Watching the Watchmen

Die Liste der Woche: Überwachungsfilme.
Sägen am Draht: Überwachungskamera in der Frankfurter Klapperfeldstraße (Foto: Gedziorowski)

Sägen am Draht: Überwachungskamera in der Frankfurter Klapperfeldstraße (Foto: Gedziorowski)

Während die NSA-Affäre und Edward Snowden die Welt bewegen, hat die FragmenteumRedaktion aus aktuellem Anlass nach Trost im Film gesucht und eine Schauliste zum Thema Überwachung zusammengestellt. Hier geht es um Spanner, Lauscher und Stalker, um Ferngläser, Kopfhörer, Kameras und Satelliten. Paranoia ist garantiert. Manch Klassiker erscheint heute in neuem Licht. Interessant ist hierbei die Rolle des Zuschauers vorm Fernseher: Filme sind ja ein per se voyeuristisches Medium. Und wer sie schaut, wird immer selbst zum Beobachter, die Kamera ist der Stalker, die einem zeigt, was man sonst nicht zu sehen bekäme. Also merke, Zuschauer: Wer andere beim Beobachten beobachtet, sieht auf dem Bildschirm in einen Spiegel …

Hier die Kurzliste:

  1. Das Fenster zum Hof
  2. Der Dialog
  3. Der Staatsfeind Nr. 1
  4. Die Truman Show
  5. Being John Malkovich
  6. Kitchen Stories
  7. Das Leben der anderen
  8. Lost Highway/Caché [Double-Feature]
  9. Tod eines Mannes auf dem Balkan

Und hier die kommentierte Fassung:

Das Fenster zum Hof (Rear Window, USA 1954, Regie: Alfred Hitchcock)

Wenn Langeweile zum Verhängnis wird. Da der Fotograf Jefferies (James Stewart) im Rollstuhl sitzt, beobachtet er von seiner Wohnung aus die Menschen in ihren Wohnungen. Dann glaubt er, einem Mord auf der Spur zu sein. Oder liegt er falsch? Trügt die Wahrnehmung? Treibt hier nur die Sensationsgier die Fantasie voran? Der Film reizt diese Frage bis zum äußersten aus, sodass man sich ständig fragt, ob man sich aus Einzelbeobachtungen nur eine Geschichte zusammenreimt, die ein Mittel gegen Langeweile ist.

Der Dialog (The Conversation, USA 1974, Regie: Francis Ford Coppola)

Ein weiterer Klassiker: Ein Abhörspezialist (Gene Hackman) belauscht für einen Auftraggeber das Gespräch eines junges Paares auf einem öffentlichen Platz – und am Ende … das soll nicht verraten werden. Nur eines: Am Ende … glaubt der Beobachter selbst abgehört zu werden und zerlegt im Verfolgungswahn seine eigene Wohnung. Starker Auftritt von Hackman als introvertierter Nerd.

Der Staatsfeind Nr. 1 (Enemy of the State, USA 1998, Regie: Tony Scott)

Der Film macht dort weiter, wo Der Dialog aufgehört hat: Bei der Paranoia. In den USA soll ein neues Überwachungsgesetz verabschiedet werden, ein widerborstiger Abgeordneter wird ermordet und zufällig zeichnet eine Kamera zur Vogelüberwachung den Mord auf. Ein Anwalt (Will Smith) bekommt per Zufall das Video und wird selbst zum Gejagten. Das geht alles sehr rasant und atemlos, brachial wie ein Presslufthammer – so kennt man es von Jerry Bruckheimer-Produktionen. Was in den 70ern noch paranoid war, ist Ende der 90er bittere Realität. Das ist zum Teil noch Science Fiction mit teilweise hanebüchenen Zügen (wie das 3D-Bild der Tüte), doch heute entwickelt der Film seine Faszination, weil die Realität ihn längst eingeholt hat. Mehrfach zitiert der Film sein Vorbild Der Dialog: Nicht zuletzt weil Gene Hackman wieder einen Abhörspezialisten spielt. Im Gegensatz zum Vorgänger geht dem Staatsfeind jegliche Subtilität ab. Doch das muss man dem Film lassen: Er bezieht klar Position – gegen den Überwachungswahn. (Auch wenn er dafür dem Verfolgungswahn anheim fällt.)

Die Truman Show (The Truman Show, USA 1998, Regie: Peter Weir)

Kann man Orwells 1984 noch steigern? Ja, indem man das Prinzip der totalen Überwachung in ein perverses Unterhaltungssystem überführt. Eine ganze Welt wird für einen einzigen Menschen geschaffen, um die ganze Welt zu unterhalten – und zwar rund um die Uhr. Das Publikum verfällt der Illusion, das wirkliche Leben des Protagonisten zu betrachten, doch alles ist inszeniert, nichts dem Zufall überlassen. Kameras sind überall, um jeden Schritt aufzuzeichnen. Der Gott dieser Scheinwelt ist ein Regisseur. Das wühlt alles sehr auf, doch das Beunruhigendste daran ist, dass wenn der Held am Ende – Achtung Spoiler! – die Szenerie verlässt, die Zuschauer in Jubel ausbrechen? Denn immerhin bedeutet das das Ende der Show. Das Publikum nimmt es erschreckend gelassen und zappt einfach weiter. Doch da herrscht nur das Rauschen …

Being John Malkovich (USA 1999, Regie: Spike Jonze)

