Superhelden wie wir

Schaufensterhelden (Foto: Lukas Gedziorowski)

Schaufensterhelden (Foto: Lukas Gedziorowski)

Comic-Autor Grant Morrison hat ein Sachbuch über Superhelden geschrieben. Darin verbindet er Comic-Geschichte mit seiner Autobiografie und Exkursen darüber, was Superhelden mit der Realität zu tun haben. Das Ganze bildet zwar ein nicht immer schlüssiges Werk, dennoch ein lesenswertes für alle, die mehr über das Thema erfahren wollen.

Von Superhelden kann man so einiges lernen. Als ich ein Kind war, hörte ich den weisen Superman aus dem 78er Film sagen, dass Fliegen – statistisch gesehen – immer noch das sicherste Verkehrsmittel sei. So eine Weisheit, von einer Autorität wie dem besten Helden aller Zeiten gesagt, brannte sich ein. Dann, ein paar Jahre später, las ich in einem Comic (JLA #18), wie Bruce Wayne sagt, dass es Aufzüge mit Fluchtluken, die auch von innen aufgehen, nur in Filmen gebe. In Filmen, aber offenbar nicht zwingend in Comics – seltsam, dachte ich, so viel Realismus, inmitten so viel Fantastik. Und schließlich, im Jahr 2008, die Szene in The Dark Knight, in der Bruce Wayne seinen Gimmick-Entwickler Lucius Fox um einen neuen Anzug bittet. Dieser sieht nur an ihm herab und sagt ironisch: „Ja, drei Knöpfe sind 90er Jahre, Mr. Wayne.“ Daraufhin wurde mir klar, dass auch ich eine neue Garderobe brauchte.

Nun gibt es seit vergangenem Jahr ein Buch über Superhelden mit dem (viel zu langen) Untertitel Was wir von Superman, Batman, Wonder Woman und Co. lernen können. Geschrieben hat es der Großmeister Grant Morrison, der im Jahr 1989 Arkham Asylum, eines der innovativsten Batman-Comics geschrieben hat, danach die JLA reformierte und später für Batman und Superman zuständig war. Der Mann kennt sich aus in der Comic-Historie. Und so ist sein Buch, trotz seines Versprechens im Untertitel, vor allem ein Text über ein Stück Kulturgeschichte geworden. Und das ist auch gut so, denn viel lernen können „wir“ vor allem von Morrison.

Helden in Erklärungsnöten

So arbeitet sich der Autor chronologisch an den Epochen ab: Das Golden Age von 1938 (der Einführung von Superman, ein Jahr später Batman) bis nach dem Zweiten Weltkrieg, das Silver Age bis in die späten 60er, das Dunkle Zeitalter von den frühen 70ern bis in die 90er und schließlich die „Renaissance“ ab Mitte der 90er bis heute. Morrison stellt Superhelden als ein utopisches Konzept einer besseren Welt dar, das vor allem im Goldenen Zeitalter, also der Kriegszeit, als Übermenschfantasie diente, um mit patriotischen Supersoldaten den Sieg zu imaginieren. Doch nachdem der Krieg tatsächlich gewonnen war, kamen die Superhelden in eine Rechtfertigungskrise, aus der sie im Grunde nie herausgekommen sind.

Hinzu kam ein weiteres Problem: Sie wurden angegriffen. Während überall in der Welt das Konzept übernommen und adaptiert wurde, mussten sich die Comicverlage in den USA gegen eine paranoide Stimmung verteidigen. Der Psychiater Fredric Wertham erklärte in seinem Buch Seduction of the Innocent („Verführung der Unschuldigen“, 1954), dass Comics die  Jugend verdürben und belegte dies mit obskuren Deutungen von Superhelden-Geschichten. Die Batman-WG nannte er einen „Wunschtraum von zwei zusammenlebenden Homosexuellen“ und Superman, eine „faschistische Ausgeburt“ (Morrison), die „die Autorität und Würde des normalen Mannes und der alltäglichen Frau gegenüber den Kindern“ untergrabe. Die Comic-Verlage traten die Flucht nach vorn an und legten sich selbst ein Regelwerk, den Comics Code, auf. Darin war festgelegt, dass Verbrechen nicht verherrlicht werden und Staatsbeamte (Polizisten, Richter) nicht diskreditiert werden dürfen, und Sex sowie Erotik und Nacktheit waren ohnehin tabu. Mit einem Wort: Alles, was (Superhelden-)Comics interessant machte, wurde im vorauseilendem Gehorsam verboten. Da es auf der Erde plötzlich langweilig wurde, schickte man Superhelden – auch Batman – ins Weltall und sie gründeten „Familien“, d.h. sie arbeiteten in Teams mit weiblichen Mitgliedern (Batwoman, Batgirl) und sogar Tieren (Superhund, Bathund).

