Beinahe romantisch

DJ Wim Wenders beim Romantik-Festival in Frankfurt (Foto: Lukas Gedziorowski)

DJ Wim Wenders beim Romantik-Festival in Frankfurt (Foto: Lukas Gedziorowski)

Frankfurt ist im Romantik-Fieber: Nach der Diskussion um das Romantik-Museum am Goethe-Haus hat es in einem Jahr zwei Kongresse zur Romantik gegeben, nun findet ein drittes im Literaturhaus statt. Am Samstag hat Regisseur Wim Wenders das Festival mit einem Bekenntnis eröffnet, warum er ein Romantiker ist – und sich dabei als Realist entlarvt. Bei der Diskussion im Anschluss stellte sich heraus, dass die Romantik noch heute präsent ist. Wer Romantik sucht, der findet sie auch.

„I’m a hopeless german romantic“, soll Wim Wenders geantwortet haben, als man ihn danach fragte, warum er seinen Film Paris, Texas (1984) so und nicht anders gedreht habe. Dieser Satz, den er nur „dahergesagt“ habe, ohne nachzudenken, habe ihm „lange nachgehangen“, sagte der Regisseur am Samstagabend im Literaturhaus Frankfurt, nun müsse er sich entweder dazu bekennen oder das Gegenteil behaupten – und letztendlich sei das überhaupt der Grund, warum er hier sei, beim Romantik-Festival „Was wir suchen, ist alles“. Oder, wie Wenders es ausdrückte, bei der Versammlung der „romantics anonymous“.

Bei seinem Eröffnungsvortrag bekannte sich Wenders zur Romantik – auch wenn er dabei eingestand, nichts über sie zu wissen. Doch er machte aus der Not eine Tugend, da Romantik ja auch bedeute „wissen ohne zu wissen“. Er sei ein praktizierender Romantiker, so der Regisseur, daher fehlte es auch seinem Vortrag an Theorie. Wenders näherte sich dieser Epoche, Geistesströmung oder vielmehr Geisteshaltung romantisch-multimedial auf drei Weisen: mit persönlichen Anekdoten, mit Ausschnitten seiner Filme und mit Musik. Als „Romantik-DJ“, wie er sich selbst bezeichnete, spielte er 16 Songs ab, die auf die eine oder andere Weise von romantischen Themen wie Sehnsucht, von Sinnlichkeit und dem Suchen handelten, wie etwa „Still Haven’t Found What I’m Looking For“ von U2, aber auch Lieder von Patti Smith, Van Morrison, deutsche Schlager und ein Lied von Schubert waren Teil des romantischen Samplers (siehe Spotify-Liste unten), zu dem DJ Wenders mit dem Kopf nickte.

Als erstes romantisches Element seines Schaffens benannte Wenders das Licht der Dämmerung, in der er am liebsten dreht. „In diesem Licht erscheint alles ein wenig anders, sonderbar“, sagte er. In diesen „magic hours“ erscheine (Novalis lässt grüßen) das Gewöhnliche ungewöhnlich, ja „hyperreal“. „Das Jetzt gilt einfach mehr, es scheint alles stillzustehen“, so Wenders. Besonders bei Paris, Texas habe er diese Faszination für die Dämmerung auf die Spitze getrieben. Ein weiteres Motiv der Romantik, die Reise, zeigte Wenders in seinen Road Movies Falsche Bewegung (1975) und Im Lauf der Zeit (1976). Während es im ersten, einer Wilhelm Meister-Adaption, um eine Reise durch ganz Deutschland geht, handelt der zweite von einer Reise entlang der deutsch-deutschen Grenze, ein „Niemandsland“, wie Wenders sagte, in dem die Zeit stehengeblieben sei. Die treibende Kraft von Im Lauf der Zeit, der ohne Drehbuch entstand, sei die Suche – für Wenders die „archetypische Seinsform des Menschen“. Der Titel hätte auch lauten können „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ – wenn er nicht schon vergeben wäre. „Es könnte der Arbeitstitel jeder meiner Filme sein“, so Wenders, der damit wieder bei Paris, Texas landete.

Wenders erklärte seine Verbindung zum Reise-Motiv mit einer persönlichen Ur-Szene, einer Initialreise, die er als Fünfjähriger im Zug unternahm. Schon damals hätte er die Sehnsucht gehabt, diese Reise allein zu machen. Die Mutter, die sich im Zug nach einem Erwachsenen umsah, dem sie ihren Sohn anvertrauen konnte, warf der kleine Wim damals unter heftigem Protest aus dem Zug. Seitdem sei Wenders von der „unaussprechlichen Sehnsucht, woanders zu sein“ getrieben. „Ab da war alles anders“, sagte der Regisseur. Das Unbekannte sei immer schon verlockend für ihn gewesen. Wenders erzählte, wie er all die Landschaften in Deutschland und den USA abfahren, sehen, fotografieren musste, bevor er dort seine Filme drehte.

Wahrnehmung war ein weiteres zentrales Schlagwort in dem Vortrag, veranschaulicht mit Ausschnitten des Films Bis ans Ende der Welt (1991), in dem es um digitale Bilder geht, die ins Gehirn eingespeist oder auch extrahiert werden können. „Für Romantiker ist alles zunächst Wahrnehmung“, so Wenders. „Ich werde zur Welt und die Welt zu mir.“ Bedingung dafür sei der Wille, alles mitzuteilen und mitteilen zu können. „Romantiker sind maßlos“, sagte der Regisseur. „Alles oder nichts.“ Insofern sei der Beruf des Regisseurs im Kern ein romantischer.

