Vom Todestrakt ins Leben

Rectify

Die Serie Rectify ist der neuste Streich der Breaking Bad-Produzenten: Es geht um einen zum Tode Verurteilten, der nach 19 Jahren freikommt und versucht, sich im Leben zurechtzufinden. Sechs Folgen liefen in diesem Jahr auf dem AMC-Ableger Sundance Channel, zehn weitere sind für nächstes Jahr bestellt. Nun läuft die Serie auch bei uns auf Sky. Im Massenfernsehen dürfte Rectify jedoch keine Chance haben.

Scheiße gelaufen. Anders kann man es wohl nicht ausdrücken, wenn einem das passiert, was Daniel Holden passiert ist: Als 18-Jähriger wurde er wegen Mordes zum Tode verurteilt. 19 Jahre lang saß er in Einzelhaft und wartete darauf, dass das Urteil vollstreckt wird. Doch dann wird er plötzlich frei gelassen. Eine DNA-Analyse entlastet ihn. Dabei hatte er doch gestanden … Egal, jetzt ist er draußen, darf weiterleben – und weiß nichts mit dem Leben in Freiheit anzufangen.

Das ist die Ausgangssituation der Serie Rectify. Das Wort heißt so viel wie korrigieren, beheben, richtigstellen. Was das für die Handlung bedeutet, ist nach den ersten sechs Folgen, die die erste Staffel zählt, noch nicht abzusehen. Das fängt schon mit der Frage an, ob Holdens Entlassung wirklich einen Justizfehler behebt oder nicht. Der Angeklagte tut, was er meistens tut: Er schweigt. So sieht man ihn, mit seiner Leidensmiene und apathischem Blick, durch die Gegend streifen. Wie ein Geist oder ein Untoter zieht er durch die Straßen seines Heimatstädtchens, hängt in seinem ehemaligen Kinderzimmer herum, schwelgt in Erinnerungen der guten alten Zeit. Man wird nicht so richtig schlau aus ihm. Auch nicht seine Familie. Zwar halten Mutter, Schwester und Bruder zu ihm, ebenso der Stiefvater, allein der Stiefbruder ist skeptisch – auch weil er um sein Geschäft fürchtet.

Andere haben sich ihre Meinung längst gebildet: Ein Senator, der Sheriff sowie einige der Anwohner, allen voran die Familie der damals Ermordeten, Hanna Dean. Sie alle halten Holden für einen Mörder. Dabei ist es wichtig zu wissen, wo die Geschichte spielt: In einer Kleinstadt in Georgia. Also mitten in den Südstaaten. Hier, im Bible Belt, haben die konservativen und evangelikalen Hardliner das Sagen. Doch obwohl Holden und seine Familie Anfeindungen ausgesetzt sind und die Sache auch in Gewalt eskaliert, kommt der Held der Serie in den ersten sechs Folgen ziemlich glimpflich davon. Die tiefreligiöse Schwägerin schwärmt für ihn, ermutigt ihn dazu, sich taufen zu lassen, eine alte Schulfreundin bietet ihm einen Gratis-Haarschnitt an und schließlich bekommt er ein wenig körperliche Liebe von ihr. Das ist fast zu viel des Guten.

Erinnerung an Homeland

In gewisser Weise erinnert Rectify an eine andere Serie: Homeland. Hier wie da geht es um eine Heimkehr nach Jahren der Gefangenschaft, um eine Wiedereingewöhnung in einer fremdgewordenen Heimat. Hier wie da haben Selbstgerechte Zweifel an der Rechtschaffenheit – wenn auch aus anderen Motiven: Anders als Soldat Brody wird Holden nicht Opfer von außenpolitischen Verwicklungen, sondern der typischen Lynchmobdynamik einer amerikanischen Kleinstadt. Holden dient als Sündenbock einer Gesellschaft, die das Recht in die eigene Hand nimmt. Es ist eine Gesellschaft, in der Männer am Grill stehen und Frauen den Tisch abräumen, wie in den 50er Jahren – dessen ist sich auch die Holden-Familie bewusst.

Die Zeit vergeht langsam, nicht nur am Schauplatz, sondern auch in der Erzählzeit der Serie. Da jede der Folgen etwa einen Tag abbildet, sehen wir nur die erste Woche Holdens in Freiheit. In dieser Zeit kommen Ermittlung und Verfahren nicht in Gang. Hin und wieder werden die Zuschauer daran erinnert, dass die Gegner im Hintergrund ihre Kräfte sammeln. Doch überwiegend sieht man Holden beim Versuch, sich wieder an das Leben zu gewöhnen. Das ist zwar alles sehr schön fotografiert und sensibel dargestellt, manchmal etwas sentimental, aber den Hauptdarsteller ständig nur mit einem Gesichtsausdruck herumirren zu sehen ist auf Dauer doch etwas eintönig. Interessanterweise wirkt er in den Rückblenden, in denen man ihn in seiner Gefängniszelle durch die Wand mit seinem Mitinsassen plaudern sieht, viel lebendiger als draußen. Es sind vielleicht die gelungensten Szenen – man hätte sich mehr davon gewünscht.

Ein wenig mehr Spannung täte gut

So dümpeln viereinhalb Stunden dahin. Ganz nett anzusehen, aber doch ziemlich zäh. Am Ende hat man das Gefühl, nur eine halbe Staffel geschaut zu haben. Der Spannungsbogen könnte ruhig etwas stärker angezogen werden: Da passiert zwar ein Selbstmord am Tatort und die Leiche wird sehr unsachgemäß entsorgt, aber ein Grund zur Aufregung ist das alles noch nicht. So ist es im Grunde noch zu früh, ein Urteil zu fällen. Man kann nur hoffen, dass die Handlung in der nächsten Staffel in Gang kommt. Eine Serie, die die Masse begeistert, wird sie wohl nicht. Mit Breaking Bad ist sie stilistisch kaum zu vergleichen, eher mit Mad Men – eine Serie der leisen Töne für ein empfindsames Publikum.

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