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Versuche über die TV-Serie, Teil 3: Digitale Distribution
Digitale Distributionswege: Captain America auf dem Tablet. (Szene aus South Park.)

South Park als Vorreiter für digitale Distribution: Captain America auf dem Tablet.

Keine Sorge: Die Überschrift ist kein Bekenntnis zum Sozialismus. Im Gegenteil: Aus ihr spricht die Lust am Konsum. Einem geistigen Konsum kultureller Güter. Denn darum geht es doch bei Serien. Sie speisen sich von der Gier der Menschen nach mehr. Doch obwohl der Hunger nach TV-Serien hierzulande groß ist, wird er nicht gestillt. Die Menschen wollen mehr, doch sie bekommen es nicht – oder zu wenig davon. Ein Plädoyer für eine offenere Distributionspolitik.

Kevin Spacey hat es verstanden: „Das Publikum will die Kontrolle“, sagte er bei seiner Rede auf dem Edinburgh Television Festival. Man müsse den Leuten, das geben, was sie wollen, wann sie es wollen, in der Form, in der sie es wollen und zu einem vernünftigen Preis. Der Schauspieler weiß, wovon er spricht: Er spielt die Hauptrolle in House of Cards, einer Serie, die für den Video-on-demand-Anbieter Netflix produziert wurde. Die ist nicht nur hochkarätig besetzt, geschrieben und gemacht (Regie: David Fincher) ist, sondern auch für 14 Emmys nominiert war und neun bekommen hat. Die Innovation: Netflix veröffentlichte alle 13 Folgen der ersten Staffel simultan.

Schon schreien die Propheten: Das ist die Zukunft! Und die Wissenschaft rätselt über die veränderte Rezeptionsform und ihre Folgen. Doch die eigentliche Frage ist: Warum ist das, was Netflix vorgeführt hat und nun mit Serien wie Orange Is The New Black ausbaut, nicht schon längst der Normalfall – in der Gegenwart? Die Komplexität von Serien wie The Wire, Boardwalk Empire und Game of Thrones, mit all ihren vielen Charakteren und Handlungssträngen macht es schwierig, dem Rhythmus der Erstausstrahlung zu folgen und nur eine Folge pro Woche zu schauen. Weil man bis dahin den ein oder anderen Faden verloren hat, ist es nötig, sich mit dem „Previously on …“ die für die nächste Folge relevantesten Handlungselemente in Erinnerung zu rufen. Besser ist es also, sich diese Serien, die keine abgeschlossenen Episodenhandlungen haben, gebündelt anzusehen. Insofern ist es nicht mehr zeitgemäß, die Zuschauer eine Woche auf jede Episode warten zu lassen. Schon seit Jahren werden Serien, vor allem die sogenannten Qualitäts- oder Autorenserien, von den meisten nicht „live“, also bei ihrer Erstausstrahlung im Fernsehen geschaut, sondern zu einem späteren Zeitpunkt, der dem Publikum gerade passt. Aufnahmefunktionen sind die eine Möglichkeit, das Internet die andere, ganz Geduldige warten auf DVD und Blu-ray.

Freies Internet, beschränktes Video-on-Demand

In der Regel richtet sich die Ausstrahlung aber immer noch nach einem fremdbestimmten Fernsehprogramm. Die Aufnahme auf Festplatten ist, so möchte ich behaupten, nach der Abschaffung der Videorekorder nicht mehr so weit verbreitet wie einst. Und nur die wenigsten, die eine Serie sehen wollen, sind bereit, sie sich zu kaufen, um eine Kopie zu besitzen – vor allem, wenn sie die Katze im Sack ist. Bleibt also das Internet mit seinen unbegrenzten Möglichkeiten. Jedenfalls theoretisch. Natürlich gibt es zum einen die zahllosen illegalen Stream-Angebote. Jeder entscheidet da nach seinem Gewissen, die Rechteinhaber wird das nicht freuen. Also gut, sie verkaufen ihre Serien über Video-on-Demand (VoD). Zum Beispiel bei iTunes. House of Cards kostet 2,49 Euro pro Folge in Standard-Auflösung, 2,99 Euro in HD, wobei das nicht dem Blu-ray-Standard entspricht (720p statt 1080p). Die ganze Staffel kostet rund 30 Euro, bzw. 26 Euro. Gegenwärtiger Preis bei Amazon: rund 24 Euro für die DVD, 29 Euro für die Blu-ray. Man bekommt das gleiche für weniger Geld, nur mit dem Unterschied, dass die Datenträger mitgeliefert werden, der Aufwand der Herstellung also größer ist. Der Nachteil: DVD und Blu-ray erscheinen erst am 17. Dezember. Spät, aber immerhin noch zum Weihnachtsgeschäft.

