Trip ins Ungewisse

The Leftovers

Wohin entschwebt sie? (Aus dem Vorspann von The Leftovers.)

Die HBO-Serie The Leftovers fordert seine Zuschauer mit existenziellen Fragen nach dem Sinn des Lebens und der Bedeutung von Ereignissen heraus. Ein Trip ins Ungewisse, der sich auf jeden Fall lohnt.

Der 14. Oktober in Mapleton, einer Kleinstadt im Staat New York. Eine Mutter verlässt den Waschsalon mit ihrem Kleinkind, sie legt es auf den Rücksitz ihres Autos, das Kind schreit unentwegt, die Mutter telefoniert. Plötzlich ist es still, die Mutter sieht nach dem Kind – und es ist spurlos verschwunden. Die Mutter steigt aus, sucht und ruft nach ihm. Ein Junge steht hilflos da und ruft nach seinem Vater. Ein Auto kracht in ein anderes. An diesem Tag, in diesem Augenblick sind plötzlich zwei Prozent der Weltbevölkerung verschwunden. Drei Jahre später gibt es von diesen Menschen immer noch keine Spur. Die Wissenschaft hat keine Erklärung. Es gibt kein Muster.

Das ist die Ausgangssituation von The Leftovers, der jüngsten HBO-Serie. Sie basiert auf dem gleichnamigen Roman von Tom Perrotta, mitentwickelt wurde sie vom Lost-Veteranen Damon Lindelof. Im Mittelpunkt der Serie stehen die Hinterbliebenen in Mapleton und wie sie mit dem Verschwinden ihrer Angehörigen umgehen. Viele trauern, manche verzweifeln, andere finden sich damit ab. Letzteres trifft vor allem auf die Guilty Remnants zu, eine geheimnisvolle Gruppe weißgekleideter, kettenrauchender und schweigender Menschen, die abgeschottet in Kommunen leben und andere Menschen mit subtilen Guerilla-Aktionen terrorisieren.

Nicht nur Menschen drehen durch

Sie brechen beispielsweise nachts in die Häuser ein und stehlen die Fotos von den Verschwundenen, sie übermalen Zeitungskästen mit weißer Farbe oder sie stellen sich zu zweit vor die Häuser und missionieren – schweigend, rauchend, nichtstuend. Als sie am Gedenktag für die Verschwundenen – „Heroes Day“ – eine Feier stören, indem sie Schilder mit der Aufschrift „Stop wasting your breath“ hochhalten, wird es den Menschen zuviel und es kommt zu Übergriffen.

Hier kommt der Held ins Spiel: der Polizei-Chief von Mapleton, Kevin Garvey (Justin Theroux), versucht nicht nur, für Recht und Ordnung zu sorgen, sondern auch seine eigene Familie zusammenzuhalten – oder was von ihr übrig ist. Seine Frau hat sich den Guilty Remnants angeschlossen, sein gerade erwachsener Sohn eifert einem selbsternannten Propheten nach und seine jugendliche Tochter tut, was eben planlose Jugendliche so tun, sein Vater sitzt in der Klapse, weil er Stimmen hört. Daneben muss sich Garvey mit Problemen herumschlagen wie einem Hirsch, der ihm die Küche verwüstet, wildgewordenen Hunden und einem mysteriösen Mann, der diese gerne abknallt.

Das größte Rätsel wird hoffentlich nicht gelöst

So manches ist rätselhaft in dieser Kleinstadt. Für vieles kann es eine natürliche Erklärung geben, doch viele bekommt man in der ersten Staffel (zehn Folgen) nicht. Im Mittelpunkt stehen die Charaktere mit ihren Sorgen und Ängsten, ihnen wird fast noch mehr Aufmerksamkeit geschenkt als der Story. Die Autoren haben verstanden, dass es bei Spannung darum geht, mit Informationen gut zu haushalten. Aber im Laufe der Serie wird auch klar, dass es nicht um Erklärungen geht – schon gar nicht für das große Verschwinden. Es spiele keine Rolle, was an jenem 14. Oktober passiert sei, sagt Patti, Anführerin der Guilty Remnants einmal. Wichtig sei nur, dass es passiert sei.

Ähnlich wie bei Kafkas Verwandlung verweigert die Serie eine Antwort oder die Aussicht auf das größte Rätsel und man kann nur hoffen, dass es keine Erklärung dafür gibt (oder dass sich keiner eine einfallen lässt). Denn es kann keine befriedigende Lösung geben. Wollen wir wirklich am Ende erfahren, dass es sich um eine Alien-Entführung handelt? Oder um einen Akt Gottes? (Der dramatische Vorspann, der eine Art Fresko einer Himmelfahrt zeigt, weckt jedenfalls religiöse Assoziationen.) Gerade Showrunner Damon Lindelof muss von Lost gelernt haben, dass es nur nach hinten losgehen kann, Erwartungen ins Unerträgliche zu steigern und am Ende eine Blase platzen zu lassen. Daher bleibt die Hoffnung, dass The Leftovers sich auf seine Figuren und seine Philosophie konzentriert.

Ist Jesus nur ein Stück Plastik?

Denn schließlich geht es darum, was eine solche Extremsituation mit Menschen macht und wie diese mit einem solch unerhörten Ereignis umgehen. Sie verlieren zum Beispiel ihren Glauben, die Kirche leert sich. Am schönsten wird dies deutlich in der vierten Folge, als die Jesus-Puppe aus der öffentlichen Krippe gestohlen wird. Garvey sucht sie auf Geheiß der Bürgermeisterin, doch als er sie findet, interessiert es niemanden. Am Ende wirft Garvey sie aus dem Auto. Schon der Prolog, der die Herstellung der Puppe dokumentiert, macht deutlich: Es ist nur ein Stück Plastik. An solchen Stellen regt die Serie an, zu fragen: Welche Relevanz haben die Dinge? Welche Bedeutung messen wir ihnen bei? Und sind diese berechtigt? Die Autoren beweisen Feingefühl, die Grundfragen zu stellen ohne dabei penetrant oder plump zu wirken.

Für den Pfarrer Matt Jamison (Christopher Eccleston) liegt die Sache auf der Hand: Er versucht verzweifelt, seinen Glauben zu leben und die verlorenen Schäfchen wieder heimzuholen, zugleich macht er sich unbeliebt, weil er die Wahrheit über einige der Verschwundenen auf Handzetteln anprangert. Schließlich muss er jedoch um den Erhalt seines Kirchengebäudes kämpfen. Das Welterklärungsmonopol verbleibt somit bei den mutmaßlichen Nihilisten der Guilty Remnants, die mit ihrer stoischen Haltung alles hinterfragen und damit sinnlos erscheinen lassen. Damit wird die Serie zu einer Herausforderung. Die größten, wichtigsten und spannendsten Rätsel bietet nicht das Mystery-Genre, sondern immer noch die Philosophie. So ist auch The Leftovers ein Trip ins Ungewisse, von dem man bereits nach einer Staffel sagen kann, dass er sich lohnt. (Und zum Glück ist eine zweite geplant.)

Nachtrag: Die Romanvorlage erscheint am 20. Oktober unter dem Titel Die Verlassenen in deutscher Übersetzung (Heyne Verlag).

Ein Kommentar

  1. Ich bin grad noch mittendrin in der Serie. Bisher gefällt sie mir aber auch ganz gut, besonders einige der Charaktere sind spannend und bieten im Verlauf hoffentlich noch Potential (zB. die Liv Tyler-Rolle oder das Mädchen, das der Sohn vom Chief beschützen soll). Da kommt bestimmt noch Mystery zum Zuge.

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