Wenn beim Sex die Zeit stillsteht

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Der Orgasmus ist vielleicht das eigenartigste Gefühl, dessen ein Mensch fähig ist. Vielleicht ist das der Grund, weshalb so viele darauf stehen, einen zu haben. Viele haben schon versucht, dieses Gefühl zu beschreiben. Und einige sind daran gescheitert. Wie schwierig diese Aufgabe ist, wird jedes Jahr bei der Verleihung des Bad Sex in Fiction Awards deutlich, der die schlechteste Beschreibung von Sex-Szenen bloßstellt.

Der Comic-Autor Matt Fraction hat es so gemacht: beim Orgasmus steht die Zeit still. Und die Welt wird getaucht in psychedelische Farben. Das ist keine Metapher. In der Comic-Serie Sex Criminals ist das wirklich so. Die junge Frau Suzie hat diese besondere Fähigkeit. Und dann trifft sie Jon, bei dem das auch so ist (und mit einem leuchtenden Penis einhergeht). Die Welt erstarrt nach ihrem Orgasmus und läuft weiter, wenn den Befriedigten der Sinn danach steht, erneut Sex zu haben. Die beiden kommen auf die Idee, die Superkraft für sich zu nutzen, indem sie Banken ausrauben. Natürlich nur für den guten Zweck, eine Bibliothek vor der Schließung zu retten. Doch da kommt ihnen die Sex-Polizei in die Quere – mit Dildo-Schlagstöcken …

Klingt absurd? Ist es. Aber Sex Criminals ist es wert, dass man sich darauf einfach einlässt. Es wird einem leicht gemacht. Am Anfang ist da Suzie, ein Mädchen, das seine Sexualität entdeckt, aber keine Ahnung hat, an wen sie sich wenden kann. Die Schule ist nicht hilfreich, ihre Mutter ebensowenig, eine Gleichaltrige erklärt ihr auf der Mädchentoilette zwar die absurdesten Sex-Praktiken, aber lässt dabei die Grundlagen außer acht. Suzie muss sich also alles selbst anlesen. Dabei entdeckt sie ihre Liebe zu Büchern. Der tote Buchstabe beseelt für sie erst den Begriff von Sex. Und so ist es nur folgerichtig, dass Suzie sich mittels Sex an dem Kulturgut Buch revanchiert.

Erzählt wird die Geschichte mit viel Selbstironie von Suzie selbst. Dabei durchbricht sie die vierte Wand und spricht direkt zum Leser, der belohnt wird mit pointenreichen Dialogen und Situationskomik. Ein Höhepunkt ist etwa, wenn Suzie in einer Billard-Bar „Fat Bottomed Girls“ von Queen in einer Musical-Einlage singt, aber der gesamte Text mit Post-its überklebt ist, in denen sich der Autor darüber auslässt, dass es nicht möglich gewesen sei, die Rechte für den Abdruck zu bekommen. Dank Chip Zdarskys schlichtem Zeichenstil bekommt die Geschichte auch visuell eine wohltuende Leichtigkeit. Vor allem ist Sex Criminals dafür zu loben, dass das Comic ohne Voyeurismus auskommt. Das ist bei dem Thema schon viel wert.

>> Matt Fraction/Chip Zdarsky: Sex Criminals, Vol. 1: One Weird Track, Image 2014. Teil zwei erscheint im März. Auf deutsch kommt Teil eins im April heraus.

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