kurzer Ausflug auf die Meta-Ebene wird nur halbherzig unternommen, um gleich wieder negiert zu werden. Man fragt sich schon: Was soll das Ganze? Denn Spaß macht es jedenfalls nicht. Dann schon lieber Kreuzworträtsel lösen.

>> Paolo Bacilieri: Fun, Avant-Verlag 2018.

Wiedergeburt im Fantasy-Jenseits

Reborn

Reborn (Cover) (Image Comics)

Kommt was nach dem Tod? Und wenn ja, was? Himmel oder Hölle? Wiedergeburt? Mark Millar sagt: Alles zusammen, nur ganz anders, als man es sich bisher vorgestellt hat. In seinem Comic Reborn landen die Menschen und Tiere nach dem Tod in einer ebenso magischen wie technisch hochentwickelten Fantasy-Welt, in der die einst Guten gegen die einst Bösen kämpfen. Allerdings ist hier alles auch größer und mächtiger. Und jünger.

Die Heldin ist eine alte Frau, die als junge Frau wiedergeboren und sogleich als Heilsbringerin angesehen wird. Laut einer Prophezeiung soll sie den Oberschurken Lord Golgatha besiegen. Zusammen mit ihrem Hund und Vater, der wie andere Angehörige und Freunde vor ihr gestorben ist, zieht sie aber zunächst los, um ihren Ehemann wiederzufinden. Die Konfrontation mit den Bösen lässt sich aber nicht ganz vermeiden und es kommt, wie es kommen muss …

Die Guten sind gut, die Bösen sind fies, der Schurke ist nicht weniger als eine Art Teufel, der in Blut badet und das Böse um seiner selbst willen betreibt. So einfach die Figuren und so klassisch die ganze Story auch konstruiert ist, Mark Millar schafft es mit seinen kuriosen Einfällen und seiner kurzweiligen Erzählweise wieder einmal beste Unterhaltung zu schaffen. Da ist die Katze Frosty, die sich als Lord Frost an ihrer einstigen Besitzerin für eine Kastration rächen will. Am interessantesten ist eine Nebenfigur, die einst an Jesus geglaubt hat und nun desillusioniert, gelangweilt und lethargisch als Königin herrscht.

Wie üblich spart Millar auch hier nicht an Gewalt. Es beginnt mit einem Scharfschützen, der wahllos Menschen erschießt und geht weiter mit einem großen Gemetzel. Greg Capullo (Batman) inszeniert in der für ihn üblichen Detailfreude und Dynamik eine bunte Welt voller schrecklicher Monster und bizarrer Gestalten. Er ist ein Meister der großen Momente: Das wohl beeindruckendste seitenfüllende Panel zeigt, wie im Moment des Todes der Heldin ihre Erinnerungen wie ein großer Kronleuchter über ihr zusammenbrechen.

Was bei dem Tempo leider auf der Strecke bleibt, ist die Möglichkeit, tiefer in diese seltsame Welt einzutauchen und sich hier ein wenig heimischer zu fühlen. Stattdessen wird atemlos durchgerast, ohne näher auf Hintergründe einzugehen. Der Stoff könnte viel hergeben, aber das spart sich Millar wohl für Band zwei auf.

>> Mark Millar/Greg Capullo: Reborn. Book One, Image 2017 (dt. Panini 2017)

 

„Superheldenfilme schaden der Kultur“

Alan Moore (Bild: Arte)

Alan Moore (Bild: Arte)

 

Arte widmet Alan Moore eine achtteilige Webserie: „Beim Barte des Propheten„. In acht kurzen Videos äußert sich der Autor zu der Verwendung der „V wie Vendetta“-Maske durch die Hacktivisten Anonymous, zum Brexit und seiner Heimatstadt Northampton. Dabei distanziert er sich noch einmal von der Verfilmung seines Comics.

Im zweiten Teil gibt er sich kulturkritisch: „Wir brauchen eine Gegenkultur, damit unsere normale Kultur nicht stagniert oder ausstirbt“, sagt er. Diese habe es in den vergangenen Jahren nicht mehr gegeben. Besonders skeptisch äußert er sich über die Konjunktur von Comic-Verfilmungen: „Die derzeitige Flut amerikanischer Superheldenfilme tut unserer Kultur ganz und gar nicht gut“, sagt er. Superheldenfilme richteten die Kultur zugrunde. Sie stünden für eine Flucht in eine Fantasiewelt von Macht und Stärke, ihr Erfolg sei Zeichen unserer Infantilisierung, der Weigerung, erwachsen zu werden, das schade der Kultur und der menschlichen Vorstellungskraft. Außerdem zeige sich darin der Traum einer vermeintlich überlegenen weißen Herrenrasse.

