Bild holt die Stimmung ab

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„Gefällt mir“ war gestern. Bild.de wagt mal was Neues, indem es seinen Lesern differenziertere Urteile abverlangt. Nun können sie Artikel danach bewerten, welche „Stimmung“ die Beiträge bei ihnen hervorrufen: Lachen, Weinen, Wut, Staunen und „Wow“ – unterschieden mit den Farben Gelb, Blau, Rot, Violett und Pink. Bild traut seinen Lesern offenbar nur fünf Gemütszustände zu, wobei nicht klar ist, was der Unterschied zwischen Staunen und Wow sein soll (ist „wow“ nicht ein Ausruf des Erstaunens?). Und welche Stimmung mit „Lachen“ gemeint ist, bleibt auch offen: Freude, Humor, Häme, Schadenfreude? Ebenso viel Unterschiedliches kann hinter Tränen stecken. Und was ist mit Angst? Was ist mit Zuversicht? Genugtuung? Rachgelüsten? Ignoranz? Das alles scheinen Bild-Leser nicht zu kennen. Oder die Bild traut seinen Lesern eine so große Bandbreite an Reaktionen nicht zu.

Vielleicht ist es diese doch sehr eingeschränkte Wahlmögligkeit, die die etwas befremdliche Reaktion der Leser erklärt. Über den Banküberfall in Aachen zeigten sich 117 User wütend, aber es war auch 128 Lesern zum Lachen zumute. 28 staunten und 58 waren so überwältigt, dass sie nur noch auf „Wow“ klicken konnten. Der Salafist, der einen Fußbruch fingierte, um sich einer Fußfessel zu entledigen und danach das Weite zu suchen, rief 62 Mal Wut hervor, 17 Lacher und fünf Tränen. Aber niemand zeigte sich erstaunt darüber, wie leicht man sich der Exekutive entziehen kann – nicht mal ein Wow rief das hervor. Eine Frau wurde „ins Koma geprügelt“? 2507 Mal Wut, 83 Mal Gelächter. Ein 16-Jähriger stirbt bei einem Autounfall? 126 weinten, zwölf waren wütend und zwölf freuten sich über irgendetwas – vielleicht, dass drei weitere Jugendliche den Unfall überlebten.

Was sagt das über die Leser aus? Und was über Bild.de? Was ist mit diesem Stimmungsbild gewonnen? Führt die Seite ihre Leser damit vor? Kann man diese Reaktionen überhaupt ernst nehmen? Im Grunde handelt es sich um Sparversion von Kommentaren. Ohne etwas schreiben zu müssen, kann man schnell und einfach seine Meinung kundtun. Ohne etwas lesen zu müssen, kann man sich am Ende des Artikels noch mal aufregen: darüber, wie man eine schlimme Geschichte zum Lachen finden kann. Der Hintergrund dieser Interaktion ist banaler: Bild.de lässt seine Leser einen Teil der Arbeit machen. Durch die Klicks werden die Artikel sortiert. Wer neben dem Bild-Logo auf der Startseite auf „Stimmung“ klickt, dem werden die Artikel unter den fünf Rubriken angezeigt. Und unter „Artikel, die Sie zum lachen bringen“ findet man dann eben viel Quatsch – oder eben die Geschichte über den Bankraub.

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