Die Revolution von Twin Peaks

Versuche über die TV-Serie, Teil 2: Wie alles begann
Willkommen in Twin Peaks (Titelbild).

Willkommen in Twin Peaks (Titelbild).

Keine Serie hat das Fernsehen, wie wir es heute kennen, so nachhaltig beeinflusst wie Twin Peaks (1990-1991). Das Werk von David Lynch und Mark Frost setzten Maßstäbe in Sachen Erzählen und Intermedialität. Der Hype griff damals sogar auf das junge Internet über. Dieser Revolution verdanken nicht nur Serien wie Lost ihre Inspiration.

Es ist selten, dass sich jemand zu einem Mord bekennt, besonders wenn er ihn nicht begangen hat. Doch im Jahre 1990 sollen einige US-Amerikaner T-Shirts getragen haben mit der Aufschrift: „I killed Laura Palmer.“ Natürlich war das alles ein Witz. Ein großer, kollektiver Witz. Denn das Land war damals einem regelrechten Hype anheimgefallen: Ein Hype um die Serie Twin Peaks des Senders ABC. Die Autoren David Lynch und Mark Frost hatten eine Geschichte über eine Kleinstadt geschaffen, in der eine junge Frau tot aufgefunden wird, gewickelt in Plastikfolie. Jeder ist ein Verdächtiger – und im Frühling 1990 ist jeder Zuschauer ein Komplize, jeder will’s gewesen sein. Denn was Twin Peaks bot, war die coolste Ermittlung seit Sherlock Holmes.

Doch die Serie ist viel mehr als ein Krimi. Die Suche nach dem Mörder ist nur eine Komponente des Erfolgsrezeptes: In vielerlei Hinsicht war Twin Peaks eine Revolution. Viele Eigenschaften, die heutige Qualitäts- oder Autorenserien ausmachen, hat sie vorweggenommen: Die Verbindung verschiedener Genres, mehrere lange Handlungsstänge, intermediales Erzählen und eine Rezeption, die an kultische Verehrung grenzt – und bis heute anhält.

Vor allem ist es der Regisseur und Co-Autor David Lynch, der der Serie eine Qualität verleiht, die man sonst nur von Kinofilmen gewohnt ist. Lynch hatte sich mit Werken wie Der Elefantenmensch und Blue Velvet einen Namen gemacht und hatte in dem Autor Mark Frost einen seelenverwandten Mitstreiter gefunden, um etwas nie Dagewesenes fürs Fernsehen zu schaffen. Eine Mischung aus Krimi, Drama, Mystery und absurder Situationskomik. Damit schufen Lynch und Frost ein einzigartiges Genre: Surreal, phantastisch, schaurig. Eine Geschichte voller Geheimnisse und schräger Charaktere, eine eindringliche und zugleich ironische Inszenierung mit einem Soundtrack von Angelo Badalamenti zwischen pathetischer Klaviermusik, unheilsschwangeren Synthesizer-Klängen und Cool Jazz. Der Hauptreiz der Serie liegt darin, dass man nicht wissen kann, was als nächstes kommt. Bei Twin Peaks ist alles möglich.

Selbstironie und Selbstreflexion

Agent Dale CooperAllein der Held, Special Agent Dale Cooper vom FBI, stimmt den Zuschauer darauf ein, dass es hier nicht nur um Gesetz und Gerechtigkeit geht, sondern auch um die schönen Seiten des Lebens: Kaffee, Kuchen und Douglas-Tannen. Er ist ein Genießer, ein Schwärmer, der bei aller Professionalität keine Gelegenheit auslässt, sich für Nebensächlichkeiten zu begeistern. Dieser Romantiker bietet den Gegenpol zu der düsteren Welt der Laura Palmer, die unter der Heile-Welt-Fassade der Homecoming-Queen aus Drogen und Promiskuität bestand. Doch damit steht sie für alle Figuren der Serie. Jeder hat eine dunkle Seite. Daher kommt auch jeder als Mörder infrage.