Von Revolution zu Dekonstruktion

Lesenswert wurden die Comics erst wieder Anfang der 60er Jahre, in der Hochzeit des Silbernen Zeitalters, die vor allem DCs Konkurrenz-Verlag Marvel zu verdanken war: In Stan Lees Fantastic Four (1961) arbeiteten vier Superhelden im Team, zunächst ohne Kostüme, aber mit vielen persönlichen Problemen, die sie untereinander austrugen. Die Superhelden, die sich bei DC in fernen Sphären herumtrieben, wurden bei Marvel wieder geerdet, sie wurden menschlicher, alltäglicher, „realistischer“. Lee schuf weitere erfolgreiche Helden: Hulk, Thor und Spider-Man (alle 1962) sowie Iron Man und die X-Men (beide 1963), später Daredevil (1964). Wie erfolgreich, kann man daran sehen, dass die meisten dieser Helden seit einigen Jahren ein Massenpublikum im Kino begeistern. Das Neue zeigte sich in den 60ern an Figuren wie Spider-Man, einem Teenager, Nerd und Außenseiter, der kein Sidekick, sondern zum Titelhelden wurde, aber auch an neuen Erzählverfahren, die auf einer lesernahen Erzählstimme aufbaute.

In den 70ern wurden die Comics dahingehend realistischer, dass sie stärker Bezug nahmen auf die Probleme der realen Welt: Drogen, Umweltverschmutzung, Bürgerrechtsbewegung. Der Comics Code verlor an Einfluss (auch wenn Marvel bis 2001 und DC sogar bis 2011 offiziell daran festhielten). In den 80ern schließlich wurde der Superhelden-Mythos dekonstruiert: Frank Millers The Dark Knight Returns (1986) und Alan Moores Watchmen (1986/87) versetzten Helden jeweils in eine dystopische Alternativwelt, in der sie entweder verboten sind oder einer fragwürdigen Regierung dienen, und sich die Frage stellen müssen, ob die Welt sie überhaupt noch braucht. Bei Millers Batman ist die Antwort ein klares Ja, wobei der Held zynischer und brutaler vorgeht, als je zuvor. Bei Moore übernimmt die Figur Rorschach diese Funktion, während der einzige Held mit Superkräften, Dr. Manhattan, sich von allem Irdischen abgehoben hat. Superhelden werden zu Superschurken, die den Weltfrieden herbeiführen, indem sie die Menschheit miteinander versöhnen. Hier wie dort gilt: Der Zweck heiligt die Mittel.

Superhelden nach Watchmen?

Damit schien über das Thema alles gesagt. „Das Endspiel war gespielt worden – konzeptuell, formal und thematisch“, schreibt Morrison über Watchmen. „Nach Moore gab es keine Chance mehr, nicht dämlich und gehemmt zu wirken.“ Superhelden hätten danach „lächerlich und überflüssig“ dagestanden. Nach diesem Höhepunkt der Sinnkrise ging es jedoch weiter: Mit Gewalt, Sex und angeblichem Realismus. „Die Superhelden [der 80er] wurden praktisch auf eine Stufe mit Serienkillern, verkommenen faschistischen Einzelgängern und wahnhaften, selbstverliebten Irren gestellt – Abschaum, den sie eigentlich ja Tag und Nacht bekämpften.“ Es ging drastisch und apokalyptisch zu. Die Welt war in der Dauerkrise und so auch ihre Helden – und daran änderte auch das jüngste Zeitalter, die „Renaissance“, nichts. Nach dem 11. September 2001 standen die X-Men peinlich berührt vor den Trümmern des World Trade Centers, weil sie selbst nichts dagegen hatten ausrichten können. Damit sei, so Morrison, ihre gesamte Existenzberechtigung in Frage gestellt worden, sie hätten „nichts Nützliches beizusteuern“ gehabt. Wieder einmal wurden die Helden an der Realität gemessen. Comic-Fans forderten mehr aktuelle Themen, Autoren antworteten mit Politik und Sozialkritik. Auch in den Filmen ab 2000 wurden die Superhelden realistischer dargestellt, bei Kick-Ass wurde sogar explizit gefragt, wie kostümierte Rächer in der Wirklichkeit funktionieren würden.

Morrison bezeichnet den Realismus als „vergängliches und vorhersagbares Vergnügen“. Mehrere Male arbeitet er sich an dem Begriff ab und fragt, inwiefern dieser in Superhelden-Comics möglich ist und sein soll. „Realismus“, so schreibt er über die späten 80er Jahre, „war mit einer besonders unausgereiften Form von Pessimismus und wütender Sexualität verwechselt worden, was ich zunehmend als einengend empfand.“ Eine weitere Facette des Problems benennt er, indem er den Zeichner David Mazzuchelli zitiert: „Sobald eine Abbildung sich an die Realität annähert, wirft jedes neue Detail wiederum neue Fragen auf, was letztlich die Absurdität im Herzen des Genres offenbart. Je ‚realistischer‘ Superhelden werden, desto unglaubwürdiger werden sie. Es ist heikel, das Gleichgewicht zu halten, aber so viel weiß ich bestimmt: Superhelden sind dann real, wenn sie mit Tinte gezeichnet sind.“ Morrison stimmt dem zu. Ein Schuss Realismus könne den Comics zwar gut tun, aber er wolle weder Batman auf dem Klo sehen noch die X-Men das Hungerproblem in Afrika lösen lassen. Der Autor geht von einem anderen Realitätsbegriff aus: Für ihn sei alles, was wir erleben können, per Definition real. Die Fiktion müsse sich nicht wie die Wirklichkeit verhalten. „Die Annahme, dass Superhelden uns tatsächlich lehren könnten, wie der Welthunger zu besiegen wäre, schien so naiv wie der Glaube an die Zahnfee.“ Die Echtheit der Helden besteht für Morrison auf dem Papier.

