Auf der Suche nach Romantik und Poetik

Unscharfe Romantik

Drei Abende Romantik und einen Abend Daniel Kehlmann – unser Autor hat sich in dieser Woche die volle Dröhnung Poesie gegeben. Doch leider waren die Erträge gering, die Romantik im Literaturhaus kam zu kurz, auch nach Poetik musste man suchen.

„Was wir suchen, ist alles.“ – Ein hoher Anspruch für ein Literatur-Festival. Aber auch ein naheliegender, denn immerhin geht es um Romantik, also die Epoche und Geistesströmung, in der es nicht um weniger ging: Universalpoesie, progressiv und transzendental,  jeder mit jedem, alles mit allem – und davon bitte nicht zu knapp – eierlegende Wollmilchsäue. Aus dem Projekt wurde nix, nix als lauter Trümmer, Angefangenes ohne Ende, ein Haufen Papier und eine deutsche Affäre, die bis heute nachwirkt. Aber gut – genug der Geschichtsstunde, wir schauen nach vorne, Romantik heute, jawoll, es geht mal wieder um alles, also alles bitte noch mal von vorn, jetzt aber richtig.

Wim Wenders im Literaturhaus Frankfurt (Foto: leg)

Wim Wenders im Literaturhaus Frankfurt (Foto: leg)

Zum Auftakt: Wim Wenders. Okay, kein Literat, aber ein Filmemacher (man mache sich die romantische Intermedialität des Mediums bewusst), und ein sentimentaler noch dazu – zähe, elegische Kunstfilme wie Himmel über Berlin, Paris, Texas und Don’t Come Knocking – ja, mit viel gutem Willen könnte man auch romantisch dazu sagen – so sei es. Und tatsächlich bekennt sich Wim Wenders, ein „hopeless German romantic“ zu sein, auch wenn er von Romantik nicht viel versteht, immerhin hat er eine Ahnung und auch das kann man wieder romantisch nennen. Der Mann produziert also gerne Bilder bei Dämmerung wie Caspar David Friedrich (check), seine Filme handeln von Sehnsucht, Suche und Reisen (check) und er spielt darin gerne sentimentale Songs, die die gleichen Motive haben (check). Zu Illustrationszwecken macht uns Wim auch den Romantik-DJ am iPad. Wie er so mitschwingt, wirkt er sympathisch, da verzeiht man ihm auch U2, den ein oder anderen Trash-Song und Van Morrisons Geseier vom lieben Gott.

Der Romantiker, der ein Realist ist

Doch dann setzt, wie so oft, die große Desillusionierung ein: Wim Wenders mag keine digitalen Bilderwelten! Weil dahinter keine Wahrheit stecke, sagt er, könne da auch keine Schönheit sein. Das ist natürlich großer Unfug – als würde man sagen, nur Malen mit Öl sei das einzig Wahre und Acrylstifte des Teufels. Was ist zu halten von einem Filmemacher, der sich einem Teil seiner Werkzeuge verweigert? Wie kann man nur im Film, in dem spätestens dank CGI alles möglich ist, auch nur eine technische Errungenschaft ablehnen? Mag ja sein, dass ein echter Sonnenaufgang schöner ist als ein animierter, aber wo soll man denn Dinosaurier und andere Monster herkriegen, die so tun, wie es die Drehbücher verlangen? Nun gut, Wim Wenders kann sich das erlauben, er dreht keine Filme, in der Riesenmonster gegen Riesenroboter kämpfen (wobei ein paar solcher Action-Einlagen seinen handlungsarmen Drehbüchern vielleicht ganz gut täten). Vielleicht hätte er auch die Spezialeffekte in Himmel über Berlin heute am Rechner besser hingekriegt, als damals … Aber egal, das Schlimmste an der Sache ist: Wim Wenders hat sich damit als Romantiker ins Abseits geschossen. Der Mann ist einfach nur ein verkappter Realist! Spätestens jetzt müsste ihn das Publikum mit Gedichtbänden von Heine bewerfen und aus dem Literaturhaus werfen – aber nein, es fällt keinem auf oder es ist allen egal, sie bleiben sitzen, lauschen, lachen und applaudieren am Ende zu „The Lion Sleeps Tonight“ – „O Wim, oh weh!“

