Die romantische Zukunft der Literatur

Diskussion zum Erzählen der Zukunft im Literaturhaus Frankfurt (Foto: Lukas Gedziorowski)

Porombka, von Borries, Moderator Schumacher, Breitlauch, Brüggemann im Literaturhaus Frankfurt (Foto: Lukas Gedziorowski)

Vier Menschen sprachen am Sonntag beim Romantik-Festival in Frankfurt über die Zukunft des Erzählens – im Hinblick auf die von den Frühromantikern geforderte Universalpoesie. Doch leider konnten die Epigonen nicht den Anspruch des Abends einlösen, es mangelte an klaren Visionen und vor allem an romantischen Perspektiven.

Wenn es ein frühromantische Projekt schlechthin gibt, dann ist es das der Universalpoesie. Es ist wahrscheinlich der höchste Anspruch, der je an Literatur gestellt worden ist: Alles vereinend, allumfassend, „ein Spiegel der ganzen umgebenden Welt“, schreibt Friedrich Schlegel, „der höchsten und der allseitigsten Bildung fähig“ und wenn man noch Novalis Forderung hinzudenkt, dass die ganze Welt romantisiert werden solle, bedeutet das auch, dass alle Welt (universal-)poetisch werden soll. – Wow! Ein Wahnsinnsprojekt. Schlegel selbst gesteht in seinen Fragmenten ein, dass daraus nichts werden kann: „Die romantische Dichtart ist noch im Werden; ja das ist ihr eigentliches Wesen, daß sie ewig nur werden, nie vollendet sein kann.“ Man kann damit nur scheitern, aber auch immer daran weiterarbeiten.

Die Romantiker haben trotz der aussichtslosen Perspektive Versuche unternommen: Schlegel mit seiner unsäglichen Lucinde, Novalis mit seinem nur bedingt lesbareren Heinrich von Afterdingen (sic!), und Tieck mit seinem Phantasus, in dem er Gespräche, Erzählungen, Märchen und Schauspiele versammelte – sie brachten immerhin Fragmente einer Universalpoesie hervor. Doch um’s kurz zu machen: Bis heute blieb der Anspruch weitgehend unerfüllt. Vielleicht liegt das neben der utopischen Anlage des Projekts auch daran, dass es seit zwei Jahrhunderten niemand mehr versucht – jedenfalls nicht mehr im programmatisch-romantischen Sinn.

In diesem Zusammenhang wurden vier Experten zum Romantik-Festival im Literaturhaus Frankfurt eingeladen, um Plädoyers für ein Erzählen der Zukunft zu halten. Doch so richtig erfüllte keiner der Gäste den Anspruch, schon gar keinen romantischen. Der Literaturwissenschaftler Stephan Porombka stellte ein Erzählen in Aussicht, das so flüchtig, performativ und experimentell ist, dass man es kaum noch als solches werde erkennen können (wie Balzacs „unbekanntes Meisterwerk“), ja vielleicht nicht einmal mehr Literatur genannt werden könne, man solle sie auch nicht danach befragen, ob sie es sei. Vielmehr könne dann nur noch von ästhetischen, vielleicht noch von Schrift-Experimenten die Rede sein. Porombka plädierte dafür, keine Erwartungen an Literatur zu formulieren. „Das verstellt uns die Neugier auf das, was passiert.“ Althergebrachte Begriffe der Erzähltheorie würden längst nicht mehr greifen.

Sei Batman: Linda Breitlauch im Literaturhaus Frankfurt (Foto: Lukas Gedziorowski)

Sei Batman: Linda Breitlauch im Literaturhaus Frankfurt (Foto: Lukas Gedziorowski)

Linda Breitlauch, Professorin für Gamesdesign, zeigte, welche Erzählformen in Computerspielen möglich sind: In offenen virtuellen Welten werden die Spieler zu Co-Autoren, man löst sich vom monodirektionalen Erzählen, es werden mehrere, potenziell unendlich viele Erzählungen eröffnet. Durch die Möglichkeit, Rollen annehmen zu können, ergäben sich neue Möglichkeiten der Identifikation. „Dieser Erzählform steht noch ganz am Anfang“, so Breitlauch. Friedrich von Borries gab zu Bedenken, ob das Freiheitsversprechen von Computerspielen nicht eine große Lüge sei, da jedes Game in seinen Handlungsmöglichkeiten festgelegt sei und daher die Freiheit nicht nur simuliert, sondern auch sehr limitiert sei. „Ist die Literatur nicht am Ende ehrlicher?“ Breitlacher wandte ein, dass es nicht gewünscht sei, in Computerspielen alles machen zu können. Filmemacher Dietrich Brüggemann sagte, dass solche Erzählformen nicht mehr Berieselnlassen ermöglichten und ihnen daher, das „Lustmoment des Kunstkonsums“ fehle.

Friedrich von Borries, Architekt und Autor, zeigte anhand seiner eigenen Romane, wie Fiktion und Realität ineinandergreifen können. Zu dem kapitalismuskritischen Buch RLF (Akronym für das Richtige Leben im Falschen) gibt es etwa verschiedene Produkte, die man erwerben kann, wie etwa dafür eigens gestaltetes Geschirr und Turnschuhe. Im Internet wird die Geschichte des Romans weitererzählt, ein Dokumentarfilm stellt die weitere Entwicklung der ins Reale ausufernden Erzählung dar. Ereignisse finden statt, um davon erzählen zu können, Erzählungen ziehen Ereignisse nach sich. Man hätte dieses Phänomen romantisch nennen können, doch zu einem solchen naheliegenden Schritt ließ sich von Borries nicht hinreißen.

Schließlich plädierte Regisseur Dietrich Brüggemann, der sich in seinem Vortrag selbst im Vagen, Ungewissen und Nebensächlichen verlor, für ein Erzählen ohne Phrasen und Posen – wobei er selbst dabei nicht ohne auskam.

Was ist nun das Erzählen der Zukunft? Wie sieht es aus, wie kann und wie soll es aussehen? Und was hat das mit Romantik zu tun? Auf all das gaben die Gäste keine verbindlichen Antworten. Vielleicht, weil man darauf nicht antworten kann, vielleicht weil die Frage nach der Zukunft falsch gestellt ist. Zwei Tendenzen lassen sich jedoch an der Diskussion ablesen: Erstens, dass das Erzählen sich mit der Entwicklung und Fusion der Medien verändert, und zweitens, dass damit auch die Rollen der Rezipienten verändert werden, weil sie selbst zu Erzählern oder Protagonisten der Erzählungen werden. Diese doppelte Entwicklung bildet ein kaum noch zu überblickendes Chaos der Erzählungen und Erzählformen. Möglicherweise kommt es damit dem Projekt der romantischen Universalpoesie am nächsten. Es fehlt nur noch jemand, der das Phänomen auch so benennt und beschreibt.

Ein Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s