Der wahrgewordene Traum des Nerds

Carlsen

Carlsen

Was soll ich bloß zu Weihnachten verschenken? Wie wär’s mit einem Comic? Ach nee, sagen wir lieber „Graphic Novel“ – das klingt nobler, reifer, gebildeter. Das Imperium des Atoms zum Beispiel ist so eines. Kommt infantil daher wie ein Bilderbuch aus den 50er Jahren, ist aber viel zu hoch für Kinder. Erwachsene Leser sollten sich jedoch ihr Kind bewahrt haben, um ihren Spaß an diesem Werk zu haben.

Erinnern wir uns an den Film A Beautiful Mind. Der geht superspannend los als Kalter-Kriegs-Agenten-Verschwörungs-Thriller und dann – ACHTUNG SPOILER! – stellt sich allmählich heraus, das alles nur Einbildung ist und aus dem Thriller über ein Mathe-Genie wird einen Psychodrama über einen Irren. Allen, die von dieser Entwicklung des Films enttäuscht waren, sei das Comicbuch Das Imperium des Atoms empfohlen. Da läuft es nämlich andersrum: Paul, ein Mann, der für die US-Regierung arbeitet, driftet ab in eine imaginierte Science-Fiction-Welt der Zukunft, wird in Therapie geschickt und dort treibt ihm ein Psychiater nach freudianischer Manier die Flausen aus. Die Weltflucht, so wird es ihm eingeredet, sei nur Resultat einer Verdrängung eines sexuellen Traumas der Jugend usw. Doch dann stellt sich heraus, dass doch etwas dran ist an der Sache mit dem Weltraum. Paul wird von einem Schurken, der nichts geringeres als die Weltherrschaft an sich reißen will, unter Drogen gesetzt, um technischen Fortschritt zu erzielen.

Das Ganze ist durch seine 50er-Jahre-Retro-Ästhetik, die an den Stil der Familie Feuerstein erinnert, nicht nur ein einziger psychedelischer Farbrausch, es ist vor allem eine Hommage an die wissenschaftsgläubige Ära des beginnenden Atomzeitalters. Der Held Paul ist ein nachdenklicher, hagerer Mann mit großen Brillengläsern, ein Wissenschaftler, ein typischer Nerd, der sich gerne in Fantasiewelten von Groschenheften flüchtet, weil er sie für Offenbarungen der Zukunft hält – nur mit dem Unterschied, dass er tatsächlich einen Draht zu einer solchen Welt hat. Das Imperium des Atoms ist also der Versuch, einen Nerd-Traum wahr zu machen. Das mag kindisch und naiv sein, aber es funktioniert als Phantasmagorie für den Rezipienten.

Durch seine nicht-lineare Erzählweise stiftet das Buch Verwirrung, man weiß zu Beginn selbst nicht Realität von Illusion zu unterscheiden, wenn drei verwirrte Personen sich in ein Haus flüchten und dann von fliegenden Männchen mit riesigen kugelförmigen Taucherhelmen verfolgt werden. Erst am Ende wird klar, dass der Antagonist die Weltausstellung in Brüssel instrumentalisiert, um seinen unfreiwilligen Helfern ein Utopia vorzugaukeln. Der Mad Scientist ist hier ein Hochstapler. Hochtechnologie ist eine Angelegenheit der Zukunft, während den 50ern auf der Erde nur futuristisch designte Staubsauger bleiben. Und Paul, der Phantast, setzt seine Vorstellungsgabe schließlich als Science-Fiction-Autor produktiv ein.

Um sich auf diese absurde, im wahrsten Sinne phantastische Geschichte von Thierry Smolderen einlassen zu können, sollte man nicht nur eine Affinität zur klassischen Science Fiction-Literatur mitbringen, sondern auch ein Verständnis für den Zeitgeist des Kalten Krieges in den 50ern. Das Buch vermittelt jedenfalls einen guten Eindruck davon. Allein schon grafisch. Der Zeichenstil von Alexandre Clérisse entfaltet einen eigenwilligen Charme, der das Buch zu einem kurzweiligen Vergnügen macht. So wird der Leser selbst zu einem Zeitreisenden, dem aus der Überlegenheit des Heute das Gestern nur belächeln kann.

Ein Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s