Das Imperium schlägt zurück

Gar nicht mal so böse

Gar nicht mal so böse? (Montage: leg)

Nach der vielen schlechten Presse über schlechte Arbeitsbedingungen bei Amazon geht der Online-Versandhändler in die Gegenoffensive: Auf einer neuen Internetseite will er einen Blick „hinter die Kulissen“ geben und lässt Versandmitarbeiter zu Wort kommen. Denen zufolge ist alles halb so wild. Fragt sich nur, warum dann zurzeit 1100 Kollegen die Zentren in Leipzig und Bad Hersfeld bestreiken. Egal, wie viel Wahrheit darin steckt – eine raffinierte Strategie ist es auf jeden Fall, um sich das Weihnachtsgeschäft nicht vermiesen zu lassen.

„Ich will jetzt mal was klarstellen“, sagt ein Mitarbeiter aus dem Amazon-Logistikzentrum Koblenz. „Alles, was die Presse erzählt und weitergibt wegen den Löhnen und so, ist alles Schwachsinn.“ Auch was Frontal 21 berichtet habe, sei „Schwachsinn“. Der Mann erzählt, dass er keinen Grund zur Beschwerde habe. Der Lohn sei höher als anderswo, die Richtlinien seien normal. „Ich bin glücklich“, sagt er. „Ich glaube, ich bleib bis zur Rente bei Amazon. Denn Amazon gibt jedem ne Chance.“ Verdi wolle einfach den „Konzern plattmachen wie Schlecker, Max Bahr und so“. Sein Schluss: „Verdi sollte sich lieber verpissen. Die sind alle dumm und haben nichts besseres zu tun, als andere Firmen fertig zu machen.“

So kann man es in einem YouTube-Video sehen und hören, das Amazon am 18. Dezember 2013 in seinem Logistik-Blog gepostet hat. Wie der Mann heißt, steht da nicht. Warum er die ganze Zeit nervös herumläuft, während er in die Kamera spricht, die an seinem Bauch befestigt und auf sein Gesicht gerichtet ist, wird auch nicht klar. Und vor allem ist nicht zu sehen, ob er, wenn er den Blick senkt, nicht vielleicht auf einen Spickzettel schaut. Man weiß es nicht, aber klar ist: Er ist nicht allein. Denn der Versandhändler hat kurz vor Weihnachten eine Kampagne gestartet, in der er einige seiner Mitarbeiter zu Wort kommen lässt, und alle sagen mehr oder weniger das gleiche. Die Arbeit bei Amazon sei gar nicht so schlecht, wie die Presse berichte. Und auch eine Frau sagt, sie wolle bis zur Rente dort bleiben.

Wenig Geld, Zeitdruck, Überwachung

Das Unternehmen geht damit in die Gegenoffensive. Seit Mai streiken immer wieder die Mitarbeiter der Versandzentren Leipzig und Bad Hersfeld; sie fordern einen Tarifvertrag nach den Konditionen des Einzel- und Versandhandels, da sich Amazon  sich an der Bezahlung in der Logistikbranche orientiert. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi kritisiert an dem Unternehmen, ihre Mitarbeiter unter Leistungsdruck zu setzen, sie ständig zu kontrollieren, mit den Arbeitsbedingungen ihre Gesundheit zu gefährden, sie unter Tarif zu bezahlen sowie sie als Leiharbeiter auszubeuten. Medienberichten bestätigten diese Vorwürfe. Am Dienstag, 17. Dezember, berichtete die ZDF-Sendung Frontal 21, dass die Amazon-Mitarbeiter „für wenig Geld, unter enormen Zeitdruck und permanenter Überwachung“ schuften müssten. „Und die Fahrer, die die bestellte Ware ausliefern, sind oft Scheinselbstständige, die pro ausgeliefertem Paket und nicht pro Stunde bezahlt werden“, heißt es auf der Homepage.

All das gibt Anlass dazu, dass sich Amazons Kunden nicht mehr so wohl dabei fühlen, dort ihre Weihnachtsgeschenke zu bestellen. Auch jetzt werden zwei von neun Zentren in Deutschland, Leipzig und Bad Hersfeld, bestreikt. Und so schickt Amazon seine Mitarbeiter ins Feld, um sich gegen das Ausbeuter-Image zu wehren. Auf der Startseite von Amazon.de werden die Kunden dazu eingeladen, mehr über die Logistik-Arbeiter zu erfahren. Zwei Klicks weiter landet man auf dem Blog. Der wurde angeblich im August begonnen, doch die frühesten Einträge mit Mitarbeitern stammen von Oktober. Nach drei Einträgen für diesen Monat, dann folgen die meisten ab dem 11. Dezember. Seit dem 16. Dezember (da begannen wieder die Streiks) erscheinen täglich Interviews mit Mitarbeitern und Betriebsräten, in Textform und in Videos.

