„We don’t make vanilla ice cream“

Mari Kornhauser und Christoph Dreher. (Foto: Gedziorowski)

Nach der Vorführung: Tremé-Koautorin Mari Kornhauser und Filmemacher Christoph Dreher im Gespräch. (Foto: Gedziorowski)

Der Filmemacher Christoph Dreher hat eine Dokumentation über „US-Serien und ihre Macher“ gedreht: „It’s more than TV“, heißt der Film, in dem Dreher mit den Leuten hinter Oz, The Wire, Tremé und Breaking Bad spricht. Am Samstag wurde die Doku bei der B3 Biennale des bewegten Bildes in Frankfurt erstmals gezeigt. Im Dezember soll sie bei Arte laufen.

Warum nicht einfach mal den Protagonisten in der Pilotfolge töten? So geschehen in der Gefängnis-Serie Oz. „Das hat die Leute umgehauen“, sagt Showrunner Tom Fontana. „Das wurde nie zuvor gemacht.“ Im Jahr 1997 entsprach das der Philosphie des Senders: „It’s Not TV. It’s HBO“. Und mit Oz begann eine neue Ära, die man heute „Golden Age“ oder einfach „US Quality TV“ nennt. Es folgten The Wire und Tremé, später kamen andere Sender wie AMC mit Breaking Bad.

Weil diese Serien vor allem von ihren Autoren geprägt werden, nennt Filmemacher Christoph Dreher sie „Autorenserien“. Immer mehr Sender wagten dieses „radikale Erzählfernsehen“, das vom „Mut der Macher“ getrieben sei, „keine Kompromisse einzugehen“. In seiner Dokumentation spricht er mit den Schöpfern der genannten Serien über ihre Arbeit. Der erste ist Tom Fontana, der auch schon an der NBC-Polizeiserie Homicide mitgewirkt hat, einer Art Vorgänger zu The Wire, da sie auf einem Buch von David Simon basiert. Von 1997 bis 2003 war Fontana für Oz verantwortlich. Die Serie wurde in Deutschland bisher nicht ausgestrahlt (das soll laut Wikipedia im Herbst 2013 auf Sky nachgeholt werden). Die in der Doku gezeigten Ausschnitte machen deutlich, dass dies keine gewöhnliche Gefängnisserie ist.

Für seinen Film hat Dreher Fontana nach Deutschland geholt und ihn durchs Gefängnis Stammheim laufen lassen. Warum auch immer. Jedenfalls erfahren wir, dass Fontana zwei Jahre lang gründlich in Gefängnissen recherchiert hat, (unter anderem auf Robben Island, wo Nelson Mandela einsaß), um seine „poetische Studie“ anzufertigen. Dem Autor wurde freie Hand gelassen. Die Charaktere mussten nicht sympathisch, aber interessant sein, lautete die Vorgabe von HBO. Fontana war ganz aus dem Häuschen: „Ich hätte sterben können“, sagt er. „Das war der glücklichste Tag meines Lebens.“

Tom Fontana wird als ein besessener Autor dargestellt: Sein Haus ist eine riesige Bibliothek mit ein paar Schreibtischen, an denen auch andere Autoren in Ruhe arbeiten dürfen. Er liebe es zu schreiben und sich darin zu verlieren, sagt er. „Ich bin gesegnet, für etwas bezahlt zu werden, das ich auch umsonst machen würde.“

Die Lasten des Showrunners

Ganz anders sieht es Breaking Bad-Schöpfer Vince Gilligan: „Writing is not fun.“ Befriedigend sei nur, geschrieben zu haben. Gilligan ist kein Einzeltäter, sondern ein Team-Schreiber. Wir sehen, wie er mit seinen Autoren in einem engen Zimmer sitzt, dem Writer’s Room, und die nächsten Episoden ausheckt. An der Wand hängen die Karten, auf denen der Plot skizziert ist. Er sei ein Kontrollfreak, sagt Gilligan über sich selbst, nur um einzuräumen, dass es nicht gesund sei. Daher arbeite er mit den „besten Leuten“ zusammen, die sich wie er für das Werk begeistern. Was daraus wird, bringt Michael Slovis, Director of Photography, auf den Punkt: „Nichts ist zufällig in dieser Serie, nichts passiert von ungefähr. Jede Handlung hat Konsequenzen.“

