Verneigung vor dem Meister

Die Liste der Woche: Philip Seymour Hoffmans Filme
Philip Seymour Hoffman: The Master

Philip Seymour Hoffman: The Master

Er war keine Schönheit, aber sein Spiel war schön anzusehen. Er war zunächst nur Nebendarsteller, verkörperte Randfiguren, doch er verhalf den Außenseitern zu ihrem Recht. Er war vielseitig, er konnte alles darstellen, doch nun macht er nichts mehr – zum Glück wird viel von ihm bleiben. Er war nicht nur ein sehr guter Schauspieler, er war oft auch ein Garant für gute Filme – im Zweifel hat er sie erst gut werden lassen. Philip Seymour Hoffman gehörte zur Stammbesetzung des Regisseurs Paul Thomas Anderson (Last Exit Reno, Boogie Nights, Magnolia, Punch-Drunk Love), unvergessen ist er in seiner Rolle als Brandt in The Big Lebowski, seit Capote ist er berühmt, seit Mission: Impossible III auch im Mainstream angekommen. Und jede dieser Rollen füllte er mit neuem Leben aus. Wir gedenken seiner mit einer Liste seiner größten Rollen und besten Filme.

Happiness (1998, Regie: Todd Solondz)

Der Frustrierte: In diesem ironischen, leicht daherkommenden Ensemblestück, bei dem einem das Lachen im Halse steckenbleibt, geht es um viele unglückliche Menschen. Hoffman ist einer davon. Ein hässlicher, sexuell frustrierter Niemand, der wildfremde Frauen anruft, um ihnen seine Gelüste zu beichten. Nicht nur das ist an diesem Film sehenswert.

Love Liza (2002, Regie: Todd Louiso)

Der Trauernde: Eine der ersten Hauptrollen für Hoffman. Er spielt Wilson, einen Mann, der nach dem Suizid seiner Frau sich mit Benzindämpfen zudröhnt. Das Ganze ist ziemlich handlungsarm, zäh und deprimierend.

Owning Mahowny (2003, Regie: Richard Kwietniowski)

Der spielsüchtiger Banker: Hoffman stellt ihn völlig leidenschaftslos dar: Konzentriert, selbstbeherrscht, introvertiert. Man wird nicht schlau aus diesem Kerl. Erst am Ende erfährt man, dass er beim Zocken die höchsten Gefühlswallungen verspürt. Umso größer ist die Herausforderung, eine solche Rolle zu spielen. Und Hoffman spielt nicht nur, er trägt den ganzen Film.

Philip Seymour Hoffman: CapoteCapote (2005, Regie: Bennett Miller)

Der Schriftsteller: 1959, ein Vierfachmord in Kansas, eine ganze Familie ausgelöscht. Zwei Täter werden zum Tode verurteilt. Der Autor Truman Capote beschließt, ein Buch, einen Tatsachenroman, darüber zu schreiben – und so ganz nebenbei die Literatur zu revolutionieren. Doch das Buch zieht sich hin: Es kann erst fertig werden, wenn die Geschichte zu Ende ist, das heißt, wenn er weiß, was in der Mordnacht passiert ist, und die Todesstrafe vollstreckt ist … Nein, das klingt nicht erquicklich, aber der Film lebt vor allem von seiner Hauptfigur. Hoffman spielt eine hinreißende Tunte von einem Autor – und zwar so gut, dass man das Spiel dabei vergisst und glaubt, den wiederauferstandenen Capote zu sehen. Dafür gab’s den Oscar.

Mission: Impossible III (2006, Regie: J.J. Abrams)

Der Fiesling: „Glaubst du, ich mache nur einen Witz?!“, schreit dieser Mann, der mit eisernem Blick einen verzweifelten Ethan Hunt (Tom Cruise) anstarrt. Und obwohl das Gesicht Hoffman gehört, erkennt man ihn als Schurken Owen Davian kaum wieder. Am Anfang hält er Hunts Freundin eine Knarre an die Schläfe und zählt von zehn an runter. Ethan Hunt kann sich noch so sehr anstrengen, der Schurke triumphiert – das gleiche gilt auch für die Darsteller. „Du hast keine Ahnung, womit du’s zu tun hast“, sagt Davian später im Film (früher in der Handlung), als er Hunt droht. „Was ich verkaufe und an wen ich es verkaufe, ist das Letzte, worum du dir Sorgen machen solltest – Ethan.“ So, wie er das sagt, lässt er keinen Zweifel aufkommen. Manchmal hat man das Gefühl, dass Hoffman vor seiner eigenen Souveränität erschaudert.

Tödliche Entscheidung (Before the Devil Knows You’re Dead, 2007, Regie: Sidney Lumet)

Der böse Bruder: Sidney Lumets letzte Regiearbeit ist das Meisterstück einer Familientragödie. Am Anfang steht ein perfekter Plan zweier Brüder, den Juwelierladen der eigenen Eltern auszurauben. Am Ende ist alles furchtbar und wird noch viel schlimmer. Hoffman spielt den selbstsicheren, abgebrühten der beiden Brüder, gierig und manipulativ, aber er hätte genausogut den anderen Bruder, den Waschlappen mimen können, den Ethan Hawke spielt. Dass es andersherum wahrscheinlich nicht gegangen wäre, zeigt nur, wer ein guter und wer ein brillanter Schauspieler ist.