Bei Maxdome kostet jede Folge ebenfalls 2,49 Euro, einen Staffelpreis gibt es nicht. Macht also 32,37 Euro für 13 Folgen. Maxdome bietet ein Abonnement an: Für 7,99 Euro kann man sich 200 Serien und etwa 3700 Filme anschauen. Ein faires Angebot, könnte man meinen. Doch leider ist House of Cards nicht im Paket enthalten. Völlig unverständlich ist das Prinzip bei Homeland. Die erste Staffel kann man im Paket ausleihen oder für 1,49 pro Episode, wenn man kein Abonnent ist. Von der zweiten Staffel waren jedoch bis vor kurzem nur die Folgen 9 bis 13 verfügbar, die ersten acht konnte man sich nur kaufen – für 2,49 Euro pro Stück. Mittlerweile ist die ganze zweite Staffel nur zum Kauf, wohlgemerkt zum Episodenpreis. Gleiches gilt für die dritte Staffel, die relativ bald nach US-Start wenigstens auf Englisch verfügbar war. Die einzige Erklärung dafür ist, dass  es offenbar nicht bei 7,99 Euro bleiben soll – wer alles sehen will, muss draufzahlen. In dem Fall 19,92 Euro. Das ist fast soviel wie der Kaufpreis der DVD (etwa 29-30 Euro). Aber die ist erst am 6. Dezember erschienen, während sie digital schon Wochen früher verfügbar war.

DVD per Post im Internetzeitalter

Am günstigsten kommt man wohl weg mit Lovefilm, dem VoD-Angebot von Amazon. 6,99 Euro für die VoD-Flat klingt gut – nur leider gibt es die beiden genannten Serien nicht als Download, sondern sie werden per DVD und Blu-ray verschickt. Warum man im Internetzeitalter den Umweg über die Post geht, ist schleierhaft. Zudem kostet dieser Service 7,99 Euro im Monat – allerdings ohne VoD-Flat. Für beides zusammen zahlt man 11,99 Euro. Doch wenn man sich mit dem Schauen beeilt und viel schaut, könnte sich der Preis sogar lohnen.

Immerhin bei den letzten acht Folgen von Breaking Bad beeilte man sich, sie schnell nach Erstausstrahlung auch in Deutschland zu zeigen. Zum Beispiel bei Watchever. Für 8,99 Euro im Monat wird einem ein Programm aus Serien und Filmen geboten. Nur leihen ist möglich, kein kaufen. Dafür aber handelt es sich um ein zeitlich beschränktes, ständig wechselndes Angebot. Am besten macht es South Park: Auf southpark.de sind alle Folgen der Serie, nach ihrer Erstausstrahlung im Fernsehen, frei und legal verfügbar – sogar auf Englisch und Deutsch. Finanziert wird das Ganze mit Werbung. Das Beispiel zeigt seit Jahren, dass auch ein solches Modell möglich ist.

Video-on-Demand: Teuer und restriktiv

Wir haben also ein Dilemma: Zum einen lässt die DVD-Veröffentlichung zu lange auf sich warten. Zum anderen sind die VoD-Angebote zu teuer und/oder zu restriktiv. Die eine Serie kann man nur leihen, die andere nur kaufen, eine dritte teilweise kaufen und teilweise leihen. Und wenn Lovefilm einen immer noch zum Briefkasten laufen lässt, um die Filme wieder zurückzuschicken, kann man auch gleich seine nächste Videothek aufsuchen. Kundenfreundlich und fair ist das alles nicht. Von Sky ganz zu schweigen. Um den Sender Sky Atlantic HD zu empfangen, den Sender, der HBO-Serien zeigt, muss man in der Regel viel Geld auf den Tisch legen: Für diverse Pakete und den Receiver, die sich nur dann lohnen, wenn man den halben Tag vor dem Fernseher verbringt und den Vertrag zwei Jahre oder mehr laufen lässt. (Jetzt gibt es übrigens ein Weihnachtsangebot für schlappe 24,90 Euro im Monat – aber nur für die ersten zwei Jahre.) Auch da ist man angewiesen auf Programmzeiten, die man aber mit einem Aufnahmereceiver, der zum Paket dazugehört (aber meist Geld kostet), weitgehend umgehen kann.

