Es fährt ein Zug nach nirgendwo

Bild

Der dystopische Film Snowpiercer hat noch vor Kinostart für Aufsehen gesorgt, manche sehen darin das nächste große Ding. Doch leider bleibt der Film zu geradlinig, zu sehr alten Formeln verhaftet und ermüdet durch lange Kampfszenen. Das alles hat man schon mal besser gesehen.

Stellen wir uns vor, die Welt würde vereisen. Dann müssten sich die Menschen, die die Katastrophe überlebt haben, irgendwo vor der Kälte in Sicherheit bringen. In gut isolierte Gebäude, Passivhäuser vielleicht. Oder, wenn das nichts hilft, in den Untergrund, weil es im Erdinneren bis auf absehbare Zeit warm bleiben dürfte. Oder aber man macht sich mobil, wie zum Beispiel in einem Zug, der um die ganze Welt fährt. Ja, warum denn nicht mal ein Zug, als Arche für Mensch, Tier und Pflanzen?

Das ist die Ausgangsidee des Films Snowpiercer, der im Augenblick als die nächste große Dystopie gefeiert wird. Endzeitfilme sind seit einiger Zeit wieder in Mode, besonders in der Teenie-Variante wie The Hunger Games und Divergent, doch Bemerkenswertes ist wenig produziert worden: Oblivion war bestenfalls okay, Elysium ebenso, aber so überzeichnet, dass es fast schon witzig war, In Time war gut gemeint, aber schwach, Book of Eli ziemlich mies. Ja, vielleicht waren V wie Vendetta (2006) und The Road (2009) die besten Genrevertreter der jüngsten Zeit. Aber an Innovation gab es bei all dem wenig zu sehen: Das Genre scheint sich nur noch selbst zu zitieren.

Nun also Snowpiercer, dessen Grundidee immerhin schon mal interessant ist. Die Frage ist nur, ob sie überzeugt. Als Allegorie geht sie auf jeden Fall auf. Man hat in dem Zug buchstäblich eine Zwei-Klassen-Gesellschaft: Hinten die Elenden, vorne die Wohlhabenden. Die Elenden haben nichts, ihnen werden sogar die Kinder weggenommen, die Wohlhabenden schwelgen in Luxus. Also proben die Unterdrückten den Aufstand gegen ihre Unterdrücker und schlagen sich, angeführt von Chris Evans (Captain America) von Waggon zu Waggon, um ganz vorne die Kontrolle über den Snowpiercer zu bekommen. Auch das ist durchaus buchstäblich gemeint, denn im Grunde läuft der zweistündige Film auf eine Reihe von Prügelei, Metzelei und Ballerei hinaus (in genau dieser zivilisatorisch-evolutionären Reihenfolge). Viel Blut fließt, viele Menschen sterben, doch Regisseur Bong Joon-ho verschont sein Publikum mit den schlimmsten Anblicken, wodurch er die Gewalt fast schon verharmlost. Stilbrüche in die Lächerlichkeit entstehen durch die Figur der völlig überzeichnet-grausamen ‚Botschafterin‘ des Obergurus, gespielt von Tilda Swinton.

Vor allem bekommt der Film durch diese Zug-Struktur etwas zu Geradliniges und wirkt dadurch auch vorhersehbar und ermüdend. Die Rebellen ziehen wie in einem Computerspiel von Level zu Level, bestehen immer neue Aufgaben und sehen dabei den Auswüchsen der Dekadenz zu: ein Gewächshaus, ein Aquarium, Sushi-Bar, Disco – man hat an alles gedacht, es wirkt schon fast zu absurd. Nur, so muss man sich fragen, warum hat man nicht von Anfang an gleiches Recht für alle geschaffen? Am Ende, wenn alle Fragen auf zum Teil grausame Weise beantwortet werden, wird diese Frage ignoriert. Es geht um ein ökologisches Gleichgewicht, darwinistische Auslese, um Notwendigkeiten, aber nie um Gerechtigkeit. Die Botschaft ist denkbar banal, wenn schließlich die Allegorie erklärt wird: Wir sitzen alle im gleichen Zug. Das wusste bereits Erich Kästner (und hat darüber ein schönes Gedicht geschrieben). Und die allerletzte Botschaft ist auch nicht gerade kreativer: Im Tod sind alle gleich. Nun denn …

Letztendlich ist Snowpiercer nichts weiter als eine typische Dystopie mit sozialkritischem Anspruch im Holzhammerformat. Der Film bedient sich klassischer Merkmale wie eines totalitären Machtapparats sowie des rebellierenden Outlaws und zitiert auch mit der Wahl seiner Darsteller Werke, auf die er referiert. So lässt John Hurt an seine Rolle als Winston Smith aus 1984 und als Großkanzler Sutler (ein Big Brother-Verschnitt) in V wie Vendetta denken, Ed Harris darf nach Truman Show noch einmal eine Art Großen Bruder und Strippenzieher spielen. Vor Kinostart hat es eine Debatte um den Film gegeben, weil Produzent Harvey Weinstein, der die internationalen Rechte daran hält, das Werk verstümmeln wollte. Angeblich weil es „zu intelligent“ – vor allem für das amerikanische Publikum – sei. Seine Rache: Der Film läuft nur in „ausgewählten Kinos“. In Frankfurt am Main ist der Film nur in einem zu sehen – und zwar ausschließlich in der Originalversion und als Spätvorstellung. Aber viel wird das Publikum dadurch nicht verpassen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s