8 Gründe für Boardwalk Empire

Boardwalk Empire

Okay, nun da Breaking Bad vorbei ist – was soll man tun, um die Lücke im Leben, die Walter White hinterlassen hat, wieder mit etwas Sinnvollem zu füllen? Ach, es gibt so viele tolle Serien. Aber wieso schwärmen alle von Mittelmaß wie Homeland und Game of Thrones, wenn es so etwas viel besseres wie Boardwalk Empire gibt? Eigenartigerweise scheint diese HBO-Serie weitgehend ignoriert zu werden. Zu unrecht! Hier kommen 8 Gründe, warum man sie sich unbedingt anschauen und verschenken sollte.

1. Weil allein der Vorspann seinesgleichen sucht. Keine öden Montagen von Szenen und irgendwelchen anderen Symbolkram, sondern eine kleine Allegorie: Nucky Thompson, ein Mann von Welt, – rote Ansteckblume, goldene Zigarettendose – tritt an den Strand, zündet sich eine Kippe an und raucht, während auf dem Meer die Schnapsflaschen herantreiben. Es sind viele, sehr viele. Das Wetter kippt, der Wellengang wird stärker, es blitzt, Flaschen zerschellen, das Wasser umspült Nuckys Füße, dann verzieht sich der Sturm plötzlich wieder, das Meer ist voller Flaschen, und nachdem das Wasser sich wieder zurückzieht, sind Nuckys Schuhe so sauber und trocken wie am Anfang. Die modernen Rockgitarren-Riffs (Brian Jonestown Massacre: Straight Up And Down), die die Szene begleiten, tragen das Übrige bei. Damit ist alles darüber gesagt, was kommt: So ist es, das Geschäft mit der Prohibition – ein unstetes Auf und Ab mit einigen Kollateralschäden. Aber was soll nach so einer entzückenden Eröffnung schon kommen? Einiges!

2. Weil der Held der Geschichte keiner ist. Nucky Thompson ist ein Politiker, Stadtkämmerer in Atlantic City, der nebenbei Geld mit illegalem Schnapshandel macht. Er ist ein Geschäftsmann, der aber Geld als notwendiges Übel betrachtet. Er ist kein Prasser. Na gut, er wohnt im Ritz und trägt maßgeschneiderte Anzüge. Aber sonst ist er ein bescheidener Mann, der das Geld, das er bei sich trägt, gerne auch mal den Bedürftigen gibt. Der für Independent-Produktionen bekannte Steve Buscemi spielt hier, besser spät als nie, die Rolle seines Lebens: Souverän, würdevoll, ein undurchschaubarer Einzelgänger. Ein Gangster zum Gernhaben. Fast schon ein Gutmensch. – Fast.

3. Weil hier keiner eine weiße Weste trägt. Die Welt von Boardwalk Empire ist voller Gauner. Den Typen, mit denen Nucky Umgang pflegt, kann man nie trauen: Den Jungen wie Al Capone und Lucky Luciano, den Gewieften wie Arnold Rothstein. Und der streng-christlich-moralische Prohibitions-Agent Nelson Van Alden ist ein ebenso großer Psychopat wie alle anderen (großartig gespielt von Michael Shannon). Selbst das Unschuldslamm, mit dem der Held anbändelt, kehrt sehr bald seine dunkle, moralisch flexiblere Seite hervor. Das führt zu großen Dramen: Persönlichen und geschäftlichen Intrigen – und oftmals sind hier beide ein und dasselbe. Doch wie so oft in solchen Geschichten, können Verbrecher  sympathisch sein: Allen voran Chalky White, das Gangster-Oberhaupt der Schwarzen in Atlantic City, dargestellt von Michael Kenneth Williams, dem Omar aus The Wire. Auch Chalky ist  eine coole, autarke Figur, aber nicht ungezähmt, sondern beherrscht, ein Familienvater und Gentleman. Das sollte man sich nicht entgehen lassen.

4. Weil Martin Scorsese bei der Pilotfolge Regie führt. Der Altmeister, der sich mit Goodfellas, Casino und The Departed einen Namen im Gangsterfilm gemacht hat, kehrte im Jahr 2010 zum Genre zurück und setzt Maßstäbe für den Stil der restlichen Folgen. Die können ästhetisch und qualitativ durchaus mithalten. Damit begann der Altmeister wohl das größte und großartigste Gangster-Epos seit Der Pate.

5. Weil hier nichts beschönigt wird – im Gegenteil. Zarte Gemüter seien gewarn: Es geht sehr hart zur Sache. Hier spritzt das Blut, Schädel werden durchlöchert, eingeschlagen, abgeschlagen, mit Macheten gespalten, Hälse mit Flaschen aufgeschnitten usw. Es hat schon fast etwas von Splatter-Film. Man kann die Gewalt als Selbstzweck verurteilen oder sie als ein Stilmittel ansehen, um selbst die abgebrühten Zuschauer zu bewegen. Wohlwollend gehen wir von letzterem aus. Man kann der Serie zugute halten, dass Gewalt zumindest weder verherrlicht noch verharmlost wird. Und wenn es einem dann doch zu viel wird, ist es keine Schande, kurz die Augen zu schließen. Aber wirklich nur kurz, weil sich das Hinsehen sonst lohnt.

6. Weil die 20er Jahre nie besser aussahen. Kulissen, Ausstattung, Kostüme – das alles ist so liebevoll und detailgetreu gemacht, gut recherchiert und richtig eingesetzt, dass man in diese Welt eintauchen kann. Vor allem aber ist das sehr schön anzusehen – womit der sensible Zuschauer für die unschöne rohe Gewalt entschädigt wird. Das Beste: Hier trägt jeder Anzug – selbst der übelste Gauner. Und dieser Stil ist es, den die Ganoven von Boardwalk Empire den Jogginganzug- und Goldkettchen-Proleten der Sopranos voraus haben.

7. Weil Schnaps nicht immer selbstverständlich war.Boardwalk Empire ist eine Serie über Sucht und Sehnsucht. Menschen brauchen nun mal ihre Drogen, allem voran den Alkohol. Und nichts kann sie daran hindern, sich ihn zu beschaffen. Dass Alkohol verboten sein könnte, erscheint heute absurd. Vor allem, wenn man sieht, dass das Verbot auch damals keines war. Am Trinken hat die Prohibition jedenfalls niemanden gehindert. Sie hat nur dazu geführt, dass sich viele Menschen daran bereichern und dafür über viele Leichen gehen. Boardwalk Empire führt vor, wie ein gutgemeintes Gesetz alles nur noch schlimmer machte, denn die Serie zeigt, wie die Prohibition  das organisierte Verbrechen hervorbrachte. Insofern ist die Serie weniger eine Geschichts-, sondern eher eine Lehrstunde über menschliche Schwächen. (Für den historischen Hintergrund sei die Dokumentation Prohibition – Eine amerikanische Erfahrung empfohlen. Der Fünfteiler lief auf Arte und ist auf DVD erhältlich.)

8. Weil bereits vier Staffeln ausgestrahlt wurden, drei davon in Deutschland auf DVD und Blu-ray erschienen sind (die ersten beiden sogar preisgünstig) und eine fünfte in Auftrag gegeben wurde. Im Herbst 2014 geht es weiter. Bis dahin hat man viel Zeit für die bisherigen 48 Episoden. Jede einzelne ist ein Genuss! Und das Beste: Vor jeder ist dieser tolle Vorspann zu sehen (siehe Punkt 1) …

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