Der Truman Show wird hier noch einer draufgesetzt: Steckte dort die Kamera im Mutterbauch, geht sie hier direkt in den Kopf. Durch eine geheime Tür auf einer halben Etage kann man ins Hirn des Schauspielers John Malkovich kriechen und für eine Weile alles wahrnehmen, was er wahrnimmt. Anders also als beim gewöhnlichen Beobachten kann man auch die Gedanken und Gefühle eines Menschen nachvollziehen. Die Sache gerät zur Touristenattraktion: Einmal jemand anders sein, lautet die Hoffnung, während man im Grunde derselbe bleibt. Der Albtraum jedes Promis. Irgendwann lernt der Held des Films (nein, nicht Malkovich, sondern John Cusack), in dem fremden Körper zu bleiben und ihn wie eine Marionette zu führen – was natürlich zu Lasten von Malkovich geht. Dann wendet sich die Situation: Am Ende – Achtung ein halber Spoiler! – ist der Held aber im Körper eines Mädchens gefangen und das einstige Privileg, an der Wahrnehmung teilzuhaben, wird zum Fluch. Manchmal will man einfach nicht alles sehen …

Kitchen Stories (Norwegen/Schweden 2003, Regie: Bent Hamer)

Positivistisch, streng positivistisch verfahren die Beobachter des schwedischen „Forschungsinstituts für Heim und Haushalt“, als sie die Gewohnheiten norwegischer Junggesellen studieren wollen, um für sie die optimale Küche zu entwerfen. Daher wird jedem Teilnehmer der Studie ein solcher Beobachter zugeteilt, der auf einem Hochsitz alle Bewegungsabläufe dokumentiert – natürlich ohne den geringsten Einfluss auf den normalen Tagesablauf zu nehmen. Sprechen ist verboten, man muss ja neutraler und objektiver Beobachter bleiben. Aber was ist, wenn der Teilnehmer die Studie boykottiert, das Licht in der Küche ausschaltet und im Schlafzimmer kocht? Und was ist, wenn der Beobachter selbst beobachtet wird? Klar, dass irgendwann die neutrale Objektivität flöten geht. Wer zusieht oder zuhört, nimmt Einfluss. Die Botschaft der Komödie ist eine Absage an die Einseitigkeit der Überwachung: Kommunikation ist alles!

Das Leben der anderen (Deutschland, 2006, Regie: Florian Henckel von Donnersmarck)

Es war einmal im Jahre 1984 (na klar, wann sonst!) in der DDR: Ein regimetreuer Stasi-Spion hörte einen Schriftsteller ab und wurde dadurch ein besserer, ein guter Mensch. Ach ja, zu schön, um wahr zu sein. In diesem Märchen, irgendwo zwischen Der Dialog und Staatsfeind Nr. 1 angesiedelt, wird die Kehrseite der Überwachung vorgeführt: Anteilnahme. Gezeigt wird das Phänomen in Truman Show, als Mitfiebern der Zuschauer für einen Schönen Schein, und in Kitchen Stories als Absage an die Neutralität des Beobachters. In Das Leben der anderen führt die Überwachung den Überwacher zur Wahrheit. Am Ende wird der Spieß umgedreht, als der Schriftsteller nach der Wende seine Stasi-Akte einsieht, erkennt, wer ihn beobachtet hat und über die ganze Sache ein Buch schreibt. Der Täter wird entlarvt – im positiven Sinne als Gutmensch. Damals war ja nicht alles schlecht …

Lost Highway (USA 1996, Regie: David Lynch) / Caché (Frankreich u. a. 2005, Regie: Michael Haneke)

Das Double-Feature: Geheimnisvolle Videokassetten sind jeweils die Ausgangspunkte der beiden ansonsten völlig unterschiedlichen Filme. In beiden wird das Haus der Adressaten gefilmt, bei Lynch geht die Kamera sogar ins Haus, während sie bei Haneke den Adressaten zum Urheber führt – oder auch nicht. Jedenfalls bringen die Videos die Handlung in Gang, schaffen das Unbehagen, unter Beobachtung zu stehen, beide Male offenbaren sie dunkle Seiten ihrer Protagonisten, beide Stories enden tödlich. Das alles ist sehr unheimlich und rätselhaft und gibt nachher viel Anlass zum Grübeln. Mehrfaches Sehen (wenigstens von Lost Highway) und Vergleichen lohnt sich.

Tod eines Mannes auf dem Balkan (Death of a Man in Balkans, Serbien 2012, Regie: Miroslaw Momcilovic)

Der Geheimtipp. (Lief auf dem goEast Filmfestival 2013 in Wiesbaden.) Ein Mann erschießt sich in seiner Wohnung, die Nachbarn kommen rein, rufen die Polizei und machen es sich, während sie warten, in der Wohnung gemütlich, reden über den Toten, trinken seinen Schnaps. Das Interessante: Die Szene wird von einer laufenden Webcam gefilmt, was die Nachbarn aber zunächst nicht mitbekommen. Erst als sie bemerken, dass sie beobachtet werden, ändern sie schlagartig ihr Benehmen. Eine kurzweilige, minimalistische Komödie: Ein Raum, eine statische Kamera, wenige (kaum zu bemerkende) Schnitte. So macht Überwachung Spaß!

[Editorische Notiz: Da totalitäre Überwachungssysteme ein typisches Thema vieler Dystopien sind, werden hier Filme wie THX 1138, 1984, Gattaca, Matrix, Minority Report und V wie Vendetta nicht aufgeführt (obwohl sie sehr gut in die Reihe passen).]

3 Kommentare

  1. Den Großteil der Filme habe ich auch gesehen, allerdings kann ich seit „Mullholland Drive“ keine David Lynch Filme mehr sehen. Twin peaks fand ich total super – aber seine restlichen Filme sind mir irgendwie zu düster…. Ich muss jetzt von Deiner Seite dringend verschwinden, sonst komme ich heute gar nicht mehr zum Arbeiten 🙂

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