Berliner Fragmente #43: Bilderbuch

b-regale

Foto: Lukas Gedziorowski

Wer wissen will, wie Deutschland von der Weimarer Republik in die tiefste Barbarei stürzen konnte, sollte Kurt Tucholskys Deutschland, Deutschland über alles lesen. In diesem Bilderbuch von 1929 zeichnet er ein Gesellschaftspanorama, das einen fassungslos zurücklässt. Das Prinzip ist einfach: Zu einem Haufen zeitgenössischer Fotos schrieb Tucho Bildunterschriften, mal kurze Essays, mal Erzählungen, mal Gedichte – aber immer volle Breitseite gegen Nationalismus, Militarismus, Rechtssystem, Beamtentum, Politik und Kulturbetrieb. Das ist ebenso witzig wie bitter, weil man einen Eindruck von einer Republik bekommt, die das Kaiserreich und den Weltkrieg nicht überwunden hat. Vielmehr gärt in ihr eine menschenverachtende Gesinnung, die das Land in seine größte Katastrophe stürzen wird.

Interessant ist das Verfahren, wie Text und Bild eine Einheit bilden. Entweder fabuliert sich Tucho etwas Passendes zusammen oder er stellt einen Zusammenhang zwischen zwei völlig fremden Dingen her, mit verblüffenden Effekten: Zu einem Foto, das deutsche Soldaten und Offiziere zeigt, schreibt Tucholsky einen Anekdote über eine freiwillige Feuerwehr, die aus Langeweile ihre Brände selbst legte. Der Titel ist übrigens ironisch gemeint: Tucho bezeichnet das Deutschlandlied als „schlechtes Gedicht“. Dafür liefert er selbst ein paar bessere, die allerdings kaum zur Hymne taugen. Eher als Abgesang auf eine gescheiterte Republik, bei der man sich im Nachhinein nicht wundert, dass sie sich selbst auffrisst.

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