Ein Käfig voller Arschlöcher

Versuche über die TV-Serie, Teil 5: Oz – Die erste Autorenserie von HBO

Oz (HBO)

Die Geschichte der großen seriellen Epen beim US-Kabelsender HBO beginnt mit Oz (1997-2003). Die Gefängnisserie von Tom Fontana setzte Maßstäbe in Sachen Realismus und einer drastischen Darstellung im Fernsehen. Damit war sie Vorläufer für The Wire. Leider wird das kaum wahrgenommen – vor allem in Deutschland nicht, da sie hierzulande nie ausgestrahlt wurde.

Es zeugt schon von einer gewissen Ironie, dass ein Autor, dem alle Freiheiten dabei gelassen werden, eine Serie zu erschaffen, die Handlung ausgerechnet in einem Gefängnis spielen lässt. So hat es Tom Fontana mit Oz gemacht. Sie ist die erste „Qualitätsserie“, die der US-Kabelsender HBO in Auftrag gegeben hat. Zwei Jahre vor den Sopranos (im Jahr 1997) wurde dem Autor freie Hand gelassen, was für eine Serie das sein sollte. Einzige Vorgabe: Die Charaktere mussten nicht sympathisch, aber interessant sein. Fontana schwärmt, dass der Tag, an dem er den Freischein erhielt, der glücklichste in seinem Leben gewesen sei.

Das Ausmaß dieses Glücks ist leichter zu verstehen, wenn man sich bewusst macht, wie prüde damals das Broadcast-Fernsehen in den USA war: Als Fontana in den 80ern noch für die Krankenhaus-Serie St. Elsewhere schrieb, musste er sogar darum kämpfen, das Wort „Hoden“ benutzen zu dürfen. Und dann, ein Jahrzehnt später, begann das Kabelfernsehen mit selbstproduzierten Serien erstmals von seiner Freiheit Gebrauch zu machen, Sex, Gewalt und vulgäre Sprache zu zeigen. Ein Befreiungsschlag, der sich im Knast vollzog.

Gegen die TV-Routine

In Oz zieht Fontana alle Register. Doch er wäre kein guter Autor, wenn die Tabubrüche in dieser Serie Selbstzweck wären. Schon die geringe Anzahl der Folgen pro Staffel (acht, in der vierten doppelt so viele) zeugt von dem damaligen Kurswechsel, den HBO eingeschlagen hatte, mehr auf Klasse statt auf Masse zu setzen. Und so schuf Fontana ein interessantes, anspruchsvolles Werk, das eine größere Aufmerksamkeit verdient.

Bereits der Name „Oz“ steht im ironischen Gegensatz zu dem, womit er assoziiert wird. Er hat nichts mit einem Phantasierreich oder Zauberei zu tun, in diesem Gefängnis herrscht bittere Realität. „Oz“ steht für „Oswald Maximum Security Penitentiary“, ein Hochsicherheitsgefängnis, irgendwo in den USA. Die Geschichte spielt in Emerald City (kurz: Em City genannt, ebenfalls eine Anspielung auf die Literaturvorlage), einer experimentellen Abteilung, in der versucht wird, die Insassen zu rehabilitieren – so weit es geht. Die Sektion ist ein Panoptikum: Zellen aus Plexiglas sind um einen Wachposten angeordnet. Jeder sieht jeden, Privatsphäre gibt es hier nicht. Die Insassen bewegen sich weitgehend frei, sie müssen im Gefängnis arbeiten. Um 17 Uhr werden sie in ihre Zellen geschlossen, um 22 Uhr geht das Licht aus – das ist die eine Routine.

Grausam bis an die Grenze der Erträglichkeit

Doch es gibt auch eine andere: Auch Drogen, Gewalt und Mord gehören zur Tagesordnung. Oz ist damit auch kein Ort, an dem das Verbrechen ein Ende hat. Im Gegenteil: Angefüllt mit lauter Menschen, die die Grenze zum Mord überschritten und nun nichts mehr zu verlieren haben, wird das Gefängnis zum Brennpunkt für weitere, oftmals noch grausamere Gewalt. Die Insassen sind dabei ebenso skrupellos wie erfinderisch: Einem werden die Augen ausgestochen, einem anderen der Penis abgebissen, ein dritter wird auf dem Boden der Sporthalle gekreuzigt, ein vierter bekommt die Kehle mit Fingernägeln aufgeschlitzt. Bereits in der ersten Episode wird ein Mensch bei lebendigem Leib verbrannt. – Immer wieder wird damit für die Zuschauer die Grenze der Erträglichkeit strapaziert. Das Erschreckendste daran ist aber, wie beiläufig das passiert und auch vom Personal zur Kenntnis genommen wird. Lange hält man sich an Morden nicht auf. In der Justizvollzugsanstalt scheint die Justiz in eine Sackgasse zu kommen und hat offenbar längst resigniert.

