Der Kampf um sich selbst

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Die Superheldensaison fängt gut an: Kritiker, die Captain America für den langweiligsten der Avengers gehalten haben, werden in The Return of the First Avenger eines Besseren belehrt. Der zweite Teil macht alles besser, was Marvel beim ersten verbockt hat.

Spätestens seit 1945 kämpft Captain America vor allem einen Kampf: den um sich selbst. Als der Comicheld im Jahr 1941 von dem Autor Joe Simon und dem Zeichner Jack Kirby geschaffen worden war, hatte er nur den Zweck, Nazis zu verprügeln. Doch als der Krieg gewonnen war und es keine Nazis mehr zu verprügeln gab, erlebte das Mann gewordene Sternenbanner – wie damals alle Superhelden – eine Krise. Fast zehn Jahre lang dümpelte „Cap“ irgendwie vor sich hin, kämpfte um seine Daseinsberechtigung, bis er 1954 aus den Comics verschwand. Erst 1963 kehrte er zurück und hat sich bis heute irgendwie gehalten – als wandelnder Patriotismus und Anachronismus. Ein amerikanischer Held für Amerika.

So war es abzusehen, dass der erste anständige Spielfilm über ihn (2011) in Deutschland mit mäßigem Interesse aufgenommen werden würde. Während in den USA die Kritiken überwiegend wohlwollend ausfielen, fielen sie hierzulande gemischt aus. Und tatsächlich: The First Avenger war, wie Spiegel Online meinte, nichts anderes als ein „schnörkellos gutes B-Movie“. Doch der idealistisch-ernste Hauptcharakter blieb blass, langweilig und unzeitgemäß, eine Art Pendant zu DCs Superman. Erst als Mitglied der Avengers (2012) begann er gut zu funktionieren – vielleicht, weil Cap beim Alienverdreschen in seinem Element war, vielleicht auch, weil ihn Publikumslieblinge wie Tony Stark so schön veralberten.

Ein Mann der Handarbeit

Doch jetzt, nachdem die obligatorische Vorgeschichte erzählt und die erste härtere Bewährungsprobe bestanden ist, muss sich Steve Rogers wieder alleine durchschlagen, oder wenigstens ohne Superheldenverstärkung. Und das gelingt ihm in seinem zweiten Solo-Film ganz vorzüglich. The Return of the First Avenger (im Original lautet der Untertitel übrigens The Winter Soldier) ist im besten Sinne ein Actionfilm, der an die Tugenden von The Avengers anschließt: Rasante Verfolgungsjagden und Prügeleien, die bekanntlich ermüden können, haben die Regisseure Anthony und Joe Russo mitreißend inszeniert. Und hier erweist sich Captain America als ein Mann der Handarbeit. In alter Manier nutzt er vor allem seine bewährten Fäuste oder höchstens seinen Bumerang-Schild als Waffen, was alles sehr schön anzusehen ist und dem Übermenschen eine Portion Glaubwürdigkeit verleiht.

Dabei bleibt sich Captain America auch ideologisch treu als unbestechlicher Freiheitskämpfer. Der Held muss nicht nur sein Land sondern auch die Welt gegen die Verschwörung einer geheime Supermacht bewahren (na, welche mag das wohl sein), die im Hintergrund die Fäden zieht und ein Watchmen-Szenario in Kauf nimmt, um Ordnung herzustellen. So ist der Film auch ein auffallend politischer geworden: Indem sich die aktuell wieder so drängende Grundfrage stellt, wie viel Freiheit man für seine Sicherheit aufzugeben bereit ist, wirkt der aufgetaute Superpatriot und Nazi-Verklopper plötzlich sehr zeitgemäß. Marvel hat damit einen geschickten Weg gefunden, Captain America, das Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg, Relevanz zu verleihen – und zwar auf eine bestechend universelle Weise, die man auch in Europa gut versteht.

Wer ist der eigentliche Feind?

Interessant dabei ist, dass der Film sehr lange braucht, bis er transparent macht, wer der eigentliche Schurke ist. Denn es ist (so viel darf verraten werden) letztlich nicht der Winter Soldier, eine Art Super-Attentäter, sondern Alexander Pierce, der skrupellose Senior-Chef der S.H.I.E.L.D.-Agenten (souverän gespielt von Robert Redford). Die Botschaft ist klar: Nicht die Typen mit den Waffen sind deine Feinde, auch nicht immer die, die auf dich schießen, sondern eigentlich sind es die Anzugtypen, also diejenigen, die die Befehle geben. In Zeiten von Serien wie Homeland steckt der Feind stets im Inneren. So bleibt der Appell an die Soldaten, sich zu fragen, ob sie nur ausführende Organe sein wollen – oder wenigstens für welche Seite. Im Zweifel erkennt man sie an einem schicken Kostüm, wie Captain America es trägt.

Das hat der Held aber auffallend selten an. Marvel hat der Figur einen Gefallen getan, indem das Studio ihm im ersten Film ein etwas weniger peinliches Kostüm verpasste, bei den Avengers sogar ganz cool aussehen ließ. Doch im zweiten Teil läuft Steve Rogers meistens in zivil herum, lässt sogar oft den – immer noch fragwürdigen – Helm weg, als Symbol bleibt nur der blau-weiß-rote Schild. Damit folgt Marvel dem Trend der Zeit, seine Helden stärker in der Realität zu verankern und so glaubwürdiger zu machen. Davon profitiert erstmals auch der Cap, aber im Gegensatz zum ersten Teil bekommen auch Nebencharaktere etwas mehr Tiefe, wie etwa der neu eingeführte Soldat Sam Wilson, der als Falcon mit Jetpack zu einer Art Sidekick wird und dem weitgehend ernsten Film eine wohltuende Selbstironie verleiht. Auch Samuel L. Jackson als Nick Fury bekommt verdientermaßen mehr Spielraum als sonst. Einzig Scarlett Johansson als Agentin Natasha Romanoff wirkt etwas gelangweilt bis unterfordert; vom Sex-Appeal aus Iron Man 2 und The Avengers ist hier nicht viel zu sehen.

Nun gut, Steve Rogers hat seine dritte Mission gemeistert und ist in der Gegenwart angekommen. Man darf sich auf die die Fortsetzung freuen, die bereits für 2016 angekündigt wurde. Marvels Konzept vom Cinematic Universe ist es zu verdanken, dass man nicht allzulange auf neuen Stoff warten muss: Schon im kommenden Jahr, wird Captain America wieder als Mitglied der Avengers auftreten. Die Maßstäbe sind nach dem ersten Teil hoch, doch eigentlich kann bei diesem Super-Team kaum etwas schiefgehen. Iron Man hält sich eisern, Thor ist der Hammer, der Hulk haut alle um und der Mann mit dem Stern auf der Brust hat sich in unserer Gunst hochgekämpft. Spätestens jetzt ist er auch unser Held.

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