Ein Käfig voller Hühner

Orange is the New Black

Die Serie Orange Is the New Black ist neben House of Cards das zweite Flaggschiff des VOD-Dienstes Netflix. Mit einer ausgewogenen Mischung aus Komödie und Drama behandelt sie den Alltag in einem Frauenknast. Und der ist offenbar nicht so schlimm, wie man denkt. Abgesehen von einigen Ausnahmen.

Man sieht es der dünnen blonden Frau mit ihren großen Augen und ihrem verhuschten Wesen gleich an, dass sie nicht hierhergehört. Und dennoch trägt sie diesen orangen Overall, der sie als Neuling im Frauenknast deklariert. Einer der wenigen Farbtupfer an einem Ort, dessen Farbpalette von grau bis beige reicht. Von jetzt an gilt: „Orange Is the New Black“, so der ironische Titel der Serie, der klarmacht, dass es um einen Ort geht, an dem Mode keine Rolle spielt. Vorbei das Leben, wie sie es kannte.

Für unsere Heldin, Piper Chapman, war es bisher kein übles: Sie war verlobt mit einem Autor und vertrieb mit ihrer Freundin selbstgemachte Pflegeprodukte. Nun muss Chapman für ein Jahr ins Gefängnis, weil sie einmal vor zehn Jahren als Kurier für Drogengeld fungiert hat. Zwei Jahre später wäre die Tat verjährt. „Ich arbeite hier seit 22 Jahren und verstehe immer noch nicht, wie das System funktioniert“, sagt Chapmans Betreuer Healy. „’ne Crackdealerin kriegt neun Monate. Und ’ne Frau, die versehentlich beim Einparken den Postboten anfährt, die bekommt vier Jahre. Der Arme hat sich das Schlüsselbein gebrochen, aber trotzdem: ich versteh’s einfach nicht.“

Lebhaft wie im Hühnerstall

Doch für Chapman bekommt das System auch im Knast nicht mehr Sinn; schnell muss sie aufs schmerzhafteste lernen, dass es drinnen  genauso absurd zugeht wie draußen – auch wenn es Anfangs noch rosiger aussieht, als man es vielleicht erwartet. „Miss Chapman, hier tut Ihnen niemand was Böses – solang Sie’s nicht zulassen“, sagt Healy. „Hier geht es gemäßigt zu. Die Waffen der Frauen sind Klatsch und Gerüchte. Vielleicht werden Sie als reich abgestempelt und um Geld angeschnorrt. Und dann sind da die Lesben. Die werden Sie nicht belästigen, die werden Ihre Freundinnen sein wollen. Halten Sie Abstand.“ Es bestehe keine Verpflichtung zu lesbischem Sex.

Im Vergleich zu Oz, dem anderen Serienknast, mit dem HBO 1997 seine Qualitätsoffensive gestartet hat, ist der Frauenknast das kleinere Übel: Hier werden nicht gleich zu Beginn die Neuankömmlige abgestochen, vergewaltigt und anderweitig misshandelt. Hier ist Mord nicht an der Tagesordnung. Ein Schraubenzieher gilt zwar als potenzielle Waffe, aber wird lieber als Dildo verwendet. Hier geht es meist fröhlich und lebhaft zu wie in einem Hühnerstall. Die Inhaftierten rotten sich zwar nach Rassen zusammen, aber kennen meist keine rassistischen Feindschaften. Die meisten sind gewitzt, haben ein großes Mundwerk und immer einen flotten Spruch drauf. Die pfiffigen Dialoge sorgen für einige Lacher.

Ausgewogene Dramedy

Überhaupt verstehen es die Autoren, ihre Charaktere liebevoll zu zeichnen, die Schauspielerinnen verstehen es, ihre Rollen mit Leben zu füllen. Da gibt es die schrulligen Alten, die spleenigen Jungen und skurrile Erscheinungen wie „Crazy Eyes“, die zwar verrückt ist, aber Shakespeare zu zitieren und zu spielen weiß. Der Drang, Klischees ausweichen zu wollen, führt dazu, dass die Figuren etwas zu schlau, ja hin und wieder überzeichnet wirken, aber immerhin halten die Autoren meistens die Balance zwischen Komödie und Drama (man nennt es auch Dramedy).

Bei dem grundsätzlich heiteren Ton der Serie kommt das Leid nicht zu kurz: In Rückblenden werden nach und nach die Vorgeschichten der Insassinnen erzählt, zumeist sind es Tragödien, aber auch wenn man Verständnis für die Figuren entwickelt, wird die Schuld nie verharmlost. Auch Piper Chapman muss leiden. Gleich zu Beginn wird es ihr zum Verhängnis, dass sie das Essen als ekelhaft bezeichnet. Daraufhin ist die russische Küchenchefin Red beleidigt und lässt ihr keine Mahlzeiten mehr ausgeben. Später muss sich Chapman mit einer ungeliebten Verehrerin, den Schikanen ihres homophoben Betreuers und der Penetranz einer fanatischen Predigerin herumschlagen. Zugleich nähert sie sich ihrer lesbischen Ex-Freundin an und entfremdet sich von ihrem Verlobten. Chapman, die zunächst nur apathisch durch die Gänge geistert, muss sich einiges einfallen lassen, um ihre Zeit zu überstehen.

Das Gegenstück zu Oz

In gewisser Weise ist Orange Is the New Black das Gegenstück zu Oz – nicht nur wegen des Geschlechts der Protagonisten. Galt es in der HBO-Serie, die Verkommenheit der Insassen wie Wärter so drastisch wie möglich darzustellen, sollen die Charaktere in der Netflix-Serie vor allem sympathisch sein. (Das ist zuweilen unnötigerweise forciert, was sich auch an dem viel zu langen Vorspann zeigt, in dem man überflutet wird mit Nahaufnahmen von den Gesichtern der Inhaftierten.) Hier wie da allerdings ist die Aussage gleich ernüchternd: Wer einmal reinkommt, bleibt drin – so sehr er sich auch bemüht. Das System hat kein Interesse an der Resozialisierung, auch wenn sie vernünftiger – und das heißt auch ökonomischer – wäre. Das Gefängnis ist ein Käfig mit Hamsterrad. Man kann darin nur eingehen oder verrückt werden. Aber solange es nette Leidensgenossinnen gibt, ist auch das erträglich.

Hinweis: Die ersten zwei Staffeln gibt es auf Deutsch und Englisch bei Netflix, eine dritte kommt im Sommer 2015.

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