Arbeiter nehmen Stellung zu Presseberichten

Die Mitarbeiter werden nach ihren Arbeitsbedingungen gefragt, dürfen sagen, was ihnen an der Arbeit gefällt und was nicht. Außerdem werden sie offen mit den Vorwürfen aus der Presse konfrontiert. Zum Beispiel wird Christos Kalpakidis, Betriebsratsvorsitzender in Pforzheim, nach der Berichterstattung über die Leiharbeiterunterkünfte befragt. Da sei Amazon falsch dargestellt worden, sagt er. Das Unternehmen habe damit nichts zu tun gehabt, sondern eine andere Firma. Nachdem er seinen Arbeitgeber gelobt hat, heißt es von dem anonymen Interviewer: „Da glaubt jetzt jeder, dass unser Gespräch zensiert wurde, bei Deiner Begeisterung“. Und als der Betriebsrat gefragt wird, was ihm weniger gefalle, kommt er ins Grübeln:Weniger gut … da muss ich wirklich überlegen. Vielleicht, dass bei uns in Pforzheim die Pause zu kurz ist.“ Aber auch da arbeite man an einer Änderung.

Dann gibt es da noch Reimar Flöck, den Betriebsratsvorsitzenden im Amazon-Logistikzentrum in Koblenz. Zur Überwachung gefragt, antwortet er: „Man hat natürlich gewisse Vorgaben. Da sehe ich aber keinen Unterschied zu anderen Firmen. (…) Aber den Vorwurf mit Überwachung sehe ich nicht.“ Eine Bezahlung von 9,90 Euro pro Stunde für Ungelernte und 11,13 Euro im zweiten Jahr hält er offenbar für großzügig: „In der freien Wirtschaft kommt man ungelernt selten auf so einen Anfangslohn.“ Dazu muss man festhalten, dass Verdi sich auf die Fahnen schreibt, bei Amazon Lohnerhöhungen von acht bis zehn Prozent, Weihnachtsgeld und Betriebsräte überaupt erst durchgesetzt zu haben.

ABBA-Konzert zu Weihnachten

Wie gut es den Mitarbeitern geht, soll auch ein Interview mit einem Kantinenkoch und ein Bericht über Weihnachtsaktionen zeigen. Im Dezember soll im Zentrum Bad Hersfeld (das derzeit bestreikt wird) ein Überraschungs-Weihnachtskonzert stattgefunden haben. Eine ABBA-Coverband sei aufgetreten, berichtet Jana Thormann, die Weihnachtsaktionen wie den „Adventskalender mit Lotterie und täglichen Überraschungen, die kostenfreien Weihnachtsessen in der Kantine, die Weihnachtsmärkte, die Verteilung der Weihnachtsgeschenke und der Nikoläuse an die Versandmitarbeiter“ veranstaltet. Seit wann es diese Aktionen gibt, steht da nicht.

Alles also heile Welt? Ist Amazon doch nicht das böse Internet-Imperium, das es zu sein scheint? Es wirkt fast zu schön, um wahr zu sein. Nehmen wir an, diese Arbeiter und Betriebsräte gibt es wirklich, nehmen wir an, sie sagen tatsächlich ihre Meinung und Amazon stellt sie richtig dar. Selbst dann muss man sich fragen, was solche Aussagen wert sind. Denn was soll man auch sagen, wenn der Arbeitgeber einen fragt, wie man die Arbeit findet? Wer riskiert schon seinen Job, wenn seine Aussage öffentlich das Image des Konzerns aufpolieren soll? Schließlich bleibt vor allem eines fraglich: Amazon hat keinen der 1100 Streikenden befragt. Die hätten vielleicht gesagt, was sich erst in den vergangenen Jahren zum Besseren gewandelt habe.

Für eine PR-Strategie verwundert das alles nicht; sie ist geschickt, wenn auch sehr offensichtlich gemacht. Eines aber ist seltsam: Zwei Tage später ist das Video von dem Koblenzer Mitarbeiter nicht mehr auf dem Amazon-Blog zu finden. Vielleicht waren Amazon die Aussagen zu Verdi zu heikel. Aber wie gut, dass es YouTube gibt:

Und hier noch der zweite Teil:

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