Hollywood am Puls der Zeit

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Original und Fälschung: Julian Assange

The Social Network, Zero Dark Thirty, Inside WikiLeaks – immer mehr Kinofilme widmen sich aktuellen Ereignissen. Häufig beeilen sich die Produzenten, die Stoffe zu adaptieren, um von der Bekanntheit von Marken zu profitieren. Die Nähevon Filmen zur Zeitgeschichte ist zwar nichts Neues, könnte sich aber als überstürzt erweisen.

Eigentlich kann man keine Biografie über jemanden schreiben, wenn er noch lebt – außer es ist das eigene Leben, das man beschreibt. Country-Ikone Johnny Cash hat es gleich zwei Mal gemacht: Im Jahr 1975 veröffentlichte er Man In Black, 22 Jahre später Cash: The Autobiography. Beide Bücher dienten als Vorlage für den Film Walk The Line, der im Jahr 2005 erschien – nur zwei Jahre nach dem Tod des Musikers. Ray Charles war immerhin noch an der Produktion seines Biopics beteiligt, konnte aber nicht mehr an der Eröffnungssequenz mitwirken, weil er einige Monate vor der Premiere des Films starb. Keine Frage: Der Film ist gut, aber der Tod des Musikers im Juni 2004 hat dem Erfolg des Films Ray, der im Oktober desselben Jahres herauskam, gut getan – man kann sagen: Er kam gerade zur rechten Zeit.

Auch wenn Regisseur Taylor Hackford behauptet, es habe 15 Jahre gebraucht, um Ray zu drehen – vor allem um die Finanzierung zu sichern -, stehen diese beiden Filme für einen Trend, der seit einigen Jahren in Hollywood anhält. Man wartet mit den Biopics nicht mehr, bis die Porträtierten tot oder zumindest alt sind, sondern man beeilt sich, noch ziemlich junge Ereignisse in Filmen darzustellen. Wie zum Beispiel W., mit dem Regisseur Oliver Stone im Jahr 2008 das Leben des amtierenden US-Präsidenten George W. Bush verfilmte.

Stoffe aus der IT-Branche

Zwei Jahre später folgte The Social Network, der bewies, dass man sogar über Facebook einen interessanten Film machen kann. Der Film erzählt die Entstehungsgeschichte des sozialen Netzwerks, das erst 2004 gegründet worden ist, und beruht auf dem Buch The Accidental Billionaires von Ben Mezrich, das im Juli 2009 erschien. Etwas mehr als ein Jahr später, am 1. Oktober 2010, feierte der Film Premiere. Dank David Finchers Regie und dem pfiffigen Drehbuch von Alan Sorkin gelang das Vorhaben. Doch es gibt weitere Beispiele für schnelle Reaktionen der Filmindustrie auf aktuelle Ereignisse:

  •  Kurz nach dem Tod von Osama bin Laden (am 2. Mai 2011) wurde verkündet, dass Hollywood den Vorfall verfilmen wolle, am 19. Dezember 2012 kam Zero Dark Thirty in die Kinos – anderthalb Jahre danach. Der Film wurde ein Erfolg, auch bei der Kritik.
  • Der Apple-Gründer Steve Jobs starb am 5. Oktober 2011, zufällig erschien passend dazu am 24. Oktober 2011 die große autorisierte Biografie von Walter Isaacson. Am 25. Januar 2013, auf dem Sundance Film Festival, wurde erstmals der Biopic jOBS gezeigt, mit Ashton Kutcher in der Hauptrolle. Er fiel bei der Kritik und beim Publikum durch und ist in Deutschland bisher nicht erschienen.
  • Die Plattform WikiLeaks wurde 2006 gegründet, im November 2010 sorgten die Enthüllungen der diplomatischen US-Berichte für weltweites Aufsehen. Die beiden Bücher Inside WikiLeaks von Daniel Domscheit-Berg und WikiLeaks – Inside Julian Assange’s War on Secrecy von David Leigh and Luke Harding erschienen beide im Februar 2011. Im September 2013 kam der Film zur Entstehungsgeschichte: Inside WikiLeaks – Die fünfte Gewalt (The Fifth Estate). (Auch darüber hielt sich die Begeisterung in Grenzen.)