Damit dürfte bei Twin Peaks für jeden etwas dabei sein. Doch das ist nicht selbstverständlich. Nicht nur wegen dieser Verbindung wurde die Serie zunächst als Wagnis empfunden, sondern auch wegen ihrer narrativen Struktur. Im Gegensatz zu anderen Krimi-Serien löste man den Fall nicht innerhalb einer Folge, sondern er bestimmte den gesamten Handlungsverlauf. Wie üblich macht es das Konzept einer fortlaufenden Handlung denjenigen Zuschauern schwer, die nicht von Anfang an dabei gewesen sind. Diese beiden Komponenten machten die Serie nicht nur interessanter, sondern auch anspruchsvoller als die damaligen gängigen Fernsehformate. Dennoch: Auch Twin Peaks ist sich seiner Tradition bewusst, vor allem seiner Ursprünge in der TV- und Kino-Geschichte der 50er Jahre, lehnt sich daran an, wie zum Beispiel im Kleidungsstil und der Wahl einiger Darsteller (Richard Beymer und Russ Tamblyn aus West Side Story), und grenzt sich zugleich davon radikal ab. Reflektiert wird dieses ambivalente Verhältnis über die fiktive Soap-Opera „Invitation to Love“, die in den Fernsehern der Figuren läuft und die Handlung von Twin Peaks spiegelt.

Auflösung des Falles, Auflösung der Serie

Der Erfolg war groß, aber kurz: Die erste Staffel war in 13 Kategorien für Emmys nominiert, von denen sie zwei gewann. 34 Millionen Menschen sahen den Pilotfilm, 18 waren noch beim ersten Staffelfinale dabei – das sind auch für heutige Verhältnisse Traumquoten. Zum Vergleich: Bei CSI schauten im Durchschnitt etwa 21 Millionen Menschen pro Episode zu, bei Lost (ebenfalls ABC) waren es rund 14 Millionen. Selbst in Tiefphasen von Twin Peaks waren noch rund acht Millionen Zuschauer dabei, zehn bei der letzten Episode. Obwohl das immer noch gut ist, wenn man das mit Serien wie The Sopranos vergleicht (im Schnitt acht Millionen Zuschauer), aber für einen Broadcast-Sender war die Quote dann doch zu schwach, um die Serie zu halten.

Das Hauptproblem lag darin, dass Lynch und Frost dem Druck des Senders nachgaben und etwas taten, was sie ursprünglich nie vorgehabt hatten: In der 15. Episode, also genau in der Mitte, lösten sie den Fall auf. Dadurch verlor die Serie ihren roten Faden, die Spannung war raus und das Interesse an der Serie ließ auch bei den Fans nach. Auch der zweite Fall um den Serienmörder (!) Windom Earle, konnte Twin Peaks nicht retten, die Handlung zerfaserte, wurde trivialer und ließ viele Aspekte vermissen, die sie am Anfang so liebenswert machte (zum Beispiel die Kaffee- und Donutorgien). Trotz eines furiosen Endes und Cliffhangers wurde Twin Peaks nach der zweiten Staffel abgesetzt. Die Zeit war nicht reif für Serien dieses Formats.

Intermediales Phänomen

Ironischerweise ist die Festlegung von Lauras Mörder ebenfalls einer medienpolitischen Entscheidung geschuldet: Weil der Pilotfilm als eigenständige Publikation auf dem europäischen Markt erscheinen sollte, war  Lynch verpflichtet ein Ende dranzuhängen, in dem der Fall aufgeklärt wird. Lynch improvisierte, erklärte spontan einen Set-Ausstatter (Frank Silva) zum Mörder „Bob“. Das Ergebnis wirkt ziemlich bemüht. Doch der Regisseur rächte sich auf seine Weise, indem er an dem Ende einen Epilog hinzufügte: Die Szene spielt 25 Jahre später in einem geheimnisvollen Raum mit roten Vorhängen, in dem ein rückwärtssprechender, tanzender Zwerg Rätsel aufgab. Mit dieser verstörenden Sequenz machte der Autor die lahme „Auflösung“ des forcierten Endes zunichte. Später verwendete Lynch die Szene am Ende der dritten Episode für Coopers ersten Traum. Damit war auch der Grundstein für den weiteren Verlauf der Handlung gelegt – „Bob“ kam wieder …

The Secret Diary of Laura PalmerLetztendlich schadete das Recycling Twin Peaks nicht, sondern schuf damit ein Universum, das seinen Kultstatus förderte. Die öffentliche Bedeutung der Serie wurde deutlich, als die Comedy-Sendung Saturday Nightlife sie parodierte und Hauptdarsteller Kyle MacLachlan dabei sogar mitmachte. Twin Peaks war aber nicht nur ein Fernsehphänomen. Der Erfolg ließ das Franchise auch auf andere Medien übergreifen. David Lynchs Tochter Jennifer schrieb Das geheime Tagebuch von Laura Palmer, Mark Frosts Bruder verfasste eine Autobiographie von Agent Cooper. Daneben erschienen ein Audio-Kassette mit Monologen, die Cooper in sein Diktiergerät gesprochen hat (für die ominöse „Diane“), ein Twin Peaks-Stadtführer, eine Twin Peaks-Zeitung sowie Sammelkarten.

