Berliner Fragmente #14: Kürze

Foto: Lukas Gedziorowski

Auspuff in Kreuzberg (Foto: Lukas Gedziorowski)

Es sollten wieder mehr Fragmente geschrieben werden. Die Kunst dieser Gattung währte nur kurz und war schon in ihrer vorläufigen Blüte vorbei. Danach kamen bloß Ideen, Aphorismen, Schnipsel und Miniaturen. Einige wenige schreiben Fragmente, ohne es zu wissen. Doch den meisten Texten fehlt das Bewusstsein dafür. Es braucht mehr Selbstreflexion, Literatur, Serialität und vor allem Mut zum Wagnis. Heutzutage gilt zwar nur das das Relativierte und Differenzierte als salonfähig, aber bei aller Differenzierung verliert sich die Notwendigkeit, die Wahrheit in einem Satz, einer Sentenz, einer steilen These auszudrücken sowie alle Abstufungen dieser auszublenden und stumm mitzudenken. Wo es doch getan wird, herrschen Gemeinplätze, Propaganda und Reklame.

Kürze ist gefragt: als Qualität des Ausdrucks. Man darf die Kürze und Eingängigkeit einer Phrase nicht mit Vereinfachung, Verlust oder gar Banalisierung verwechseln. Die Kunst besteht darin, eine Sache in wenigen Worten zu fassen und ihr immer noch gerecht zu werden, nicht alles, sondern das Wesentliche zu sagen.

Dass man das Ganze nie wird erfassen können, sollte einen nicht daran hindern, es anzustreben. Das Fragment ist kein Bruchstück des Ganzen und schon gar keine oberflächliche Erscheinung. Jedes Fragment ist eine Tiefenbohrung, bei der es darum geht, in möglichst viele Erdschichten vorzudringen und diese auszugsweise ans Tageslicht zu holen. Der Fragmentarist ist demnach zum einen Geologe. Er sollte sich nicht scheuen, sich dabei die Hände schmutzig zu machen. Zum anderen ist er Bildhauer. Wer Kürze will, muss erst in aller Breite aufschreiben, was er sagen will. Dann muss er alles Überflüssige abtragen. Und schließlich – im schwierigsten Schritt – muss er so stark verdichten bis aus Kohle Diamanten werden.

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