Es gibt Hirsch

Top of the Lake

Doppelporträt mit Hunden und Hirschgeweih. Szenenfoto aus „Top of the Lake“.

Die BBC-Mini-Serie Top of the Lake bietet alles, was gute Unterhaltung bieten kann: Ein Ensemble-Drama, einen atmosphärischen Krimi und prächtige Aufnahmen der neuseeländischen Landschaft. Doch das ist zu viel des Guten. Die Serie wäre schön anzusehen, wäre da nicht die mit Gender- und Psychoanalyse-Diskursen überfrachtete und schwach durchdachte Handlung. Nach der Ausstrahlung auf Arte zeigt der Sender das sechsteilige Werk auf seiner Webseite. Ab heute ist es auch auf DVD und Blu-ray erhältlich.

!!! ACHTUNG SPOILER !!!

Beim Betrachten der Mini-Serie Top of the Lake fiel mir der Film Verblendung ein. Im Original heißt er nämlich übersetzt: „Männer, die Frauen hassen“. So könnte man auch die sechs Episoden der BBC überschreiben. Wobei der Titel auch andersherum sehr gut funktionieren würde. Denn da tobt ein Kampf der Geschlechter. Ein Festmahl für die Psychoanalytiker, Gender-Forscher und Feministinnen hat uns Regisseurin und Co-Autorin Jane Campion (Das Piano) serviert. Ein Sechs-Gänge-Menü mit ganz viel Wild, dessen man aber schnell überdrüssig wird.

Die Serie, die in der kleinen Stadt Laketop in Neuseeland spielt, will eine Mischung aus Krimi und Drama sein. Schon das Figurenensemble ist stark aufgeladen: Da gibt es die Kommune frustrierter alleinstehender Frauen, die in Containern auf einem Grundstück namens „Paradise“ ihren Frieden suchen. Da gibt es den lokalen König des organisierten Verbrechens, der offenbar viele Frauen und vielleicht auch seine zwölfjährige Tochter Tui geschwängert hat. Er ist der Patriarch, der das ganze Dorf Laketop im Griff hat, der aber wiederum unterm Pantoffel seiner toten Mutter steht und sich an ihrem Grab auspeitscht. Da ist der Polizist, der gemeinsame Sache mit dem Lokalgangster macht und selbst ein perverses Geschäft mit Pädophilen betreibt. Und schließlich ist da die Protagonistin, eine junge Detektivin, die das verschwundene Mädchen sucht – und Empathie zeigt, weil sie selbst einst vergewaltigt worden ist. Und alle haben eine gemeinsame Vergangenheit.

Drogen, Sex, Gewalt

Die Autoren ziehen alle Register des Ödipalen: Der Vater, der sein Kind misshandelt und selbst ewiges Kind seiner Mutter geblieben ist, die Tochter, selbst noch ein Kind, das Mutter werden soll, die Söhne, die sich nicht vom Übervater lösen können, ein Immobilienmakler, der gern die Rolle eines Babys annimmt usw. – Das ist mehr als ein Film verträgt. Daher hat man die Story auf sechs Stunden breitgewalzt, was die Sache aber nicht besser, sondern ermüdender macht. Denn es passiert zwar allerlei (eine Ermittlung, Dramen, Vergangenheitsbewältigung, Gewalt, Mord, Sex, Drogenproduktion und -missbrauch etc.) aber es steht oft so planlos nebeneinander, dass lediglich das große Überthema die einzelenen Bestandteile irgendwie zusammenhält, als Variation des Immergleichen. Für einen Krimi wirkt die Ermittlung zu sehr wie eine Nebensache. Für ein Drama werden die vielen angerissenen Konflikte nicht zu Ende gedacht. Die Handlung kommt nur schleppend voran, das Ende dafür zu abrupt. Die Auflösungen am Ende überraschen kaum und lassen einen ziemlich kalt.

Seine Symbole findet Top of the Lake in zwei (ziemlich strapazierten) Hauptmotiven: Zum einen den riesigen, tiefen und kalten See in den Bergen, der die verschiedenen Schauplätze miteinander verbindet, zum anderen der Hirschkopf (die Jagdtrophäe als Inbegriff der Männlichkeit) die so gut wie überall an den Wänden hängt und auch im Vorspann zu sehen ist  Das Pendant dazu bildet der aufgespießte Kopf der erlegten Hirschkuh beim männerdominierten Biker-Grillfest – eine Hasserklärung an die Weiblichkeit. Doch auch das stolze Geweih (als multipler Phallus!) kommt zu Fall, spätestens wenn der Hirschkopf im Büro des Polizisten auf dem Tisch liegt. Nicht zuletzt wird hier die Serie Twin Peaks zitiert.

"Er ist runtergefallen." Promo-Bild zu Twin Peaks.

„Er ist runtergefallen.“ Promo-Bild zu Twin Peaks.

Die Kehrseite von Mittelerde

Es ist nicht die einzige Parallele zwischen den beiden Werken: Hier wie da ist der Schauplatz ein abgeschiedenes Dorf am Rande der Welt, in dem eigene Gesetze herrschen, gebettet in eine schauer-romantische Landschaft, die beim näheren Hinsehen dunkle Geheimnisse birgt. Wie bei der Suche nach Laura Palmers Mörder könnte auch in Laketop jeder Mann der Schuldige sein, der sich an Tui vergriffen hat. Und weil die Ermittler hier wie da immer mehr im Dunkeln tappen, müssen sie sich auch immer mehr mit sich selbst beschäftigen. Schließlich läuft es in beiden Serien auf Abgründiges hinaus: Unterdrückte Bedürfnisse, heimlich ausgelebte Perversionen, ödipale Strukturen. Jeder hat hier mit seinen inneren Dämonen zu kämpfen.

Als ein neuseeländisches Werk betrachtet erscheint Top of the Lake wie die Kehrseite von Mittelerde: Eine überwältigende, aber abweisende Landschaft. Eine Enklave, in der das finstere Mittelalter fortbesteht. Das „Paradies“ ist hier ein trauriger Ort, an dem kein Heil zu finden ist, sondern die Menschen (egal ob Männer der Frauen) nur ihre Schwächen pflegen oder vor ihnen zu fliehen versuchen. In Neuseeland gibt es keine Schlangen, heißt es einmal. Denn in diesem Garten Eden braucht es keinen Teufel, wenn es solche Menschen gibt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s