Immerhin gibt es nun auch mit Sky Go und Sky Anytime so etwas wie On-Demand-Dienste. Ersteres funktioniert über das Internet, letzteres über den Sky-Festplatten-Receiver. Leider hält Sky Anytime aber nicht ganz, was der Name verspricht, da die Angebote dort nur für eine begrenzten Zeit verfügbar sind. Für die zweite Staffel von House of Cards soll jedoch Bewegung ins Programm kommen. Die soll parallel zum US-Start am 14. Februar 2014 auf Sky Go verfügbar sein, einen Tag später bei Sky Anytime. Ab dem 3. März läuft sie dann wahlweise synchronisiert oder im englischen Originalton auf Sky Atlantic mit festen Sendezeiten.

Neue Online-Serien in der Mache

Amazon versucht jetzt wie Netflix originale Inhalte zu verkaufen. Auch der Versandhändler lässt Serien produzieren, wie die Politserie Alpha House oder die Nerd-Komödie Betas. Die jeweils ersten drei Folgen konnte man sich kostenlos ansehen. Die Erstveröffentlichung der übrigen folgt einem wöchentlichen Rhythmus. Das hat den Vorteil, dass man in der Zwischenzeit Erwartungen schüren und die Vorfreude weiter wachsen lassen kann. Zudem ist, wenn sich die Rezeption nach diesem Rhythmus richtet, die Wartezeit zur nächsten Staffel verkürzt. Im November soll es einen kurzen Zeitraum gegeben haben, dass die Serie auch in Deutschland auf Amazon.com zu sehen war. Heute jedoch ist dies nicht mehr möglich. Auf Amazon.de taucht sie nicht einmal als Suchresultat auf.

Auch andere VoD-Anbieter planen eigene Serien, wie zum Beispiel Watchever. Netflix will vier Comic-Helden von Marvel  zu Serien machen, unter anderem Daredevil. Die Frauen-Gefängnis-Serie Orange It The New Black (von der Weeds-Macherin) soll sogar noch erfolgreicher als House of Cards sein. Netflix hat bereits mehr Kunden als der Pay-TV-Sender HBO, der bekannt ist für The Sopranos und The Wire. Ausländische Ausgaben von Netflix gibt es bereits, bald könnte es auch in Deutschland so weit sein. Konkurrenzfähig ist der Anbieter durchaus, in den USA kostet das Abo 7,99 Dollar pro Monat. Darin liegt die Hoffnung, um den hiesigen VoD-Markt aufzumischen. Geschaffen werden muss ein Angebot, dass mit den illegalen Portalen mithalten kann. Nur so kann man Verlusten durch Raubkopien begegnen: Indem man einen sicheren, einfachen Zugang zu möglichst vielen Inhalten schafft.

Keine Programme, sondern Archive

Dazu braucht es keine wechselnde Programmstrukturen, sondern wachsende Archive. Alte Serien müssen immer auf Abruf sein, neue Serien müssen zeitgleich weltweit erscheinen – auch wenn es zunächst nur im englischen Original ist. Denn danach ist die Nachfrage groß. Das Internet bietet die Möglichkeit, die Zuschauer selbst entscheiden zu lassen – und sie wollen selbst bestimmen. Aber dazu muss man ihnen auch die Auswahl geben. Nur so kann man erfolgreich gegen Raubkopierer vorgehen: Indem man ein besseres, verlässlicheres Angebot schafft. Oder, um es mit Kevin Spacey zu sagen: Gebt den Leuten was sie wollen, wann sie es wollen, in der Form, in der sie es wollen und zu einem vernünftigen Preis.

Das ist durchaus nichts Neues. Während sich Geisteswissenschaftler Gedanken machen, was das sogenannte binge viewing (Komaschauen) mit den Zuschauern anstellt und inwiefern es den Rezeptionsprozess verändert, muss man nur einen Roman in die Hand nehmen um zu verstehen, was hier passiert. DVD-Boxen und andere Datenträger, die uns erlauben, Staffeln und Serien am Stück zu sehen, ermöglichen lediglich das, was Bücher längst können. Das Schauen von Serien ist genauso wie Lesen von Romanen keine Frage von technischen Möglichkeiten mehr, sondern eine Frage der Ausdauer und Aufnahmefähigkeit. Die digitale Technik schafft es lediglich, Filme und Serien so einfach verfügbar zu machen, wie ein Griff ins Bücherregal. Der Unterschied ist, dass einige Serienregale noch vergittert sind.

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