Es wird nicht besser: Bei der anschließenden Diskussion soll es um heutige Romantik gehen. Da sitzen vier „Experten“, doch statt über das Thema zu reden, tauschen sie sich vor allem über die Vergangenheit aus und verhandeln Fragen, ob man heute im grauen Anzug auch Romantiker sein könne. Wie Moderatorin Felicitas von Lovenberg am Ende zu dem Schluss kommt, dass wir kein neues romantisches Denken mehr bräuchten, weil wir es bereits hätten, bleibt mir schleierhaft. Die Romantik, die sie in modernen Konstrukten wie der Europäischen Union zu suchen meinten, wirkte arg bemüht. Und einen Tag später, als es um ein neues Erzählen im Zeichen der Universalpoesie gehen soll, verläuft die Diskussion nicht viel fruchtbarer. Über Romantik und Poetik spricht an diesem Abend niemand, es werden nur vage Aussagen über die experimentelle, medienübergreifende Literatur gemacht, die künftig noch experimenteller und medienübergreifender werden soll. Niemand lässt sich zu Prophezeihungen, steilen Thesen oder programmatischen Plädoyers hinreißen. Vielleicht ist die Aussage, man solle die Literatur doch bitte Literatur sein lassen, ohne Forderungen an sie zu stellen, die klügste des Abends – doch weiter bringt sie die Frage nach einem neuen, gar romantischen Erzählen nicht.

Ein Waldschrat und und Menschen in Hasenmasken

Ulrich Holbein im Literaturhaus Frankfurt (Foto: leg)

Ulrich Holbein im Literaturhaus Frankfurt (Foto: leg)

Am dritten Tag wird alles noch viel seltsamer: Im Literaturhaus begegnet mir ein eigenartiges Wesen, sehr haarig, man möchte zottelig sagen, wie drei zusammengesteckte Reisigbesen, fast schon waldschratartig, wäre da nicht dieses karierte Sakko mit dem bis oben hin zugeknöpften rosa Hemd, die graue Hose und die Sandalen, in denen grüne Socken steckten. Ulrich Holbein nennt sich dieser Mann, der von sich selbst sagt, er sei ein „Zuspätromantiker“. Angekündigt war eine „Weihestunde“: Ein Lichtbildvortrag von „Entseelung und Wiederverzauberung der Welt, Nostalgie, vorletzten und letzten Idyllen, Gefühlsüberschwang“ und eine Wegweisung in eine Romantik nach der Romantik. Holbein zeigt selbstgeknipste Fotos aus Städten wie Bamberg und Weimar, mal Momentaufnahmen, mal zu Idyllen gemachte Montagen, in denen hin und wieder der Autor selbst oder auch mal Frauenkörper sich die Blöße geben.

Dazu gibt der Photoshop-Künstler höchst poetische, wortgewandte Kommentare ab, in denen Mülltonnen zu „anorganischen Mitbürgern“ werden, blaue Blumen in Betonwüsten wachsen, und Guerilla Gardening zu „widerrechtlicher Aufforstung“ umbenannt wird – der „liebsten Straftat“ des Poeten. Womit wir wieder beim Naturmenschen (sprich: Waldschrat) wären: Holbein zeigt Fotos von seinem Haus am Wald, das so überwuchert ist, dass man es kaum noch fotografieren kann. Stufenweise habe er versucht, ein romantisches Idyll herzustellen, „ein bisschen zauberhaft“ sei allein schon die Lage. Und hinterher, nach einer kurzen Lesung aus seinem Buch über Goethe und Jean Paul, scheint ein bisschen romantische Selbstironie durch, als Holbein zugesteht, dass seine Versuche, sein Domizil einem ästhetischen Ideal anzugleichen, „töricht“ seien, da es nirgendwo verwirklicht sei außer in Gemälden. „Vielleicht glaube ich auch selber nicht dran“, sagt der Zuspätromantiker, der seine hässlichen Bücher gerne bemalt oder, wenn ihnen nicht mehr zu helfen ist, versteckt. Aber: „Lieber Kitsch als gar keine Kunst.“

Hasenhass: Monika Rinck im Literaturhaus Frankfurt (Foto: leg)

Hasenhass: Monika Rinck im Literaturhaus Frankfurt (Foto: leg)