Bemerkenswert daran ist, dass Alan Moore mit seinem Werk selbst zum Superhelden-Hype beigetragen hat, auch wenn er in seinen Comics wie Watchmen durchaus kritisch mit dem Sujet umgegangen ist.

Nobelpreis für Bob Dylan: Warum nicht mal ein Musiker?

dylan: what?

Keine Sorge: Bob Dylan gibt’s auch auf Papier

Es ist die Sensation des Jahres: Bob Dylan bekommt den Literaturnobelpreis. Schon lange wurde darüber gesprochen, dass er auf der Kandidatenliste stehe, aber es schien wie ein Wunschdenken seiner Verehrer. Jetzt ist das Unwahrscheinliche eingetroffen: His Bobness steigt offiziell in den Olymp der Literaten auf. So etwas hat es noch nicht gegeben: ein Musiker, ein Sänger, ein Songwriter! Und in dem ganzen Jubel darüber kommen auch die unvermeidlichen Stimmen, die fragen: Ist das überhaupt Literatur? Kann das sein? Darf es? Und gäbe es nicht viel verdientere Kandidaten, die schon so lange warten (Philip Roth etc.)?

Für Klaus Kastberger, Literaturprofessor, liegt der Fall klar: „Erstmals wird mit dem höchsten Preis, den es für die Literatur gibt, ein Mensch ausgezeichnet, der kein einziges literarisches Werk vorzuweisen hat.“ So steht es bei Zeit Online. Jetzt seien alle Dämme gebrochen, jetzt könnten auch Rammstein den Deutschen Buchpreis gewinnen. Warum? Kastberger erklärt über Dylan:

„Am Ende aber sind es doch immer nur lyrics, die er geschrieben hat, und eben keine Lyrik. Da konnte die Kulturwissenschaft bislang noch so viele Symposien zu seinem Werk veranstalten: So viel war fix, und dabei blieb es. Keine Lyrik, nirgends. Nur lyrics, überall.“

Noch einmal, zur Erinnerung: Kastberger ist Literaturprofessor. Heißt: er müsste es besser wissen. Eigentlich müsste gerade diese Nähe der Begriffe lyrics und Lyrik eine Herleitung nahelegen statt eine Abgrenzung. Eigentlich müsste hier einleuchten, dass Lyrik von Anbeginn an mit Musik verbunden war, gesungen zur Lyra. Die Texte wurden vorgetragen, die Trennung von Lyrik und Musik kam erst später. Und obwohl die freien Künste sich auch darüber definieren, dass sie miteinander verschmelzen und kaum noch scharf zu trennen sind, halten die Systematiker und Dogmatiker an ihren Schubladen fest.

Für die Engstirnigen besteht Literatur darin, auf Papier geschriebene, am besten in Bücher gedruckte Wörter zu sein. Punkt. Ende der Diskussion. Denn nur so kann sie sich der Bildungsbürger in sein Regal stellen und sich an seinen gebundenen Werkausgaben erfreuen wie ein Jäger an seinen Trophäen. Wie kann man nur so Ewiggestrig und doch so geschichtsvergessen sein? Für solche Leute gelten auch Comics per se als Schund, nur weil da Wörter mit Bildern zusammenkommen.

Und doch: schon vor Jahren haben sich Verlage die Mühe gemacht, Dylans lyrics als Buch herauszubringen, eine aktualisierte Werkausgabe erscheint im November. Sogar der Reclam-Verlag hat eine Auswahl veröffentlicht. Zum Nachlesen, Mitlesen und Vollschreiben mit Anmerkungen. Und siehe da: Wenn man sich die gedruckten Fassungen der Texte anschaut, dann sehen sie doch tatsächlich wie Gedichte aus. Links viel schwarz und rechts viel weiß. Die Verse reimen sich sogar. Haben Metrum, Rhythmus, Klangfiguren, Metaphern und sonstige literarische Kniffe, die man sonst nur bei den Lyrik-Buchautoren vermutet hätte. Ja, sogar manch hintergründige „Botschaften“ wird der Exeget darin finden, weil Literatur ja immer mehr sagen muss als an der Oberfläche zu sehen ist.

