Oscars 2015: Eine Phantasmagorie

Inherent Vice

Wer bekommt den Oscar für den besten Film 2014? Die Fragmenteum-Redaktion hat sich darüber beraten – mit ein wenig Sekt. Eine wörtliche und wahrheitsgemäße Wiedergabe des Ereignisses.

Deutsches Filmmuseum Frankfurt. Dauerausstellung, kurz vor der Schließung. Drei junge Männer – Lukas, Erich, Klaus – versammeln sich um die Vitrine mit der Oscar-Statue. Erich stellt eine halbleere Flasche Sekt auf die Scheibe, die anderen halten Gläser auf der Hand – und sich selbst nur schwer auf den Beinen.

Lukas: Da ihr, schwankende Gestalten, euch einmal wieder naht – sagt an! welcher Film verdient nach eurem Ermessen die güldene Trophäe? Der Vogelmann, der Theater treibt, die rosafarbene Nobelherberge in der Republik Zubrowka oder das Nachahmungsspiel des werten Herrn Mathematikers? Oder wird es einer, an den wir kaum gedacht?

Klaus: Wohl kaum! Wenn ein Film über Sklaverei das Rennen machen konnte, so wäre es nur folgerichtig, einen über die Rassentrennung auszuzeichnen. Man braucht kein Orakel zu sein, um das vorherzusehen!

Erich: Nein, nein, schaut euch an, wem man die güldnen Globen verliehen! Die Mannswerdung des Knaben, zwölf Jahre auf drei Stunden gedehnt, wird wohl triumphieren. Allein schon, um die Ausdauer zu honorieren!

Lukas: Jetzt reimt er auch noch!

Erich: Das ist wohl der Sekt … ist eigentlich noch was da?

Lukas die Flasche gegens Licht haltend: Noch ein Schluck für jeden.

Erich: So schenke er auch den noch ein! Reden macht durstig … (Lukas schenkt nach, man trinkt.) Wo waren wir? Ach so …

Klaus: Verzeiht! Von der filmgewordnen Jugenschaft kann ich nicht hohe Worte machen – und wenn mich auch der ganze Kreis verhöhnt. Zwar ist es wahrlich ein beachtenswertes Experiment, das der Regiemeister über ein dutzend Jahr hinweg da auf Film gebannt, doch bleibt das Resultat doch ein seichtes Idyll, das es doch an Eindrücken vermissen lässt.

Erich: Bis auf die Idee des Black Album!

Klaus: Black Album?

Lukas: Die besten Solo-Lieder der Beatles zu einem Album anzuordnen, um den Eindruck zu erwecken, sie hätten sich wiedervereinigt. Ethan Hawke erzählt davon in einer Filmszene …

Klaus: Aha. Eine Kompilation im Konjunktiv also.

Erich schief von der Seite schauend: Wie dem auch sei: Ich stimme zu, dass der Film es an Dramaturgie vermissen lässt.

Lukas: Ja, ebenso wie Inherent Vice, Paul Thomas Andersons Pynchon-Adaption …

Klaus: … die, wenn du mir den Vermerk erlaubst, nicht als bester Film nominiert ist!

Erich: Und das mit Recht! Denn ich fand den – mit Verlaub – richtig scheiße …

Lukas: Nun ja, er war ein wenig schwer zu durchschauen, wenn ich ehrlich sein soll.

Erich: Ich hab da überhaupt nix geblickt! Was gab’s da zu blicken?

Klaus: Eigentlich nicht viel. Das war nur eine Aneinanderreihung von absurden Situationen und Charakteren. Eine Farce, nicht mehr. Die labyrinthische Handlung nebensächlich und sich in Irrelevanz verlierend, das haben auch die ganzen Kritiker so gesehen, die dafür bezahlt werden, so einen Quatsch auch noch in den Himmel zu loben.

Lukas: Ja, eine Enttäuschung, die uns dieser Anderson da serviert hat … Schade drum.

Erich: Warum reden wir überhaupt darüber? Der ist ohnehin nur für das beste adaptierte Drehbuch und das Kostümdesign nominiert.

Lukas: Stimmt, also zurück zum Eigentlichen! Was ist mit dem anderen Anderson, dem Golden Globe-Gewinner Grand Budapest Hotel? Ein vorzüglicher Film!

Erich: Wes Anderson ist der Beste, da sind wir uns doch wohl einig. Und es wäre auch mal Zeit, dass er den Oscar kriegt!

Klaus: Sag das nicht, es wurden schon zu viele Preise aus Mitleid vergeben, weil Regisseure zu lange leer ausgegangen waren. Deshalb wurden die Oscars fürs Lebenswerk erfunden …

Lukas: Mag sein, dass der gute Herr Anderson ein Genie ist und jeder seiner Filme ein Meisterwerk, aber da sie sich im Stil doch stark gleichen, ist der jüngsten nicht gerade für die Innovation zu belohnen.

