8 Thesen zur Serie

Versuche über die TV-Serie, Teil 7: Eine Bilanz

Zum Abschluss der Serienwoche bei Fragmenteum: Eine Liste, die die wichtigsten Beobachtungen zum Thema zusammenfasst. Die Aufzählung versteht sich als Provisorium. Sie soll zum Nachdenken über das Medium anregen und wird künftig zu erweitern sein. Fortsetzung folgt …

1. Serien sind Filmen überlegen.

Durch die Zeit, die sie zum Erzählen haben, können sie ausführlicher Charaktere und Handlungen entwickeln. Zudem ergeben sich durch die Produktionsbedingungen und Freiheiten des US-Kabelfernsehens Pozenziale für Innovationen – in ästhetischer, thematischer und narrativer Hinsicht.

2. Statt von „Qualitätsserien“ sollte man von Autorenserien sprechen.

Der Begriff „Quality TV“ hat den Nachteil, dass er von einer grundsätzlich negativen Einstellung zum Fernsehen ausgeht. Man darf das Medium aber nicht mit seiner Botschaft verwechseln.

3. Autorenserien gibt es nicht erst seit den Sopranos.

Das erste Golden Age des Fernsehens war bereits in den 50er und 60er Jahren (z. B. The Twilight Zone), das zweite wurde bereits in den 80ern eingeläutet, ebenso wie der Begriff des „Quality TV“, der die damaligen Serien bezeichnete. Ein Meilenstein für moderne Serien war Twin Peaks (1990-1991), weil sie Genres verband, Tabus und narrative Konventionen brach und intermedial erzählte. Einige Jahre später begann der US-Kabelsender HBO seine Serienoffensive mit Oz (1997-2003), die in vielerlei Hinsicht Vorreiter für The Sopranos und The Wire war.

4. Das Fernsehen ist nicht mehr ans Fernsehen gebunden.

Programmstrukturen sind nicht mehr zeitgemäß. Die Technik ermöglicht eine Freiheit des Schauens, die die Zuschauer wollen. Daher muss es jederzeit offene, für alle zugängliche und preisgünstige Online-Archive geben, die Serien vollständig zum Stream oder Download anbieten – und zwar sofort nach Erscheinen, am besten alle Folgen simultan. Vor allem müssen die Angebote günstiger sein als der Verkauf von DVDs und Blu-rays, um einen Anreiz zu bieten. Damit Streams auch in Full-HD schnell laufen, muss der Bund in die Infrastruktur investieren und den Netzausbau vorantreiben.

5. Serien werden intermedial erzählt.

Das Erzählen beschränkt sich nicht auf die Serie allein, sondern wird zum Beispiel in Spielfilmen, Büchern, Soundtracks, DVD-Bonus-Material, Internet-Clips, Online-Games und auf anderen Internetangeboten fortgesetzt.

6. Serien stiften Gemeinschaft.

Das hat Vor- und Nachteile. Über das Internet finden Diskurse über Serien statt – und das häufig simultan beim Schauen. Twitter, Live-Ticker oder neue Angebote wie ‚Yahoo IntoNow‚ erlauben es, eine Sendung ‚live‘ zu diskutieren, wie es zum Beispiel bei Tatort betrieben wird. Das hat zum einen den Mehrwert, dass man im Idealfall einen Erkenntnisgewinn davon hat, wenn man sich zum Beispiel über die intertextuellen Bezüge austauscht. Zum anderen birgt es die Gefahr, dass das Multitasking die Aufmerksamkeit verteilt und man dadurch die Serie nicht mehr mit voller Aufmerksamkeit verfolgt. Das Anhalten kann auch dazu führen, dass man genauer hinsieht, genauso wie es sein kann, dass die ständige Unterbrechung einen aus der Handlung herausreißt. Hier stehen sich drei Interessen entgegen: Das Bedürfnis nach einem tieferen Verständnis, nach ästhetischem Genuss und nach sozialer Partizipation.

7. Serien sind nicht nur das neue Kino, sie gehören auch dort hin.

Nicht auf Smartphones oder Tablets, sondern auf möglichst große Bildschirme, am besten Leinwände. Wenn die Menschen bereit sind, sich sechs Teile Star Wars, sechs Teile Herr der Ringe und acht Teile Harry Potter im Kino anzusehen, warum dann nicht auch ein bis fünf Staffeln Breaking Bad oder Downton Abbey? Das Kino adelt nicht nur die Form der ursprünglichen Fernsehserie, sondern macht sie auch zu einem Ereignis, für das Zuschauer gerne bezahlen, wenn der Rahmen dafür stimmt.

8. Deutschland hinkt hinterher.

Zum einen fehlt es an vergleichbaren Formaten wie man sie aus den USA, Großbritannien und anderen Ländern kennt. Die Sender haben weder den Mut noch die richtigen Anreize für Innovationen zur besten Sendezeit. Zum anderen werden ausländische Serien viel zu spät, zu unsäglichen Sendezeiten oder gar nicht veröffentlicht.

3 Kommentare

  1. Das indermediale Erzählen hat doch vor allem zur Folge, dass Serien auch außerhalb des Fernsehens und Internets eine Präsenz haben und so geradezu zu einem Teil des Rezipientenlebens werden! Und anders herum bekommt man als Zuschauer das Gefühl, zur Lieblingsserie dazu zugehören. Auf diese Weise intensiviert sich die Rezeption zusätzlich.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s