Wie seine Protagonisten kennt auch die Serie keine Sentimentalität. Schonungslos geht sie mit ihren Figuren um. Kaum sind sie eingeführt, könnten sie bald schon tot sein. Besser man freundet sich nicht zu sehr mit ihnen an. Diese Lektion lernen die Zuschauer bereits in der Pilotepisode: Hier gibt es keine Helden. Die Bilanz von Em City ist ernüchternd: Hier ändert sich niemand. Hier bleibt alles beim Alten. Selbst falls sich doch jemand wandelt, dann meistens nicht zum Besseren. Und wenn doch, wird  er meist rückfällig. Selbst wer raus kommt, kehrt wieder zurück – es sei denn er stirbt. „Oz is where I live, Oz is where I will die“, heißt es einmal.

Aufstand in der Smaragdstadt

Dennoch tritt die Serie nicht auf der Stelle. Im Gegenteil: Die Handlung geht schnell voran, manchmal überschlagen sich die Ereignisse. Kaum hat ein Insasse beschlossen, den Gefägnisdirektor zu töten, sieht man in der nächsten, nur Sekunden langen Szene, wie der Plan ausgeführt wird und scheitert, dann wieder ein Schnitt, und der Täter sitzt in der Todeszelle. Statt große Spannung mit der Tat zu erzeugen, liegt der Schwerpunkt auf der Darstellung der Folgen. In diesem Fall ist es der Umgang mit der Todesstrafe, die sich der Verurteilte als Erschießungskommando wünscht.

Die Angestellten in Oz kümmern sich um Schadensbegrenzung. Sie sind der Willkür der Politik ausgeliefert: Sparmaßnahmen führen dazu, dass sich die Gesundheitsversorgung verschlechtert oder das Schulprogramm gestrichen wird. In der ersten Staffel wird zuerst das Rauchen verboten, dann der Sex mit den Ehefrauen, schließlich führt der Gouverneur (mit dem sprechenden Namen „Devlin“) die Todesstrafe wieder ein. So kommt es am Ende der ersten Staffel zum Aufstand – die Insassen übernehmen Em City. Es ist nicht zuviel verraten, dass die Serie auch mit dieser Entwicklung kurzen Prozess macht. Am Anfang der zweiten Staffel kehrt wieder Normalität ein. Bis auf acht tote Insassen bleibt die Sache juristisch folgenlos.

Am Rande der Gesellschaft

Die Gesellschaft des Gefängnisses gliedert sich in verschiedene Gruppen: Die Schwarzen, die Muslime, die Iren, Latinos, die Sizilianer, die Aryans (Neo-Nazis) und Biker, die Schwulen. Schließlich bilden auch die Wärter eine eigene Gruppe – viele von ihnen sind kaum besser als die Insassen und häufig auch ebenso Gefangene. Und dann gibt es noch „die Anderen“, die nirgendwo richtig dazugehören, also die Alten, die Eigenbrötler. Den festen Kern des Ensembles bildet je ein Repräsentant dieser Gruppen. Daneben gibt es viele, oft wechselnde, Nebenfiguren.

Oz: Augustus Hill

Augustus Hill (Harold Perineau) in seiner rotierenden Zelle.

Einer von diesen Außenseitern ist Augustus Hill. Ein Mann mittleren Alters im Rollstuhl. Als Insasse nimmt er in der Handlung nur eine marginale Rolle ein, vor allem aber ist er der Erzähler der Serie – und damit wohl die interessanteste Figur. In einem sehr flapsigen, ironischen Alltagston spricht Hill durch die vierte Wand, leitet in das Themen der jeweiligen Episode ein, kommentiert die Handlung, reflektiert sie philosophisch oder gesellschaftskritisch, zeichnet Parallelen zu anderen Geschichten, die Parabeln auf die jeweiligen Episoden sind. Damit steht er nicht nur in der Tradition des Gefängnisweisen, sondern übernimmt auch die Funktion eines Chores in der griechischen Tragödie.

