Helden in der Krise

Filmsuperhelden 2013 (Collage: Gedziorowski)

Filmsuperhelden 2013 (Collage: Gedziorowski)

Sehen Sie sich einmal die obere Collage genau an. Was fällt Ihnen auf? Genau: Eine gewisse Ähnlichkeit, Parallelen, ja, man könnte fast sagen: Austauschbarkeit. Nun gut. Wir bewegen uns im Genrefilm. Dem Superheldengenre. Wer sich darauf einlässt, weiß, was ihn erwartet. Aber die Bilanz der diesjährigen Filme ist erschreckend schwach. Ebenso wie seine Helden zeigt das Genre Krisenerscheinungen. Ein Rückblick und ein Ausblick.

Alle Hoffnungen ruhten auf Thor – Gott, Alien, Superheld. Nach einer Einführung mit einem passablen ersten Abenteuer und einer bestandenen Bewährungsprobe bei den Avengers konnte es nun richtig losgehen. Doch die Fortsetzung The Dark World (auf „deutsch“: The Dark Kingdom) hat leider keine Begeisterungsstürme ausgelöst. Zu Recht: Der Film, mehr Fantasy- als Superheldengenre, vermag nur wenig zu fesseln. Die Handlung hetzt ähnlich wie im ersten Teil schnell voran, Spannung kommt bei dem konventionellen Plot kaum auf. Auch der Versuch, den Weltenkonflikt nach London auf die Erde zu holen, wirkt unbeholfen. Das können auch die prächtigen, effektgeladenen Aufnahmen nicht ausgleichen.

Die Stärken liegen leider nur im Visuellen. Regisseur Alan Taylor (bekannt mit Serien wie Sopranos, Mad Men und Game of Thrones) schafft  zumindest einen bodenständigeren Stil als sein Vorgänger Kenneth Branagh. Statt einer perfekt strahlenden, sterilen und damit abgehobenen Götterwelt setzt Taylor auf wärmere Farben, eine mehr an das Mittelalter als die Antike erinnernde Ausstattung und eine Maske, die die Figuren unperfekter und damit menschlicher erscheinen lässt. Umso unmenschlicher und flacher wirken die plakativ-bösen Schurken. Immerhin, es gibt auch Humor. Vielleicht etwas zu viel, da er die Handlung oft lächerlich macht, und zu bemüht, weil er vor allem über die Nebenfiguren transportiert wird und sich darin ihre Rollen auch erschöpfen.

Na ja. Das ist so ziemlich alles, was man über diesen Film sagen kann. Leider. Denn mit Thor geht das Superheldenjahr 2013 so schwach zu Ende wie es bisher war. Eine Enttäuschung, denn seit 13 Jahren ist das Genre in der Blüte: Vom ersten X-Men-Film (2000) über Spider-Man und Batman bis hin zu The Avengers (2012) hat Hollywood dank Spezialeffekten, guten Regisseuren und Drehbüchern den Comichelden zu einem Leben auf der Leinwand verholfen. Doch obwohl es in diesem Jahr vier Superhelden im Kino gab, vermochte keiner zu überzeugen.

Stumpfe Prügelei und Zerstörungsorgie

Die größte Enttäuschung war wohl Superman. Obwohl Warner und DC aus den Fehlern gelernt hatten, die sie mit Superman Returns (2006) begingen, obwohl Christopher Nolan es mit Batman Begins (2005) vorgemacht hatte, wie man eine Heldenlegende neu erfindet und obwohl er auch als Produzent an Superman mitwirkte, ist Man of Steel ein erschreckend schwacher Film. Zäh, ermüdend, langweilig. Trotz aller Psychologisierung gibt es in diesem Film keine Charaktere, keinen Humor, das inkonsequent-sprunghaft Erzählverfahren wirkt unausgegoren und am Ende wird das Werk zu einer stumpfen Prügelei, die zur Zerstörungsorgie ausartet.

