Schreiber in der Krise

Die Liste der Woche: Schriftstellerfilme

typewriter bartonfink

Wer schreibt kennt die Probleme: die Angst vor dem leeren Blatt, Versagensängste, Blockaden. Schreiben ist ein mühsames, einsames und undankbares Geschäft. Eigentlich gibt es keinen Grund, es zu tun – es sei denn, man hängt sein Herz dran. Und obwohl das Schreiben an sich kein spektakulärer Vorgang ist, bei dem es viel zu sehen gibt, hat Hollywood es geschafft, über solche hoffnungslosen Verzweiflungstäter ein paar sehr schöne Filme zu drehen. Wir stellen die besten vor – und einen ganz miesen als Warnung.

  1. Misery
  2. Shining
  3. Adaptation
  4. Barton Fink
  5. The Wonder Boys
  6. Finding Forrester
  7. Sunset Boulevard
  8. The Words

Sunset Boulevard (dt. Boulevard der Dämmerung, USA 1950, Regie: Billy Wilder)

typewriter sunset boulevard

Lebenskrise I: Da meint man, es geschafft zu haben, man ist Drehbuchautor in Hollywood, doch dann kommt eine Zeit, in der nichts gelingen will, das Geld geht zuneige und man kann sich nicht mal mehr sein Auto leisten. In diesem Fall kann es nützlich sein, sich eine alte reiche Sugarmama zu suchen, die für einen sorgt. So geht es Joe Gillis. Per Zufall trifft er auf den ehemaligen Stummfilmstar Norma Desmond. Joe bekommt den Auftrag, ein Drehbuch von ihr zu überarbeiten – eine Scheißaufgabe, denn das Ding taugt nichts und unser Held muss es quasi neu schreiben. Das wäre nur halb so wild, wenn die Alte ihn nicht wie einen Haussklaven halten und ihm mit ihren Wehwehchen auf die Nerven fallen würde, weil sie nicht einsehen will, dass sich kein Schwein mehr an sie erinnert. Kurz: die Geschichte kann nicht gut ausgehen. Zur Nachahmung nicht geeignet …

Finding Forrester (dt. Forrester – Gefunden!, GB/USA 2000, Regie: Gus Van Sant)

typewriter forrester

Lebenskrise II: Ein Junge aus der schwarzen Unterschicht verbirgt seine schriftstellerischen Talente, um in seinem Kreisen akzeptiert zu werden, ein alter weißer Schriftsteller verkriecht sich seit Jahren in seiner Wohnung, weil er mit dem Erfolg seines ersten Romans nicht klarkommt. Beide treffen aufeinander und helfen sich gegenseitig. Der Rest läuft nach dem Programm Heldenreise. Dennoch ein Film, der wegen seiner gewitzten Dialoge und einem großartigen Sean Connery Spaß macht – wäre da nicht der dämliche deutsche Titel. Notiz für den angehenden Autor: Erst schreiben, dann denken!

The Wonder Boys (dt. WonderBoys, USA u.a. 2000, Regie: Curtis Hanson)

typewriter wonderboys

Lebenskrise III: Englischrofessor Grady Tripp steckt in der Krise: Seine Frau hat ihn verlassen, er hat eine Affäre mit der Frau des Dekans, sie ist von ihm schwanger und Gradys Manuskript wird seit Jahren nicht fertig. Letzteres nicht etwa, weil er unter der berühmten Blockade leidet. Im Gegenteil: Bei ihm fließen die Wörter reichlich, so reichlich, dass er nicht aufhören kann – über 2600 Seiten dick ist das Buch schon. Und dann kommt da auch noch ein eigenbrötlerischer Student, dem der Prof aus der Patsche helfen muss. Dieser Film beherzigt die gute alte Weisheit, dass zwei Konflikte besser sind als einer und er meistert das alles mit einer wunderbaren Leichtigkeit.

Barton Fink (USA 1991, Regie: Joel & Ethan Coen)

typewriter bartonfink

Schreibkrise I: Da schreibt man ein gefeiertes Broadway-Stück, eines über den kleinen Mann von der Straße für den kleinen Mann von der Straße, und dann schicken sie einen nach Hollywood, wo der Künstler zum Sklaven des Kommerzes gemacht wird, und soll auch noch einen blöden Catcher-Film schreiben! Aber gut, die Kohle stimmt und der kleine Mann ist bei der Rückkehr bestimmt immer noch da. Da sitzt also nun unser junger Autor, Barton Fink, vor seiner Schreibmaschine, beginnt mit der Schilderung der Szene und —- kommt nicht darüber hinaus. Er weiß nicht weiter. Vielleicht, weil er noch nie einen Catcher-Film gesehen hat. Sein Vorbild ist ein Säufer, der seine Bücher von seiner Frau schreiben lässt. Der Autor ist König bei Capital Pictures!, heißt es. Aber am Ende, wenn entgegen aller Widerstände das Meisterwerk doch vollbracht ist, wird es zurückgewiesen. Wie frustrierend …

Adaptation (dt. Adaption, USA 2002, Regie: Spike Jonze)

