Keine Wünsche offen

Grand Budapest Hotel

Auf Wes Anderson ist Verlass. Der 44-Jährige Regisseur hat sieben Spielfilme gedreht, alle sind großartig – und vor allem: unverkennbar sehen sie nach Wes Anderson aus. Allesamt sind sie perfekte, liebevoll arrangierte Dramen mit einem feinsinnigen Humor. Bottle Rocket war noch der nette Gehversuch eines Neulings, aber bereits mit Rushmore hatte er sich gefunden, spätestens mit den Royal Tenenbaums stieg er in die Königsklasse der Filmemacher auf. Es folgten Die Tiefseetaucher, Darjeeling Limited, Der fantastische Mr. Fox, Moonrise Kingdom. Nun ist mit Grand Budapest Hotel der achte Film erschienen. Und der Kritiker, der Nörgler in mir würde jetzt gerne mal etwas daran auszusetzen haben. Einfach schon deshalb, weil so viel Lob nicht sein kann, das ist höchst suspekt und ungesund. Aber nein, ich kann nicht anders als entzückt vom Kinosessel zu rutschen, auf die Knie zu fallen und mit letzter Kraft zu hauchen: Bravo!

Wes Anderson wäre nicht Wes Anderson, wenn es auch hier nicht nur den typischen Stil und Witz gäbe, sondern auch einige immer wiederkehrende Elemente. Schon beim Titelthema denken wir an den Kurzfilm Hotel Chevalier, der den Prolog zu Darjeeling Limited bildet, wobei auch letzterer von einem Hotel, wenn auch einem auf Rädern, handelt. Der oft genannte Puppenstubencharakter des Hotels erinnert uns an das Haus der Royal Tenenbaums und das Schiff von Steve Zissou (Tiefseetaucher). Die Geschichte des Concierge Gustave (Ralph Fiennes) und seines treuen Lobby-Boys Zéro lässt an das Lehrer-Schüler-Verhältnis in Rushmore denken.

So viel Gewalt war nie

Nur steht hier diesmal kein hochbegabtes Außenseiterkind im Mittelpunkt, sondern eben der Concierge mittleren Alters. Ein Vollprofi im Hotelgewerbe, der sich auch darauf versteht, älteren Damen besonders zu Diensten zu sein. Als seine geliebte Madame D ermordet wird, kommt er in Bedrängnis, weil er ein wertvolles Bild erben soll und es ihm die Familie der verblichenen neidet. Schließlich versucht man ihm den Mord anzudrehen. Das führt zu allerlei Verwicklungen und macht den Film zu Andersons rasantesten und actionreichsten. Bereits in den Tiefseetauchern gab es einzelne Schießereien, Bottle Rocket und Mr. Fox hatten bereits Heist-Plots mit Elementen wie Einbrüchen, Ausbrüchen und Diebstahl. Dieses Mal aber überstürzt sich die Handlung geradezu. Es gibt viele Ortswechsel, viele Charaktere (alle hochkarätig besetzt!), dazu noch die üblichen aufwendigen Kulissen und grandiosen Dialoge. Und gemessen an Vorgängerfilmen ist auch viel Gewalt darin. Die wird zwar meistens elegant und damit fast beschönigend ausgespart, doch fällt dann umso drastischer aus, als man in einer Szene sieht, wie sich zwei Menschen gegenseitig abstechen.

Besonders Interessant ist die Erzählweise. Anderson bettet seine Geschichte in drei Rahmenhandlungen: Es beginnt im Jahr 1985, eine junge Frau liest das Buch eines Autors an seinem Grab. Dann spricht der Autor (Tom Wilkinson) selbst in die Kamera eine Art Prolog. Schließlich sehen wir eine jüngere Version des Autors (Jude Law) im Jahr 1968 das „Grand Budapest Hotel“ besuchen, wo ihm der Besitzer Zéro Moustafa (F. Murray Abraham) die eigentliche Geschichte erzählt – nämlich seine Geschichte, die im Jahr 1932 spielt.

So viel Politik war nie

Damit geht Anderson nicht nur am weitesten in der Geschichte zurück (Moonrise Kingdom spielte in den 60ern, einzelne Szenen anderer Filme auch in den 70ern und 80ern), der Film ist damit auch der politischste. Bisher ereigneten sich alle Geschichten in Seifenblasenwelten: Es ging um Familiendramen in hermetischen Umgebungen, unabhängig von jeglichem Weltgeschehen. Dieses Mal spielt die Handlung an einer Epochenwende. Zwar sind alle genannten Nationen fiktiv – womit der Handlungsort unbestimmt bleibt – doch ist die Anspielung auf nicht näher benannte „Faschisten“, die 1933 an die Macht kommen, eindeutig – auch wenn die Uniformen schwarz sind und das Symbol mit einem Doppel-Z-Zeichen gebildet wird.

Das gibt dem Film noch längst kein politisches Statement, was gut ist, da es ihm eine unnötige Schwere verleihen würde, die ihm nicht gut täte. Es ist vielmehr ein altvertrautes Anderson-Motiv: einer vergangenen Epoche, einer guten alten Zeit hinterherzutrauern. Die Tenenbaum-Kinder hingen in ihrer Kindheit fest (was sich auch an ihrer Kleidung zeigte), Steve Zissou konnte seine erfolgreiche Zeit als Dokumentarfilmer nicht hinter sich lassen, bei Darjeeling Limited hingen die drei Brüder an ihrem toten Vater und Mr. Fox konnte seiner Vergangenheit als Hühnerdieb nicht aufgeben. Bei Grand Budapest Hotel ist es die goldene Zeit des Adels, die auch mit einer hohen Hotelkultur verbunden ist. Man denke nur an ein Szenario wie die Kurherberge in Thomas Manns Roman Der Zauberberg. [Der Film basiert übrigens auf Motiven von Stefan Zweig (Die Welt von Gestern; Rausch der Verwandlung).]

Ein Allzeithoch der Filmkunst

Das alles ist so gut gemacht, gemischt und arrangiert, dass es ein fürstliches Vergnügen ist, in diese höchst künstliche, aber liebenswerte Welt einzutauchen und bei der Groteske zuzusehen. Das Zusehen ist wie ein Aufenthalt in diesem Luxushotel und Wes Anderson ist unser Concierge, der unsere Wünsche ans Kino befriedigt noch ehe wir sie ausgesprochen haben. Man kann nicht anders, als diese überbordende Kreativität dieses Mannes zu bewundern. Man wird sich Grand Budapest Hotel mehrfach ansehen müssen, bei einzelnen Einstellungen anhalten wollen, um ihren Aufbau zu studieren und auf alles zu achten, was man bei der Rasanz leicht übersieht. Mag sein, dass die Goldenen Zeitalter, wann immer sie gewesen sein mögen, vorbei sind. Wes Anderson zeigt uns, dass das Kino allen Unkenrufen zum Trotz immer noch große Kunst hervorbringt. Wenigstens bei ihm ist der Film auf einem Allzeithoch.

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