Eine halbe Stunde später sollen drei Frauen über romantische Fragmente sprechen (der einzige Mann hat abgesagt): „Spezialisten, die ein Leben führen im Zeichen des Fragments … Ein Gespräch über die Verlockung, vieles gleichzeitig zu beginnen, die Lust an der Ausuferung – und die Kunst, all das zusammenzuhalten.“ Das Publikumsinteresse ist mäßig; es gibt fast mehr Teilnehmer auf dem Podium als im Plenum. Und wieder: Ein Lichtbildvortrag. Die Poetin Monika Rinck zeigt Fotos von Menschen in selbstgebastelten Hasenmasken aus weißem Plastik. Befremdlich surreal, erinnert das Ganze an David Lynchs schaurige Anti-Seifenoper Rabbits. (Nicht minder verstörend ist die Brille der Moderatorin Ina Hartwig.)

Dazu liest Rinck aus ihrer „Fibel“ mit dem Titel Hasenhass. Bedeutungsschwangere Prodagedichte, schwer zu sagen, worum es geht. Zu schnell fürs Ohr, zu hoch für ein Verstehen beim ersten Anlauf, aber immerhin mit nötigem Pathos vorgetragen. Dann führt ihre Kollegin Michaela Melián einen Film auf: Abstrakte Formen vor schwarzem Hintergrund, irgendwelche obskuren Fäden, im Wechsel mit Schneegestöber bei Nacht, dazu eine befremdliche minimalistische Musik und eingesprochene, wild zusammengewürfelte Texte sowie Ansagen eines Navi-Geräts. Der Film scheint kein Ende nehmen zu wollen, schlimmer noch als jeder Wim Wenders. Ich sehne mich plötzlich nach Sonnenauf- und Untergängen, nach sentimentalen Songs von U2 oder einer gedehnt-elegischen Handlung, solange darin erkennbare Personen und Gegenstände vorkommen. Doch, als ich schon die Hoffnung fahren lasse, nimmt das Elend ein Ende – und als danach die Künstlerin sich zu erklären beginnt, was das alles sollte – mehr als eine Stunde ist vergangen – stehle ich mich leise davon. Was das alles mit Romantik und Fragmenten zu tun hat – davon will ich nix mehr wissen.

Poetikvorlesung ohne Poetik

Daniel Kehlmann in Frankfurt (Foto: leg)

Daniel Kehlmann in Frankfurt (Foto: leg)

Tag 4: Daniel Kehlmanns Poetikvorlesung an der Goethe-Uni. „Kommt, Geister“, lautet der Titel, den man auch als Einladung verstehen kann. Kehlmann, guter Mann, passable Romane – die Hoffnung auf eine Vorlesung, zu der man gerne auch ein zweites Mal geht, ist groß. Kehlmann beschwört zwar allerlei Geister, doch aus irgendeinem Grund stammen sie alle aus dem Jahr 1959, dem Jahr der Blechtrommel, aber auch dem Jahr von Ingeborg Bachmanns erster Frankfurter Poetikvorlesung, drei Filmen von Peter Alexander und Fritz Bauers Beginn der Vorbereitungen für die Auschwitz-Prozesse. Okay, das alles mag als Geschichtsstunde über deutsche Kriegsaufarbeitung oder -verdrängung ganz interessant sein, aber mit jedem Absatz, den Kehlmann mit einer Zahl statt mit einem geschickten Übergang einleitet, frage ich mich mehr: Wo bleibt die Poetik? Die muss man sich irgendwo in den Bachmann-Zitaten heraussuchen. Je mehr man sich über sich erzählt, desto weniger gibt man von sich preis, lernt man da. Da Kehlmann also nichts von sich oder seiner Poetik erzählte, müsste er während seines Vortrags – klammheimlich – seine Seele ergossen haben. Wer sucht, der findet. Das gilt, wenn man eine Lehre aus dieser Woche ziehen will, für Romantik ebenso wie für Poetik. Es gibt sie – überall und nirgends, vor allem aber immer zwischen den Zeilen, gut versteckt.

Und dennoch fühle ich mich am Ende verschaukelt: Ein Romantik-Festival ohne Romantiker und ein Poetikdozent ohne Poetik. Was ich suchte, war alles; was ich fand, war dürftig.

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