Kastberger behauptet zwar das Gegenteil von alldem, aber er belegt nichts. Er spottet nur und beschwört, wie die Verteidiger der Elfenbeintürme es wohl tun müssen, das Ende des Abendlands herauf. Im Grunde zeigt sich daran das, was sich jedes Jahr zeigt: sobald der „höchte Literaturpreis der Welt“ verliehen wird, scheiden sich die Geister. Es wird sich immer jemand finden, der sagt: Warum gerade der und nicht der? XY hätte es doch viel mehr verdient! – Die Begründungen dafür sind beliebig.

Die Debatte um den Nobelpreis zeigt jedes Jahr die Absurdität solcher Veranstaltungen. Einerseits braucht sie der Kunstbetrieb, um sich selbst am Leben zu erhalten, um Bücher zu verkaufen, um Kanon zu definieren und sich von der Masse abzugrenzen. Andererseits suggerieren Preise, es gäbe objektive Kriterien, um Kunst zu bewerten und zu kategorisieren. Aber es gibt kein Punktesystem für „literarisch wertvoll“ – denn dazu müsste man ja definieren können, was das überhaupt sein soll. Die Antwort darauf werden die Experten immer schuldig bleiben müssen.

Braucht Bob Dylan einen Literaturnobelpreis? Hat er nicht schon genug Musikpreise bekommen? Ja, aber Musikpreise werden eben nur für Musik vergeben. Höchste Zeit, dass auch die Texte gewürdigt werden – und sei es, dass man ihnen offiziell das Label „Literatur“ verpasst. Damit wird zwar strenggenommen auch getrennt, was zusammengehört (genauso wie in den Druckausgaben), aber zugleich setzt die Schwedische Akademie damit ein Zeichen, dass sie sich selbst nicht zu fein dafür ist, einen Lyriker außer Acht zu lassen, nur weil er singt und Instrumente spielt. Mit dem Literaturnobelpreis 2016 knallt die Akademie es auch den unverbesserlichen Hütern der Schubladen vor den Latz: „Klar sind Bob Dylans Texte Gedichte! Sehr gute sogar!“ Und dass sie in Musik eingebettet sind, macht sie sogar noch besser.

Jeder Tag voller guter Taten

Image Comics

Image Comics

Huck ist ein hünenhafter Jedermann im ländlichen Amerika: er arbeitet bei einer Tankstelle, er ist etwas langsam. Aber er hat ein besonderes Talent: er kann Dinge finden. Und Probleme lösen. Dabei ist er sehr schnell. Er rennt wie der Wind, er springt auf die Dächer fahrender Autos und Züge und erledigt zuverlässig, was er sich vornimmt. Jeder Tag voller guter Taten. Egal, ob er einen Hund oder Entführungsopfer in Nigeria aufspüren soll, den Rasen der Nachbarn mäht oder eine Goldkette aus dem Meer fischt – Huck nutzt sein Talent, um sich nützlich zu machen. Ohne Gegenleistung, in größter Bescheidenheit.

Mark Millar erzählt in Huck eine für seine Begriffe ungewöhnliche Geschichte: es zwar geht wieder um Superhelden, aber die Story kommt ohne die übliche drastische Gewalt aus (wie etwa bei Kick-Ass oder Wanted). Vielmehr führt Millar den Superheldentopos zu seinem Ursprung zurück: Gutes tun. In aller Schlichtheit. Keine Kostüme, kein Schnickschnack. Jeder kann ein Held sein. Dafür braucht es keine Superkräfte, sondern nur eine gute Gesinnung.

Nicht von ungefähr wirkt Huck wie ein blonder Clark Kent, der in Smallville seine Kräfte erprobt, bevor er nach Metropolis geht. Die Stimmung erinnert, auch wegen der warmen, leuchtenden Farben, an die Idylle Superman For All Seasons (Superman für alle Zeiten, 1998) von Jeph Loeb und Tim Sale. Viele Sequenzen kommen ohne Text aus und lassen viel Raum für Figuren und Atmosphäre. Zeichner Rafael Albuquerque verleiht den Figuren eine einzigartige Dynamik und Lebendigkeit. Alles wirkt wie ein harmonisches Ganzes.

