„Serien sind nicht mein Ding“

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Auf dem Podium (von links): Julika Griem, Eva Geulen und Heinz Drügh. (Foto: Gedziorowski)

Drei Literaturprofessoren der Goethe-Universität sprachen am Mittwoch im Museum für Moderne Kunst Frankfurt (MMK) darüber, warum sich Philologen für TV-Serien interessieren. Eine Podiumsdiskussion des Exzellenzclusters Normative Ordnungen im Rahmen der B3 Biennale des bewegten Bildes. 

„Nicht Serien, sondern Texte sind mein Ding“, gestand Literaturwissenschaftlerin Eva Geulen zu Beginn der Diskussion am Mittwochabend im MMK. Damit zeigte sie bereits das Dilemma: Wenn Philologen über TV-Serien forschen, kommen die Literaturwissenschaftler in Erklärungsnöte. Darum fragen sich wohl immer noch so viele von ihnen, warum sie sich so sehr von dem neuen Serienhype einnehmen lassen. Ständig ist in diesem Zusammenhang von „(US) Quality-TV“ die Rede, von den Serien als den „(Gesellschafts)Romanen des 21. Jahrhunderts“, von Erzähltraditionen wie dem Realismus und dem Fortsetzungsroman, die als Vorbilder für die neuen Formate gelten.

So kamen auch die drei Philologen auf dem Podium – Heinz Drügh, Eva Geulen und Julika Griem – nicht umhin, diese Schlagwörter einzuwerfen. Geulen stellte zu Beginn fest, dass sich der Gegenstandsbereich der Literaturwissenschaftler seit Jahren vergrößert habe. Bei Serien habe man ein gutes Gewissen, weil sie nicht nur qualitativ hochwertig, reflexiv und komplex seien, sondern wegen ihrer Popularität auch aktuell und damit relevant. Geulen nannte dies die Vereinbarkeit von „Qualität und Popularität“.

Julika Griem, Professorin am Institut für England und Amerikastudien, steckte ihr Aufgabenfeld klar ab: Ihr Job sei es zu fragen, unter welchen Bedingungen Serien Literarizität zugeschrieben werde. Die Frage, warum wir uns in amerikanische Serien verlieben, beantwortete sie sich selbst: „Wir scheinen ein Amerika wiederzufinden, das wir verloren zu haben glauben.“ Außerdem würden darin Erzählwelten geschaffen, in denen man sich verlieren kann.

Der Germanist Heinz Drügh sieht das Potenzial der Serien in ihrer Ausführlichkeit. Darin seien sie anderen Medien überlegen. „Man kann viel mehr zeigen als im Buch“, sagte er. In einem Kinofilm sei eine ausführliche Darstellung verschiedener Perspektiven wie in The Wire nicht möglich.

Doch es sind nicht nur Literaturwissenschaftler, die Serien analysieren. Manchmal werden auch Laienzuschauer zu Exegeten. Griem nannte als Beispiel die Serie Lost, die die Fans gelesen hätten „wie Philologen einen schwierigen Text“. Gleichzeitig schrieben die Zuschauer an der Serie mit, wodurch sie zu einem interaktiven Ereignis wird. Drügh betonte die Merfachcodiertheit der Serie: Man könne sich Serien wie Lost spaßeshalber angucken, oder reflektiert: „Man kriegt eine Menge aus Lost raus, wenn man nachdenkt.“

Weil sich die neuen TV-Serien in der Tradition des Realismus bewegten, stehen sie für Geulen nicht für neue Formen des Erzählens, sondern der Rezeption. Durch die technischen Möglichkeiten habe sich das Sehen verändert: Über DVD oder Streamingdienste schaut man mehrere Staffeln auf einmal, mindestens mehrere Episoden hintereinander, man schaut kollektiv online. Mit einer App wie IntoNow von Yahoo wird das Ferhsehen zum Multitasking-Prozess, weil man das Seherlebnis unmittelbar mit über Facebook teilen kann.

