Frankfurter Fragmente #1: Geschwisterlichkeit

Titanic-Aktion bei Anti-Fragida-Demo in Frankfurt (Foto: Lukas Gedziorowski)

Aktion von Die PARTEI bei der Anti-Fragida-Demo in Frankfurt (Foto: Lukas Gedziorowski)

Am 26. Januar soll in Frankfurt am Main eine große Kundgebung stattfinden. Das Ziel ist ehrenwert: Es geht darum, gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Islamophobie usw. einzutreten, also eine Art Anti-Pegida oder in diesem Fall Anti-Fragida zu veranstalten. (Auch wenn die bislang rudimentäre Fragida-Gruppe nach einem großen Protest schmollend aufgegeben hat.) Das Motto der Kundgebung: Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit“. – Wie bitte? Moment mal, was ist mit der guten alten Brüderlichkeit geworden, der dritten französischen Kardinalstugend seit der großen Revolution? Die ist abgeschafft. Denn für eine integrative (oder gar inklusive) Demo ziemt es sich offenbar nicht, in den Verdacht zu geraten, Schwestern auszuschließen. Das verträgt sich nicht mit dem Gleichheitsgedanken. Also sollen wir jetzt alle Geschwister sein.

Okay, dann eben Geschwisterlichkeit. Vielleicht ein Kandidat für das Wort des Jahres. Jemand sollte mal bei der Dudenredaktion anrufen und bescheid sagen, denn die kennen das Wort skandalöserweise gar nicht. Gleich darauf sollte man im Bundestag den Antrag stellen, das Deutschlandlied zu ändern: „Danach lasst uns alle streben/Geschwisterlich mit Herz und Hand!“ Da müssen Freunde der Lyrik auch hinnehmen, dass das Metrum mächtig holpert. Und auch die europäische Hymne verdient eine Revision: „Alle Menschen werden Geschwister.“ Überhaupt ist Schillers Ode an die Freude ziemlich bedenklich, denn da ist ständig nur von Brüdern die Rede: „Brüder überm Sternenzelt“, „Laufet Brüder eure Bahn“, „Brüder fliegt von euren Sitzen“, „Brüder, gält’ es Gut und Blut“, „Brüder trinkt und stimmet ein“. Es wirkt wie ein Sauflied für Burschenschaften. Und alle Europäer müssen mitgrölen, was sich so ein bezopfter Chauvi-Schwabe aus dem 18. Jahrhundert im Rausch von Wein und dem Gestank vergorener Äpfel ausgedacht hat.

Das gefällt manchen Schwestern gar nicht. Laut Wikipedia hält die feministische Linguistik das Gedicht für frauenfeindlich: „‚Alle Menschen werden Brüder‘ lege entweder die Interpretation nahe, dass Frauen keine Menschen seien, oder die Interpretation, dass Frauen sich vermännlichen müssten, um in den ‚Bruderbund‘ einbezogen werden zu können, indem sie nicht ‚Schwestern‘, sondern ‚Brüder‘ würden.“ Nun, es gibt noch keine EU-Verordnung für Geschlechtsumwandlungen. Man darf also von Brüdern singen und Schwestern mitmeinen. Das verlangt den Sängerinnen eine besonders hohe Transferleistung ab, nämlich den Begriff der Brüder ein bisschen weiter zu fassen. Als pars pro toto, ein Teil steht für das Ganze. Oder als Metapher. Wie bei den Christen. Da heißt es „Schwestern und Brüder“. Das klingt eigentlich auch nach Inzest – ist aber im übertragendem Sinn gemeint. Als Gemeinschaft. Denn Geschwister schlagen sich nicht so schnell die Köpfe ein wie Fremde. Man nehme zum Beispiel Kain und Abel … äh … oder besser Esau und Jakob … äh … oder Josef und seine Brüder … Ach egal, ist ja auch nur eine Metapher. Und die muss ja nur theoretisch stimmen.

3 Kommentare

  1. Ist es nicht endlich an der Zeit, das Wort “ Grünlichkeit“ zu kreieren?
    Das ist zwar eine überaus monströse und hässliche Wortschöpfung, aber
    wer maßt sich hier an, Monstren und Hässlichkeit zu diskriminieren?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s