Der Realismus der Fiktion

Dennoch versucht er, den Superhelden eine gewisse Relevanz für die Realität abzugewinnen, was das Versprechen aus dem Untertitel des Buches („Was wir von Superman … lernen können“) einlösen soll. Seine Botschaft: Superhelden sind ihrer Zeit voraus. Damit meint er im Grunde nur, dass Science Fiction auch einmal Erkenntnisse der Wissenschaft und technische Entwicklungen vorwegnimmt. Und diese Errungenschaften, so impliziert es Morrison, ermächtigten uns bereits heute zu Superhelden: „Wir leben inmitten von Wundern“, schreibt er im Epilog und zählt die Fähigkeiten von Mobiltelefonen, Internet, Kameras etc. „Wir sind bereits göttliche Zauberer, Supergötter.“ Daher sollten wir unser „Genie benützen“, um Überbevölkerung, Massensterben, Umweltvernichtung, Hunger und Ausnutzung hinter uns zu lassen. Morrison betrachtet Superhelden-Geschichten in ihrer ursprünglichen Konzeption: als Utopie. Doch für ihn ist diese Utopie greifbar. Superhelden seien „ein hell leuchtendes Zeichen unseres Bedürfnisses nach Weiterentwicklung“, unsere Fantasie könne „den Weg zu den besseren, gerechteren und dynamischeren Menschen, die wir sein könnten,“ leisten.

Solche Ausführungen mögen gut gemeint sein, sie lesen sich aber nicht nur naiv und träumerisch, sie scheinen auch im Widerspruch zu der Absage an den Realismus in Comics zu stehen. Dass Morrison keine konkreten Handlungsanweisungen in Comics für die Probleme der Welt erwartet, sondern vielmehr einen vorbildlichen Idealismus darin erkennt, rettet zwar seine Glaubwürdigkeit, nützt dem Buch aber nicht viel. Ich habe mir im Verlauf des Lesens die Frage gestellt, was das für ein Buch sein soll. Für ein Geschichtswerk fehlt es ihm zum einen und vor allem an Jahreszahlen, um die einzelnen Helden besser in den historischen Kontext einordnen zu können. Zum anderen hätten einige Bilder mehr dem Buch über ein visuelles Medium gut getan. Ganz besonders, wenn Morrison Cover, wie das der ersten Fantastic Four-Ausgabe beschreibt und jegliches Anschauungsmaterial fehlt. Zwar bietet das Buch ganz amüsante Fun-Facts, wie etwa warum Elvis Presley in den 70ern Strampelanzüge mit ausladenden Kragen getragen hat (eine Anlehnung an den Superman-Klon Captain Marvel), aber Morrison bleibt in seinen Ausführungen oft oberflächlich, sprunghaft und vor allem am Ende, bei dem Exkurs über Superheldenfilme, chaotisch. (Unnötigerweise erwähnt Morrison auch geplante Superheldenfilme, die seit dem Erscheinen der Orginalausgabe 2011 bereits veröffentlicht wurden, wodurch das Buch veraltet wirkt.)

Etliche Schwachstellen

Schließlich versucht Morrison sich auch an einer Art Autobiografie, in dem er vereinzelt einige Bekenntnisse aus dem Leben eines Geeks/Nerds einstreut wie: „Ich war sicher, dass ich mittellos, hässlich und als Jungfrau sterben würde.“ (207) Zwar ist Morrisons Beitrag für die jüngere Geschichte der Superhelden nicht unerheblich, doch der Autor beschränkt sich nicht auf seine Werke, sondern erzählt uns auch Ereignisse und Anekdoten aus seinem Leben. Dafür, dass es in dem Buch die meiste Zeit um Superhelden geht, kommen die autobiografischen Passagen aber zu unvermittelt und geraten zu lang. Vieles davon hätte man sich sparen können.

Zu kritisieren sind auch der zuweilen blumige Stil, aber auch die schlechte Übersetzung und das schlampige Lektorat. Sehr oft muss man sich über Schreibfehler ärgern wie „Supermann“ statt „Superman“, „Lex Luther“ statt „Lex Luthor“ und falsche Übertragungen ins Deutsche wie „Panele“ statt „Panels“ für einzelne Comic-Bilder.

Trotz aller Ärgernisse: Als Einstiegslektüre ist Morrisons Superhelden-Buch empfehlenswert, es gibt dem Leser einen guten Überblick über die Epochen und die wichtigsten Werke und macht neugierig, sie selbst zu erkunden. Ob man danach ein besserer Mensch, ein Supermensch wird, sei jedem selbst überlassen. Ein wenig schlauer ist man danach bestimmt.

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