Erich: Wahr gesprochen! Also Birdman!

Lukas: Ja, da stimmt einfach alles: das pfiffige Drehbuch, die Kamera-Arbeit, die Schauspieler, vor allem Emma Stone …

Klaus: Okay, das reicht. Wir haben deine Lobeshymne gelesen …

Erich: Aber Emma Stone ist vielleicht das beste Argument! Moment mal, ist die überhaupt nominiert? (Kratzt sich am Kopf)

Lukas: Selbstverständlich! Wäre ja sonst eine Sauerei!

Erich: Skandalös wäre das! Diese ganze Diskussion wäre obsolet, nie wieder würde ich einen Dreck darum geben, wer den Oscar kriegt, wenn Emma Stone nicht wenigstens nominiert …

Lukas: Ach was, sie muss ihn kriegen! Sie, die einzig Wahre – mit diesen Augen! Hach, die Augen … (schaut verträumt zur Decke)

Erich: Geheiligt werde ihr Name!

Lukas: In Ewigkeit, Amen!

Klaus genervt: Seid ihr fertig? Können wir weitermachen?

Lukas: Äh ja, natürlich! Wo waren wir? Bei Birdman, richtig! Alle Oscars für Birdman! (Er hebt das Glas, Erich stößt an, sie wollen trinken, aber die Gläser sind leer.)

Erich: Wobei … Felicity Jones ist ja auch nicht übel …

Lukas: Und wieder wahr gesprochen! Aber wir können nicht beide haben – tragischer Weise! Also duellieren wir uns! Aber wir haben nur einen Sekundanten … Also werfen wir lieber eine Münze, wem welche zusteht. (Kramt in seinen Hosentaschen.)

Erich: Auch wenn ich einem Gentleman einen solch diplomatischen Vorschlag nie verweigern würde: Wie wäre es, wenn wir einfach nach einer Weile die Damen tauschten?

Klaus: Meine Herren, sie haben zu viel getrunken, glaube ich. Der Schampus steigt ihnen zu Kopf! Könnten wir uns jetzt bitte auf einen Film einigen?

Lukas: Ja, der Hawking war nicht schlecht …

Erich: Aber zu seicht. Zu viel Weichzeichner. (Alle nicken.)

Lukas: Imitation Game?

Klaus und Erich zucken gleichzeitig mit den Schultern: Na ja …

Lukas: Selma?

Schweigen.

Lukas: Hat jemand eine Meinung zu Selma?

Schweigen.

Lukas: Hat den überhaupt einer gesehen?

Schweigen.

Lukas: Was, niemand? Nicht zu fassen! Wie können wir über die Oscars orakeln, wenn wir nicht mal alle Filme kennen? Was ist mit Whiplash? American Sniper? Keiner?

Erich: Letzterer, wenn ich das zu unserer Verteidigung sagen darf, lief noch nicht in hiesigen Lichtspielhäusern.

Klaus: Spielt doch keine Rolle! Es geht sowieso um Schnittmengen. Bei den wahren besten Filmen sind auch die Regisseure nominiert: Anderson, Inarritu, Linklater, der Typ von Imitation Game. Und die haben auch die besten Originaldrehbücher. Kann also nur einer von denen werden.

Lukas: Auch wieder wahr.

Erich: Ach, wie langweilig … Ist doch immer dasselbe mit den Amis und ihren Preisen. Ich fand ja Nightcrawler super. Das war mal ein Film!

Klaus: Find ich auch! Grandios!

Lukas: Ja, verdammt! Nightcrawler! Warum eigentlich nicht?

Klaus: Weil er nicht nominiert ist … jedenfalls nicht als bester Film. Nur das Drehbuch.

Erich: Sauerei! Einfach nicht zu fassen … Eine Scheißwelt …

Lukas: Jaja … so ist das …

Alle schütteln den Kopf, schauen noch mal in ihre leeren Gläser, man schwenkt noch einmal die leere Flasche. Ein Museumsaufseher kommt vorbei und ruft: Wir schließen gleich! Dann schaut man sich an, nickt sich zu und geht ab. Der Aufseher sieht die Flasche und die Gläser auf der Vitrine, flucht und räumt den Müll weg. Vorhang.

2 Kommentare

  1. Das „Nightcrawler“ nicht bei Best Movie auftaucht, ist tatsächlich ein Skandal. Ansonsten: „Birdman“ wird wohl einiges abräumen (inklusive Emma Stones Nominierung). Mein persönlicher Best Movie wäre allerdings „Boyhood“…

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