Nun ist auch ein Twitter-Film geplant. Nick Biltons Buch Hatching Twitter ist am 5. November 2013 erschienen. Wie der Autor auf seiner Homepage am 18. Dezember bekannt gegeben hat, will die Produktionsfirma Lionsgate daraus eine TV-Serie machen. Dabei bezieht sich Executive Producer Allison Shearmur explizit auf das Vorbild von David Fincher, auch wenn sie einen Unterschied betont: „‚The Social Network‘ was a perfect film, and this series will be different, providing a longer view of the work life changes, gamesmanship and personal sacrifices made by a group of individuals who are building a company that will change the way that people communicate.“ Und Bilton selbst schreibt: „The story of ‘Hatching Twitter’ really speaks to a generation that has searched for friendship through technology and it will be very exciting to see it brought to life on screen.“

Trittbrettfahren

Es ist eine rasende Geschwindigkeit, mit der sich die Produzenten auf die Stoffe stürzen, um die Geschichten nachzuerzählen, die gerade erst geschehen sind. Offenbar verspricht man sich etwas davon, der Erste zu sein. Das hat zum einen etwas von Trittbrettfahren: Die Filme profitieren von bekannten Marken oder Namen (wodurch sie gleichzeitig Werbung für die Unternehmen machen, die hinter den Marken stehen). Zum anderen fällt es auf, dass vier der hier vorgestellten Filme sich mit der IT-Branche beschäftigen. Hier scheint es, als wollte man der Schnelllebigkeit des Digitalen Zeitalters entsprechen und Geschichten über Unternehmen erzählen, solange es sie noch gibt und solange sie jeder kennt. Denn schon bald könnte das nächste große Ding kommen, das das Etablierte verdrängt. Doch auch wenn die Filmindustrie produziert so schnell sie kann, hinkt sie dem Echtzeit-Tempo, das das Internet vorgibt immer nur hinterher – bestenfalls ein Jahr.

Dabei stellt sich die Frage, ob die Filme künstlerisch davon profitieren oder ob sie darunter leiden, dass ihre realen Bezugspersonen noch leben und ihre Geschichten noch nicht allzu lange her sind. Die Frage ist nicht zu beantworten: Zwar wurde jOBS in den Sand gesetzt und Inside WikiLeaks erhielt gemischte Kritiken, dafür war aber The Social Network mit gutem Beispiel vorangegangen. Dass alle Beteiligten hinterher sagen, das sei alles ganz anders gewesen, tut der Sache keinen Abbruch: Man sollte die Filme ohnehin nicht als Geschichtswerke betrachten. Aber die Tatsache, dass die Ereignisse noch frisch sind, macht es den Filmen schwer, da sie von einer umso größeren Anzahl von Zeitzeugen an den Fakten gemessen werden, als es bei einem Werk über den Zweiten Weltkrieg ist. Für die meisten Zuschauer dürfte das jedoch keinen Unterschied machen: Nachdem sie den Kinosaal verlassen haben, meinen sie, die „wahre Geschichte“ hinter Facebook und Co. zu kennen. Hollywood hat sie eben sehr unterhaltsam erzählt, dann muss ja was dran sein …

„So ist es wirklich gewesen“

Im Falle von Zero Dark Thirty wird die Rolle, die das Kino übernimmt, am deutlichsten: Da die Nachricht von Osama bin Ladens Tod plötzlich kam und die Welt davon nichts zu sehen bekam, als ein Foto des Nationalen Sicherheitsrats (mit Barack Obama und Hillary Clinton), wie er dem Einsatz in Pakistan zusieht, liefert der Film der Öffentlichkeit die Bilder nach, die die US-Regierung ihnen vorenthielt. Und in dieser medialen Funktion erschöpft sich Zero Dark Thirty auch: Auch wenn er noch so ‚realistisch‘ und ’schonungslos‘ wirkt, zeigt er doch nichts, was man nicht schon vorher gewusst oder sich gedacht hätte, er schmückt es nur aus und gibt den anonymen Ermittlern ein Gesicht, mit dem sich die Zuschauer identifizieren können. Die Fiktion ersetzt die Realität. Aus „Es hätte wirklich so passiert sein können“ wird leicht ein „So ist es wirklich gewesen“. Gerade deshalb muss dieser Film umso kritischer gesehen werden.

