Berliner Fragmente #9: Soul

Odeon in Berlin (Foto: Lukas Gedziorowski)

Odeon in Berlin (Foto: Lukas Gedziorowski)

„Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit“, schrieb einst Friedrich Nietzsche von sich in Ecce Homo. Im Jahrhundert darauf kam ein Mensch, der sich nicht nur „Mr. Dynamite“ nannte, sondern dem man schon an seiner Bühnenpräsenz ansah, wie explosiv er war. Wilde Tänze, Sprünge, Kniefälle – und dann noch die Spagate. Nicht von ungefähr nannte man James Brown „the hardest working man in show busisness“. Aber von einem Mann, der den Soul, den Groove, den Funk spürt, ist auch nichts anderes zu erwarten, als bedingungslose Hingabe an die Kunst.

Tate Taylors Biopic Get On Up zeigt James Brown als kompromisslosen Einzelkämpfer, der stets sein Ding durchzieht, weil er unerschütterlich von sich selbst überzeugt ist. Dieses Ego ist die Quelle seines Souls. Dieser Mann hat keine Angst vor Bomben in Vietnam, denn er wurde bereits tot geboren. Gott hat größeres mit ihm vor – so sei es. „Ich kenne mein Los“, verkündete auch Nietzsche in Ecce Homo. „Es wird sich einmal an meinen Namen die Erinnerung an etwas Ungeheures anknüpfen.“ Chadwick Boseman verkörpert diesen James Brown, als wäre dieser nicht 2006 gestorben, als hätte sich Brown verjüngt und selbst gespielt: großmäulig, selbstherrlich, schlagkräftig (in jeder Hinsicht).

Seiner Leichtfüßigkeit ist es zu verdanken, dass der Film auch da unterhält, wo die Dramaturgie schwächelt: Zwar ist es zunächst von Vorteil, dass der Film in den Lebensepisoden springt, statt sich sklavisch an die Chronologie zu halten, gegen Ende werden die Probleme – Ehebruch, häusliche Gewalt, Drogen – jedoch nur oberflächlich behandelt. Andererseits bewahrt dieses Verfahren Get On Up davor, nur ein weiteres Musiker-Biopic zu sein. Und damit ist der Film so eigenwillig wie sein Protagonist, der von sich sagt, dass er sich ständig neu erfinde und seine Musik wie keine andere klinge. Wie er sie nenne? „James-Brown-Music.“

Sie ist reduziert auf das Wesentliche, repetitiv bis zum Exzess, potenziell endlos. Wie die Predigt eines Charismatikers. Als Nietzsche sich als Dynamit bezeichnete, stellte er klar: „Und mit alledem ist nichts in mir von einem Religionsstifter – Religionen sind Pöbel-Affären“. James Brown bediente sich durchaus beim Religiösen. Nur, dass er sein eigenes Evangelium verkündete.

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