Da gerät die Story zur Nebensache. Huck findet heraus, dass er einen Bruder und eine Mutter hat, es läuft auf das Klischee böser Sovjet-Wissenschaftler hinaus, die Super-Soldaten heranzüchten wollen. Der dramatische Höhepunkt vergeht so schnell wie er gekommen ist, das Finale verläuft allzu einfach. Aber wie gesagt: es geht ums Wesentliche. Daher ist ein raffinierter Plot auch nicht nötig. Hier ein paar überraschende Wendungen, aber sonst nichts als tiefe Menschlichkeit, Wärme und Schönheit – ohne langweilig zu sein.

Bei all der Gewalt und Düsternis in Comics ist das eine willkommene Abwechslung. Wenn man sich ansieht, dass DC gerade mit Rebirth eine Kehrtwende zu einem positiveren Superheldenbild vollzieht, könnte Huck ein weiterer Vorbote für ein neues Bedürfnis nach Optimismus in unruhigen Zeiten sein.

Fight Club 2: Alles nur Kopie

Woran erkennt man einen Klassiker? An der Zitierbarkeit. Und an der Tatsache, dass er auch zitiert wird. Fight Club ist so ein Klassiker. Viele Sätze darin sind zum Einrahmen. Seine Fans verehren den Roman und mehr noch den Film fast so kultisch wie das Projekt Chaos seinen Anführer. Man kann faszininiert und abgestoßen zugleich sein, aber der Stoff lässt einen nicht kalt. Schon der Roman von Chuck Palahniuk aus dem Jahr 1996 polarisierte die Kritiker. Auch David Finchers geniale Verfilmung drei Jahre später. Doch im Kino war dem Film kein Erfolg beschieden. Die Zeit schien noch nicht reif für dieses Werk, das seiner Zeit weit voraus war. Erst auf DVD erlangte er Kultstatus – und zählt heute allgemein (wie etwa bei IMDb) zu den besten Filmen. Der Film verhalf auch dem Buch zu spätem Ruhm. Ende gut, alles gut. Bis jetzt. Denn jetzt erfährt die Fangemeinde: Das ist nicht das Ende. Es gibt eine Fortsetzung. Und zwar als Comic. Fight Club 2 als Comic? Hat die Gier den Autor eingeholt, sodass er die Rechte für so einen Unsinn verscherbelt? Nein, das Skript für den Comic stammt von Palahniuk selbst.

Die Handlung spielt zehn Jahre nach den bekannten Ereignissen. Der bislang namenlose Protagonist (oft fälschlicherweise Jack genannt), nennt sich nun Sebastian. Er ist mit Marla Singer verheiratet und hat mit ihr einen Sohn. Doch das Paar ist unglücklich. Sebastian unterdrückt mit Pillen seinen imaginären Freund Tyler Durden, geht wieder einem faden Brotberuf nach, Marla ist gelangweilt und frustriert und besucht wieder Selbsthilfegruppen, um anderen ihr Leid zu klagen. Der Sohn wiederum beschäftigt sich selbst mit Chemie-Experimenten, die für ein Kind seines Alters eigentlich zu hoch sein müssten. Um wieder mehr Schwung in ihr Sexleben zu bringen, sabotiert Marla Sebastians Medikamente, sodass sie mit Tyler fremd gehen kann. Doch dadurch kommt Sebastians größter Feind wieder hervor und führt seine Armee in einen neuen Plan, um die Welt ins Chaos zu stürzen. Als erstes entführt er Sebastians Sohn …

Warum eine Fortsetzung?

Zunächst muss man anerkennen, dass Fight Club 2 nicht bloß eine in Bildern erzählter Roman ist. Palahniuk und sein Zeichner Cameron Stewart machen ausgiebig von den Möglichkeiten des Mediums Comic Gebrauch, so wie der Film einst die damaligen Möglichkeiten seines Mediums ausgeschöpft hat: Parallelmontagen, Collagen, über die Seiten verstreute Nahaufnahmen von Pillen überlagern die Panels und Sprechblasen.

Doch leider wird in dem Buch nie deutlich, warum es diese Fortsetzung braucht. Fight Club 2 erschöpft sich in Selbstzitaten, all das haben wir schon einmal gelesen oder gesehen, nur dass es jetzt noch drastischer wird. Tote stehen wieder auf (Robert Paulson, Chloe), es werden noch ein paar Tabus gebrochen – bis hin zu völlig absurden Wendungen, wie dass Marla sich in einem Kriegsgebiet versteckt oder dass todkranke Kinder in den Kampf gegen Tylers Armee ziehen. Tyler will die Welt zerstören und mit einigen Auserwählten eine neue Zivilisation aufbauen. Das ist so ziemlich der abgedroschenste Mad Scientist-Plot, den es gibt. Und weil es dieses Mal auch keine überraschende Wendung gibt (wir wissen längt, dass der Erzähler und Tyler dieselbe Person sind), flieht der Autor in die Meta-Fiktion, indem er sich selbst in seine Geschichte einbaut, über die Handlung reflektiert und schließlich auch eingreift. Das funktioniert nur leidlich. Es wirkt wie ein billiger Trick. Und es rettet ihn auch nicht, dass er einige Nebenfiguren eben das kritisieren lässt. Selbstreflexion entschuldigt nicht die Einfallslosigkeit.

