Ein Mann, ein Boot, ein Ozean

All Is Lost

Das Kinojahr 2014 fängt gut an: Das Überlebensdrama All Is Lost mit Robert Redford in der Haupt- und einzigen Rolle, hält, was es verspricht: Ein konzentriertes Kammerspiel, das sich in die Reihe von Cast Away und Gravity stellt. Ganz großes Kino!

Ein Geständnis: Ich habe Der alte Mann und das Meer nicht beendet. Ja, ich weiß, es gehört zu diesen Muss-man-gelesen-haben-Büchern, Hemingway hat dafür den Nobelpreis bekommen und außerdem ist es ja nur 120 Seiten lang. Aber für mich waren es die 120 längsten Seiten meines Lebens – nach etwa der Hälfte konnte ich nicht mehr. Die Geschichte von diesem Fischer, den ein Fisch aufs Meer hinauszog, war so langweilig, so schwülstig, dass ich mich ständig fragte: Wen interessiert der Scheiß? Ich brach die Quälerei ab und las lieber Paris – Ein Fest fürs Leben, den besseren Hemingway.

Jetzt kommt Robert Redford. Sein neuester Film, All Is Lost, scheint auf den ersten Blick eine ähnliche Geschichte sein: Ein alter Mann, ein Boot, der Ozean. Aber mit dieser Ausgangslage macht Regisseur und Drehbuchautor J. C. Chandor (Margin Call – Der große Crash, 2011) alles richtig: Er belässt es dabei. So ist der Film ein Meisterwerk der hohen Tugend Sparsamkeit geworden. Es gibt keinen Prolog mit Vorgeschichte, keinen Epilog, keine Rückblenden, keine Erzählstimme und vor allem keine Dialoge – mit wem auch? Es gibt nur diesen Mann, sein Boot und den Ozean – und das ist genug für packende 100 Minuten Film.

Die Minimalanordnung entspricht der Story: Es geht um nichts als das Überleben. Alles andere, was davor und danach passiert, spielt keine Rolle. Der Mann hat andere Sorgen: Ein Loch im Boot, Wasser dringt ein, Stürme suchen ihn heim, das Funkgerät geht kaputt, die Vorräte gehen zur Neige, kein Land in Sicht – und auch keine Rettung. Der namenlose Held erträgt sein Unglück lange Zeit stoisch, er versucht, seine Probleme so pragmatisch wie möglich zu lösen, dabei bleibt er meist stumm, über seine Lippen kommen nur ein paar Funksprüche und Flüche. Erst am Ende bricht die Verzweiflung aus.

All Is Lost erinnert an einen anderen Film aus dem vergangenen Jahr, Gravity, in dem Sandra Bullock im Weltall ums Überleben kämpft. Nun wird fleißig verglichen und geurteilt, was wohl der bessere Film sein mag und – schwachsinnigerweise – welcher der „realistischere“ oder „glaubwürdigere“ sei (als ob sich daran der Wert eines Films messen ließe). Die Wahrheit ist: Beide sind auf ihre Weise großartig, beide sind konsequent und spannend. Gravity ist etwas virtuoser, da er mit seiner Kameratechnik und den Spezialeffekten das Gefühl von Schwerelosigkeit brilliant realisiert, während All Is Lost – gegeben durch sein Setting – bodenständiger ist und nicht ganz so nervenzehrend, und gerade dadurch so reizvoll in seiner Reduktion und Unaufgeregtheit. In den Bildern, die die Regisseure für ihre Filme finden, stehen sie sich in nichts nach. Beide lassen sich Zeit, den überwältigenden Anblick der sonst lebensbedrohlichen Natur einige Einstellungen lang zu genießen.

Regisseur Chandor knüpft mit seinem Film an Robert Zemeckis Cast Away (2000) an, in dem es Tom Hanks auf eine einsame Insel im Pazifik verschlägt. Man erinnere sich an den Kunstgriff, den Volleyball „Wilson“ zu einem imaginären Gesprächspartner für den Überlebenden zu machen. Bei All Is Lost hat der Protagonist keine Zeit dafür, ein Buch muss über die wenigen Momente Mußezeit hinweghelfen. Zudem sind die angeschwemmten Überreste der Zivilisation kein Segen, sondern Fluch: Während die Wände eines Dixiklos für Tom Hanks zum Segel werden, zerstört ein durchs Meer treibender Container Robert Redfords Boot. Und schließlich muss der alte Mann im Gegensatz zu seinem „Vorgänger“ erfahren, dass ein Containerschiff nicht zwangsläufig Rettung bedeutet …

Im Vergleich wird deutlich, wie sehr All Is Lost das Konzept des Überlebensdramas in ein neues Extrem steigert. Und es verlangt dem Schauspieler einiges ab, auf seinen Schultern lastet eine enorme Verantwortung, er trägt den gesamten Film allein. Robert Redford spielt, wie der Charakter es ihm abverlangt: um sein Leben. Nach diesem Film kann man sich Der alte Mann und das Meer getrost im Regal verstauben lassen.

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