Das Scheitern an der Realität

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Die Tagesspiegel-Jury hat Irmina von Barbara Yelin zum Comic des Jahres gewählt. Was taugt der 280-Seiten-Wälzer? Ist er seine 39 Euro wert? Die Story bietet jedenfall schon mal Big Drama:

Irmina ist eine junge Frau aus Stuttgart, die im Jahr 1934 nach London geht, um dort sich zur Sekretärin ausbilden zu lassen. Dort lernt sie Howard Green kennen, einen Schwarzen aus Barbados, der dank eines Stipendiums in Oxford Jura studiert. Doch noch bevor sich aus der Freundschaft mehr entwickeln kann, muss Irmina mit Widerständen kämpfen: zuerst verliert sie ihre Gastfamilie, dann ihre zweite Unterkunft, schließlich auch die finanzielle Unterstützung der Eltern. Durch die politische Entwicklung in Nazi-Deutschland muss sie immer öfter Anfeindungen erdulden – und dadurch macht sie eine ähnliche Erfahrung von Isolation wie Howard, der im Kreis der Engländer auch nur geduldet wird.

Bevor Irmina ihren Abschluss machen kann, muss sie England verlassen. Sie kommt nach Berlin, wo sie eine schlecht bezahlte Arbeit im Kriegsministerium annimmt. Aber sie ist entschlossen zurückzukehren. Doch daraus wird nichts. Der Briefkontakt zu Howard bricht ab, finanzielle Nöte zwingen sie zu einer Verzweiflungstat: sie heiratet einen SS-Mann und angehenden Architekten, der von der ganzen Nazi-Sache überzeugt ist. Während die Zeit voranschreitet, sieht man Irmina ihre Persönlichkeit und ihre Ideale aufgeben. Während sie sich in London noch gegen die Diskriminierung ihres Freundes eingesetzt hat, sieht sie bei den Novemberpogromen in Berlin einfach weg. Während sie früher ein kritischer, selbstbestimmter Geist war, passt sie sich dem „Heil Hitler“-Zeitgeist an. Während sie früher abenteuerlustig die Welt bereisen wollte, ist sie nun verbitterte Mutter und Hausfrau, die sich im Krieg alleine durchschlagen muss, derweil ihr Mann an der Ostfront kämpft. Jahrzehnte später, im Jahr 1983, als Irmina Sekretärin in einer Stuttgarter Schule arbeitet, kommt unverhofft Post aus Barbados …

Andeuten ohne zu beschönigen

Die vielen Seiten des Bandes sind also gut mit Handlung gefüllt. Die schiere Üppigkeit lässt einen in der Geschichte versinken, selbst in den Gesprächen gibt es keine Durchhänger. Man sieht diesem tragischen Lebenslauf zu, der so vielversprechend und ambitioniert begann und sich dann in Desillusionierung auflöst. Da Irmina es als Frau – vor allem in Deutschland – nicht leicht hat, wird Anpassung zur Überlebensstrategie. Barbara Yelin deutet in ihrer Erzählung die Verbrechen im Dritten Reich oft nur an, beschönigt jedoch nichts. Vielmehr stellt sie eindrücklich einen Alltag in Deutschland dar, der zunächst von einer utopischen Aufbruchs- und dann von einer dystopischen Weltuntergangsstimmung geprägt ist. Irmina merkt spätestens im Krieg, dass sich all ihre Opfer nicht auszahlen. Damit ist sie beispielhaft für die große Ernüchterung in Nazi-Deutschland. Dass es sich um eine wahre Geschichte handelt, die auf Tagebüchern und Briefen von Yelins Großmutter basieren, dürfte die Glaubwürdigkeit und Anerkennung für das Comic befördern.

Barbara Yelins skizzenhafter Zeichenstil ist allerdings gewöhnungsbedürftig, ihm haftet der Eindruck des Unvollendeten, Flüchtigen an, aber zugleich auch eine gewisse Lebendigkeit. Nichts scheint in diesen Zeichnungen zu ruhen, selbst die stillste Landschaft wirkt wie in Bewegung. Leider bleiben dabei zuweilen die Gesichter der Figuren merkwürdig starr und ausdruckslos. Trotzdem versteht es die Erzählerin, ihr Medium kompositorisch zu nutzen. Ihre Panels sind meist in drei Reihen angeordnet, unterbrochen wird diese klare Struktur von großen Panoramabildern, die sich oft über zwei Seiten erstrecken: Dann sieht man den tosenden Ozean, eine Bootsfahrt auf der Themse, das Gewimmel der Großstadt oder auch einen Nazi-Zug, der von vielen ausgestreckten Armen begleitet wird. Die schönste Splash page ist aber wohl die, die eine Fahrt durch den Londoner Nebel zeigt: Bis auf ein Auto ist nichts zu sehen, die Seite ist sonst weiß. „Ist das Westminster Abbey?“, fragt Irmina. „Mag sein“, antwortet der Fahrer. „Im Nebel sieht alles gleich aus.“

Irmina ist ein großes Lesevergnügen für Freunde der großen epischen Bögen. Man sollte einmal abgetaucht sein in diese überbordende Geschichte. Wer also noch nichts mit seinem Büchergutschein, den er zu Weihnachten bekommen hat, anzufangen weiß, sollte ihn in dieses Comic investieren. 39 Euro sind viel Geld – aber in diesem Fall gut angelegt.

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