Porträt des Autors als Lebemann

Egmont

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Es gibt kein Rezept für einen Schriftsteller. Schon gar nicht für einen erfolgreichen. James Joyce ist wohl eines der besten Beispiele dafür. Heute gilt sein Werk als Weltliteratur, doch zu Beginn des Jahrhunderts musste der Ire hart um Anerkennung kämpfen. Er schrieb Bücher, die jahrelang keiner drucken wollte, aber heute Klassiker sind. Umso beachtlicher ist es, dass Joyce eine Ausdauer aufbrachte, die ihn die ganze Zeit über durchhalten, weiterschreiben und an sein Werk glauben ließ. Sein Geheimrezept: ein unerschütterliches Ego. (Abgesehen von einem gewissen Talent, das man auch als eine besondere Art von Irrsinn bezeichnen kann.)

Alfonso Zapico erzählt in seinem Bio-Comic James Joyce die Geschichte eines Mannes, der Erfolg hat, weil er von sich selbst überzeugt ist. Als sein Erzählband Dubliners erneut abgelehnt wird, empört sich der Autor: „Ich habe den ersten Schritt in Richtung geistiger Befreiung dieser verdammten Insel getan. Richards [der Verleger] behindert den Fortschritt der Zivilisation, indem er nicht zulässt, dass sich die Iren in einem so außerordentlich blanken Spiegel wie dem meinen sehen.“ Als Joyce einmal gefragt wird, wen er für den besten Schriftsteller englischer Sprache halte, sagt er: „Außer mir fällt mir niemand ein.“

Dass er die Eier hat, so etwas zu behaupten – und das auch noch in einer Runde von Kollegen -, ist schon ziemlich dreist. Vor allem vor dem Hintergrund, dass Joyce ein Totalversager ist. Er hat keinen ordentlichen Job, tingelt mit seiner Familie von einer europäischen Stadt in die nächste, wird aus Wohnungen geschmissen, weil er die Miete nicht bezahlen kann, schnorrt sich ständig bei Freunden und Gönnern durch, die Schulden steigen, Joyce hungert – aber für Schnaps und Huren treibt er immer Geld auf. Selbst als er an den Augen erkrankt, säuft er weiter. Als der Arzt ihm verordnet, auf Weißwein zu verzichten, sagt Joyce: „Nur Rotwein? Niemals! Lieber bin ich blind!“

Zapico jagt in seinem Comic durch dieses bewegte Leben mit cartoonhaften Schwarzweiß-Bildern, erreicht an seinen Höhepunkten zuweilen Joyces Lakonie und sorgt für ein paar Lacher. Leider ist das Buch zu Beginn etwas zu textlastig und die Beschreibungen der vielen Familienmitglieder und Freunde sind zu lexikonhaft geraten. Gegen Ende wird es wiederum sehr sprunghaft und abgehetzt. Dennoch bietet Zapico mit seinem Joyce-Crash-Kurs, der einer Reihe von Anekdoten entspricht, eine kurzweilige Unterhaltung.

Auf Joyces Bücher geht er nur wenig ein, an die Stelle von Handlungsbeschreibungen oder -darstellungen treten die Urteile von Zeitgenossen und Joyces Selbstaussagen. Dann liest man poetologische Sätze wie: „Ich selbst schreibe immer über Dublin, denn wenn ich bis ins Herz Dublins vordringe, dringe ich bis in die Herzen aller Menschen auf der Welt vor. Die Universalität liegt in der Partikularität.“ Über seinen Ulysses sagt Joyce, dass er befürchte, die Leser könnten eine Moral darin suchen oder gar das Buch ernst nehmen: „Ich schwöre, dass ich im ganzen verdammten Roman nicht eine ernst zu nehmende Zeile geschrieben habe.“ Und zu seinem letzten Roman, Finnegans Wake, aus dem niemand schlau wird, verzweifelt er beinahe über der Ignoranz seiner Leser: „Niemand versteht mich!“

Und trotzdem schafft er es, gegen alle Widerstände seine Bücher zu beenden und unters Volk zu bringen. Und sei es, um sich einen Scherz zu erlauben, damit die Kritiker für die nächsten 300 Jahre was zu tun haben. Nach diesem Comic jedenfalls hat man Lust, sich an Joyces Werk heranzuwagen. Der Titan erscheint hier nur wie ein Schelm, der einfach nur gerne säuft, vögelt und lacht.

>>> Alfonso Zapico: James Joyce. Porträt eines Dubliners, Egmont 2014.

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