Leiden für die Leinwand

Die Liste der Woche: Filme übers Filmemachen
Ed Wood

Johnny Depp als Ed Wood

Am interessantesten wird es immer, wenn ein Medium sich selbst thematisiert. Bücher über Bücher, Musik über Musik oder Filme über Filme. Gerade das Kino hat oft darüber nachgedacht, was es da eigentlich macht, wenn es Filme produziert. Immerhin handelt es sich um die Kunstwerke, die am aufwendigsten und teuersten hergestellt werden. Was für ein Nervenkrieg das sein kann und wie viel Liebe zur Kunst man mitbringen muss, um in dieser Branche zu bestehen, wurde in vielen Werken ausgeführt. Wir stellen zwölf der Interessantesten vor.

  1. King Kong (USA 1933, Regie: Merian C. Cooper/Ernest B. Schoedsack; USA u.a. 2005 Peter Jackson)
  2. Shadow of the Vampire (USA u.a. 2000, Regie: E. Elias Merhige)
  3. Aviator (USA/D 2004, Regie: Martin Scorsese)
  4. Ed Wood (USA 1994, Regie: Tim Burton)
  5. Living in Oblivion (USA 1995, Regie: Tom DiCillo)
  6. Abgedreht (Be Kind Rewind) (USA/UK 2008, Regie: Michel Gondry)
  7. Die Tiefseetaucher (USA 2005, Regie: Wes Anderson)
  8. Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel (Deutschland 2012, Regie: Aron Lehmann)
  9. Hitchcock (USA 2012, Regie: Sacha Gervasi)
  10. Reise ins Herz der Finsternis (Hearts of Darkness: A Filmmaker’s Apocalypse, USA 1991, Regie: George Hickenlooper, Fax Bahr, Eleanor Coppola)
  11. Und dann der Regen (Mexiko, Spanien, Frankreich 2010, Regie: Icíar Bollaín)
  12. Lost in La Mancha (USA 2002, Regie: Keith Fulton & Louis Pepe)

King Kong (USA 1933, Regie: Merian C. Cooper/Ernest B. Schoedsack; USA u.a. 2005 Peter Jackson)

kingkong1933

Larger than Life I: Wer denkt, dass es bei King Kong um einen Riesenaffen geht, der irrt. In erster Linie geht es um einen Film. Und nicht bloß irgendeinen: „Ich mache den größten Film der Welt! Ein Meisterwerk, wie es noch nicht dagewesen ist!“,  kündigt Regisseur Carl Denham zu Beginn des Originals von 1933 an. Deshalb dreht er nicht wie gewohnt im Studio, sondern sucht eine einzigartige Location auf, eine unbekannte, geheimnisvolle Insel, und er spart sich die Special Effekts, indem er direkt ein echtes Monster vor die Kamera bringt. Während andere Filme drehen, die ‚larger than life‘ sind, will Denham einen Film, dessen Größe sich aus seiner schieren Authentizität speist.

kingkong2005

Zugegeben: Die Dreharbeiten gehen im Laufe der Handlung schnell unter, wenn es nur noch um die Schöne und das Biest geht. Rund 70 Jahre später arbeitet aber Peter Jackson das Motiv stärker aus: „Das Drehbuch wird neu geschrieben – vom Leben selbst“, sagt der neue Denham (Jack Black) zu Beginn. Er ist noch mehr als das Original ein fanatischer Filmemacher, der für eine gute Aufnahme seine Seele verkauft und dabei viele Menschen sterben lässt. Als aber in der Mitte des Films das Material zerstört wird, rettet er zumindest seinen Hauptdarsteller, Kong, und macht aus ihm eine Broadway-Bühnenshow. Am Ende wird aber die ganze Stadt zur Bühne für den letzten großen Auftritt.

King Kong

Das Remake selbst ist der Versuch, einen Film zu drehen, der einerseits eine Hommage ans Original ist und gleichzeitig mit allen modernen technischen Mitteln diesen zu übertreffen versucht. Das Making-of, das mit drei Stunden sogar etwas länger ist als der Film in seiner Extended Edition, zeugt von einem Riesenprojekt, das unter enormen Zeitdruck entstanden ist. Für Peter Jackson war es eine Herzensangelegenheit: King Kong war sein Lieblingsfilm und seit Jahren wollte er ein Remake drehen. Es ist ihm gelungen: Sein King Kong ist ein Film, der selbst fürs Kino zu groß ist.

