Dem deutschen Fernsehen fehlt der Mut

Während das US-amerikanische Fernsehen wieder einmal selbst feiert, stellt man sich in Deutschland mal wieder die Frage: Warum haben wir nicht so großartige Serien wie True Detective? Die Antwort: Weil man zu feige ist. Ein Appell in vier Thesen.

Die Emmy-Nomierungen sind da: Auf der Liste stehen Serien wie Breaking Bad, Downton Abbey, Game of Thrones, House of Cards, Mad Men und True Detective. Allesamt verdient, da vielgerühmt. Vor allem das großartige True Detective hat noch einmal Maßstäbe für das Erzählen gesetzt (allerdings ist nicht klar, warum es nicht in der Kategorie Mini-Serie nominiert ist, da sie wie auch American Horror Story eine Anthologie-Serie ist). Spiegel Online nutzt die Gelegenheit, mit Neid in die USA und nach Großbritannien zu schauen, wo immer mehr tolle Serien wie diese produziert werden, und sich zu fragen: Warum gibt es das nicht auch im deutschen Fernsehen? Wie das halt so bei Online-Medien üblich ist, setzt man auf Interaktivität und lässt die Leser abstimmen. Vier Antworten sind vorgegeben, davon drei ernst zu nehmen.

Die meisten klickten an: „Weil die Zuschauer hier lieber ‚Tatort‚ und ‚Rosamunde Pilcher‚ gucken.“ Dahinter kamen „Weil ARD und ZDF die Rundfunkabgabe lieber in ihre vielen Talkshows investieren“ und „Weil es die deutschen Fernsehschaffenden einfach nicht draufhaben“. Leider kann man nur eine Antwort auswählen, dabei ist an allen drei Antworten etwas dran. Der Spiegel-Autor nennt einen anderen Grund: In Deutschland fehlt eine vergleichbare Filmindustrie und eine internationale Verwertungsmöglichkeit. Zudem hätte Deutschland den „Anschluss an internationale Standards in bestimmten Filmbereichen bereits vor Jahrzehnten verpasst“. Deutschland bekomme, so die These, das Fernsehen, das es verdiene. Das ist nicht nur zu fatalistisch gedacht, es ist nur die halbe Wahrheit: Es fehlen hierzulande auch vergleichbare Strukturen wie ein gut ausgestattetes Kabelfernsehen, das sich über Abonennten finanziert, das unabhängig von Hollywood originelle, ambitionierte Serien prodzuzieren kann. Ich denke aber, dass man es sich mit einer Erklärung, die den Umständen die Schuld gibt, zu einfach macht.

Es braucht aber weder Riesenbudgets für Effektspektakel, bei denen nur ein Abklatsch von Game of Thrones herauskommt. Noch braucht es kein Millionenpublikum zur Prime Time. Vier Vorschläge:

1. Es braucht Mut zur Innovation. Keiner will ein deutsches Breaking Bad sehen, mit Bastian Pastewka als Geldfälscher im Taunus (wie vom ZDF in der Mache)! Vielmehr geht es darum, neue Geschichten zu erzählen. Die neuen Serien des sogenannten ‚Quality TV‘ sind alle so gut geworden, weil man die Autoren, die dahinter standen, hat machen lassen. Man hat einen Showrunner mit einer Vision und ein Team von fähigen Schreibern, die ihre besten Ideen einbringen und man hat Produzenten, die der Kreativität genug Freiheit zugestehen. Anders in Deutschland, wo die Diktatur der TV-Redakteure herrscht und jedes Drehbuch nach dem Massengeschmack und dem öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag gleichgeschaltet wird.

