Vom Klempner zum Präsidenten

House of Cards

Na, geht doch! Sat.1 mausert sich: Nachdem der Sender in diesem Jahr damit begonnen hat, die politische Serie Homeland auszustrahlen, ist jetzt ein weitere dran: House of Cards. In dem Emmy-preisgekrönten Werk spielt Kevin Spacey einen Kongressabgeordneten, der virtuos das Spiel der Politik betreibt, um ganz nach oben zu kommen. Das ist eine Drecksarbeit, aber sauber inszeniert.

Bei vielen guten Werken ist alles schon am Anfang gesagt. In der Serie House of Cards sind es die ersten drei Minuten und 15 Sekunden, die reichen, um zu verstehen, wo der Hund begraben ist. Buchstäblich. Es beginnt mit einem Unfall. Fahrerflucht. Ein Hund liegt im Sterben. Ein Mann kommt aus dem Haus, sieht die Szene, kniet sich vor das leidende Tier. „Es gibt zwei Arten von Schmerz“, sagt er in die Kamera. „Den Schmerz, der einen stärkt und sinnlosen Schmerz. Der Schmerz, der nur Leid mit sich bringt. Ich bin nicht geduldig, wenn etwas sinnlos ist.“ Dann bringt der Mann den Hund eigenhändig um. „Momente wie diese erfordern jemanden, der handelt, der das Unangenehme übernimmt, das Notwendige. – So kein Schmerz mehr“, sagt er trocken nachdem das letzte Jaulen und Winseln vorbei ist.

Der Mann, Frank Underwood, Fraktionsvorsitzender der Demokraten im US-Kongress, ist offenbar so ein Typ. Ein Mann fürs Grobe, die Drecksarbeit, er halte, wie er sagt, die „Dinge am Laufen“: „Mein Job ist, die Rohre durchzublasen, damit die Scheiße abfließen kann“, gesteht er den Zuschauern. „Aber ich muss nicht mehr lang den Klempner spielen. Ich hab auf das richtige Pferd gesetzt und gewonnen.“ Dieses Pferd ist der neue US-Präsident, an den sich Underwood früh „drangehängt“ und sich „unersetzlich gemacht“ hat. „Ob ich ihn mag? Nein. Ob ich an ihn glaube? Das ist unerheblich.“ Denn der Politiker hat eigene Pläne.

Wie diese aussehen, muss man schon selbst herausfinden und sich House of Cards ansehen. Schon allein wegen der souveränen Vorstellung von Kevin Spacey in der Hauptrolle, der die Handlung immer wieder durch die vierte Wand ironisch kommentiert. Und auch wegen der Bilder, mit der Regisseur David Fincher in den beiden Pilotfolgen den Stil der Serie vorgibt. Es ist ein kühler, steriler, auf Hochglanz polierter Stil, eine ruhige Kamera blickt nüchtern auf das Geschehen. Man möchte fast sagen: Abgebrüht. Wie sein Protagonist.

Frank Underwood ist ein Mann, der alle Tricks kennt. Er weiß, mit wem er sich gut stellen muss, wem er was erzählen und wie er mit den Menschen reden soll, damit sie tun, was er will. Einmal sagt er, er habe ein Land zu regieren. Da zeigt sich, wer die wahre Macht hat. Doch so selbstsicher sich Underwood am Anfang darstellt, so sehr wird er zu Beginn enttäuscht: Obwohl ihm der Posten als Außenminister versprochen wurde, bekommt ihn ein anderer. Daraufhin beginnt der Geprellte und in seinem Stolz Verletzte ein intrigantes Spiel, um doch zu bekommen, was er will: den Aufstieg.

Jeder bringt sein Opfer, um sein Ziel zu erreichen

Wie schon die Eingangsszene mit dem Hund zeigt, scheut er nicht davor zurück, sich die Hände schmutzig zu machen. Vor allem aber beherrscht er die Kunst, sie trotzdem sauber aussehen zu lassen. Er manipuliert Demokraten und Republikaner, Gewerkschaftler und Öffentlichkeit, rein pragmatisch fängt er sogar eine Affäre mit der jungen Journalistin Zoe Barnes an. Bei der Affäre prostituieren sich beide, um ihre jeweiligen Karrieren voran zu bringen. Doch es ist nicht das übliche Fremdgehen: Franks Frau Claire (Robin Wright) weiß offenbar davon und sieht es als notwendiges Opfer an. Bei einem Ritual am frühen Morgen, wenn das Ehepaar am Fenster steht und sich eine Zigarette teilt, erzählen sich die beiden Partner alles, was sie umtreibt. Zusammen mit Franks Monologen durch die vierte Wand sind diese Szenen die intimsten und ehrlichsten Momente der Serie. Claire scheint in dem Schachspiel eine Dame zu sein, die treu zu ihrem König hält und sich für ihn aufopfert, jedenfalls solange bis ihre persönlichen Ambitionen überwiegen. Gemeinsam bilden die Underwoods ein Team, das ein klares, wenn auch nicht ausgesprochenes Ziel verfolgt. Was das sein könnte, deutet das Titelbild an: Frank Underwood auf dem Lincoln-Thron – mit blutigen Händen.

House of Cards ist eine US-Adaption der gleichnamigen BBC-Miniserie aus dem Jahr 1990, die wiederum auf einem Roman von Michael Dobbs beruht. Produziert wurde sie für den Video-on-Demand-Dienst Netflix, der alle Folgen am 1. Februar 2013 simultan online veröffentlicht hat. Manche mögen darin eine Revolution sehen, doch eigentlich ist es der nächste logische Schritt im Internetzeitalter. Netflix macht endlich das, was längst möglich ist. Warum die Zuschauer mit Wartezeiten von einer Woche bis zur neuen Folge quälen, wenn sie früher oder später ohnehin so schauen, wie sie es möchten? Diese Serie verliert ihre Spannung, wenn man zu große Pausen macht. Das Beispiel Netflix zeigt: Das alte Fernsehen ist tot; doch das Beste, was es hervorbringt, erlebt eine digitale Renaissance in anderen Medien.

Nur der Vorspann ist zu lang

Mit neun Nominierungen war House of Cards einer der Favoriten bei den diesjährigen Emmy-Verleihungen. Bekommen haben ihn Regie, Kamera und Casting, verdient wären auch die Preise für die beste Drama-Serie, die Hauptdarsteller und die Musik gewesen. Einziger Wermutstropfen ist vielleicht der Vorspann, der zu ernst, zu pathetisch und wie bei anderen modernen Serien (z. B. Homeland) zu lang geraten ist. Zu sehen sind zwar schöne Aufnahmen eines menschenleeren Washington, aber angesichts der Dramen, die sich in der Serie abspielen, und der Ironie, die über allem schwebt, wird der Vorspann der Handlung nicht gerecht, auf die er einstimmen soll. Schöner bringt es Frank Underwood in seinem Prolog auf den Punkt: „Geben und nehmen – willkommen in Washington.“

House of Cards läuft ab Sonntag, 10. November, 23.15 Uhr auf Sat.1. Auf DVD und Blu-ray erscheint sie am 17. Dezember in Deutschland. Die zweite Staffel soll im nächsten Jahr auf Netflix veröffentlicht werden.

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