Im letzteren Punkt bestand weitgehend Konsens. Julika Griem sagte, dass Serien eine große Herausforderung für die Rezeptionsforschung seien. Das mag einerseits stimmen, andererseits ging Geulen zu weit, als sie sagte, dass der Seriencharakter aufgehoben sei, wenn ein Video-on-Demand-Anbieter wie Netflix alle 13 Folgen seiner Serie House of Cards auf einmal veröffentlicht. Denn damit übersieht sie, dass es andere Kriterien gibt, die die Serialität ausmachen: Formale Elemente, die auf Wiederholung angelegt sind, wie den (immer gleichen) Vor- und Abspann, dramaturgische Bögen innerhalb einer Folge, oder ganz einfach Anfang und Ende von Episoden, die (in der Regel) zwischen 20 bis 60 Minuten lang sind, und an die sich mehrere Fortsetzungen anschließen. Relevant ist die Ausstrahlung im wöchentlichen Turnus nur bei der Premiere, spätestens nach der DVD-Veröffentlichung werden Serien so rezipiert, wie die Zuschauer es wünschen.

Doch auch das ist keine wesentlich neue Rezeptionsform: Ebensogut kann man einen Roman immer und überall lesen, die Lektüre jederzeit anhalten und sie je nach Lust wiederaufnehmen. Man kann höchstens sagen, dass im DVD- und Internetzeitalter sich die Fernsehserie vom Fernsehprogramm emanzipiert hat, ebenso wie sich der Film seit dem Fernseh- und VHS-Zeitalter vom Kino gelöst hat, womit allerdings nur gesagt ist, dass die Filme und Serien dank des technischen Fortschritts in Sachen Verfügbarkeit mit Büchern gleichgezogen sind.

Geulen charakterisierte die Serien als „ortsgebundene Milieustudien“. Die Konstante des Orts schaffe eine „narrative Verlässlichkeit“. Doch ihre These fiel nicht auf fruchtbaren Boden – auch wenn sie mehrfach in Erinnerung rief. Denn Geulen irrt: Ihre These mag auf The Wire zutreffen, aber kaum auf Breaking Bad. Erst recht nicht, wenn sie behauptet, dass sich in Serien im Wesentlichen nichts ändere. Gerade bei Breaking Bad passiert wohl der radikalste Wandel, den man bisher in einer Serie zu sehen bekommen hat: Die Wandlung vom spießigen Durchschnittsmann zum mörderischen Drogenimperator, von der keine Figur verschont bleibt. Es mag sein, dass Serien auf Wiederholung angelegt sind, aber die Status-Quo-Serie ist längst überholt. Das zu übersehen muss ebenso stutzig machen wie die Aussage, dass es in Breaking Bad eher um New Mexico als um den Protagonisten Walter White gehe.

Was also macht die Serie aus? Martin Seel, der im Publikum saß, hatte eine einfache Antwort: Es ist das ungewisse, hinausgezögerte, offene Ende. Anders als der Film oder der Roman stehe das Ende der Serie am Anfang nicht fest. Das verführt einerseits zum Weiterschauen (Prinzip Cliffhanger), andererseits birgt es auch für den Zuschauer die Angst, dass das Ende unverhofft kommt: Zum Beispiel, weil die Serie abgesetzt wird und Handlungen unabgeschlossen oder gar Fragen offen bleiben (z. B. wie bei Twin Peaks).

Ein Zuhörer verwies in diesem Zusammenhang auf Game of Thrones, eine Serie, die auf der noch laufenden Fantasy-Buch-Mehrteilers Das Lied von Eis und Feuer basiert. Stirbt der betagte Autor George R. R. Martin vor der Vollendung seiner auf sieben Bände angelegten Buch-Serie, könnte auch die TV-Serie als Fragment enden. Drügh nannte dieses Phänomen die „Angst vor dem Ende“ und verwies dabei auf die Erzähltradition aus Tausendundeiner Nacht. Folglich ist das serielle Erzählen auf Unendlichkeit angelegt. Griem sprach von einem „Dilemma des Endenmüssens“.

[HINWEIS: Der Text ist eine Variation meines Artikels, der am 1.11.2013 in der FR erschienenen ist.]

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