Schade, nicht zuletzt für das Jubiläumsjahr: Superman ist 75 Jahre alt geworden. Und leider hat man es in dieser Zeit nicht geschafft, diese Figur mit einem ordentlichen Spielfilm zu würdigen. Vielleicht lähmt die Angst vor dem Mythos, vielleicht traut man dem Vater aller Superhelden auch nicht zu, dass auch er ein interessanter Charakter sein kann. Dabei wäre es höchste Zeit gewesen, dass man auch den blauen Oberpfadfinder zeitgemäß darstellt. Vielleicht beim nächsten Mal, wenn Superman im nächsten Teil auf Batman (Ben Affleck) trifft. Aber schon jetzt fürchten die Fans: Was soll das für ein Batman sein, nachdem der Nolan’sche Dunkle Ritter verabschiedet wurde? Der nächste Film muss also zweierlei leisten: Einen verkorksten Superman retten und Batman (wieder!) neu erfinden. Das sind zu große Erwartungen, als dass sie nicht enttäuscht werden müssten.

Machwerk der Belanglosigkeit

Der Tiefpunkt des Sommers wurde mit dem zweiten Wolverine-Film fortgesetzt. Obwohl Regisseur James Mangold durchaus gute Filme machen kann (Walk the Line, Todeszug nach Yuma), ist ihm hier ein Machwerk der Belanglosigkeit gelungen. Worum ging es da nochmal? Erinnert sich noch jemand an eine interessante Szene? Ach ja, da war dieser Kampf auf dem Dach des Schnellzugs! Sehr spannend! Aber der Rest? Verschenkte Zeit. Dabei ist Wolverine mit Abstand der interessanteste Charakter des X-Men-Universums. Es wäre ein leichtes, einen ansprechenden Film über ihn zu drehen. Offenbar tut sich Marvel schwer damit, denn auch das erste Wolverine-Solo war ebenso unnötig, wie man es befürchtet hatte.

Es bleibt die Hoffnung, dass der Cliffhanger am Ende des jüngsten Films auf einen besseren X-Men-Film vorausweist. Im nächsten Jahr (22. Mai) kommen die jungen Helden der Vergangenheit (aus First Class/Erste Entscheidung, 2011) mit denen aus der Gegenwart/Zukunft zusammen. Die Verwirrung ist perfekt: Der Film wird ein Sequel zum Prequel und auch ein Sequel der ersten X-Men-Trilogie. Days of Future Past, lautet der englische Untertitel, der deutsche bricht ihn herunter auf das Paradoxon Zukunft ist Vergangenheit. Wir sind gespannt, wie sie die Reinkarnation des alten Charles Xavier erklären … (hoffentlich nicht so plump wie die von Agent Coulson in Agents of SHIELD)

Es menschelt unterm Blechanzug

Und schließlich gibt es dann noch Tony Stark. Obwohl Iron Man 3 der erfolgreichste der Reihe (und der fünfterfolgreichste Film aller Zeiten) ist, bleibt er qualitativ hinter den ersten beiden zurück. Da ist dieser umstrittene Mandarin-Aspekt (Achtung, Spoiler!), der Schurke, der keiner ist und der eigentliche Schurke, der mehr enttäuscht als überrascht. Der wichtigste Aspekt des Films ist jedoch, dass offenbar jeder Held spätestens im dritten Teil in eine existenzielle Krise geraten muss. Dann überwiegt die menschliche, verletzliche Seite. Vorgemacht haben es The Dark Knight Rises und Skyfall – vielleicht waren sie deswegen auch so erfolgreich, weil die Helden sehr unheldenhaft daherkamen. So auch bei Iron Man 3: Tony Starks Haus wird zerstört, seine Rüstung ist hinüber, er selbst buchstäblich am Boden und muss sich wieder selbst finden.

In gewisser Weise steht damit Tony Stark stellvertretend für seine Kollegen: Nach einer guten Dekade der Blüte zeigt der Superheldenfilm erste Verschleißerscheinungen. Zwar gab es in den vergangenen 13 Jahren immer wieder bessere und schlechtere Genrevertreter, aber die Gewohnheit der Hollywood-Zuschauer lässt spätestens nach dem dritten Teil an der Notwendigkeit weiterer Fortsetzungen zweifeln – und das obwohl das Superheldengenre allein schon wegen seines Ursprungs im Comic auf ständige Fortsetzung, auf Unendlichkeit angelegt ist.