2. Es braucht Mut zur Emanzipation von Einschaltquoten. Ja, die Masse will ihren Tatort. Und den soll sie auch kriegen – denn was wäre sie ohne? Aber es gibt auch ein breites und wachsendes Publikum, das mehr will. Nicht von ungefähr schwärmt man auch hierzulande von HBO und BBC, es wird wie wild heruntergeladen und auf DVD gekauft. Es gibt also einen Markt. Und es gibt Potenzial für eine nennenswerte Einschaltquote, wenn man einem Format genug Zeit gibt. Aber was viel wichtiger ist: Kein öffentlich-rechtlicher Sender ist auf Einschaltquoten angewiesen. Ohnehin bemisst sich der Erfolg einer Sendung nicht an dem Erfolg der Erstausstrahlung, sondern auch an der Weiterverwertung im Netz und auf DVD. Ist das Produkt gut genug, finden sich dafür genug Abnehmer.

3. Es braucht Mut zum Risiko. Wenn man schon nicht für eigene Qualitätsserien produzieren kann, dann sollte man wenigstens die richtigen einkaufen. Es ist eine Schande fürs deutsche Free-TV, dass die Sopranos und The Wire nie ganz ausgestrahlt wurden, dass Boardwalk Empire völlig ignoriert wurde. Nichts würde verloren gehen, wenn man irgendeinen Abend der Woche für eine solche Serie opfern und sich dafür irgendeinen belanglosen Fernsehfilm sparen würde. Ein Serien-Mittwoch im Ersten oder Zweiten wäre nach einigen Monaten etabliert und würde bei guten Inhalten auch geschaut werden. Stattdessen verbannt man das wenige Gute, das eingekauft wird, in den späten Abend oder auf Digitalsender wie zdf_neo, die kaum jemand empfängt oder kaum einer kennt, und sagt dann: ‚Das will eh keiner sehen! Weg damit!‘

 4. Es braucht Mut zum Abschalten. Wer braucht heute noch das Fernsehen? Okay, ich meine, außerhalb von Fußball-Turnieren und Tagesschau. Okay, abseits von Arte und 3sat. Und zugegeben: Manchmal läuft auch der ein oder andere gute Film auf irgendeinem öffentlich-rechtlichem Digitalsender. Ja, man muss mittlerweile sogar einschalten, damit es sich die Zwangsabgabe für den Rundfunk irgendwie lohnt. Aber wer gutes Unterhaltungsprogramm will, der lädt es sich heutzutage aus dem Internet herunter oder besorgt es sich auf DVD oder Blu-ray. So kann jeder schauen, was er will und so viel er will. Das ist die zeitgemäße Form des Fernsehens. Seien wir ehrlich: Wir wollen doch gar nicht drei Folgen Breaking Bad hintereinander auf Arte, wenn wir nicht zu Hause sind. Wir wollen nicht spätnachts Mad Men schauen, wenn wir morgens früh raus müssen. Wir wollen alles zu unserer Zeit, vielleicht sogar im Originalton – und am besten so früh wie möglich und nicht, der USA ein bis zwei Staffeln hinterherhinken. Vielleicht ist es zu viel verlangt, dass das Fernsehen uns all das bietet, was wir anderswo besser bekommen. Wenn das Fernsehen des 20. Jahrhunderts ein Auslaufmodell ist, sind die öffentlich-rechtlichen Sender längst schrottreif.

Ein Kommentar

  1. Alles sehr richtig. Besonders bei 3. stimme ich dir zu: Ein konsequent durchgehaltener Serienabend in der Woche – völlig egal ob nun Montag oder Donnerstag oder sonstwann – würde funktionieren und sich auch finanziell für ARD/ZDF rechnen. Klar, Serien müssen auch gekauft werden, aber das tun die Öffentlich-Rechtlichen ja jetzt auch schon. Dann soll man sie doch lieber auf den großen Kanälen senden und nicht auf den Spartelkanälen (man denke nur an Orphan Black am Freitagabend auf zdfneo!), damit auch die Chance besteht, dass Leute einschalten, sich in die Serie verlieben und von nun an jede Woche dabei sind. Sowas nennt sich Zuschauerbindung!
    Ich kann auch nur den Kopf schütteln darüber, dass The Wire und Co. nie beendet wurden und andere Serien völlig ignoriert werden. Sein Geld ist das Programm jedenfalls nicht wert. Vom Geld für den Zwangsbeitrag würde ich mir lieber DVDs kaufen…kann ich aber leider nicht.

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