Manifest

Zum Beginn eine kurze Einführung: Was das mit Fragmenteum soll, warum es an den Geist der Romantik anknüpfen will und warum Friedrich Schlegel (1772-1829) der erste Blogger war.

Was ist das Posten, Twittern und Bloggen, heute anderes als ein permanentes Produzieren von Fragmenten? Flüchtige Bruchstücke, Verweise auf anderes, Andeutungen, Teile für das Ganze, die dabei zusammengenommen selbst ein Ganzes bilden – das All und schöpferische Chaos des Internets. Und jetzt auch noch dieses: Das Fragmenteum.

Obwohl die Tendenz des Zeitalters ein Produkt relativ junger technischer Möglichkeiten ist, liegt der geistige Ursprung in weiter Vergangenheit. Das Posten vorweg genommen haben die Frühromantiker um 1800, die mit ihrer Zeitschrift Athenäum bereits ähnliches, wenn auch noch in analoger Buchform, versuchten. Sie war ein Kollektivwerk, jeder brachte etwas aus seinem Fachgebiet mit, man vermischte Wissenschaft und Philosophie mit Poesie und Kunstbetrachtung (Kritik). Es ging um eine „Verbrüderung der Kenntnisse und Fertigkeiten“, wie es im Vorwort des ersten Bandes heißt. Man wollte „in Briefen, Gesprächen, rhapsodischen Betrachtungen und aphoristischen Bruchstücken“ Universalität schaffen. Und das alles sollte „unmittelbar auf Bildung abzielen“. Bildung war immer ganzheitlich gemeint: Nicht als Ausbildung, sondern als Herausbildung einer Persönlichkeit aus sich selbst.

Besonders deutlich wurde der Anspruch der Frühromantiker in den Fragmenten, eben jenen „aphoristischen Bruchstücken“.

Es handelte sich dabei um eine Sammlung relativ kurzer Texte, häufig im Twitter-Format, manchmal nur einen Satz oder wenige Sätze lang, aber nicht länger als ein bis zwei Seiten. Zwar erinnerten sie in ihrer Sentenzhaftigkeit zum Teil an Aphorismen, sollten aber „eine ganz neue Gattung seyn“, wie ihr Erfinder, Friedrich Schlegel, postulierte. Schlegel schätzte den Einfall. Er selbst notierte sich häufig kurze Ideen zu den verschiedensten Themen. Daraus sind dann seine Fragmente entstanden; einen Teil davon veröffentlichte er bereits in der Zeitschrift Lyceum. Schlegel wollte in den Athenäumsfragmenten „die größte Masse von Gedanken in dem kleinsten Raum“ schaffen, aber nicht nur „einzelne Sentenzen und Einfälle“ versammeln, sondern „kondensirte Abhandlung und Charakteristik, Recensionen“ darin enthalten sehen.

Bei aller Gebrochenheit war das Ziel immer: das Große Ganze, „Universalität„, die nicht nur darin bestand, die einzelnen Geistesdisziplinen, sondern auch die literarischen Gattungen zu vereinen. Schlegel nannte das Ziel „Universalpoesie“, auch wenn er sich bewusst war, dass es ein utopisches Ziel war. Aber darauf waren die Fragmente wie die gesamte romantische Poesie ausgelegt: Auf Progressivität des Denkens, Reflexion und Selbstreflexion, ein ständiges Voranschreiten, Vervollkommnung ohne das eigentliche Ideal zu erreichen (oder erreichen zu können). Die romantische Poesie – und auch die Fragmente – sind „immer im Werden“.

Die Fragmente entsprachen diesem progressiven Gedanken, weil sie nicht für die Ewigkeit angelegt waren. Sie sollten sich gegenseitig  kommentieren, gar sich selbst widersprechen und somit Katalysator für das eigene Denken des Lesers sein. Ein Fragment war, wie heute jeder Tweet und Blogpost, veraltet, sobald es geschrieben war. So idealistisch das alles anmutet – es war alles andere als ernst gemeint.

