Berliner Fragmente #34: Schnipsel

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

In der Berliner Tucholskystraße gibt es eine Tucholsky-Buchhandlung und in der findet man ein Regal voll mit – Tucholsky. Allein das qualifiziert die Tucholsky-Buchhandlung zur besten in Berlin.

Kurt Tucholsky war ein Fragmentarist in unserem Sinne. Er nannte sie Schnipsel, 1925 begann er damit als Peter Panter in der Weltbühne. Die erste Sammlung ist gebettet in eine Art Rahmenhandlung. Zu Beginn heißt es:

Ich gehe auf die Reise, alles wird noch einmal durchsucht, geordnet, hin- und hergelegt. Der quadratische Wahnsinn hat mich erfaßt: wozu soll es gut sein, dass auf einmal alle Mappen, Bogen und Brief mit den Kanten aufeinanderliegen? – es ist wohl so eine Art Versuch, die leblose Materie zu beherrschen. Die Fensterläden werden verschlossen, die letzten Zettel fortgefegt. Auf dem Schreibtisch liegen Schnipsel, kleine Späne von Papier. Das soll der Abschied sein. Da sind sie.

Die Schnipsel sind nicht nur Aphorismen, Lebensweisheiten und Mini-Essays, auch findet sich darunter Anekdoten und Minimalerzählungen. Im Gegensatz zu den frühromantischen Fragmenten haben Tucholskys Schnipsel daher auch einen literarischen Zug, zudem handeln sie auch von Literatur, Literaten und  Literaturkritik, wodurch sie wiederum einen selbstreflexiven Charakter haben. Tucholsky wettert in seiner bewährten ironischen Art gegen Kollegen. „Ein Leser hats gut“, schreibt Peter Panter, „er kann sich seine Schriftsteller aussuchen.“ Es geht auch satirisch zu, viele Schnipsel richten sich scharf gegen die Politik in Deutschland, gegen Nationalismus und Kommunismus, gegen Militarismus und die aufsteigenden Nazis. Die meisten Schnipsel erscheinen in den letzten Jahren der Weltbühne, 1930 bis 1932, bis auch Tucho für die Außenwelt verstummt. Dass die kurzen Texte sich selbst nicht ganz ernst nehmen, sich eher als beiläufige Erscheinung verstehen, ist bereits am Ende der ersten Sammlung zu lesen. Dort weist der Erzähler seine Diener an: „Fegen Sie die Schnipsel heraus –!“

Diese Offenheit für Themen und Formen, dieser Fundstückcharakter, diese Ironie sollen Vorbild sein für unsere emblematischen Fragmente.

Hier eine kleine Schnipsel-Anthologie:

Dies ist, glaube ich, die Fundamentalregel alles Seins: ›Das Leben ist gar nicht so. Es ist ganz anders.‹

Alles ist richtig, auch das Gegenteil. Nur: »Zwar … aber« – das ist nie richtig.

Den Deutschen muß man verstehen, um ihn zu lieben; den Franzosen muß man lieben, um ihn zu verstehen.

Liebe ist, wenn sie dir die Krümel aus dem Bett macht.

Der schönste Augenblick am Tag ist doch der, wo man morgens unter der Brause hervorkriecht und das Wasser von einem abtropft. Was dann noch kommt, taugt eigentlich nicht mehr viel.

Die Frauen haben es ja von Zeit zu Zeit auch nicht leicht. Wir Männer aber müssen uns rasieren.

Langweilig ist noch nicht ernsthaft.

Die Presse wäre viel weniger unausstehlich, wenn sie sich nicht so grauslich wichtig nähme.

Neben manchem andern sondern die Menschen auch Gesprochnes ab. Man muß das nicht gar so wichtig nehmen.

Man sage in seherischem Tonfall dummes Zeug, und man wird eines gewissen Erfolges nicht entraten.

Man achte immer auf Qualität. Ein Sarg zum Beispiel muß fürs Leben halten.

Erwarte nichts. Heute: das ist dein Leben.

Du bekommst einen Brief, der dich maßlos erbittert? Beantworte ihn sofort. In der ersten Wut. Und das laß drei Tage liegen. Und dann schreib deine Antwort noch mal.

In Spanien gründeten sie einmal einen Tierschutzverein, der brauchte nötig Geld. Da veranstaltete er für seine Kassen einen großen Stierkampf.

Er kaufte sich eine Hundepeitsche und einen kleinen dazugehörigen Hund.

Sie ließ sich beizeiten von ihm scheiden, weil er Witze um die entscheidende Nuance zu langsam erzählte.

Rein hippologisch betrachtet ist er vom Pferd gefallen.

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