Wildsaureiten auf der Autobahn

King Khan & The Shrines: Idle No More

King Khan & The Shrines: Idle No More

King Khan & The Shrines gehören zu den besten Bands der Gegenwart. Es ist ein Skandal, dass kaum jemand sie zu kennen scheint.  Höchste Zeit, das zu ändern. Gelegenheit bietet das neue Album Idle No More. Vielleicht ist es ihr bestes geworden. Und wenn im März beginnt ihre Europatournee beginnt, kann sich jeder selbst überzeugen. Das wird der Durchbruch!

Als ich King Khan & The Shrines zum ersten Mal hörte, konnte ich mein Glück kaum fassen. „Was ist das bitte für eine Musik?“, fragte ich mich. Es war irgendwie straighte Rockmusik, doch mit einem deutlichen Soul-Einschlag, bestechend schlicht, aber doch so zwingend, dass ich mich dessen nicht erwehren konnte. Da gab es diese beschwingte Hammond-Orgel, diese satten Bläser mit ihren pointierten Einsätzen und dann – vor allem – diese wahnsinnige Bassgitarre, ebenso von der Wildsau getrieben wie der Sänger, der ständig unter Strom zu stehen scheint. Eine ungestüme, unfassbar gut gelaunte Musik mit einem gewissen Sixties-Charme. Kurzum: Ein unglaublicher Sound! Sensationell!

Das war im Jahr 2007. Damals war das Album What Is?! herausgekommen. – Eine Epiphanie! Allein der Opener trieb mir die Tränen in die Augen – ich kann bis heute nicht sagen, warum. Auch die ersten beiden Alben waren grandios: Three Hairs and You’re Mine (2001) und Mr. Supernatural (2004). Doch als ich mich umsah, stellte ich mir die Frage: Warum scheint niemand sonst diese Band aus Kanada zu kennen? Erst da erkannte ich, wie unfassbar unfair das Musikgeschäft ist. Immerhin, offenbar hat der ein oder andere schon mal etwas von der verwandten Band The King Khan & BBQ Show gehört, die drei Alben soliden (manchmal etwas überdrehten) dreckigen Garagenrock gemacht hat. Fish Fight ist vielleicht ihr bekanntestes Lied. Aber Love You So ist sogar noch besser. Auch hier lohnt sich das Reinhören.

Hört das Rufen des Propheten in der Wüste

Na ja, egal. Es hat ja auch sein Gutes. Denn die Natur des Musiksnobs besteht ja in einer gewissen Selbstgefälligkeit, einem Überlegenheitsgefühl, ach nennen wir es ruhig eine gewissenlose Überheblichkeit. Insofern ist es schon gut, ein paar Bands nur für sich zu haben und hin und wieder, wenn man nach Empfehlungen gefragt wird, mit diebischer Freude sagen zu können: Hör dir das mal an. Und tatsächlich, wer einmal King Khan gehört hat, mag ihn und will mehr. Die vergangenen sechs Jahre war ich der einsame Prophet in der Wüste.

Und nun die Überraschung: Per Zufall habe ich vor einigen Tagen entdeckt, dass King Khan & The Shrines bereits im September ein neues Album herausgebracht haben. Ganz klar – ein Blind- oder vielmehr ein Taubkauf. Und ich wurde nicht enttäuscht. Idle No More erfüllt alle Erwartungen. Nein, die Band erfindet sich nicht neu, braucht sie auch nicht, sie bleibt ihrem Sound treu. Und das ist auch gut so, denn so ein Sound will gut gepflegt sein – vor allem, wenn er noch nicht zu vielen durchgedrungen ist. Und so hören wir ein Dutzend neuer und frisch klingender Songs, perfekt zum Erscheinungsdatum im Spätsommer, aber auch eine Platte, die an trüben Wintertagen die Stimmung heben kann. Alles ist da: Die freaky Orgel, der funky Bass und die fetzigen Bläser.

Ansteckender Optimismus

Der Auftakt, „Born to Die“, ist wieder so herrlich programmatisch wie beim Vorgänger, diesmal sogar mit großem Streicher-Aufgebot. Das nachfolgende Stück, „Bite My Tongue“, ist mit ihrem Lebensfreude-Sixties-Pop zurecht zur Single ausgewählt worden. Und so geht es auch mit den nächsten drei Stücken weiter. Damit ist die erste Hälfte bereits eine einzige Party. In der Mitte wird es ruhiger, aber keineswegs schlechtgelaunt. Selbst die langsamsten Songs, wie „Darkness“ und „Pray for Lil“ (ein Duett mit Frau) haben noch etwas wunderschön Bittersüßes. Bei dem schnellen „So Wild“, spätestens wenn diese himmlischen Bläser die wortlosen Übergänge zwischen den Strophen bestreiten, möchte man dahinschmelzen. Im 60er-Jahre-Garage-Rock-Stil beschleunigt die Band wieder mit „Yes I Can’t“ und „I Got Made“. Nur das letzte Stück, die Ballade „Of Madness I Dream“, macht im Intro einen kurzen Ausflug in den Free-Jazz, wie es ihn auch auf anderen King-Khan-Alben gibt, nur um dann im schleppenden Walzertakt auszududeln.

Idle No Wild ist vielleicht das beste, weil kurzweiligste und am besten durchhörbare Album der Band geworden. Ein in seinem Optimismus ansteckendes Werk. Ein Ritt auf der Wildsau. Eine Platte für die Autobahn. Eine Musik zum Tanzen und Feiern. Und eine, die Lust macht auf mehr. Also: Kaufen! Hören! Immerwiederhören! Verschenken und weiterempfehlen! Wir sehen uns im April beim Konzert in Frankfurt. Nach allem, was man von King Khan hört, soll die Bühnenpräsenz überwältigend sein.

http://kingkhanmusic.com/

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