Eine Serie zum Nachdenken

Hill spricht in einem Raum jenseits der Gefängnisrealität. Meistens ist es eine gläserne Zelle, die entweder in Em City oder in einem abstrakten schwarzen Raum steht. Für die Inszenierung lässt sich Tom Fontana immer wieder etwas Neues einfallen: Mal rotiert die Zelle und mal bekommt der Erzähler Besuch von anderen Insassen, mal ist er passend zum Thema verkleidet (etwa als Pharao, wenn er die Geschichte von Moses erzählt), mal werden Bilder oder Filmszenen (auch aus der Serie) projiziert und mal steht Hill auf und geht herum – was ihm sonst nicht möglich ist.

Augusts Hill erklärt den Zusammenhang von Tod und Liebe.

Augusts Hill erklärt den Zusammenhang von Tod und Liebe.

Im Buch The Essential HBO Reader kritisiert die Autorin Michele Malach, dass diese Szenen dazu tendieren, plumpe Erklärungen der komplexen Themen der Serie zu sein – als könnten die Zuschauer nicht selbst darauf kommen. Doch damit tut sie dem Erzähler unrecht. Häufig ist das, worüber Hill spricht, so losgelöst von der Handlung, dass man häufig selbst die Leistung vollbringen muss, den Bezug herzustellen. Er erzählt dem Zuschauer nicht die Moral von der Geschicht, sondern vielmehr bilden die Episoden das Anschauungsmaterial für die Hills Weisheiten, die dadurch, so banal sie zunächst scheinen, ein umso größeres Gewicht bekommen. Wie zum Beispiel: „Death is certain, life is not.“

Jenseits von Schwarz und Weiß

Das Wichtigste aber ist, dass Hill nicht urteilt – auch wenn er die Geschichten der Insassen erzählt. Diese sekundenlangen, eingefärbten Rückblenden sind nahezu die einzigen Szenen, die außerhalb des Gefängnisses spielen. Die Hauptfarbe von Oz ist grau. Wie die Wände. Oder das Leben, wie es einmal der Gefängnisdirektor erklärt, weder schwarz noch weiß. So ist auch Oz eine Serie ohne Helden, dafür voller Arschlöcher, von denen aber keiner einfach nur schlecht oder gar böse ist. In dieser Vielschichtigkeit der Charaktere besteht der Reiz der Serie.

Nicht nur in dieser Hinsicht nimmt Oz seine Nachfolgeserie The Wire vorweg: Auch in Sachen Realismus – auch wenn dieser drastisch überzeichnet ist, denn der Realismus besteht vor allem in der Glaubwürdigkeit. Aber auch die nüchterne, fast dokumentarische Darstellung unterscheidet Oz von anderen Serien. Während bei The Wire fast nie Musik aus dem Off gespielt wird, unterstreicht bei Oz ein sparsamer Soundtrack, der fast nur aus Schlaginstrumenten besteht, die Szenen. Mal ertönen Trommeln, dann klingt es wie ein Schlagstock an Gitterstäben. (Schließlich spielen auch einige bekannte Gesichter aus The Wire bereits hier mit.)

Immerhin Platz 101

Außerdem arbeitet Oz auch intermedial: Im Jahr 2001 erschien ein Soundtrack, nach Ende der Serie im Jahr 2003 kam das „geheime Tagebuch“ von Augustus Hill heraus, der übrigens auch als Autor genannt wird. Dieses medienübergreifende Erzählen wurde bereits Anfang der 90er bei Twin Peaks praktiziert, mit den Memoiren von Laura Palmer und Agent Cooper.

Die Writers Guild of America hat Oz in ihre Liste der 101 am besten geschriebenen TV-Serien aufgenommen. Auf dem ersten Platz stehen die SopranosOz auf dem letzten. Obwohl die Serie es auf sechs Staffeln mit 56 Folgen brachte, war sie nie etwas für die breite Masse. Sei es wegen der Gewalt oder der vielen fortlaufenden Handlungsstränge. Hierzulande kennt Oz kaum jemand, da die Serie im deutschen Fernsehen nicht zu sehen war. Es gibt das Gerücht, dass der Pay-TV-Sender Sky Atlantic HD das in diesem Herbst nachholen wolle. Doch der Herbst ist fast vorbei, ohne dass sie auch nur offiziell angekündigt worden wäre. Bis dahin wird man mit dem UK-Import der DVD-Box vorlieb nehmen müssen, auf der leider keine deutsche Übersetzung enthalten ist. Es gibt Fälle, da ist es bedauerlich aus einem Knast ausgesperrt zu sein.

Oz (Logo)

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