Berliner Fragmente #23: Ego

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Der Künstler formt sich selbst aus seinem Ego. Dieses muss eine bestimmte Größe, ja kritische Masse erreicht haben, um künstlerisch zu wirken. Zunächst braucht es eine Überzeugung von seinem Tun und dann ein übermäßiges Selbstvertrauen, um sich sein Publikum zu suchen. Das Ego ist geltungssüchtig, sucht nichts als Inszenierung. Kunst und Leben verschwimmen, alles wird zur Show. Deshalb darf man Künstlern nicht trauen – und schon gar nicht darf man sie ernst nehmen. Während wir in der vergangenen Woche im Kino mit James Brown einen Performer gesehen haben, der nahezu religiös an seine Bestimmung geglaubt hat und mit vollem Einsatz für den Soul gelebt hat, gibt uns nun Nick Cave einen Einblick in sein Schaffen.

Bei 20,000 Days On Earth ist Vorsicht geboten. Der Film ist kein reines Biopic und keine echte Dokumentation, er schwankt zwischen beidem, man könnte auch Mockumentary sagen, aber für ein So-tun-als-ob merkt ihm seine Inszenierung zu sehr an. Das ist nicht verkehrt, bringt einige kinoreife Szenen mit sich, wunderbar fotografiert und gekonnt inszeniert. So reif, dass sie daherkommen wie Alltag, aber dann wieder zu perfekt erscheinen. Der Künstler zeigt uns sein eigenes Biopic zu Lebzeiten. Er spielt sich selbst – oder zumindest so, wie er sich darstellen will, er gibt sich intim und behält doch – als Autor des Drehbuchs – volle Kontrolle über den Film und damit den Mythos, den er befördert.

Das Genie erwacht (am 20.000. Tag seines Lebens) schon vor dem Klingeln des Weckers, selbstverständlich ist es seiner Zeit voraus. Aus dem Off sagt Cave, er habe zum Ende des 20. Jahrhunderts aufgehört, ein Mensch zu sein. Dann sehen wir den Übermenschen in die Tasten seiner Schreibmaschine hauen. Er schreibe den ganzen Tag, sagt er, bis ihn die Pflichten wieder in die reale Welt zurückziehen. Und schließlich wird die Tastatur zur Klaviatur. Willkommen im Studio. Die Songs sind nur Rohmaterial, Nick Cave und seine Bad Seeds erarbeiten sie während der Aufnahme. Wir sehen, wie Cave beim Singen und Klavierspielen seine Kollegen dirigiert, wie er aus Skizzen Songs macht und wie er Aufnahmen schließlich auf der Bühne performt. Zwischendrin gibt er seinem Therapeuten Auskunft. Seine größte Angst? Sein Gedächtnis zu verlieren. „Memories are what we are.“ Und so zeigt er Fotos im fiktiven Nick Cave-Archiv, wo sein Vorlass liegt, und erzählt Anekdoten von früher, er kutschiert Weggefährten im Auto herum, die mit ihm über damals reden, aber so beiläufig, dass es fast wie ein echtes Gespräch und nicht wie ein Interview oder gar ein geschriebener Dialog wirkt.

Diese Passagen wirken zuweilen etwas geschwätzig, aber zum Glück ist der Film nicht allzu lang, als dass irgendetwas übertrieben werden könnte. Man muss dieses Experiment von Film für seinen Mut loben, mit seiner Zwitterform mal etwas anderes auszuprobieren. Das Changieren zwischen Fakt und Fiktion, die Selbstüberhöhung und die geschickt dosierte Bescheidenheit seines Protagonisten. Man sieht dieses riesige, gemachte Ego und verfällt immer wieder doch dem Glauben, authentische Einblicke in einen Menschen zu bekommen. Zum Schluss gibt uns Cave noch den guten Rat auf den Weg, jede noch so kleine Idee zu verwirklichen. Denn nur so könne man erkennen, was sie tauge. Der Held des Films scheint in der Position zu sein, diesen Anspruch zu realisieren. Beneidenswert. Oder sind wir, indem wir das glauben, erneut auf die Fiktion hereingefallen?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s