Trend zum Recycling

Schwieriger zu akzeptieren sind aber die Reboots, der Neustart von Franchises, vor allem je kürzer die Wiederverwertungszyklen werden. Wie bei The Amazing Spider-Man, mit dem Marvel im vergangenen Jahr nach drei Teilen das Franchise rebootet hat – zum Verdruss der Fans viel zu früh, nämlich gerade einmal zehn Jahre nach dem ersten Tobey Maguire-Film. Ein Remake hat es schwerer als eine Fortsetzung oder gar ein Prequel, vor allem wenn das Original akzeptiert oder gar gefeiert wurde. Und darin besteht auch die wesentliche Schwäche des neuen Spider-Man. Man fragt sich, warum man sich das alles noch einmal, aber anders, doch nicht unbedingt in besserer Form ansehen muss. Wie dem auch sei: Am 17. April 2014 gibt es Die Rückkehr des Helden, so der debile deutsche Untertitel für die Fortsetzung. Hoffentlich wird dieser Teil mehr Eindruck hinterlassen als der erste. Denn dass der Stoff Potenzial hat, wurde in der ersten Spider-Man-Trilogie bewiesen.

Und sonst? Captain America beehrt uns am 1. Mai wieder als The Winter Soldier. Ein Film, der seine Zielgruppe eher westlich des Atlantiks hat. Da der erste Teil durchschnittliches Genrekino war, ist auch von einer Fortsetzung wenig Innovation zu erwarten. Weil der Verleih hierzulande offenbar niemandem zutraut, dass er den Untertitel versteht, heißt er nun The Return of the First Avenger, wohl damit auch dem Dümmsten der Bezug zum ersten Teil und zu der Superheldengruppe klar ist. Apropos: Am 4. September 2014 kommt Marvels andere Superheldengruppe Guardians of the Galaxy in die Kinos. Einen Vorgeschmack darauf gibt es bereits am Ende von Thor 2. Mit dabei ist ein Staraufgebot aus Bradley Cooper, Vin Diesel und Benicio del Toro sowie Zoe Zaldana und Glenn Close. Für Regie und Drehbuch ist James Gunn zuständig, der auch das Remake von Dawn of the Dead (2004) geschrieben und mit Super (2010) einen Anti-Superheldenfilm gedreht hat. Skeptisch macht allein der Stoff, wenn es in der Gruppe Helden gibt wie Rocket Racocon – einen Waschbären

Netflix macht Konkurrenz

Im Jahr 2015 soll es dann mit dem zweiten Teil der Avengers weitergehen – die Erwartungen werden so hoch sein wie die Maßstäbe, die gesetzt wurden. Bereits die Besetzungsliste zeigt, dass man nach dem altbewährten Prinzip verfährt, einen draufzusetzen: In Age of Ultron werden sich also noch mehr Helden herumtummeln. Diesmal könnten es zu viele sein. Denn je mehr Charaktere, desto weniger Aufmerksamkeit bleibt dem einzelnen. Immerhin hat Marvel wieder Joss Whedon als Regisseur und Drehbuchautor verpflichtet. Im gleichen Jahr werden die Fantastic Four nach zwei missratenen Filmen ein Reboot bekommen, wiederum zehn Jahre nach dem ersten Anlauf – das Recycling nimmt kein Ende. Regie führt diesmal Josh Trank, der mit Chronicle das Thema Superhelden im vergangenen Jahr aus einem anderen Blickwinkel zeigte. Auf solchen Schultern ruht die Hoffnung für die Zukunft des Genres.

Sonst ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Zuschauer Hollywoods Einfallslosigkeit nicht mehr mitmachen. Denn es mehren sich die Flops und die Konkurrenz wird größer. Sie kommt aus dem Internet: Der Video-on-Demand-Anbieter Netflix will ab 2015 vier Marvel-Helden als Live-Action-Serien adaptieren. Unter anderem soll Daredevil dazugehören, der bereits im Jahr 2003 als Spielfilm mit Ben Affleck (!) verbockt wurde. Und wenn man sich ansieht, wie Netflix mit House of Cards aufgetrumpft ist, muss sich Hollywood auf etwas gefasst machen.

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