Shadow of the Vampire (USA u.a. 2000, Regie: E. Elias Merhige)

shadow of the vampire

Larger than Life II: Eine King Kong-Variation. Statt eines Riesenaffen dient ein Vampir als Filmmonster. Regisseur Murnau (John Malkovich) will seinen Nosferatu-Film möglichst authentisch gestalten, also wird in Transsylvanien gedreht und mit einem echten Blutsauger (Willem Dafoe) als Graf Orlock. Das weiß am Anfang zwar nur der Regisseur, aber da der Vampir von seiner schlechten Angewohnheit nicht lassen kann, werden Crew und Cast mit der Zeit kleiner. Murnau geht über Leichen. Danach schaut man Nosferatu mit anderen Augen.

Aviator (USA/D 2004, Regie: Martin Scorsese)

aviator

Larger than Life III: „Für mich ist nichts unmöglich. Geht nicht, will ich nicht hören“, sagt der Howard Hughes (Leonardo DiCaprio) am Set seines Films Hell’s Angels im Jahr 1927. Der junge Multimillionär hat genug Geld, um seinen Weltkriegs-Flieger-Film so zu drehen, wie er es will: nämlich gigantisch. Hughes hat alle Kameras aufgekauft, die er kriegen konnte, 24 um genau zu sein, dennoch braucht er zwei mehr. Die Flugzeuge sehen zu langsam aus, weil ein Hintergrund fehlt? Dann eben alles noch mal mit Wolken! Der Tonfilm verdrängt den Stummfilm? Dann eben alles noch mal mit Ton! Am Ende gibt es 25 Meilen Rohmaterial, 560 Stunden und Kosten von vier Millionen Dollar – und drei Menschenleben. Hughes riskiert sein gesamtes Vermögen. Der Film wird ein Erfolg, auch wenn man ihn heute eher als mäßig betrachtet. Aviator ist eigentlich ein Biopic über einen Flugzeugbauer, eigentlich handeln nur die ersten 20 Minuten vom Filmemachen, aber diese sind es wert, in die Liste aufgenommen zu werden. DiCaprio liefert eine unglaublich gute Vorstellung als besessener Regisseur und Produzent ab.

Ed Wood (USA 1994, Regie: Tim Burton)

Ed Wood

Low Budget I: Ed Wood (Johnny Depp) hat in seinem Leben noch nichts erreicht, außer an einem Laientheater Regie zu führen, also fängt er an, Filme zu machen. Zuerst über sein Lebensthema, das Transvestitendasein, dann Science Fiction. Stets mit geringem Aufwand und viel Herzblut – sowie seinem Star: dem ehemaligen Dracula-Darsteller Bela Lugosi, der seine besten Jahre hinter sich hat und nun an der Morphiumspritze hängt. Woods Filme sind Schrott. Aber das auch nur, weil ihm die Produzenten reinquatschen, findet Ed. Doch eine Begegnung mit Meister Orson Welles macht ihm Mut, einfach sein Ding durchzuziehen. Also dreht Ed sein kompromissloses Meisterwerk: Plan 9 from Outer Space. Bis heute ist der Film mit seiner hanebüchenen Story, seinen lachhaften Pseudo-Effekten, billigsten Kulissen und miesen Schauspielern ein Klassiker des Trash. Doch für Ed Wood, wie Tim Burton ihn dargestellt hat, ist ein Traum wahrgeworden. Das ist schön und tragisch zugleich.

Living in Oblivion (USA 1995, Regie: Tom DiCillo)

Living In Oblivion

Low Budget II: Regisseur Nick (Steve Buscemi) verzweifelt. Er muss mit geringem Budget einen Independent-Film drehen. Doch leider boykottieren seine Darsteller ständig den Dreh mit Verbesserungsvorschlägen, persönlichen Problemen oder Unwilligkeit. Ein kleinwüchsiger Darsteller schmeißt seinen Part in einer Traumsequenz hin, weil er kein Klischee sein will. Doch da wird Nicks verwirrte Mutter, die aus der Heilanstalt ausgebrochen und auf dem Set erschienen ist, zur letzten Hoffnung. Living in Oblivion ist eine witzige Satire auf den Filmbetrieb, in der Regisseur Tom DiCillo seinen eigenen Frust beim Drehen verarbeitet.

