Berliner Fragmente #15: Form

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Emblematische Fragmente sind Fundstücke. Ihre leitenden Prinzipien sind Eindruck und Ausdruck: der erhaschte Augenblick, der Einfall des Reizes in die Sinne und die möglichst unmittelbare Resonanz des Geistes. Sie sind Treibgut, das man für wert befunden hat, es aufzulesen.

Das emblematische Fragment sollte so subjektiv wie möglich sein, aber auftreten, als wäre es allgemeingültig. Es sollte nie relativieren, sondern nur provozieren. Es ist gänzlich überflüssig, in Urteils- und Glaubensfragen zu betonen: ich denke, ich glaube, ich bin der Meinung dass … Es sollte sich von selbst verstehen, dass Urteile über Kunst und Geschmack sowie Glaube und Unglaube subjektive Kategorien sind. Ein Fragment entschuldigt sich nicht für das, was es ist. Ebensowenig sollte es der Fragmentarist tun.

Das emblematische Fragment ist offen für jedes Thema und jede Gattung. Es kann philosophisch, literarisch, journalistisch oder essayistisch sein. Es bedient sich beim Aphorismus und bei der Anekdote, bei der Glosse und der Kritik. Es kann aber auch eine bloße Liste sein. Wichtig ist, dass es auch aus einem oder mehreren Bildern besteht.

Das emblematische Fragment besteht aus Titel, Bild, These und Text. Alles, Beschreibung wie Argumentation, muss der Kürze unterworfen sein. Der Titel sollte nicht mehr als ein Wort umfassen, womit letztlich nicht mehr als das grobe Thema umrissen sein kann. Text und Bild bilden eine Einheit. Das eine soll das andere kommentieren. Das Bild darf nie nur den Text illustrieren oder gar zeigen, was man auch lesen kann, der Text darf nie nur beschreiben, was im Bild zu sehen ist. Im besten Fall sollen beide einander ergänzen und ihre jeweilige Bedeutung gegenseitig erweitern. Die These unter dem Bild, der erste Satz, bildet einen sentenzenhaften Einstieg, der zum Lesen des Textteils zwingt; der Text führt die These kurz aus, ohne sich in Details zu verlieren. Die einzige Ausnahme dürfen Listen sein; Listen können quantitativ und qualitativ zusammengestellt sein.

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