New York im Schnelldurchlauf

Carlsen

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Schon mal was von Robert Moses gehört? Nein? Man sollte ihn aber kennen – immerhin war er fast fünf Jahrzehnte lang der Stadtplaner von New York City. Er hat das Aussehen der Stadt geprägt. Ja, man könnte ihn als „den Mann, der New York erfand“ bezeichnen. So jedenfalls lautet der Untertitel des Comicbuchs, in dem Pierre Christin und Olivier Balez sein Leben nacherzählen. Auf rund 100 Seiten. Mit wenig Text und vielen bunten Bildern. Eine Geschichtsstunde für Lesemuffel, könnte man sagen. Ach, wenn es nur das wäre!

Denn von den beiden Machern, leistet nur der Zeichner gute Arbeit. In seinen Panels erscheinen die Figuren schlicht, dafür aber umso detailreicher die Bauwerke und Straßen New Yorks. Und auf diesen liegt der Schwerpunkt dieser Geschichte. Denn Pierre Christin schafft es nicht, die an sich dröge Geschichte eines Stadtplaners (kann man sich etwas Trockeneres vorstellen?) mit Leben zu füllen. Im Eilverfahren hakt der Autor die wichtigsten Lebensstationen des Mannes ab, es dominiert der Erzählerkasten, hin und wieder streut er zur Abwechslung ein paar Dialoge ein, die das Ganze aber nur leidlich auflockern.

Von Charaktertiefe keine Spur. Zwar wird erzählt, wie widersprüchlich Robert Moses war – ein knallharter Entscheider, ein rücksichtsloser Kapitalist, am Gemeinwohl, aber nicht an der Unterschicht interessiert – aber es wird kaum dargestellt und schon gar nicht versucht, diese oberflächlichen Beobachtungen aufzuklären. Aber auf 100 Seiten wäre das auch nur schwerlich hinzukriegen, 92 Lebensjahre adäquat abzubilden.

Also versucht man es nicht einmal. Stattdessen ergeht sich der Autor lieber seitenlang in Aufzählungen, welche Straßen, Brücken, Gebäude und Schwimmbäder dem großen Robert Moses zu verdanken sind. Das wirkt so ermüdend wie eine eintägige Sightseeingtour mit dem Bus, bei dem man die Fotos im Vorbeifahren macht. Hübsch anzusehen, aber ohne Mehrwert. Am Ende bleibt nur die Erkenntnis: wow, das war wohl ein wichtiger Mann. Wenn das die Intention der Macher war, so ist sie erreicht. Aber aus diesem Comic hätte man so viel mehr rausholen können, als eine bebilderte Geschichtsstunde. Das wird den Möglichkeiten des Mediums nicht gerecht. Ein Dokumentarfilm wäre wohl das bessere Mittel der Wahl gewesen.

>> Pierre Christin/Olivier Balez: Robert Moses. Der Mann, der New York erfand, Carlsen 2014. Preis: 17,90 Euro.

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