Allein unter Engeln

Auf Engelsflügeln: Jack White

Auf Engelsflügeln: Jack White

Jack White zweites Solo-Album Lazaretto wirkt so totenblass wie sein erstes. Ein Phantom zwischen Rock, Country und Hip Hop, das zuweilen an Ideen erstickt, von denen aber die wenigsten gut sind.

Da sitzt er, der blassgesichtige Mann mit den rabenschwarzen Haaren und dem blauen Samtanzug, umgeben von Engeln, drei auf jeder Seite, lässig stützt er seine Arme auf zwei knienden geflügelten Dienern ab. Und tatsächlich darf sich Jack White derzeit zurücklehnen, denn die Maschine, die er angeworfen hat, läuft wie geschmiert: Sein zweites Solo-Album wurde mit mächtig Bohei beworben, allein die Vinyl-Ausgabe lockt mit Mätzchen wie Spielereien mit der Auslaufrille und Engels-Hologrammen, und der Künstler selbst hat sich zuletzt im Rolling Stone (wo er die Coverstory bekam) ziemlich abfällig über die Kollegen von den Black Keys geäußert, nur um sich kurz darauf auf seiner Website bei ihnen zu entschuldigen – es sei ja alles nicht so gemeint gewesen.

Nun also Lazaretto, die zweite Solo-Scheibe nach Blunderbuss (2012), einen Monat nach dem achten Black Keys-Album, Turn Blue. Letzteres, das erschreckend lahm geriet, ist nicht schwer zu überbieten. Man braucht nicht lange in Lazaretto reinzuhören, um zu merken, dass diese Platte mehr Drive hat, mehr dem Rock verschrieben ist – mehr aber noch dem Country. Das ist nichts Neues bei Jack White, immerhin hatten schon die White Stripes-Stücke zunehmend Richtung Südstaaten tendiert, mal mehr, mal weniger gelungen. Der Stil liegt auch nahe, da der Mann aus Detroit nun in Tennessee lebt. Aber wie sich seit Jahren abzeichnet, gibt sich White nie mit nur einem Stil, mit nur einer Idee pro Song zufrieden.

So ist schon der Opener, „Three Women“, der von einem eingängigen Riff aus Orgel, Bass, Klavier und Gitarre zum anderen wechselt; der Song holpert vor sich hin, ohne richtig in Gang zu kommen, beim Freak Out in der letzten Minute wirkt das Ganze überreizt. Hier hätte ein früheres Ende dem Stück besser getan. Im ähnlichen Stil geht es mit dem Titelstück weiter, elektronische Keyboardsounds kommen dazu, wieder gibt es einen Tempowechsel, diesmal in ein zähes, stampfendes Interlude, in dem White an seine Vorbilder von Led Zeppelin anknüpft, allerdings nerven dabei die lärmenenden Nebengeräusche, abgelöst wird das Ganze vom Solo einer Geige im Cajun-Stil. Ratlos und etwas angestrengt lässt einen diese Klangorgie zurück. Dankbar ist man für die Ruhe von „Temporary Ground“, eine Country-Ballade, die White im Duett mit Dame singt. Bei Lied Nummer vier wirken das Klavier und Whites Säuselgesang zu melodramatisch.

Es bleibt nichts haften

Das sperrige und etwas ermüdende Intstrumental „High Ball Stepper“, das als erstes Stück vom Album veröffentlicht wurde, wirkt wie ein krachendes Zwischenspiel, das die bessere Hälfte der Platte von der schwächeren abgrenzt. Was folgt, ist „Just One Drink“, ein plumper Spelunkensong zum Mitgrölen, und fünf weitere, eher mittelmäßige Songs: ein triviales Plänkel-Liedchen wie „Alone In My Home“, elegisches Geschunkel bei „Entitlement“ mit Slide-Gitarre und Harfe, bei „The Black Bat Licorice“ erinnert Whites Sprechgesang zuweilen an Rap – vielleicht ein Anzeichen für eine künftige Entwicklung Richtung Hip Hop? Diesem Tausendsassa mit seinen zwei Bands und tausend Nebenprojekten würde man alles zutrauen.

Leider bleibt beim Hören von Lazaretto nichts haften, was einer weiteren Aufmerksamkeit wert wäre. Ähnlich war schon das Gefühl bei Blunderbuss, bei dem der Sound entweder abgegriffen oder zu sehr gewollt klang. Mehr als kleine Lichtblicke hier und da (wie der White-Stripes-Gitarren-Sound bei „High Ball Stepper“) bietet auch das zweite Album nicht. Ja, man kann es sich anhören, auch mehrfach. Besser wird es deswegen nicht klingen. Vielleicht hätte White weniger an den Details herumtüfteln sollen, vielleicht bei all seinen Ideen auf die wirklich guten warten sollen. Er selbst hat die Musikszene einst auf bestechende Weise gelehrt, dass weniger oft mehr ist.

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