Berliner Fragmente #36: Regeln

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Jede Gesellschaft braucht Regeln – außer die der Künstler und Autoren. Zwar ist das Schreiben ein Handwerk, aber im Gegensatz zu der Technik eines Schneiders, der genau lernt, wie man Kleidung näht, ist der Schreibers weder im Werdegang noch in seiner Technik festgelegt. Die Regelpoetik ist ausgestorben, die letzte stammt aus dem 18. Jahrhundert. Dann kamen die Originalgenies und warfen alle Regeln der Literatur über den Haufen. Das gilt heute auch für journalistische Texte. Bei der Nachricht ist man sich noch weitgehend einig, wie so etwas aussehen soll. Doch bei allen anderen Formen herrscht Narrenfreiheit.

Und dann schicken einen die Redaktionen zu einem Grundlagenkurs für Volontäre, da bringt einem ein alter Hase bei, wie man Reportagen und Stories schreibt und keine Lektion vergeht ohne die Worte: „Das können Sie machen, wie Sie wollen.“ Nicht sehr hilfreich, wenn man mitschreiben will, wie es richtig geht. Dann kommt der Dozent für Kommentare: „Es gibt nicht die zehn goldenen Regeln des Kommentareschreibens“, sagt er zu Beginn. Ein paar fallen ihm dann doch ein, allerdings ziert er sich davor, seine Hörer irgendwie festzulegen. Schließlich aber gilt nur eine Regel: man kann machen, was man will. Die Zeitungen zeugen davon. Und die Glosse? „Die hat gar keine Regeln.“ Aber bei der Besprechung der Glossen, weiß er dann plötzlich ganz genau, was eine ist und was nicht.

Schreiben ist nichts für Menschen, die klare Strukturen mögen. Schreiben ist vielleicht der – oftmals vergebliche – Versuch, Ordnung im Chaos zu schaffen: im Chaos der Welt und im Chaos der Sprache. Man schafft Struktur, wo keine ist. Es gibt Prinzipien, die in der Praxis funktionieren können, aber genauso viele gut funtkionierende Gegenbeispiele. Der Profi darf mit den Prinzipien brechen – aber nur wenn er sie beherrscht. Jeden Text muss man nach seinen jeweiligen Maßstäben messen. Im Grunde ist es befreiend, dass es keine Regeln gibt. Mit der Freiheit ist es jedoch so eine Sache: Segen ist sie nur für den, der sie zu nutzen weiß.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s