Schattenmusik

Little Barrie: Shadow

Little Barrie ist eine Band, die es noch zu entdecken gilt. Die Engländer haben mit ihrem vierten Album, Shadow, einen durchgehend ernsten Ton gefunden und haben damit einen Sountrack zu einem Film gemacht, der erst noch gedreht werden muss. Wäre er nur halb so gut, wie die Musik …

Unheimlich beginnt es, ein unbestimmtes Bass-Riff, ein zurückhaltendes Schlagzeug, hin und wieder der Ton einer hohen Gitarrensaite. Ein Blick aufs Cover und man denkt an eine Fahrt durch einen Tunnel, ein Schwarzweiß-Film der 60er Jahre, ein cooler, undurchschaubarer Typ sitzt im Auto, rauchend, abgebrühten Blickes schaut er durch die Rauchschwaden auf die Straße. Willkommen in der Schattenwelt. Die britische Band Little Barrie hat mit ihrem vierten Album, Shadow, den Soundtrack zu einem solchen Film geliefert, der noch gedreht werden müsste. Und doch reicht diese Musik, um ihn vor dem inneren Auge ablaufen zu sehen. Kopfkino Noir.

Nach dem funkig-leichtfüßigen Debüt We Are Little Barrie (2005) wurde die Band mit jedem weiteren Album sukzessive ernster – aber keineswegs schlechter. Im Gegenteil: Auf King of the Waves (2010/2011) gelang ihnen mit „How Come“ ihr wahrscheinlich bester, weil eindringlichster Song – ohne genau sagen zu können, warum. Und in dieser Stimmung geht es auf Shadows weiter: Lauter Songs mit Gitarre, Schlagzeug und Bass, ohne klare Richtung und mit lauter Widerhaken. Vielleicht ist der dritte Song „Sworn In“ das beste Beispiel dafür: beinahe ein klarer Hit, beinahe tanzbar, beinahe einprägsam – wenn da nicht diese ständigen Wechsel wären, die einem den Song immer entgleiten lassen, wenn man gerade glaubt, ihn fest zu halten.

„Stop or Die“ setzt die Stimmung des Openers fort, wieder sehen wir Mr. Cool, diesmal durch eine Großstadt bei Nacht fahren. Ähnliches ist wieder gegen Ende bei „Eyes Were Young“ denkbar, einem melancholischen Song, der von einem schlichten, schnellen Bassriff angetrieben wird, vielleicht die passende Musik für eine Verfolgsjagd oder eine Kampfszene. „Pauline“ ist die Hymne auf die Femme fatale unseres Films. Das Gitarrenriff drückt Gefahr aus. „Everything You Want“ kommt nachdenklich daher, als wäre das Herz unseres Helden gebrochen. Das elfte und letzte Stück, „Shadows“, ist das Lied für den Abspann. Gespenstisch, wabernd, erinnert an die schmerzhaftesten Momente von Badly Drawn Boys legendärem Debüt The Hour of Bewilderbeast (2000). Für unseren Film im Kopfkino ein beunruhigend offenes Ende.

Kurzum: Eine tolle Platte, die immer besser wird, je öfter man sie hört. Etwas für lange, nachdenkliche Autobahnfahrten am Abend, um sich selbst als der Held einer unerzählten Geschichte zu fühlen. Willkommen in der Welt der Schatten.

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