Nichts als Wiederholung

Auch die Figuren bekommen nicht mehr Tiefe abgerungen, im Gegenteil: sie bleiben auf dem Niveau des ersten Teils stehen. Zu Beginn gibt es noch ein paar schöne Sequenzen, die die Ehekrise versinnbildlichen, aber Charaktere gehen im allgemeinen Krawall unter. Was ebenfalls fast ganz wegfällt, ist die Philosophie hinter den Aktionen: Die einst sorgfältig aufgebaute, sich bis ins Radikale steigernde Konsumkritik ist nur noch auf Gemeinplätze reduziert, dumpfe Parolen, die den Irrsinn rechtfertigen sollen, den Tyler und seine Schergen anstellen. Das Projekt Chaos ist nichts als ein faschistoider Haufen tumber Gefolgsleute, die ebenso hirnlos ihrem charismatischen Führer folgen wie einst den Kaufbefehlen der Werbung. Mag sein, dass darin die Ironie der Geschichte besteht, aber die wurde auch schon im Original deutlich.

Fight Club war perfekt, weil es so viel ausdrückte und damit alles gesagt war. Fight Club 2 hat dem nichts hinzuzufügen außer der Wiederholung. Um es mit dem Helden aus Teil eins zu sagen: „Alles ist nur eine Kopie“. Der Comic ist eben auch nur ein Massenmedium wie das Buch und der Film, billig reproduzierbar und kommerziell. Sobald das Kunstwerk diesen Status erreicht, wird es selbst zu einem Konsumprodukt. Fight Club 2 ist leider auch nicht viel mehr als das.

Und es kommt noch schlimmer: Teil 3 ist bereits in der Mache. Es wird wieder ein Comic.

Star Trek: Beyond What?

Paramount

Retro-Poster zu Star Trek Beyond (Paramount)

Erinnert sich noch jemand an den Prolog von Star Trek? Klar, er wird ja ständig wiederholt, wenn auch mittlerweile als Epilog der Serie. Aber wann hat jemand zuletzt über seine Bedeutung nachgedacht? Egal, ob dort der Weltraum „the final frontier“ genannt wird oder von „unendliche Weiten“ die Rede ist: Die Reise der Enterprise geht stets dahin, wo nie ein Mensch zuvor gewesen ist („where no one has gone before“). Fremde neue Welten, neues Leben, neue Zivilisationen – das sollte Programm sein. Eigentlich.

(ACHTUNG SPOILER!!!)

Nachdem die ersten beiden Filme des Reboots stets Erde und die Föderation im Mittelpunkt standen, soll es nun also „Beyond“ gehen, darüber hinaus. Und so sehen wir endlich, im dritten Teil der Reihe, die Enterprise zwar durchs weite Weltall tingeln. In einem starken Monolog macht Captain Kirk deutlich, welche Entbehrungen damit verbunden sind. Aber leider sind von den fünf Jahren Mission bereits drei rum, ohne dass wir etwas davon gesehen hätten. Das Neue besteht in einem Schauwert: einer gigantomanische Raumstation, eine wahnwitzig konstruierte Megalopolis in Form einer Schneekugel – aber das war’s auch schon. Denn was folgt, kommt einem zu bekannt vor. Statt neue Welten und Zivilisationen zu erkunden, geht die Reise bloß zu einem Planeten, der der Erde sehr ähnlich sieht (wenigstens der Wald), und der Schurke entpuppt sich am Ende als ehemaliges Föderationsmitglied. Schon wieder.