Schließlich, im Jahr 1992, nach Ende der Serie, drehte David Lynch den Kinofilm Twin Peaks: Fire Walk With Me, ein Prequel, das die Ereignisse vor dem Mord an Laura erzählt. Schon die erste Einstellung thematisiert den Medienwechsel: Ein Fernseher geht zu Bruch. Doch obwohl der Film ebenfalls als Serie, als Dreiteiler, angelegt war, der die Handlung abschließen sollte, endete das Projekt vorzeitig, weil der Film ein kommerzieller Flop wurde. Er spielte nicht einmal die Hälfte seines Budgets ein. Die Gründe sind vielfältig wie einfach: Man musste die ganze Serie kennen, um den Film zu verstehen (insofern war es auch eine Fortsetzung) – und selbst dann wurden mehr Rätsel aufgegeben als gelöst. Noch mehr als in der zweiten Staffel entfernte sich Lynch im Film von seinem ursprünglichen Stil. Der Humor und die Ironie gingen weitgehend verloren, viele wichtige Figuren fehlten, Agent Cooper spielte nur eine rudimentäre Rolle. Damit war das Franchise endgültig tot.

Lange Nachwirkung in Fernsehen und Internet

Und doch lebte Twin Peaks weiter – in anderen Formen und Medien: Im Jahr 1993 erschien eine an Twin Peaks angelehnte Serie von vier kurzen japanischen Werbefilmen für einen Eiskaffee. In den 30 Sekunden-Spots traten einige der Darsteller, darunter auch Kyle MacLachlan, auf. 1995 parodierten die Macher der Simpsons die Szene aus dem roten Raum in der Doppel-Episode „Wer erschoss Mr. Burns?“. Und im Jahr 2010 wurde eine ganze Folge der Serie Psych einer Twin Peaks-Hommage gewidmet. Auch dabei machten einige der ursprünglichen Darsteller mit – leider nicht mehr Kyle MacLachlan.

Der Hype um Twin Peaks bildete auch eines der ersten Internet-Phänomene. Bereits im Jahr 1990 wurde die Newsgroup „alt.tv.twin-peaks“ gegründet, in der sich Fans über alles austauschten, was mit der Serie zu tun hatte. Mit angeblich hunderten von Postings pro Woche soll sie eine der aktivsten gewesen sein. Später wurden die gesammelten Informationen in den „audrey“-Archiven gesammelt, die 1997 auf twinpeaks.org gelandet sind. Die Community ist im heutigen Internet kaum noch überschaubar. Dort findet man neben Fan-Fiction sogar Obskuritäten wie das ursprüngliche Drehbuch zur letzten Folge, das sich sehr von der gedrehten Fassung unterscheidet.

Revolution des Fernsehens

Twin Peaks machte Schule: In den 90er Jahren löste sie eine Welle von Mystery-Serien aus, wie Akte X (1993-2002) oder eine Neuauflage der 60er-Jahre-Serie Outer Limits (1995-2002). Während letztere eine typische Episoden-Serie war, versuchte Akte X einen Spagat zwischen Freak-of-the-Week und einem langen Handlungsbogen, dem sogenannten mythology arc – auch wenn einige fanden, dass dieser Bogen ziemlich überspannt wurde. Und auch die Serie wie Lost (2004-2010), die  ohne die Vorarbeit von Twin Peaks nicht denkbar gewesen wäre, bedient sich dieser Struktur und treibt sie auf eine neue Spitze. Anders als die übrigen Mystery-Serien kombiniert Lost erneut verschiedene Genres wie das Survival-Drama mit phantastischen und Mystery-Elementen.

Wenn man schon von einer Revolution des Fernsehens sprechen will, so muss man sie bei Twin Peaks ansetzen. Nicht mit den Sopranos wurde die Serie neu erfunden. Formal und inhaltlich ist das Werk von Lynch und Frost anspruchsvoller als viele anderen HBO-Serien, sie ist immer noch Genuss und Herausforderung zugleich. Im Zuge der Begeisterung für das sogenannte Qualitätsfernsehen wird die Serie seit Jahren auf DVD neu entdeckt. Sie mag einer von vielen Vorläufern für heutige Serien sein, doch keine hat die Konventionen so nachhaltig gebrochen und den Fortschritt des Fernsehens bis heute beeinflusst wie diese: Twin Peaks ist Avantgarde in Sachen Erzähltechnik, Inszenierung, Einsatz von Musik, intermedialem Erzählen. Allein der Interpretationsspielraum, den Twin Peaks eröffnet, wird noch viele Zuschauer beschäftigen. Denn schließlich gilt seitdem: „Die Eulen sind nicht, was sie scheinen.“

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