Abgedreht – Be Kind Rewind (UK/US/F 2008, Regie: Michel Gondry)

Abgedreht: Be Kind Rewind

Low Budget III: Als Mike (Mos Def) auf die Videothek seines Chefs aufpassen muss, kommt sein magnetisierter Kumpel Jerry (Jack Black) in den Laden und löscht versehentlich alle VHS-Bänder. Als eine etwas verwirrte Kundin Ghostbusters ausleihen will, drehen die beiden Freunde den Film spontan nach – in der Hoffnung, dass die Frau es nicht merkt. Doch das Home Video zieht weitere Kreise und kommt gut an. Mike und Jerry drehen weitere Filme nach, in Kurzform und mit aberwitzigen Mitteln. Bald darauf ist die Nachfrage nach den „geschwedeten“ Filmen riesig, die Kunden spielen sogar selbst mit. Doch dann wird die Filmindustrie auf den Schwarzmarkt aufmerksam und setzt ihr Urheberrecht durch … Abgedreht ist zwar nicht Michel Gondrys bester Film, eigentlich ziemlich seicht, aber eine kurzweilig amüsante und eine liebenswerte Hommage an das Kino.

Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel (Deutschland 2012, Regie: Aron Lehmann)

kohlhaas

Low Budget IV: Regisseur Lehmann ist kurz davor, mit den Dreharbeiten zu Kleists Michael Kohlhaas zu beginnen, da wird ihm die Förderung gestrichen. Mit den Resten seiner Crew fährt er trotzdem in das bayrische Dorf, wo der Film gedreht werden soll, und macht aus der Not eine Tugend – er improvisiert. Pferde werden zu Kühen, Soldaten zu Bäumen. Die Crew muss unter dürftigen Verhältnissen hausen. Die Moral ist am Boden. Doch Lehmann schafft es immer wieder, seine Leute zu motivieren, ihre Fantasie zu benutzen. Mag die Grundidee auch sympathisch sein, verbraucht sie sich schnell, und auch wenn sie für einige Schmunzler gut ist, überzeugt die Komödie leider nicht auf ganzer Länge.

Reise ins Herz der Finsternis (Hearts of Darkness: A Filmmaker’s Apocalypse, USA 1991, Regie: George Hickenlooper, Fax Bahr, Eleanor Coppola)

coppola: apocalypse

Desaster I: Dass der Kriegsfilm Apocalypse Now existiert, grenzt an ein Wunder. Warum, erzählt diese Dokumentation, die Coppolas Frau gedreht hat. Zuerst wurde Hauptdarsteller Harvey Keitel kurz nach Drehbeginn gefeuert und durch Martin Sheen ersetzt. Dann flogen Coppola die Hubschrauber davon, weil die Piloten, die der philippinischen Armee angehörten, zu Einsätzen abkommandiert wurden. Ein Sturm zerstörte das Set. Martin Sheen erlitt einen Herzinfarkt. Die Produktion zog sich hin, wurde immer teurer, Coppola – am Rande des Nervenzusammenbruchs – musste sein Privatvermögen riskieren, um den Film fertigzustellen. Am Ende tat auch Marlon Brando den Dreharbeiten keinen Gefallen: statt, wie besprochen, abzunehmen, kam er fett und aufgedunsen zum Dreh, er konnte seinen Text nicht, gab sich widerspenstig – und dass obwohl er zuvor noch seine Millionengage in die Höhe getrieben hatte. – Am Ende dieser Doku wird klar, dass Apocalypse Now nicht nur von Wahnsinn handelt, sondern auch von Wahnsinn geprägt wurde. Vielleicht ist er deswegen so gut geworden.

Die Tiefseetaucher (USA 2005, Regie: Wes Anderson)

The Life Aquatic with Steve Zissou

Desaster II: Nachdem der Tierfilmer Steve Zissou (Bill Murray) mitansehen musste, wie ein Freund und Crewmitglied von einem Jaguarhai aufgefressen wurde, will er sich in seinem nächsten Dokumentarfilm an dem Tier rächen. Doch weil seine besten Jahre im Geschäft längst vorbei sind, hat er Probleme, das Geld für die Dreharbeiten aufzutreiben. Zudem muss er sich mit einer aufmüpfigen Reporterin und einem Versicherungsfutzi herumschlagen, ein junger Mann behauptet, sein Sohn zu sein. Piraten kapern das Schiff, klauen das Geld und entführen den Versicherungsfutzi, der Film und Crew sind in Gefahr. In Wes Andersons Cousteau-Hommage geht alles schief, was schief gehen kann. Aber das Chaos ist Prinzip – Hauptsache die Kamera läuft. „Das ist kein Film, es ist alles echt“, sagt Zissou. Aber jede seiner Handlungen macht deutlich, wie sehr Fakt und Fiktion verschwimmen.