Immer die alte Leier: Rache

Wie schon Khan vor ihm (und vor ihm der Romulaner Nero, und vor ihm Shinzon usw.) hegt er Rachegelüste auf die Föderation. Und er ist nicht einmal das reptilienhafte Wesen, als das er zunächst erscheint, sondern bloß ein Mensch, der zusammen mit der Lebenskraft auch das Äußere anderer Wesen annimmt. Das Fremde ist doch immer wieder das Vertraute. Und wieder endet es mit einem Finale, bei dem der Feind auf eine Stadt zusteuert, um sie zu vernichten …

Wieder wird eine Enterprise geschrottet – wie schon in Star Trek III, VII und zum Teil auch Star Trek X (in VIII wird eine Selbstzerstörungssequenz gestartet, aber wieder abgebrochen). Damit reiht sich der Film in die Tradition ein, aber die Haltbarkeitsdauer von Raumschiffen sinkt rapide. Ein Zugeständnis an den Zeitgeist der Wegwerfgesellschaft? Vielleicht. Oder auch einfach ein Trend zur Zerstörungswut in Blockbustern. Das Dumme ist nur: der Effekt verbraucht sich. Zum Trost sehen wir am Ende von Beyond eine neue Enterprise im Zeitraffer entstehen. (Was eigentlich nur ein billiger Trick ist, um die Vernichtung zu annullieren.)

Harmonie auf der Enterprise

Selbstverständlich lebt ein Science Fiction-Film wie Star Trek nicht vom Plot allein. Und so bekommen die Fans genug Weltall-Soap geboten: Kirk und Spock, Spock und Pille, Uhura und Spock – was sich liebt, das neckt sich. Nur überwiegen hier eher die Liebesbekenntnisse, die Seitenhiebe teilt man nur noch der Tradition wegen aus, und sei es um ein paar Lacher einzustreuen. Leider bleiben dabei aber die Charaktere Sulu und Chekov unterrepräsentiert, was besonders traurig stimmt, wenn man bedenkt, dass Chekov-Darsteller Anton Yelchin vor kurzem gestorben ist.

Im Weltall nix Neues? Wie schade. Dabei gäbe es in den unendlichen Weiten des Weltalls auch unendliche Geschichten zu erzählen. Stattdessen bringen die Star Trek-Macher immer wieder das Gleiche. Diese Angst vor dem Neuen, das auch Risiko bedeutet, konnte man zuletzt auch bei Star Wars beobachten, der erschreckend nah an seinen Vorlagen klebte, obwohl er genug Energie hatte, etwas Neues zu erzählen. Man muss sich daher fragen, was dieses „Beyond“ im Titel soll: Jenseits von was?

Mehr Pioniergeist bitte!

Was bleibt, ist das Spektakel. Überwältigende und überfordernde Wimmelbilder, rasante Action. Was fehlt, ist das, was Star Trek schon immer ausgemacht hat: Der Pioniergeist, der Forscherdrang, das Streben nach Wissen sowie moralische und philosophische Fragen. Zugegeben: Die Filme blieben meistens hinter diesen Tugenden der Serien zurück. Schon immer standen die Crew, alte Fehden, offene Rechnungen und Föderationsprobleme im Mittelpunkt, bekannte Spezies wie Klingonen, Romulaner und Borg dominierten. Aber vielleicht wäre es deshalb an der Zeit, diese Kinotradition zu brechen. Es ist genug Elan in dieser neuen Crew, das man sie auch mal in neue Gefilde steuern lassen könnte. Das würde auch wieder mehr Konflikte in diese all zu harmonische Familie bringen.

Bislang fehlt eine Fernsehserie, die diese Bedürfnisse der Trekkies befriedigen könnte. Nächstes Jahr soll sie kommen – aber ohne die bekannte Crew um Kirk. Aber damit allein kann es nicht getan sein. Denn es ist das Kino, das das Außerordentliche auf die große Leinwand bringen sollte. Daher wäre zu wünschen, dass die Macher der Star Trek-Filme endlich ihren Mut aufbringen, einmal über die Grenzen ihres Erfahrungshorizontes hinauszugehen. Denn um nichts anderes geht es in den Geschichten von Star Trek.

Spiel mit Haken

Star Trek TNG: The Game (S05E06)

Die Scheibe und der Trichter. Star Trek TNG: The Game (S05E06)

Man stelle es sich vor: ein Spiel, das einen die Realität vergessen lässt. Das so viel Lust bereitet, dass man nichts anderes mehr machen will. Das muss man sich nicht vorstellen, das gibt es längst. Spielsucht ist nichts Neues. Beobachten kann man sie in Casinos und Wettbüros wie an den Rechnern und Konsolen weltweit. Aber nun gibt es Pokémon Go, ein Spiel, in dem Realität und Virtuelles miteinander verschmelzen und das in wenigen Tagen nicht nur ein Hype, sondern sich so rasant wie eine Pandemie verbreitet. Es macht einem fast Angst, wie die App quer durch alle Altersschichten Menschen beschäftigt. Wie Zombies gehen sie in Scharen durch die Stadt, starren auf ihre Handys und ignorieren die einfachsten Verkehrsregeln und Privateigentum. Mittlerweile soll das Spiel im Netz populärer sein als Pornos …

Energize: Captain Picard als Zocker.

