Liebe ist kein Betriebssystem

Her

„Hallo? Ist da jemand, der mich lieb hat?“ Eine solche Monitorposition kann zu Haltungsfehlern führen.

Nach Being John Malkovich und Adaption sorgt Spike Jonze mit seinem neuen Film Her für Hochgesänge bei Publikum und Kritik. Doch leider hält das Werk nicht, was es verspricht. Es ist nicht mehr als eine lahme Schnulze ohne Substanz geworden. Schade eigentlich.

Es wirkt paradox, fast schon unheimlich: Eigentlich sollte bei einem Rechner alles programmiert, alles festgelegt sein, und doch scheint es manchmal so, als hätten sie ein Eigenleben, als würden sie nicht das tun, was man ihnen sagt, sondern als hätten sie ihren eigenen Willen. Stanley Kubrick hat das mit dem Supercomputer HAL im Film 2001 – Odyssee im Weltraum (1968) gezeigt. Nicht nur, dass diese Maschine mit ihrer sanften Stimme plötzlich anfängt, die menschlichen Crewmitglieder abzumurksen, um die Mission zum Jupiter nicht zu gefährden, am Ende, kurz vor dem Abschalten, spricht HAL von Angst, wirkt kindlich, singt zum Schluss sogar „Hänschenklein“ … – gespenstisch. Drei Jahrzehnte später schaffte es Steven Spielberg (basierend auf einem Kubrick-Drehbuch), mit A.I. (2001) einen Roboterjungen zu schaffen, bei dem es wehtut zuzusehen, wenn seine ‚Adoptivmutter‘ ihn im Wald aussetzt.

Was wäre, fragen diese Filme, wenn künstliche Maschinen irgendwann so hoch entwickelt sind, dass sie wie Menschen empfinden? Spike Jonze hat das in seinem jüngsten Film Her auf die Spitze getrieben: Was wäre, fragt Jonze, wenn eine Maschine der Liebe fähig wäre? Und trotz allen Kritikerüberschwangs und trotz aller Oscarwürden – meiner Meinung nach funktioniert es nicht. Enttäuschenderweise ist ein sentimentaler und quälend langweiliger Film entstanden, dessen Grundidee nicht überzeugt. Joaquin Phoenix spielt einen Autor für Liebesbriefe im Los Angeles der Zukunft, der sich in sein hochintelligentes, intuitives Betriebssystem verliebt, Samantha (im Original gesprochen von Scarlett Johansson). Aber damit nicht genug: Auch Samantha scheint Liebe für ihr Gegenüber zu empfinden. Das zeigt sich sogar in ganz alltäglichen Bedürfnissen wie Sex, der nur eine Art Telefonsex sein kann, oder dem Anrufen bei Nacht, nur um die Stimme des anderen zu hören.

Und genau hier liegt das Problem: Spike Jonzes Gedankenexperiment geht zu weit. Während es bisher den künstlichen Intelligenzen bei aller Ähnlichkeit zum Menschen immer an dem gewissen Etwas gefehlt hat, und bei aller Nähe immer eine Distanz des Geschöpfs zum Schöpfer blieb, ist Samantha manchmal menschlicher als jeder Mensch. Ganz absurd wird es, wenn der Protagonist Ausflüge mit ihr unternimmt und sie in den Freundeskreis integriert wird. Man kann’s auch übertreiben. Das andere Problem ist, dass man Samantha nie sieht, sondern nur hört. So lastet der ganze Film auf der Hauptfigur. Das mag bis zu einem gewissen Grad gelingen, weil Joaquin Phoenix ein Schauspieler ist, der eine solche Verantwortung gut meistert, doch ist es für zwei Stunden Film sehr monoton, ständig nur den Dackelblick einer empfindsamen, einsamen und verliebten Seele ertragen zu müssen.

Was bleibt, sind schmalzige Dialoge und Schwelgerei in einer überhöhten Pseudo-Liebesbeziehung, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist. Anders als in dem Motiv des Briefeschreibens handelt es sich hier eben nicht um ein Verhältnis, das man mit einer Fernbeziehung vergleichen könnte. Denn genauso wie der Protagonist sagt „Es sind nur Briefe“, sind es in seiner Romanze ’nur Worte‘ – hinter der eben nur auf einer Seite ein substanzielles Wesen steckt. Ohne Körper bleibt die gesamte Angelegenheit hohl.

Die Stimmung des Films – Herumgesülze vor Großstadtkulisse – erinnert stark an Lost in Translation – und vielleicht ist das auch Absicht. Denn Regisseur und Autor Spike Jonze war einst mit Sofia Coppola verheiratet und es heißt, dass sie ihren Ex-Mann in ihren Film in der Rolle des Unsympathen porträtiert habe, nun soll sich Jonze revanchiert haben – und zwar nicht ganz zufällig mit Scarlett Johansson, die ebenfalls in Lost in Translation mitspielt. Aber lassen wir den Hollywood-Gossip beiseite. Auch wenn ich der einzige Mensch auf dem Planeten bin: Nach Being John Malkovich und Adaption gleicht Her einem Computerabsturz, bei dem auch alle Tastenkombinationen nichts helfen, um den Rechner aus seiner Starre zu erlösen. Lieber ausschalten und neustarten.

2 Kommentare

  1. Witziger Weise werden in dem Film bei aller Digitalität immer noch Bücher gedruckt und zwar aufwändige Farbdrucke von Brieffaksimiles. Komisch ist dabei, dass es sich bei den Briefen zum einen um bezahlte Auftragsarbeiten privater Kunden handelt, die einfach (und offenbar ungefragt) publiziert werden. Zum anderen ist es doch ziemlich merkwürdig, die am Computer generierten Briefe als Faksimiles zu drucken, denn eigentlich fehlt ihnen genau das Auratische der originalen Handschrift und deren Materialität, das üblicherweise im Faksimile wiedergegeben werden soll. Es läuft also so ab, dass der Protagonist dem Rechner den Brief verbal diktiert, der Brief erscheint als digitale, vom Computer gemachte Handschrift auf dem Bildschirm, die dann faksimiliert im Druck abgebildet wird. Aber ein Faksimile ist doch das Foto eines materialen Originals während es sich bei den beschriebenen Briefen eigentlich doch nur um Dateien handelt?!?
    Hübsch sah das Buch aber auf jeden Fall aus 🙂

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