Die Geschwister Savage (The Savages, 2007, Regie: Tamara Jenkins)

Der Brecht-Experte: Hoffman spielt einen Theaterwissenschaftler, der sich zusammen mit seiner Schwester um seinen demenzkranken Vater kümmert. Keine Paraderolle, Kollegin Laura Linney muss sich hier mehr anstrengen. Der Film über das Altern und darum, wie die Angehörigen damit umgehen, ist ein sehr sehenswertes, weil sehr feinfühlig gemachtes Werk, das eine perfekte Gratwanderung zwischen Drama und Komödie schafft, ohne deprimierend zu sein, aber auch ohne das Problem zu beschönigen.

Synecdoche, New York (2008, Regie: Charlie Kaufman)

Der Regisseur: Charlie Kaufmans erste Regiearbeit handelt von einem Theaterregisseur, der das größte und längste Stück der Welt aufführt. Die Bühne: Eine riesige Miniaturfassung von New York. Das Kunstprojekt wird ihm zum Lebensinhalt, das Leben strahlt ab auf das Stück, das irgendwann so gigantomanisch wird, dass es ihn überlebt. Die Melancholie des Films ist eine Herausforderung für die Geduld der Zuschauer. Doch Hoffman trägt das Leid der Welt auf seinen Schultern. Kaufmans Werk ist weniger leichtfüßig geraten als die Filme, bei denen er nur Drehbuchautor war (Being John Malkovich, Adaption, Human Nature, Vergiss mein nicht), er ist auch Hoffmans schwierigster Film.

Glaubensfrage (Doubt, 2008, Regie: John Patrick Shanley)

Der Priester: Eine konservative Nonne verdächtigt einen liberalen Pfarrer, ein Kind misshandelt zu haben – ohne jedoch Beweise dafür zu haben, sondern lediglich angetrieben von einem grundlegenden Misstrauen. Eigentlich spielt Meryl Streep hier die alles dominierende Hauptrolle und Hoffman rackert sich regelrecht an ihr ab, ohne ihr in irgendetwas nachzustehen. Diese Szenen, wenn beide in einem Raum sind und streiten, sind die stärksten des Films: Gut geschrieben und toll dargestellt.

MaxMary & Max (2009, Regie: Adam Elliot)

Der Brieffreund: In diesem Knetanimationsfilm ist Hoffman nur zu hören: Er leiht seine Stimme dem zweiten Hauptcharakter, Max, einem übergewichtigen New Yorker mit Asperger-Syndrom, der eine Brieffreundschaft mit einem australischen Mädchen unterhält. Trotz seiner Grau- und Brauntöne und einer melancholischen Geschichte mit traurigen Charakteren macht der Film dank seiner vielen skurrilen und witzigen Einfälle viel Freude. Ein meisterhaftes Stück der Animationskunst in der Tradition von Wallace & Gromit.

Jack In Love (Jack Goes Boating, 2010: Regie: Philip Seymour Hoffman)

Der Chauffeur: Hoffmans einzige Regiearbeit ist die Verfilmung eines Bühnenstücks. Hier spielt er wieder einmal den introvertierten, sozial scheuen Limousinenfahrer mit Rastazöpfchen, der sich aber für eine Frau ins Zeug legt, Kochen und Schwimmen zu lernen. Hoffman tut sich hier als Minimalmime hervor, es kommt auf die Nuancen an. Herausgekommen ist eine nette Romanze, die sich zwar interessanterweise an einer anderen scheiternden Liebesgeschichte aufbaut, aber vor dieser leider in den Hintergrund tritt und viel zu glatt läuft. Daher hat der Film trotz seiner Kürze einige Längen.

The Master (2012, Regie: Paul Thomas Anderson)

Der Meister: Hoffman hat in fast jedem Film von Paul Thomas Anderson mitgespielt, hier jedoch den meisten Spielraum bekommen: als Sektenguru. Die Hauptrolle spielt allerdings  Joaquin Phoenix – und das ganz meisterhaft als aggressiver Säufer, dessen sich der Guru annimmt, um ihm zu helfen. Der „Master“ selbst kommt zunächst als souveräner Vernunftmensch daher, doch verliert er ebenso schnell die Kontrolle und wird ausfallend, sobald seine Autorität angezweifelt wird. Im Grunde sind beide vom gleichen Schlag, daher ihre Verbundenheit. Die Kontrolle haben hier nicht die Figuren, sondern nur die Darsteller über ihre Rollen. Und es macht großen Spaß, ihnen dabei zuzusehen.

Was noch kommt:

Drei Kinofilme hat Philip Seymour Hoffman abgedreht, bevor er gestorben ist: Das Drama God’s Pocket von Regisseur John Slattery (bekannt als Roger Sterling aus Mad Men) startet in den USA am 17. Januar, für Deutschland gibt es noch keinen Termin. Der Thriller A Most Wanted Man von Anton Corbijn (The American) ist bei uns vom 11. September an zu sehen. Der dritte Teil der Dystopie Die Tribute von Panem ist für den 20. November angekündigt. Außerdem spielt Hoffman die Hauptrolle in der Pilotfolge der TV-Comedy-Serie Happyish. Was daraus nun werden soll, ist noch unklar.

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