Witz und Ironie herrschten in diesem Verfahren vor. Das war höchst provokativ: „Gute Dramen müssen drastisch sein“, liest man da, oder „Man kann nur Philosoph werden, nicht es sein. Sobald man es zu sein glaubt, hört man auf es zu werden.“ Besonders provozierte Schlegel mit der Behauptung, die größten Tendenzen seines Zeitalters seien die Französische Revolution, Fichtes Wissenschaftslehre und Goethes Wilhelm Meister-Roman. Überhaupt: Es kam auf die bloße Behauptung an. Erklären hielt Schegel für überflüssig.

Fragmente waren, in ihrer Masse, keine Sache eines Einzelnen – weder in der Rezeption noch in der Produktion. Schlegel wollte auch beim Schreiben nicht allein sein. Er forderte seine Mitstreiter auf, Fragmente zu liefern, je mehr desto besser: „Glaubt mir, je mehr Fragmente gegeben werden, je weniger Monotonie, und je mehr Popularität. Die Menge muß es machen.“ Doch die Resonanz war gering; schließlich steuerte er selbst die meisten Texte bei.

Immerhin hatte auch der Freund Friedrich von Hardenberg (Novalis) eine kleine Sammlung zu bieten, den Blüthenstaub. Novalis sprach von „litterarische Sämereyen„: „Es mag freylich manches taube Körnchen darunter seyn: indessen, wenn nur einiges aufgeht!“ Das entsprach dem Konzept der Fragmente: Entwicklung vom Samen zur Pflanze, zur Blüte, zur Frucht. Schlegel selbst hat sich so geäußert. Bei den neuen Fragmenten „sollen mehr Früchte drin seyn, und weniger bloß Blüthen“. Das entsprach auch der Bedeutung des Bildungsbegriffs als einer Herausbildung innerer Anlagen.

Der Erfolg des Athenäums war bescheiden, das Projekt scheiterte. Sechs Hefte erschienen zwischen 1798 und 1800, dann wurde die Zeitschrift eingestellt. Damit war auch die Zeit der Fragmente, deren zweiter Schub bereits bloß noch Ideen hieß, vorbei. Mehr als 200 Jahre später hätten die Frühromantiker wahrscheinlich eine andere Form der Mitteilung gewählt: Das Twittern und Bloggen. Denn erst diese Medien bieten die Möglichkeit, nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern auch der Vernetzung und Interaktion. (Ganz abgesehen davon, dass es billiger ist.) Der Wunsch, mit den Fragmenten Gedanken anzustoßen und zum Selberdenken anzuregen, hätte in Leserkommentaren seinen Raum gefunden. Man hätte mit seinen Lesern in Dialog treten können: Auf Twitter, Facebook oder im Blog. Das Athenäum wäre heute ein Forum des Austauschs.

In dieser Tradition versteht sich auch dieses Projekt, das Fragmenteum. Wie einst das Athenäum der Antike, die Heiligstätte der Athene, eine Schule der allgemeinen Wissenschaften (Artes Liberales) und ein Ort für die Vorträge von Dichtern war, wie später die Zeitschrift Athenäum ein Organ war, das Disziplinen, Gattungen und Ansichten konzentrierte und miteinander vereinte, so soll auch das Fragmenteum ein Raum für flüchtig hingeworfene Samen sein, die einmal aufgehen sollen, für lauter Bruchstücke, die zu vervollständigen sind.

Das Fragmenteum ist ein Blog für das, wie Schlegel es nannte, „Interessante und Frappante“. Es soll um Kultur und Bildung gehen, im weitesten Sinne: um Literatur, Filme, Musik und Kunst, angenähert durch Berichte und Besprechungen, Kommentare und Glossen, Essays und Stories, angereichert mit dem Zaubermittel der Ironie. Im Vordergrund stehen soll aber vor allem die Unterhaltung – in beiden Wortsinnen: Ein erfreuliches Gespräch.

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