Der Film setzt damit eine Art vorläufigen Schluss für die Reihe von Filmen über die Terroranschläge vom 11. September 2001. Schon diese Ereignisse wurden auffällig früh fürs Kino verarbeitet: Der erste ist der Episodenfilm 11’09“01 – September 11, der genau ein Jahr nach den Anschlägen erschien. Es folgten Flug 93 (2006) und World Trade Center (2006) (beide erfolgreich) sowie eine Reihe weiterer Spielfilme, die sich mehr oder weniger mit dem Tag und seinen Folgen beschäftigen (25 Stunden, 2002, Remember Me, 2010, Extrem Laut und unglaublich nah, 2011). Das Gefühl, das sich damals dabei einstellte, war ein gewisses Unbehagen: Zu frisch waren die Anschläge noch im Gedächtnis, zu früh schienen diese Filme zu kommen, die etwas nachstellten und im wahrsten Sinne des Wortes dramatisierten, das sich eben erst ereignet und dessen Ausmaß man immer noch nicht recht begriffen hatte. Darf man so etwas? Oder soll man es sogar? Bereichert sich da Hollywood nicht auf Kosten der Opfer? Oder ist die Kunst ein adäquates Mittel der Aufarbeitung?

Aufarbeitung im Kino

Filmhistorisch ist die schnelle Reaktion auf aktuelle Ereignisse kein neues Phänomen: Die Unbestechlichen (All the President’s Men) erschien im Jahr 1976 – vier Jahre nach dem Beginn der Watergate-Affäre und zwei Jahre nach Nixons Rücktritt. Weitere Beispiele bilden die Kriegsfilme, die sich häufig noch während der laufenden Kriege und einige Jahre danach mit den historischen Ereignissen auseinandersetzen (z. B. Casablanca von 1942). Der erste deutsche Nachkriegsfilm, Die Mörder sind unter uns (1946), spielt im Jahr 1945 im zerstörten Deutschland und behandelt auch den Holocaust und seine Folgen.

Filme wie dieser dienen einem Zweck: der Vergangenheitsbewältigung. Neutral betrachtet kann die zeitliche Nähe zu aktuellen Ereignissen die Identifikation mit dem Werk verstärken. Andererseits ist auch die Frage berechtigt: Warum soll man sich etwas ansehen, das man so gut aus dem eigenen Alltag kennt oder das erst vor kurzem ein Trauma herbeigeführt hat? Daher waren in den 50er Jahren in Deutschland auch eskapistische Heimatfilme angesagt. Im Falle der genannten Filme seit The Social Network hat das Thema eher einen positiven oder neutralen Bezug zum Alltag der Menschen: Facebook und Apple sind gefragte Marken, WikiLeaks gilt bei jungen Menschen als heldenhaft und Julian Assange übernimmt eine Rolle, die einst die Watergate-Enthüller Carl Bernstein und Bob Woodward hatten. Und in Fall von Zero Dark Thirty geht mit dem Osama bin Ladens Tod (vor allem bei US-Amerikanern) Befriedigung und vielleicht sogar Erleichterung einher.

Es fehlt die historische Distanz

Die Adaption der Zeitgeschichte ist zwar nichts Neues, aber doch ein verstärkter Trend, vor allem was die zeitliche Nähe angeht. Warum? Weil Hollywood die Ideen ausgehen, bzw. die Bereitschaft sinkt, in neue Ideen zu investieren. Daher passt der Trend zu der Mode, mehrteilige (Fantasy-)Romane, Computerspiele und sogar Kinderspielzeug zu verfilmen, sowie Fortsetzungen, Remakes und Reboots zu drehen. Man setzt aufs Bewährte. Doch auch wenn die Nähe zu einem Ereignis das Interesse des Publikums weckt, garantiert sie doch keinen Erfolg. Gerade wegen der garantierten Aufmerksamkeit, die solche Filme auslösen, sind Regisseure und Autoren besonders gefordert, sich nicht auf der Zugkraft bekannter Namen auszuruhen, sondern interessante Werke zu schaffen. Doch je mehr sie das tun, desto mehr leiden die Fakten.

Was bei jungen historischen Stoffen auf der Strecke bleibt, ist eine bestimmte Distanz, die die Bedeutung eines Ereignisses erst zu bestimmen erlaubt. Insofern haben die Filme zwar ihre Berechtigung als Zeitdokumente und Bestandsaufnahmen, könnten aber auch eine geringe Halbwertszeit haben, wenn die Filmemacher bei aller Eile die Gründlichkeit vermissen lassen, weil sie Projekte überstürzen. Selbst ein gelungener Film wie The Social Network zeigt bereits Alterserscheinungen: Im Abspann ist von 500.000 Facebook-Nutzern die Rede. Mittlerweile, drei Jahre später, sollen es schon über 1,1 Milliarden sein.

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