Energize: Captain Picard als Zocker.

Die Sache erinnert stark an eine Folge aus der Fernsehserie Star Trek – The Next Generation. Wieder hat sich die Science Fiction als visionär erwiesen. In „The Game“ (dt. Gefährliche Spielsucht, Staffel 5, Episode 6, 1991), verfällt die Crew einem ganz ähnlichem Spiel, das sich ebenfalls vor dem Hintergrund der Realität, aber als Projektion vor den Augen entfaltet. Man setzt sich ein Gestell auf und los geht’s. Ziel des Spiels ist es, mittels Willenskraft rote Scheiben in violette Trichter zu werfen. Als Belohnung wird das Lustzentrum im Hirn stimuliert.

Riker ist begeistert.

Riker ist begeistert.

Der erste Offizier, Commander Riker, bringt das Spiel von einer Reise mit. An Bord entwickelt sich ein Trend, dem bald alle anheimfallen. Die Besatzung macht kaum noch etwas anderes, als verträumt vor sich hinzustarren – auch beim Gehen. Nur der kleine Sternenflotten-Kadett Wesley Crusher und seine Freundin widersetzen sich dem Spiel und finden heraus, dass es nicht nur süchtig macht, sondern auch das Denken ausschaltet. Wesley sucht Hilfe bei Captain Picard, doch auch er ist schon auf dem Trip hängengeblieben. Schließlich fliegen die jugendlichen Rebellen auf, werden von ihren Freunden und Kollegen gefangen genommen und zum Spiel gezwungen. Es ist ein Alptraum, nicht von ungefähr erinnert der dramatische Höhepunkt im Finale an den Film Clockwork Orange.

Gezwungen zur Gehirnwäsche: Clockwork Orange lässt grüßen.

Gezwungen zur Gehirnwäsche: Clockwork Orange lässt grüßen.

Am Ende kann interessanterweise nur eine andere Maschine gegen das Computerspiel helfen: Commander Data, ein Android, der präventiv von der Crew ausgeschaltet wurde, erwacht aus seiner Starre und bringt mittels eines Blinklichts alle wieder zur Vernunft.

Data in The Game.

Deus ex machina bringt Erleuchtung.

Während sie in der Star Trek-Episode alle irgendwann mit diesen Aufsätzen durch die Gegend laufen, ist es jetzt das Smartphone, das sich die Leute vors Gesicht halten, während sie virtuellen Monstern nachjagen – und dabei die Welt um sich herum ausblenden. Bei Star Trek wird das Spiel nicht nur als Droge gefährlich: es ist ein perfides Mittel der Unterwerfung der Sternenflotte durch Aliens. Nintendo wird wohl nur eine Absichten verfolgen: Profit. Eingriffe in ihre Gehirne und ihre Lebenswelt lassen die Menschen von ganz allein zu. Und das einzige Blinklicht, das sie am Ende aus der Hypnose befreit, wird wohl bloß der nächste Hype sein …

Die Monster sind überall

Twilight Zone: Maple Street

Maple Street – eine ganz normale Straße. Nicht nur in der Twilight Zone.

Es soll Leute geben, die haben keinen Fernseher – und sind auch noch stolz drauf. Wozu braucht man auch so ein Ding, wenn es Internet gibt? Einschalten lohnt sich ohnehin meist nicht. Es sei denn, man will sich informieren – aber das Fenster in die Welt zeigt hässliche Dinge: In den USA erschießen Polizisten Zivilisten wegen ihrer Hautfarbe. Zivilisten schießen zurück. Einige Wochen zuvor erschoss ein Mann einige Menschen wegen ihrer Sexualität. Und in Deutschland werden Menschen angegriffen wegen ihrer Herkunft. Ganz zu schweigen vom Rest der Welt.