Hitchcock (USA 2012, Regie: Sacha Gervasi)

Hopkins ist Hitchcock

Desaster III: Die Produktion von Psycho war kein leichtes Unterfangen. Der Stoff war für das konservative Amerika der ausgehenden 50er harter Tobak, außerdem gab es da diese Duschszene, in der sich die Hauptdarstellerin entblößen musste, und selbst dass eine Kloschüssel gezeigt wurde, stellte ein Problem dar. Der Film Hitchcock erzählt von den Widrigkeiten des Meisterregisseurs, der mit seinem eigenen Werk hadert, ewig daran herumschnippelt und nie zufrieden damit ist. Dann kommt seine Frau mit der rettenden Idee: Es muss eine drastische Musik her. Und so geht die gruselige Duschszene erst recht unter die Haut. Der Rest ist Filmgeschichte. Das Ding wird ein Hit und ein Klassiker. Leider ist Sacha Gervasis Hitchcock-Film nicht annähernd so wohlgeraten. Es ist nur zum Teil ein Making-of, denn im Vordergrund steht die von Eifersüchteleien gebeutelte Beziehung zwischen Hitchcock (Anthony Hopkins) und seiner Frau (Helen Mirren). Herausgekommen ist ein seichtes Filmchen über Liebelei im Alter …

Und dann der Regen (Mexiko, Spanien, Frankreich 2010, Regie: Icíar Bollaín)

Desaster IV: Eigentlich will der junge Regisseur Sebastián (Gael Garcia Bernal) nur einen Spielfilm über Christopher Kolumbus drehen, einen kritischen sogar, der von den negativen Folgen der Entdeckung Amerikas handelt. Gedreht wird in Kolumbien, mit indigenen Darstellern. Doch diese haben eigentlich andere Sorgen: Weil die Wasserwerke privatisiert wurden, hat sich der Wasserpreis drastisch erhöht – die Menschen protestieren dagegen, weil sie regelrecht auf dem Trockenen sitzen. Der Protest gefährdet die Dreharbeiten … Interessant ist, dass der Film sowohl historischer Spielfilm als auch Pseudo-Dokumentation über sich selbst ist. Auf die Idee, aus dem Spielfilmprojekt einen Dokumentarfilm über die unsäglichen Zustände in Kolumbien zu drehen, kommt seltsamerweise niemand. Dennoch: Ein starkes Stück.

Lost in La Mancha (USA 2002, Regie: Keith Fulton & Louis Pepe)

Desaster V: Seit Jahren schon versucht Terry Gilliam (12 Monkeys, König der Fischer), sein Herzensprojekt zu realisieren: The Man Who Killed Don Quixote. Schon Orson Welles war daran gescheitert. In dieser Doku wird erzählt, wie Gilliam im Jahr 2000 zwar mit den Dreharbeiten beginnt, aber diese katastrophal verlaufen. Das beginnt schon mit der schlechten Organisation: Die Schauspieler (u.a. Johnny Depp) kommen zu spät zur Probe, das Studio, in dem gedreht werden soll, ist eine einfache Halle mit furchtbarer Akustik, der Drehort in der Wüste ein Trainingsgebiet für Militärflugzeuge. Und so sieht man zu, wie die Katastrophe ihren Lauf nimmt: Zuerst stört der Fluglärm die Aufnahmen, dann verwüstet ein starker Regen das Set, schließlich fällt der greise Hauptdarsteller – der extra dafür Englisch gelernt hat – wegen Krankheit aus. Nach ein paar Tagen ist der enge Zeitplan, der keinen Aufschub duldet, so sehr im Verzug, dass das Projekt scheitert. Nachdem Gilliam die Rechte an seinem Drehbuch zurückgekauft hat, will er in diesem Jahr einen neuen Versuch unternehmen, das Projekt zu realisieren. Es gibt sogar einen Kinostart: Mai 2016. Wir drücken die Daumen.

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