Berliner Fragmente #37: Frieden

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Es muss nicht immer Kriegsberichterstattung sein. Wir haben unseren Berlin-Korrespondenten eine schonungslose Reportage aus dem Friedensgebiet schreiben lassen.

Viktorias Feldzeichen ragt in einen grauen Himmel über Berlin. Kein Flugzeug zu sehen oder zu hören. Der einzige Lärm geht von den Auto- und Busmotoren aus, die vielspurig um die Siegessäule herumfahren. Ein polnischer Reisebus hält auf dem Kreisverkehr an, spuckt ein paar asiatische Touristen aus, sie knipsen ein paar Fotos vor dem Wahrzeichen und dem Tiergarten, steigen nach ein paar Minuten wieder ein und fahren weiter zur nächsten Sehenswürdigkeit. In einem der vier Pavillons warten die Mitarbeiter eines Imbisses auf Kundschaft. Es ist kalt, sie frieren, einzig die wenigen Bratwürste auf dem Grill haben es warm. Der süßlich-saure Geruch von Glühwein hängt in der Luft. Aus Lautsprechern singt Elvis „Return to Sender“. Nur ein Tisch im Biergarten ist besetzt. Die Touristen, meist Familien, nehmen einen der Tunnel zum Zentrum des Kreisverkehrs, wo sie Viktoria, der Goldelse, näher sein können.

Seit fast 70 Jahren wütet der Frieden in Deutschland – und ein Ende ist nicht in Sicht. Wo einst Tod, Terror und Angst herrschten, alles in Trümmern lag, herrscht nun gemütliche Langeweile. Viktoria ist zum Friedensengel mutiert, der Krieg ist nur noch eine vage Erinnerung, die sich in wenigen Denkmälern manifestiert.

Bismarck steht da, als ginge ihn das alles nichts an. Er hält seinen Degen fest und schaut melancholisch ins Leere, weil er nichts mit seiner Waffe anzufangen weiß. Die Gruppe zu seinen Füßen wirkt entspannt: Eine Frau hängt lässig da und liest in einem Buch, eine andere hält mit dem Fuß ein Raubtier am Boden, höchstens ein Fall für den Tierschutz. Atlas‘ Globus wirkt nicht allzu groß, es sieht aus, als käme der Kraftprotz ganz gut mit dem Gewicht der Welt zurecht. Und ein anderer Kerl holt mit dem Hammer aus, als würde er das Schwert an seinem Amboss zerschlagen wollen. Was soll er damit auch sonst machen? Zum Brotschneiden ist es etwas zu groß. Ein paar Meter weiter steht Generalfeldmarschall Roon nutzlos in der Gegend herum und fragt sich, wohin mit seinem Helm; Generalfeldmarschall Moltke hat einsichtig die Hände zusammengelegt und genießt die Rente.

Im Tiergarten herrscht weitgehend Ödnis, nur wenige Spaziergänger laufen durch das sich herbstlich verfärbende Grün. In einem versteckten Winkel erzählen vier Skulpturen von einem Soldatenschicksal: Auf Familienglück folgen Krieg und Tod – und eine Wiederkehr zu Frau und Kind. Gerade noch mal gut gegangen. Die Steine sind nicht im besten Zustand, das Verfallsdatum ist längst überschritten.

Und dann, zurück auf der Straße des 17. Juni, ist da das Sowjetische Ehrenmal. Der Soldat, der oben für alle steht, zeigt irgendwohin, als befehlte er den beiden Panzern vor ihm, die wie Jagdhunde losstürmen. Doch die ruhen still, das Kanonenrohr hat kein Ziel, einer ist in weiße Planen gehüllt. Jemand hat vor dem Ehrenmal ein paar Blumen niedergelegt. Touristen machen Fotos. Ein Junge posiert vor einer Kanone. Ein paar Meter entfernt bauen Friedensaktivisten vor dem Brandenburger Tor ihre Lautsprecher auf. Sie haben ein ernsthaftes, berechtigtes Anliegen, doch es ist eines, das irgendeinen Krieg irgendwo anders betrifft. Weit weg von hier, wo immer noch Frieden herrscht, ohne dass es jemand merkt, ohne dass es jemanden stört.

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