Das ist der Grund für die Qualität von Breaking Bad, von der Produzent Stewart A. Lyons sagt, dass das Team eigentlich einen Spielfilm pro Woche drehe. Man merkt den Beteiligten, die Dreher interviewt, an, dass sie nicht nur die übliche Lobhudelei ablassen, sondern sich für ihre Arbeit an der Serie begeistern. Hauptdarsteller Bryan Cranston sagt mit einer gewissen Selbstgefälligkeit, er wisse, dass man mit der Serie nicht die Massen anspreche, aber man wolle das auch nicht. „We don’t make vanilla ice cream.“

„Wahrheit“ für fiktionale Geschichten

Dass Autorenserien trotz der wachsenden Anzahl und der Zuschauer immer noch Nischen bedienen, wird vor allem bei den Schöpfern von The Wire und der Nachfolgeserie Tremé deutlich. Showrunner David Simon spricht selbst davon. Und es klingt nach Dankbarkeit, dass er bei HBO bisher die Geschichten erzählen durfte, die er erzählen wollte – unabhängig von kommerziellem Erfolg. Nach einer fast schon dokumentarischen Gesellschaftsstudie Baltimores in The Wire wird in Tremé die Stadt New Orleans nach dem Hurrikan Katrina porträtiert. Der große Unterschied: War bei The Wire die Musik eine Beiläufigkeit, die meistens – wenn überhaupt – nur im Hintergrund der Szene lief, steht sie in der neuen Serie im Vordergrund: „Die Musik ist der eigentliche Protagonist der Serie“, sagt Simon.

Trotzdem geht es auch um die Menschen. Und um eine möglichst große Authentizität zu erzeugen, haben die Autoren die Menschen auf der Straße nach ihren Erfahrungen befragt. Simon nennt das die „Wahrheit für eine fiktionale Geschichte“. Er interessiere sich für das „Wirkliche“. Doch offenbar tun das nicht viele Zuschauer. Die Quoten für Tremé sind bisher schwach gewesen: Selten mehr als eine Million Zuschauer, zuletzt gerade mal eine halbe Million. Weil das selbst für einen quotenunabhängigen Kabelsender wie HBO zu wenig ist, hat der Sender für die vierte und letzte Staffel auch nur fünf statt zehn Folgen genehmigt, damit immerhin die Story zu einem Abschluss kommen kann. In Deutschland lief die Serie bisher nur im Pay-TV, eine DVD-Ausgabe ist bisher nicht erschienen.

Drehers Dokumentation wäre durchaus kurzweilig geraten, würde auch er nicht der Manieriertheit verfallen, an der viele Dokus heute kränkeln: Eine Handkamera, die nervig unruhig ist, zu nah auf Gesichter drauf hält, mit plötzlichen Zooms und Unschärfen arbeitet und immer wieder Kamerastative und Scheinwerfer zeigen, damit auch immer die Selbstreflexivität deutlich wird, es handle sich um einen Dokumentarfilm. Zudem muss man sich fragen, ob es wirklich nötig ist, dass der Filmemacher Dreher selbst im Bild zu sehen ist. Auch wenn es um Autoren geht, hätte es dem Film gut getan, wenn sich der Autor etwas zurückgenommen hätte. Genug Vorbilder hatte er ja vor der Kamera, die es vormachen: Ein guter Autor sollte hinter seinem Werk verschwinden.

(HINWEIS: It’s more than TV – US-Serien und ihre Macher läuft am 6. Dezember 2013 auf Arte. Beginn: 23.15 Uhr. Zuvor werden die ersten beiden Folgen der fünften Staffel von Breaking Bad gezeigt.)

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