Wahrnehmung hat für Wenders nicht so sehr mit Schönheit, sondern vor allem etwas mit Wahrheit zu tun. Schönheit, so der Filmemacher, habe ihn nie richtig interessiert. Ein Sonnenuntergang sei ihm immer schon zu wahr, um schön zu sein, gewesen. Wenders nahm das zum Anlass, seiner Ablehnung gegenüber digitalen Bilderwelten Ausdruck zu verleihen. Denn in diesen sei Akt der Wahrnehmung ersetzt durch einen Akt eines bildnerischen Zusammenbauens. Diese Bilder könnten nicht schön sein, da die direkte Wahrnehmung Bedingung für die Schönheit sei, das Virtuelle habe aber keinen „Seinsgrund“. Die „schleichende Wahrnehmungsauflösung“, der „Realitätsverlust“ sei ein kulturelles Phänomen unserer Zeit, eine „Krankheit“, die epidemisch um sich greife. Das Virtuelle verdränge alles Wahrhafte – „der Romantiker geht durch harte Zeiten“.

Damit disqualifizierte sich Wenders allerdings als Romantiker und outete sich als Realist. Denn die Romantiker interessieren sich weniger für das, was ist, sondern das, was sein kann. Für die Gattung Film bedeutet das, dass das Digitale überhaupt erst überhöhte, idealisierte Bilderwelten ermöglicht, die jeglicher Realität entbehren. (Was anderes ist der Über-Dschungel in Peter Jacksons King Kong oder der Planet Pandora in James Camerons Avatar als romantische Arabesken?) Romantik ist nicht bloße Darstellung der Wahrnehmung, sondern deren Überzeichnung. Doch Wenders hat davon offenbar einen anderen Begriff.

Für ihn zeigt sich der romantische Blick aus der Perspektive der Engel in seinem Film Himmel über Berlin (1987). Sie schauten die Dinge an, als wäre es das erste Mal. „Ihr mögt das, was ihr seht“, soll Wenders einzige Regieanweisung an die Engel-Darsteller gewesen sein. Dass diese Wahrnehmung auch eine religiös gefärbte ist, unterstrich Wenders mit dem eingespielten Van Morrison-Song „When Will I Ever Learn“, in dem die Welt als Schöpfung Gottes zelebriert wird. Hier erwies sich der Regisseur zumindest in Sachen Pathos als waschechter Romantiker: „Nur was mit Liebe und Hingabe getan ist, ist gültig, alles andere verpufft.“

Bei der Podiumsdiskussion im Anschluss fand Möchtegern-Romantiker Wenders seinen Gegenpol: „Romantik lässt sich nicht praktizieren“, sagte Literaturwissenschaftler und Philosoph Joseph Vogl. Obwohl man sich den Grund dafür denken kann, hätte man gerne den Ausführungen zu dieser These gelauscht – doch dazu kam es leider nicht. Dabei wäre es ein vielleicht fruchtbarer Beitrag zu der Debatte gewesen, die Moderatorin Felicitas von Lovenberg anstieß: „Brauchen wir ein neues romantisches Denken?“, lautete die Frage des Abends. „Ist nach Jahrzehnten der Rationalisierung der Gesellschaft die Zeit reif für neue romantische Ideen?“

Thomas Oberender, Felicitas von Lovenberg (Foto: Lukas Gedziorowski)

Thomas Oberender, Felicitas von Lovenberg (Foto: Lukas Gedziorowski)

„Ein Schuss mehr Romantik könnte uns gut tun“, sagte der Dramaturg und Autor Thomas Oberender im Hinblick auf die Politik. Die Romantik gehe davon aus, dass man die Welt anhand einer abstrakten Setzung korrigieren könne. Allerdings sah Oberender auch das romantische Pathos bereits in Barack Obamas „Yes We Can“-Wahlkampagne mitschwingen. Solche Versuche, die Spuren der Romantik in der Gegenwart aufzufinden, bestimmten die gesamte Diskussion. Zum Beispiel fragte von Lovenberg, ob die Europäische Union eine romantische Idee sei. Die Antwort darauf fiel unterschiedlich aus: Während Vogl meinte, die deutschen Romantiker hätten kein Europa gekannt, und wenn, dann hätten sie dagegen gewettert, stellte die Romanistin Barbara Vinken den französischen Schriftsteller Victor Hugo als europäischen Romantiker dar.

Barbara Vinken, Joseph Vogl (Foto: Lukas Gedziorowski)

Barbara Vinken, Joseph Vogl (Foto: Lukas Gedziorowski)

Weitgehend einig hingegen war sich die Runde darin, dass die Romantik weiter in der Kultur nachwirkt. „Die Romantiker hatten ein hohes Medienbewusstsein“, sagte Vogl. Sie seien „grandiose Projektemacher“ gewesen, auch wenn alle Projekte eingegangen seien, bevor sie fertig wurden. Dadurch seien aber auch „unendliche Romane“ entstanden. Außerdem hätten die Romantiker die Gattungen zusammengedacht – eine Eigenschaft, die sich bei einem zeitgenössischen Künstler wie Christoph Schlingensief finde. Auch Oberender nannte Schlingensief einen „romantischen Künstler“. Er führte aus, dass die Romantik mit ihren Schaffensprozessen in der Gruppe eine der Ursachen für die heutigen Produktionsweisen sei, bei denen Kollektive zu Mitautoren werden.

Brauchen wir also ein neues romantisches Denken? „Nein“, schloss von Lovenberg. „Wir haben es bereits.“ Man könnte es auch so zusammenfassen: Wer die Romantik sucht, der findet sie auch – überall.

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