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Schreibkrise II: Anders als Barton Fink hat es Charlie Kaufman in Hollywood geschafft. Sein Drehbuch für Being John Malkovich wird verfilmt und gefeiert. Nun soll er sich an einer Literaturverfilmung versuchen. Alles ist gut, das Buch ist klasse – aber leider unverfilmbar. Man kennt das. Doch Charlie hat vor allem mit sich selbst zu kämpfen: Er ist einsam, sexuell frustriert, das Selbstbewusstsein ist im Keller. Und dann ist da noch sein nerviger Zwillingsbruder Donald, eine Frohnatur und Labertasche, die im Drehbuchschreiben dilettiert und Charlie nacheifert. Besonders frustrierend wird es, wenn Donald Erfolg hat – im Schreiben und bei den Frauen. Charlie sucht die Autorin des Buches auf und entdeckt, dass erst die Geschichte hinter der Geschichte interessant ist. Also beginnt er, sich selbst in das Drehbuch hineinzuschreiben – und damit wird der Film zum Making-of seiner selbst. Der Film ist somit keine Adaption, sondern ein Film über den Versuch einer Adaption. Wir sehen der vermeintlichen Entstehung des Drehbuchs zu. Perfekt ist die Fiktion, wenn im Abspann auch Donald Kaufman genannt wird, denn der Autor Charlie Kaufman hat in Wirklichkeit keinen solchen Bruder. Im Grunde ist dieser Film also eine Mogelpackung – aber so pfiffig, dass man es ihm verzeiht. Zurecht gab es für das Drehbuch einen Oscar.

The Shining (Shining, GB 1980, Regie: Stanley Kubrick)

typewriter shining

Schreibkrise III: Sie wissen ja, was man über die Vorzüge einer Axt im Hause sagt. Doch nach diesem Film sollte man sie lieber von einem Schriftsteller fernhalten, der gerade ein Tief durchmacht. Viele Ideen hat nämlich Jack Torrance (Jack Nicholson), doch die sind leider, wie er selbst sagt, „alle schlecht“. Und die guten Ideen wollen nicht so recht fließen, denn Schnaps ist auch keiner da in diesem Hotel am Arsch der Welt, um das sich unser Jack im Winter kümmern muss. Und obwohl er seine Zeit mit langem Schlaf, Tennisball-gegen-die-Wand-werfen und katatonischem Starren aus dem Fenster verbringt und ihn seine Frau ständig mit irgendeinem weltlichen Quatsch nervt, wenn er mal doch zur Abwechslung am Schreibtisch sitzt, kriegt er irgendwie es dann doch hin, einen Stoß Papier vollzutippen. Leider findet das Werk bei seiner Erstleserin, der Ehefrau, nicht die erhoffte Zustimmung. Vielleicht, weil es noch ärgere Längen hat, als ein Stephen-King-Roman. Außerdem ist der autobiografische Einschlag unverkennbar: „All work and no play makes Jack a dull boy“, lautet der einzige, aber unendlich oft wiederholte Satz darin.  Doch wer genau hinsieht, erkennt, dass jeder Satz, jede Seite anders ist. Das ganze ist also eine Übung in der Ausdrucksform der Schriftbildlichkeit – Bildgedichte! Konkrete Poesie! Na ja. Die Welt ist noch nicht bereit für derlei Avantgarde! Da auch seiner Frau der Sinn dafür fehlt, gilt die Redensart: „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.“ Jack schreitet zur Tat und versucht seiner Familie ein wenig Begeisterung zu entlocken – mit einer Axt.

Misery (USA 1990, Regie: Rob Reiner)

typewriter misery

Lebens- und Schreibkrise: Dieser Film beginnt mit zwei Kapitalsünden. Erstens: Der Autor Paul Sheldon hat von seinem jüngsten Manuskript nur ein Exemplar angefertigt – es gibt keine Kopie. Und dann – zweitens – fährt er damit auch noch allein mit seinem Auto durch einen Schneesturm. Klar, dass das nicht gut ausgeht. Aber wie gut, dass die hilfsbereite Annie Wilkes zufällig in der Nähe ist, den Verunglückten rettet und gesund pflegt. Zufällig ist sie auch sein größter Fan und kann das neueste Buch kaum erwarten. Also gut, zum Dank lässt er sie das Manuskript lesen. Und damit begeht er seinen dritten und fatalsten Fehler. Denn seiner Retterin gefällt gar nicht, was sie da liest. Vor allem, weil die Protagonistin Misery stirbt und damit die geliebte Buchserie zu Ende geht. Darauf kommt Annie nicht klar. Paul solle doch bitte das Buch noch einmal schreiben, mit Happy End. Wer kann eine solche Bitte schon ausschlagen, wenn er in jemandes Lebensschuld steht, im Rollstuhl sitzt und die Retterin ihrer Bitte mit einem Vorschlaghammer Nachdruck verleiht? Paul tippt also um sein Leben. Doch wie gut, dass so eine Schreibmaschine noch zu anderem gut ist …

FLOP:  The Words (dt. Der Dieb der Worte, USA 2012, Regie: Brian Klugman & Lee Sternthal)

Plagiat: Ein erfolgloser Schriftsteller findet per Zufall ein herrenloses Manuskript in einer alten Tasche, bringt es unter eigenem Namen heraus, das Ding wird ein Hit, dann meldet sich der geistige Urheber und stellt ihn zur Rede. Aber der Autor will weder Geld noch Rache, sondern dem anderen nur ins Gewissen reden – aber was zum Geier soll der Quatsch? – Ein unheimlich pathetischer Unsinn ohne Tiefgang, für den sich Stars wie Bradley Cooper und Jeremy Irons haben verheizen lassen. Reine Zeitverschwendung. Dann schon lieber ein wirklich gutes Buch.

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