Manchmal aber lohnt sich der Blick in die Glotze. Nicht, um dem Grauen zu entgehen, sondern um ihm auf ungeahnte Weise zu begegnen und den Blick  für die Ursachen zu schärfen. In der Urzeit des Fernsehens gab es eine Serie mit dem Namen The Twilight Zone (1959-1964). Der erste deutsche Titel lautete „Unwahrscheinliche Geschichten“, und tatsächlich erzählen die meist 20-minütigen Episoden allerhand Kurioses, mit dem sich die Wahrscheinlichkeitskrämer dieser Welt, die Realisten, nicht abgeben müssen, weil es scheinbar nichts mit ihnen zu tun hat.

Twilight Zone

Twilight Zone

Es gibt aber eine Ausnahme. Eine dieser Episoden passt damals wie heute, weil sie nicht vom Fantastischen, sondern der harten Realität handelt: The Monsters Are Due On Maple Street (S01E22, dt. Die Monster der Maple Street). In dieser Episode gibt es fast nichts Übernatürliches, jedenfalls nichts von Belang. Es sind die Menschen, die zu Monstern werden. Die Handlung spielt in einer klassischen Vorstadt-Idylle der USA. Eines Abends sehen die Menschen ein ungewöhnliches Licht am Himmel flackern – und plötzlich gehen bei ihnen die Lichter aus. Kein Strom mehr, nicht einmal Autos funktionieren. Außer bei einem. Sein Auto springt plötzlich von selbst an. Dass es kurz darauf wieder aufhört, spielt keine Rolle. Denn die Nachbarn sind skeptisch geworden.

Ein Junge hat ihnen von seinen Comicgeschichten erzählt, in denen Alien-Invasionen immer damit beginnen, dass der Strom ausfällt, um die Menschen verwundbar zu machen. Obwohl die Geschichten des Jungen Fiktion sind und die Menschen das wissen, nehmen sie sie wörtlich und suchen die Realität nach Gemeinsamkeiten ab. Also ist der Nachbar, dessen Auto plötzlich läuft, ein potenzielles Alien, das sich in Menschengestalt unter ihnen versteckt hält. Den Bewohnern der Maple Street fallen dann einige Seltsamkeiten an ihm auf, etwa dass er nachts in die Sterne sieht. Der Mann beteuert, bloß an Schlaflosigkeit zu leiden, doch der Mob hat Blut geleckt.

Twilight Zone: Maple Street

Auch in der Maple Street hängen Waffen griffbereit.

Die Hexenjagd verlagert sich auf andere, die Menschen werden paranoid, bis einer, bei dem die Schrotflinte sehr locker sitzt, einen Unschuldigen erschießt. Daraufhin gehen bei ihm zu Hause die Lichter an. Der Mörder wird zum Sündenbock, jemand wirft den ersten Stein und die ganze Stadt bricht in Chaos aus.

Am Ende stellt sich heraus, dass doch Außerirdische für den Vorfall verantwortlich sind. Mit einem simplen Mittel wie einem Stromausfall hetzen sie die Menschen gegeneinander auf, damit sie sich gegenseitig ausschalten. Die Welt, so sagen sie zynisch, sei voller Maple Streets – und so ziehen sie von einer zur anderem, um überall gleich vorzugehen.

„There are weapons that are simply thoughts, attitudes, prejudices – to be found only in the minds of men“, resümiert der Erzähler Rod Serling in seinem Epilog. „For the record, prejudices can kill – and suspicion can destroy – and a thoughtless frightened search for a scapegoat has a fallout all of its own – for the children – and the children yet unborn.“ So etwas gebe es nicht nur in der Twilight Zone. Man kann auch sagen: Solche Dinge gibt es nicht nur im Fernsehen.

Twilight Zone: Maple Street

Weiter zur nächsten Maple Street.

Die Folge erschien im Jahr 1960, einige Jahre nach dem Ende der Kommunistenhetze der McCarthy-Ära, einige Jahre vor dem Ende der Rassentrennung. 56 Jahre später scheint sich in Sachen Vernunft nicht viel getan zu haben. Die Evolution schleicht. Und beim Menschen macht sie immer wieder einen Sprung zurück. Man sollte diese Parabel auf die Menschheit jedem Schulkind zeigen. Vielleicht wäre das ein erster Ansatz, den Einfältigen endlich Vernunft einzuhämmern.

Manchmal sollte man das Fernsehen nicht zu früh abschreiben.

Wenn die Lichter ausgehen.

Wenn die Lichter ausgehen.

>> Die Episode findet sich auf der DVD der ersten Staffel von Twilight Zone.